mini|Gedenktafel am May-Ayim-Ufer May Ayim (IPA: [] auch May Opitz, bürgerlicher Name: Sylvia Brigitte Gertrud Opitz geb. Andler, * 3. Mai 1960 in Hamburg; † 9. August 1996 in Berlin) war eine deutsche Dichterin, Pädagogin und Aktivistin der afrodeutschen Bewegung.

Leben May Ayim war die Tochter des damaligen ghanaischen Medizinstudenten Emmanuel Ayim und der Deutschen Ursula Andler. Die Mutter lehnte ihre Tochter von Anfang an ab, während ihr Vater sie als uneheliches Kind nicht mit nach Ghana nehmen durfte.Silke Mertins: Was sollen die letzten Worte sein. In: taz. die tageszeitung. 23. Dezember 1997, S. 23; Silke Mertins: Blues in Schwarz Weiß: May Ayim (1960–1996). In: May Ayim: Grenzenlos und Unverschämt. Unrast, Münster 2021, ISBN 978-3-89771-286-7, S. 156–170. Daher verbrachte Sylvia – so ihr Rufname – ihre ersten eineinhalb Lebensjahre in einem Kinderheim in Hamburg-Barmbek-Uhlenhorst. Anschließend wurde sie vom Ehepaar Opitz adoptiert und wuchs – gemeinsam mit dessen vier leiblichen Kindern – in Münster (Nordrhein-Westfalen) auf.May Ayim, Goethe-Institut. Ihre leibliche Mutter verweigerte zeitlebens jede Kontaktaufnahme, der leibliche Vater besuchte sie indes mehrmals bei den Adoptiveltern. Ihre Kindheit beschrieb Ayim als bedrückend, von Angst und Gewalt geprägt. Die Pflegeeltern wollten sie mit Strenge zu einem Musterkind erziehen, das alle „rassistischen Vorurteile“ Lügen strafen würde. Ayim spürte die Ablehnung in ihrem Umfeld und wünschte sich, weiß zu sein. Dafür aß sie sogar Seife. Ihre Eltern lehnten ihr späteres Engagement in der „Black Community“ als Spätfolgen einer frühkindlichen Störung und als krankhaften Drang, ihre Hautfarbe und afrodeutsche Identität zu bewältigen, ab. Bereits als Kind hegte Sylvia nach eigenem Bekunden intensive Selbstmordphantasien und versuchte, sie umzusetzen.

Sie absolvierte das Abitur 1979 an der katholischen Friedensschule Münster.Clara Ervedosa: Das May-Ayim-Ufer in Berlin. In: Jürgen Zimmerer: Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2013, S. 424–441, hier S. 429. Später studierte sie an der Universität Regensburg Pädagogik und Psychologie und schloss 1986 mit dem Diplom ab. Während ihres Studiums reiste sie nach Kenia, wo ihr Vater mittlerweile als Medizinprofessor arbeitete, zu dem sie jedoch keine enge Beziehung mehr aufbauen konnte, und nach Ghana, das sie als ihr „Vaterland“ bezeichnete, obwohl sie sich dort fremd fühlte und als „Weiße“ angesehen wurde. Trotzdem wurde die Begegnung mit der Großfamilie, der ihr Vater entstammte, prägend für sie, so dass sie später unter dem Namen May Ayim publizierte; ihre Herkunft und Zugehörigkeit zu zwei völlig verschiedenen Ethnien und Kulturen beschrieb sie 1995 metaphorisch als „Walnussmangobaum“. Ihre Diplomarbeit Afro-Deutsche: Ihre Kultur- und Sozialgeschichte auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen veröffentlichte sie – damals noch unter dem Namen May Opitz – im gemeinsam mit Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz herausgegebenen Band Farbe bekennen, der auch ins Englische übersetzt wurde. Der eigentlich zuständige Regensburger Professor lehnte das Thema der Diplomarbeit laut Ayim mit der Begründung ab, „Rassismus gibt es im heutigen Deutschland nicht“. Stattdessen fand sie in Berlin eine Prüferin, die die Arbeit annahm. Eine für später geplante Promotion zum Thema Ethnozentrismus und Rassismus im Therapiebereich kam indes nicht zustande.

Ab 1984 lebte sie in West-Berlin, in dessen multikultureller Umgebung sie sich weniger isoliert fühlte als in Münster oder Regensburg. 1986 war Ayim Gründungsmitglied der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland. Sie knüpfte Kontakte zu Vertreterinnen der internationalen schwarzen Frauenbewegung, wie zum Beispiel Audre Lorde.Katharina Oguntoye, May Ayim/Opitz, Dagmar Schultz: Farbe Bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Orlanda Frauenverlag, Berlin 2006, S. 5: „Der Anfang war die gemeinsame Initiative von Audre Lorde.“ S. 18: „Mit Audre Lorde entwickelten wir den Begriff ‚afro-deutsch‘ in Anlehnung an afro-amerikanisch.“ 1987 begann sie eine staatlich anerkannte Ausbildung zur Logopädin. Ihre Examensarbeit von 1989 trägt den Titel Ethnozentrismus und Geschlechterrollenstereotype in der Logopädie, eine kritische Betrachtung von Wort- und Bildmaterialien mit Verbesserungsvorschlägen für die logopädische Praxis. Anschließend arbeitete sie als freiberufliche Logopädin sowie von 1992 bis 1995 als Lehrbeauftragte an der Alice-Salomon-Fachhochschule, der Freien Universität Berlin und der Technischen Universität Berlin.May Ayim, Digitales Deutsches Frauenarchiv.

May Ayim erlebte nach Wochen schwerer Arbeitsbelastung und emotionaler Anspannung Anfang 1996 eine psychotische Krise, woraufhin sie wiederholt in einer psychiatrischen Klinik stationär behandelt wurde. Dabei wurde zusätzlich die Diagnose Multiple Sklerose gestellt.

Am 9. August 1996 starb May Ayim durch Suizid, indem sie aus dem 14. Stock eines Hochhauses sprang. Bestattet wurde sie auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.

Wirken und literarisches Schaffen Sie wehrte sich in Vorträgen und auch in ihren Gedichten gegen rassistische Diskriminierung, die sie in ihrem Alltag selbst erfuhr. So kritisierte sie insbesondere den beleidigenden Charakter von Bezeichnungen wie „Neger“, „Mischling“ oder „Besatzungskind“. In Farbe bekennen schrieb sie: „Ich wuchs mit dem Gefühl auf, das in ihnen steckte: beweisen zu müssen, dass ein ‚Mischling‘, ein ‚Neger‘, ein ‚Heimkind‘ ein vollwertiger Mensch ist.“Farbe Bekennen. 2006, S. 207. Durch das Veröffentlichen afro-deutscher Biografien in Farbe bekennen merkten andere afro-deutsche Personen, dass sie nicht allein sind – Katharina Oguntoye bezeichnet das als „das Wunder von Farbe bekennen […][.]“

Die deutsche Wiedervereinigung, die sie in einem ihrer Gedichte als „Sch-Einheit“ bezeichnete, erlebte Ayim als überschattet von zunehmendem Nationalismus und Gewalt gegen Minderheiten.

In ihren Texten findet sich häufig ein gesellschaftlicher Bezug. Im Gedicht deutschland im herbst (1992) zog sie eine Verbindung von der „Kristallnacht“ im November 1938 zum tödlichen Überfall auf Amadeu Antonio im November 1990 und schloss mit den Worten „mir graut vor dem winter“. Ab 1992 publizierte sie unter dem Namen May Ayim. 1995 veröffentlichte sie die Gedichtsammlung blues in schwarz weiss. Darin wurde ihr Gedicht exotik aufgenommen, das sie bereits 1985 verfasst hatte und das die Verbindung ihrer Lebenserfahrungen mit ihrem künstlerischen Schaffen zu erkennen gibt:

May Ayim gilt als eine der Pionierinnen der kritischen Weißseinsforschung in Deutschland:

Ayim schrieb jedoch nicht nur politische und sozialkritische, sondern auch Liebeslyrik.

Rezeption und Ehrungen May Ayim wurde in die Anthologie Daughters of Africa aufgenommen, die 1992 von Margaret Busby in London und New York herausgegeben wurde.

1997 wurde sie von Maria Binder im Film Hoffnung im Herz porträtiert. Der Reggae-Musiker Linton Kwesi Johnson widmete ihr 1998 das jamaikanisch-kreolischsprachige Lied Reggae fi May Ayim. 2004 verliehen Afrotak TV cyberNomads (in Kooperation mit der deutschen Sektion der UNESCO, dem Haus der Kulturen der Welt und dem Macht der Nacht-Team) den May Ayim Award, den „ersten Schwarzen Deutschen Internationalen Panafrikanischen Literaturpreis.“ Preisträger waren Mario Curvello (Epik), Olumide Popoola (Lyrik) und MC Santana (Multimedia).

Am 27. Mai 2009 beschloss in Berlin die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg, das nach dem preußischen Generalleutnant Otto Friedrich von der Groeben, dem Gründer der brandenburgischen Sklavenfestung und Kolonie Groß Friedrichsburg in Westafrika (heute Ghana), benannte Gröbenufer in May-Ayim-Ufer umzubenennen.Gröbenufer wird zu May-Ayim-Ufer. In: Neues Deutschland. 29. Mai 2009, abgerufen am 11. März 2024. Am 27. Februar 2010 wurden die Straßenschilder aufgestellt.

Google Deutschland ehrte Ayim am 27. Februar 2018 mit einem eigenen Doodle.Google Doodle heute: Wer war May Ayim? In: Augsburger Allgemeine. 27. Februar 2018, abgerufen am 11. März 2024.

Am 17. März 2022 wurde auf dem neuen Schulcampus ihrer alten Schule in Münster, der Friedensschule, der May-Ayim-Platz eingeweiht.Einweihung des May-Ayim-Platzes. Homepage der Friedensschule Münster, 18. März 2022, abgerufen am 6. Oktober 2024. Am 27. Juli 2022 beschloss der Stuttgarter Gemeinderat, einen Platz im Stadtbezirk Stuttgart-West nach ihr zu benennen.Protokoll Verwaltungsausschuss des Gemeinderats der Landeshauptstadt Stuttgart, Drucksache: 484/2022. (PDF; 18 kB) In: stuttgart.de, 27. Juli 2022, abgerufen am 6. Oktober 2024.

2023 feierte das Stück blues in schwarz weiss am Münchner Residenztheater Premiere. Die Regisseurin Miriam Ibrahim hat es gemeinsam mit der Autorin Julienne De Muirier auf der Basis von May Ayims Gedichten, Briefen und Essays entwickelt.

Im August 2024 wurde die Nettelbeckstraße im Dortmunder Hafenviertel in May-Ayim-Straße umgewidmet.

Seit Oktober 2024 ist eine Schule in Berlin-Lichtenberg offiziell nach May Ayim benannt.

In Regensburg wurde May Ayim mit einem FrauenOrt in Bayern gewürdigt. Im Foyer des Audimax der Universität Regensburg wurde im April 2026 eine Plakette zu ihren Ehren feierlich enthüllt.

2025 wurde das Stück blues in schwarz weiss von Lamin Leroy Gibba am Maxim Gorki Theater zum Andenken an Ayim inszeniert.

Werke Sachbücher Katharina Oguntoye, May Opitz/Ayim, Dagmar Schultz: Farbe Bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Orlanda Frauenverlag, Berlin 1986, ISBN 3-922166-21-0. 5. Auflage. Orlanda Buchverlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-944666-20-4. May Ayim: grenzenlos und unverschämt. Orlanda Frauenverlag, Berlin 1997, ISBN 3-929823-45-4 (Sammlung von Aufsätzen, Interviews und Reden). 2. Auflage. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-596-15190-2; Grenzenlos und unverschämt. Neuauflage mit einem aktuellen Vorwort von Josephine Apraku. Unrast, Münster 2021, ISBN 978-3-89771-286-7. Ika Hügel-Marshall, Chris Lange, May Ayim, Ilona Bubeck, Gülsen Aktas, Dagmar Schultz (Hrsg.): Entfernte Verbindungen. Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung. Orlanda Verlag, Berlin 1999, ISBN 3-922166-91-1.

Gedichtbände May Ayim: blues in schwarz weiss. Orlanda Frauenverlag, Berlin 1995, ISBN 3-929823-23-3. 4. Auflage. Orlanda Frauenverlag, Berlin 2005, ISBN 3-936937-27-3. May Ayim: nacht gesang. Orlanda Frauenverlag, Berlin 1997, ISBN 3-929823-39-X. May Ayim: blues in schwarz weiss & nachtgesang. Unrast, Münster 2021, ISBN 978-3-89771-613-1 (Neuauflage beider Gedichtbände in einem Taschenbuch, mit einem Vorwort von Olumide Popoola).

Verschiedenes May Ayim, Bahman Nirumand, José F. A. Oliver, Hasan Özdemir, Dadi Sideri: … aus dem Inneren der Sprache. Internationales Kulturwerk, Hildesheim 1995, ISBN 3-910069-56-8. May Ayim Award. Internationaler schwarzer Literaturpreis. Band 1. Peggy Piesche, Michael Küppers-Adebisi u. a. (Hrsg.). Buch und Multimedia-CD. Orlanda Verlag cyberNomads, Berlin 2004, ISBN 3-936937-21-4.

Werkvertonungen 2002: Marc Pendzich: Nachtgesang – 9 Stücke über Gedichte von May Ayim für eine Frauenstimme, Oboe, Percussion, Violoncello und Kontrabass. vadaboéMusic, [Hamburg] , . 2013: Oxana Chi, Layla Zami: I Step on Air. Tanz-Musik-Performance. 2017: Marc Pendzich feat. Danny Merz: Nachtgesang – Eine Hommage an May Ayim. Musikalbum bei vadaboéMusic.

Literatur Ika Hügel-Marshall, Nivedita Prasad, Dagmar Schultz (Hrsg.): May Ayim. Radikale Dichterin, sanfte Rebellin. Unrast Verlag, Münster 2021, ISBN 978-3-89771-094-8 (Anthologie mit Texten verschiedener Autorinnen und mit unveröffentlichten Gedichten und Texten von May Ayim).