miniatur|Keramik des Leipziger Kreises vom Johannisberg bei Jena-Lobeda. Mit Keramik der Leipziger Gruppe bzw. Keramik des Leipziger Kreises wird in der archäologischen Forschung die slawische Keramik des Früh- und Hochmittelalters (7. bis 13. Jahrhundert) im südlichen Mittelelb-Saale-Gebiet bezeichnet. Das weitere Verbreitungsgebiet umfasst den Raum vom nördlichen Thüringer Becken bis zur Mulde. Der Begriff Leipziger Gruppe wurde 1978 von dem Archäologen Hansjürgen Brachmann geprägt, der für die älter- und mittelslawische Zeit einzelne Phasen innerhalb der Leipziger Gruppe unterschied. Etwa zur gleichen Zeit hatte Heinz-Joachim Vogt eine Gliederung in drei bzw. vier eigenständige Keramikgruppen vorgeschlagen, die er nach den eponymen Fundorten Rüssen, Rötha und Groitzsch sowie Kohren benannte. Diese können einem gemeinsamen Leipziger Kreis zugerechnet werden.Dies wurde in Anlehnung an die von tschechischen Archäologen erarbeitete Terminologie vorgeschlagen. Ein keramischer Kreis ist demnach ein „produktions-territorialer Interpretationsbegriff, der mehrere, an einen breiteren Zeitabschnitt gebundene Gruppen beinhaltet“; K. Tomková, A. Bartošková, I. Boháčová, J. Čiháková, J. Frolík und L. Hrdlička: Zum gegenwärtigen Stand des Studiums der frühmittelalterlichen Keramik in Mittelböhmen. In: Č. Staňa (Hrsg.), Slawische Keramik in Mitteleuropa vom 8. bis zum 11. Jahrhundert. Kolloquium Mikulčice 25.–27. Mai 1993. Internationale Tagungen Mikulčice 1. Brno 1994, S. 165–181, hier S. 178.
Forschungsgeschichte Die ersten Ansätze wissenschaftlicher Beschäftigung mit frühmittelalterlicher Keramik im Elb-Saale-Gebiet gehen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Während im Saalegebiet Friedrich Klopfleisch und ihm folgend Alfred Götze entsprechende Funde als slawisch erkannten, wurden auch in anderen Gebieten solche erstmals beschrieben und abgebildet, so z. B. im Gebiet um Rochlitz an der Mulde durch Clemens Pfau. Aufgrund unzureichender Grabungsmethodik und der Tatsache, dass es sich hauptsächlich um Lesefunde handelte, konnten diese Forscher noch zu keiner zeitlichen Differenzierung gelangen. So unterschied beispielsweise Pfau nur zwischen „wendische(n) Gefäßtrümmer(n)“ und „Scherben von Gefäßen, welche augenscheinlich in die frühdeutsche Zeit gehören“.Pfau 1905, S. 31. Vgl. dazu bes. ebd. 31 f., 39–41, 51–70
Einen ersten Aufschwung erlebte die Forschung in den 1920er und 1930er Jahren. In mehreren Arbeiten versuchte Christoph Albrecht, die slawische und deutsche Keramik des Mittelalters im Saalegebiet und in Thüringen zu gliedern.Albrecht 1923; ders. 1925 1937 erschien eine Monographie von Heinz A. Knorr zur slawischen Keramik zwischen Elbe und OderKnorr 1937. und im folgenden Jahr die Jenaer Dissertation von Erwin Schirmer,Schirmer 1938 deren Ergebnisse z. T. bis heute Gültigkeit besitzen. In verschiedenen Aufsätzen beschäftigten sich auch Paul Grimm, Johannes Kretzschmar und Kurt Tackenberg mit der frühmittelalterlichen Keramik in Nordwestsachsen und stellten verschiedene Fundkomplexe vor.Grimm 1939; Kretzschmar 1937; Tackenberg 1937, bes. 22 f.; Kretzschmar 1942.
Im Jahr 1949 begann Herbert Küas in Leipzig mit Bauuntersuchungen in der kriegszerstörten Matthäikirche, zu denen auch archäologische Ausgrabungen gehörten. Diese wurden 1950 bis 1956 systematisch auf dem umliegenden Gelände fortgesetzt. Infolge der Grabungen konnte Liesedore Langhammer erstmals in Sachsen eine Keramikstratigraphie für das 7./8. bis in das 13. Jahrhundert erarbeiten. Die Resultate wurden 1957 in der unpublizierten Dissertation von Langhammer sowie in kurzen Berichten 1960 und 1961 vorgelegt.Langhammer 1957; dies. 1960; dies. 1961. – Zu den Grabungen in Leipzig zusammenfassend Vogt 1988b mit der älteren Literatur. Sie unterschied dabei fünf Schichten mit zugehöriger Keramik, die mit den Buchstaben A bis E benannt wurden. Grundlage der absolutchronologischen Einordnung waren schriftliche Quellen wie die Nennung einer urbs Libzi für das Jahr 1015 bei Thietmar von Merseburg und daran anknüpfende allgemeine Überlegungen zur historischen Entwicklung des Raumes. Diese lassen sich jedoch nicht direkt auf die Befunde beziehen. Auch sind die diesbezüglichen Angaben Langhammers in einigen Fällen widersprüchlich und heute zum Teil überholt.Vgl. dazu Brachmann 1978, 84; Vogt 1987, 174 Anm. 102. – Als haltlos erwiesen sich auch die Angaben von Küas 1976 zur ersten Burganlage des 10. Jahrhunderts, die nach ihm weitgehend in Stein aufgeführt war. Vgl. dazu Vogt 1988b, 497; Billig 1989, 56 f.; ders. 1994, 13.
Für das Gebiet an der Elbe waren vor allem die Grabungen von Werner Coblenz auf dem Burgberg Meißen zwischen 1958 und 1964 und den umliegenden Burgwällen, z. B. in Zehren, von besonderer Bedeutung. Die Ergebnisse dieser umfangreichen Grabungen, die vor allem in der 929/30 gegründeten Burg Meißen durch die dichte historische Überlieferung und gute Holzerhaltung mit mehreren Bauhorizonten eine bessere chronologische Gliederung ermöglichten, wurden jedoch zunächst nur in mehreren Vorberichten veröffentlicht.Zusammenfassend Coblenz 1988, hier auch die ältere Literatur. – Vgl. hierzu nun Schmid-Hecklau 2003; ders. 2004.
Wesentliche Bedeutung für die Gliederung mittelalterlicher Keramik in Westsachsen haben die Grabungen auf der Wiprechtsburg Groitzsch, die zwischen 1959 und 1967/68 vom Landesmuseum für Vorgeschichte Dresden unter Leitung von Heinz-Joachim Vogt durchgeführt worden sind.Vogt, Wiprechtsburg 1987 Dem Ausgräber gelang es dabei, über 6 m starke Schichtenkomplexe stratigraphisch zu untersuchen und fünf unmittelbar aufeinander folgende Burgperioden vom 10. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts zu unterscheiden. Aufgrund von Schriftquellen des 11. und 12. Jahrhunderts, die für die Wiprechtsburg in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen, und weiterreichenden historischen Überlegungen konnten bisherige archäologische Datierungen überprüft und für zahlreiche Befunde und Funde erstmals ein genauerer Datierungshinweis gewonnen werden. Für den Raum der oberen und mittleren Saale und das gesamte östliche Thüringen konnte Heinrich Rempel 1959 bis heute weitgehend gültige Aussagen zu einer chronologischen und ethnischen Einordnung früh- und hochmittelalterlicher Keramik treffen.Rempel 1959a; ders. 1959b Er unterteilte die slawische Keramik nach typologischen Gesichtspunkten in vier Gruppen. Problematisch ist jedoch die Heranziehung historischer Ereignisse zur Datierung. So wurde die Gruppe I vor den ältesten urkundlichen Nachweis der Saale als Grenze mit den Slawen datiert und dem Zeitraum vor dem Jahr 750 n. Chr. zugewiesen.
Im Gebiet der unteren Saale liegt eine bei den Ausgrabungen von 1961 bis 1967 im Naumburger Dom aufgrund von Überlegungen zur Baugeschichte im Zusammenhang mit den historisch überlieferten Baudaten erarbeitete Keramikstratigraphie vor, die allerdings erst im frühen 11. Jahrhundert einsetzt.Grimm 1972.
Ausgehend von den Keramikstratigraphien in Groitzsch und Leipzig-Matthäikirchhof sowie den Ergebnissen weiterer kleinerer Grabungen und Lesefunden erarbeitete Heinz-Joachim Vogt 1968 eine Gliederung der slawischen Keramik Westsachsens in drei Gruppen bzw. Zeithorizonte und führte für die älteste Keramik die Bezeichnung Rüssener Gruppe ein.Vogt 1968a Im selben Jahr gelang es Vogt, basierend auf einem Befund in Kohren-Sahlis, für das Elster-Pleiße-Mulde-Gebiet eine spätslawische Keramikgruppe des 11. bis 13. Jahrhunderts auszusondern, die als Kohrener Gruppe bezeichnet wurde.Ders. 1968b. Ebenfalls 1968 erfolgte eine Bearbeitung der slawischen Funde und Befunde im Mittelelb-Saale-Gebiet durch Hansjürgen Brachmann.Brachmann 1968. Er konnte für die älter- und mittelslawische Zeit zwei verschiedene keramische Gruppen unterscheiden, die sich in ihrer Verbreitung weitgehend ausschließen und nach ihren Farben zunächst als „braune“ und „graue“ Keramik bezeichnet wurden. Zehn Jahre später ersetzte er in seiner Arbeit zu den „slawischen Stämmen an Elbe und Saale“ diese Begriffe durch Ützer Gruppe für die eher braune Keramik im nördlichen Elb-Saale-GebietBrachmann, Slawische Stämme 1978, S. 27–57. Schon Brachmann wies dabei aber auf eine gewisse Gemeinsamkeit mit der nördlich anschließenden Menkendorfer Gruppe hin. Diese Bezeichnung fand deshalb auch kaum weitere Anwendung und die sogenannte Ützer Gruppe wird nun zumeist nicht mehr von der Menkendorfer Keramik abgetrennt. an den Mündungen der Schwarzen Elster, Mulde und Saale sowie weiter elbabwärts bzw. Leipziger Gruppe für die graue Keramik im Gebiet um Leipzig und im weiteren Raum vom nördlichen Thüringer Becken bis zur Mulde.Brachmann, Slawische Stämme 1978, S. 57–87, 91–102. In der 1985 erschienenen vierten Lieferung des „Corpus archäologischer Quellen zur Frühgeschichte auf dem Gebiet der DDR (7.–12. Jh.)“ wurde das in diese Zeit zu datierende Material von den verschiedenen Fundstellen aus dem Gebiet des heutigen Sachsens weitgehend vollständig vorgelegt.Herrmann/Donat 1985. Vgl. auch die Bemerkungen zu Anlage und Aufbau ebd. VII–X. Die kurz vor dem Manuskriptabschluss stehende fünfte Lieferung, die die Funde aus dem heutigen Thüringen und dem südlichen Sachsen-Anhalt umfassen sollte, gelangte nicht mehr in den Druck, der Thüringen betreffende Teil wurde aber 2014 separat herausgegeben.
1987 erfolgte die monographische Vorlage der Befunde und Funde der Wiprechtsburg Groitzsch durch Vogt, die auch eine erneute Behandlung der chronologischen und kulturellen Gliederung der Keramik in Nordwestsachsen zum Inhalt hatte.Vogt, Wiprechtsburg Groitzsch 1987 Nachdem er für die bis dahin nur Gruppe II benannte Keramik bereits 1973 die Benennung nach Rötha vorgeschlagen hatte, wurde Groitzsch nun namengebend für die Keramikgruppe III. Die Vorlage der Grabungsergebnisse durch Vogt genügt jedoch heutigen Ansprüchen nicht. Dies gilt besonders für die älteste Keramik von der Wiprechtsburg aus den Schichten I/II, die nicht getrennt werden konnte und nur als sicher „vor 1080“ zu bestimmen ist. Anfang und Ende von Burg I/II bleiben daher diskutabel.
Seit dieser Zeit sind für Nordwestsachsen und die angrenzenden Gebiete keine weiteren Stratigraphien vorgelegt worden, die wesentliche neue Aussagen zur Keramikchronologie des 7./8. bis 11. Jahrhunderts ermöglichen würden. Den Stand der Erforschung der slawischen Keramik resümierte Brachmann in einem Aufsatz von 1994 und zog dabei ein eher ernüchterndes Fazit, wonach „die absolute Datierung der Keramikentwicklung der slawischen Stämme des Mittelelb-Saale-Gebietes nach wie vor auf erhebliche Schwierigkeiten stößt“.Brachmann 1994, 107 Auch in der zweibändigen Monographie von Wolfgang Timpel 1990 und 1995 zur früh- und hochmittelalterlichen Keramik im westlichen Thüringen ergaben sich „für die Datierung der Keramik der Leipziger Gruppe bisher keine über unsere derzeitigen Kenntnisse hinausgehenden neuen absolutchronologischen Ansatzpunkte“.Timpel 1995, 104. Einige neue naturwissenschaftliche Datierungen sind im zusammenfassenden Grabungsbericht zu Magdeborn von Harald Mechelk 1997 enthalten, die die bisherigen Datierungsansätze im Wesentlichen stützen.Mechelk 1997.