Nurkan Erpulat (* 1974 in Ankara, Türkei) ist ein deutscher Theaterregisseur, Autor und Dozent. Er studierte Schauspiel in Izmir und Regie an der Hochschule Ernst Busch in Berlin. Seit 2013 ist er Hausregisseur am Maxim Gorki Theater Berlin und Mitglied des Artistic Boards. Von 2019 bis 2024 ist er Dozent und Studiengangsleiter in der Fachrichtung Regie an der Akademie für Darstellende Kunst Bayern in Regensburg.
Nurkan Erpulat zählt zu den prägenden Regisseuren im Bereich des postmigrantischen Theaters. Seine Arbeit prägte maßgeblich die Intendanz von Shermin Langhoff am Maxim Gorki Theater. Seine Produktionen setzen sich mit Fragen von Identität, Migration und Integration auseinander.
Leben Nurkan Erpulat wurde 1974 in Ankara in der Türkei geboren und absolvierte von 1993 bis 1998 ein Schauspielstudium an der Fakultät für Schöne Künste an der Dokuz-Eylül-Universität in Izmir, Türkei. 1998 zog er nach Berlin und begann dort als Schauspieler zu arbeiten. 2001 nahm er ein Masterstudium der Theaterpädagogik an der Universität der Künste Berlin auf, das er 2003 abschloss.
Von 2003 bis 2008 studierte er Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, wobei er der erste Türke war, der für eine Regieausbildung angenommen wurde.
Schon frühe Regiearbeiten Erpulats – beispielsweise Faked nach Kerem Kurdoglu beim 2007er Beyond Belonging Festival – erhielten ungewöhnliches Medienecho.
Nurkan Erpulat inszenierte im Winter 2007 zusammen mit zehn Jugendlichen aus Hannover das Theaterstück Heimat im Kopf. Diese erfolgreiche Inszenierung wurde im Mai 2008 zum 29. Theatertreffen der Jugend eingeladen.
2008 erstinszenierte Erpulat sein eigenes, mit Tunçay Kulaoğlu gemeinsam verfasstes Stück Jenseits – Bist du schwul oder bist du Türke? beim Beyond Belonging Festival im Hebbel am Ufer. Das Stück wurde im Dezember 2008 im Ballhaus Naunynstraße wiederaufgenommen.
Im November 2008 setzte Erpulat Zaimoglus und Senkels Schattenstimmen für das Eröffnungsfestival „Dogland“ im umgebauten Berliner Ballhaus Naunynstraße in Szene.
Gemeinsam mit Jens Hillje adaptierte er den französischen Film Heute trage ich Rock! von Jean-Paul Lilienfeld zum Theaterstück Verrücktes Blut, das 2011 von der unabhängigen Jury deutschsprachiger Kritiker in der Zeitschrift Theater heute zum „Deutschsprachigen Stück des Jahres“ gewählt wurde. Für seine Inszenierung am Berliner Ballhaus Naunynstraße wurde Erpulat zusätzlich als „Nachwuchsregisseur des Jahres“ ausgezeichnet.Kölner Stadtanzeiger: Kölner Schauspiel Theater des Jahres, abgerufen am 25. August 2011
Erpulat arbeitet oft mit dokumentarischen Texten oder literarischen Vorlagen, die er für ein zeitgenössisches Publikum aufbereitet. Er ist auf Produktionen spezialisiert, die gesellschaftliche und kulturelle Konflikte thematisieren.
Sein Durchbruch gelang ihm 2010 mit der Inszenierung von Verrücktes Blut, die bei der Ruhrtriennale und im Ballhaus Naunynstraße Premiere feierte.
Seit 2019 ist Erpulat Studiengangsleiter für Regie und Dozent an der Akademie für Darstellende Kunst Bayern. Er hat außerdem Workshops und Vorträge zu Themen wie transkulturellem Inszenieren und Theaterarbeit in der Migrationsgesellschaft geleitet, sowohl in Deutschland als auch der Schweiz, den USA und in Japan.
2013 eröffnete seine Inszenierung von Der Kirschgarten die Intendanz von Shermin Langhoff am Gorki; 2026 verabschiedete er sich dort mit der Uraufführung von Katerina Poladjans Zukunftsmusik, die am 24. Januar 2026 Premiere hatte. Erpulat betonte die Parallele beider Arbeiten als Inszenierungen von Umbruchssituationen und begründete die Stoffwahl mit dem Gefühl einer notwendigen Veränderung. Zukunftsmusik rahmt er musikalisch vom Trauermarsch bis zu einem geplanten Konzert und verweist dabei unter anderem auf das im sowjetischen Fernsehen bei Todesfällen gesendete „Schwanensee“-Motiv; zudem kündigte er ein zusätzliches Format im Anschluss an die Vorstellung an. Rückblickend beschreibt Erpulat das Gorki als Vorreiter einer veränderten „Identifikationsmaschine“ Theater, in der neue Narrative und Perspektiven der postmigrantischen Wirklichkeit sichtbar wurden. Zu den Gründen und Gefühlen seines Abschieds äußerte er, er verliere sein „künstlerisches Zuhause“, sehe den anstehenden Umbruch skeptisch, verwies zugleich auf eine Gesamtauslastung von 95 Prozent im Vorjahr und kritisierte nicht verlängerte Verträge im Haus.
Erpulats Inszenierung Dunkel lockende Welt von Händl Klaus im Werk X wurde im Rahmen der Verleihung des Nestroy-Theaterpreises 2020 als „Beste Off-Produktion“ ausgezeichnet.
Für die Produktion "Dschinns" erhielt Nurkan Erpulat 2023 den Friedrich-Luft-Preis.
Inszenierungen
2001 Tod / von Woody Allen / Jugendbühne Omayra
2003 Kein Problem / N. Erpulat und Ensemble / Jugendbühne Omayra
2004 K(l)eine Morgenstern-Szene (Oper) / J. Widmann / Komische Oper Berlin Deplazierte Familie / nach Das Elend der Welt von Pierre Bourdieu / Maxim-Gorki-Theater
2007 Faked / nach K. Kurdoglu u. Ü. Ünal / Hebbel Am Ufer
2008 Schattenstimmen / F. Zaimoglu und G. Senkel / Ballhaus Naunynstraße Kahvehane / Konzept: T. Kulaoglu und M. Priessner / Ballhaus Naunynstraße X-Wohnungen Istanbul / Konzept: M. Lilienthal / Hebbel Am Ufer X-Wohnungen Neukölln / Konzept: M. Lilienthal / Hebbel Am Ufer Jenseits – Bist du schwul oder bist du Türke? / N. Erpulat und T. Kulaoglu / Hebbel Am Ufer Heimat im Kopf / N. Erpulat und Ensemble / Schauspiel Hannover
2009 Man braucht keinen Reiseführer für ein Dorf, das man sieht / T. Staffel / Hebbel Am Ufer X-Wohnungen São Paulo / Konzept: M. Lilienthal / Goethe-Institut São Paulo I like to move! / N. Erpulat und Ensemble / Projekt für LINZ’09 Türkisch-Gold / T. Müller / Stadttheater Heilbronn Familiengeschichten / N. Erpulat und Ensemble / Schauspiel Hannover
2010 Verrücktes Blut / nach dem Film La Journée de la Jupe in einer Fassung von N. Erpulat und J. Hillje / RUHRTRIENNALE und Ballhaus Naunynstraße
2011 Das Schloss / N. Erpulat und Jens Hilje nach Kafka / Deutsches Theater Berlin Clash / N. Erpulat und D. Trachternach / Deutsches Theater Berlin X-Wohnungen Mannheim / Konzept: M. Lilienthal / Schillertage Theater Mannheim
2012 Herr Kolpert / D. Gieselmann / Düsseldorfer Schauspielhaus Kinder der Sonne / M. Gorki / Volkstheater Wien Worringer Schlachten I / J. Schulte / Düsseldorfer Schauspielhaus
2013 Kirschgarten / A. Tschechow / Maxim Gorki Theater Berlin – Eröffnungsinszenierung der Intendanz von Shermin Langhoff. Gate as my asshole (Libretto) / N. Erpulat / Musiktheatertage Wien Parasit / F. Schiller / Düsseldorfer Schauspielhaus Kasimir und Karolina / M. Salzmann nach Horvath / Düsseldorfer Schauspielhaus Worringer Schlachten II / J. Schulte / Düsseldorfer Schauspielhaus
2014 Entertaining Mr. Sloane / J. Orton / Maxim Gorki Theater Berlin Amsterdam / M. Verhoef / Düsseldorfer Schauspielhaus
2015 Juristische Unschärfe einer Ehe / O. Grjasnowa / Maxim Gorki Theater Berlin Onkel Wanja / A. Tschechow / Maxim Gorki Theater Berlin
2016 Love it or leave it! / E. Akal / Maxim Gorki Theater Berlin Die lächerliche Finsternis / W. Lotz / Bakirköy Belediye Tiyatrosu Istanbul
2017 Hundesöhne (Trilogie Das Große Heft - Der Beweis - Die dritte Lüge) / A. Kristof / Maxim Gorki Theater Berlin Hiob / K. Tachelet nach J. Roth / Schauspielhaus Dresden
2018 Lö Grand Bal Almanya / N. Erpulat und T. Kulaoglu / Maxim Gorki Theater Berlin Tigermilch / C. Fillers nach S. de Velasco / Junges Ensemble Stuttgart Terror / F. von Schirach / Bakirköy Belediye Tiyatrosu
2020 Cabaret / J. Masteroff / Nationaltheater Weimar Maria / S. Stephens / Maxim Gorki Theater Dunkel lockende Welt / K. Händl / Werk X Wien Reichstag-Reenactment / Konzept: R. C. Hemke, N. Erpulat und T. Kulaoğlu / Weimarer KunstfestNurkan Erpulat Reichstags-Reenactment Performance, auf kunstfest-weimar.de Jugend ohne Gott / T. Müller nach Ö. von Horvath / Maxim Gorki Theater Berlin Aus dem Nichts / A. Petras nach F. Akin / Theater Bremen
2021 Werther (Oper) / J. Massanet / Theater Regensburg Hawaii / C. Acar / Theater Heilbronn Streulicht / D. Ohde / Maxim Gorki Theater Berlin
2023 Die Entführung aus dem Serail (Oper) / nach W. A. Mozart / Volksoper Wien Dschinns / F. Aydemir / Maxim Gorki Theater Berlin
2024 Café Populaire Royal / N. Abdel-Maksoud / Maxim Gorki Theater Berlin Hund Wolf Schakal / B. Khani / Maxim Gorki Theater Berlin
2026 Zukunftsmusik / nach Katerina Poladjan / Maxim Gorki Theater Berlin (Uraufführung, Premiere 24. Januar 2026).Sophie Diesselhorst: An einem Tag im März: Zukunftsmusik - Maxim Gorki Theater Berlin, Rezension auf nachtkritik.de, erschienen und abgerufen am 25. Januar 2026
Lehrtätigkeit (Auswahl)
2007–2008 Gastdozent an der UdK Berlin, Schwerpunkt: Improvisation
2009 Vortrag „Praxis Deutsch-Türkischer Künstler“, ZEITstiftung, Hamburg Workshop „Die interkulturellen Potenziale des Theaterspielens mit Schüler/innen“, Zentrale Arbeitstagung des Bundesverbandes Theater in Schulen, Potsdam
2010 Fachforum „Spiel mit drei Erzählebenen“, Theatertreffen der Jugend Workshopleitung „Berliner Kreuzung“, Winterakademie 5, Theater an der Parkaue, Berlin
2011 Workshop „Theatralisieren von Eigenerlebnissen“, Bundesverband Theaterpädagogik
2012 Vortrag über Kino und Migration anhand von drei Frauenrollen in der deutsch-türkischen Filmgeschichte, Duke University, Durham, USA Vortrag „Theater als Aufklärung - eine alte Idee“, UCLA, Los Angeles, USA Bilder und Gegenbilder im Kino in der deutsch-türkischen Migrationsgeschichte, Goethe-Institut Tokio, Osaka, Japan Vortrag zu Konzeptgestaltung Verein der japanischen Regisseure, Tokyo/Osaka, Japan
2015 Workshopleitung „Mit Akteuren Text entwickeln“, Cihangir Akademi, Istanbul, Türkei
2016 Workshopleitung „Transkulturelle Kompetenz“, Fortbildung für Theaterpädagogen, Berlin Workshopleitung „Richard III. Verstehen“, Cihangir Akademi, Istanbul, Türkei
2017 Workshop „Postmigrantisches Theater“, Fortbildung für Theaterpädagogen, Berlin Gastdozent „Lulu – Eine Annäherung“, Akademie für Darstellende Kunst Bayern, Regensburg Theaterarbeit mit Geflüchteten, Fortbildung bei Bundesverband der Theaterpädagogen, München
2018 Theaterarbeit im inter-/transkulturellen Kontext, Fortbildung bei Bundesverband der Theaterpädagogen, München Workshop „Ich - Wir - Die. Ein Dekonstruktions-Crashkurs“, Halle a. d. Saale Gastdozent „Lulu – 4 Inszenierungen“, Akademie für Darstellende Kunst Bayern, Regensburg Vortrag und Workshop „Theater in der Migrationsgesellschaft“, Schweizer Theatertreffen, Zürich, Schweiz
2019 Workshop „Transkulturelles Inszenieren“, Fortbildung für Theaterpädagogen, Berlin Gastdozent „Formale Spielweise“, Akademie für Darstellende Kunst Bayern, Regensburg Vortrag und Workshop „Deutsches Theater heute“, University of Notre Dame, Indiana, USA
2019–2024 Studiengangsleitung Regie und Dozent für Schauspiel, Akademie für Darstellende Kunst Bayern, Regensburg
Seit 2024 Dozent für Regie, Theaterpädagogik und Schauspiel, Akademie für Darstellende Kunst Bayern, Regensburg
Preise 2011 - Publikumspreis "Radikal Jung" "Verrücktes Blut" von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, Ballhaus Naunynstraße Berlin 2011 - Publikumspreis "Mülheimer Theatertage" 2020 - Afife-Jale-Preis für die Produktion Gülünç Karanlık 2020 - Nestroy-Preis „Dunkel lockende Welt“ von Händl Klaus, Inszenierung Nurkan Erpulat, WERK X 2023 - Friedrich-Luft-Preis, Dschinns / F. Aydemir / Maxim Gorki Theater Berlin
Andere (Stipendien, Jurytätigkeiten, Festivals - Auswahl)
2004–2008 Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung
2007–2010 Beiratsmitglied zur Förderung der Interkulturellen Projektarbeit, Berliner Senatskanzlei
2008 Beratung der Ständigen Konferenz der Kulturminister der Länder Deutschland
2009 Stipendium der Akademie der Künste Berlin
2010 Jurymitglied Kurzfilmfestival emergeandsee
2011 Jurymitglied Stückemarkt Theatertreffen
2012–2013