Gardeja () ist ein Dorf mit 2500 Einwohnern im Powiat Kwidzyński (Powiat Marienwerder) der polnischen Woiwodschaft Pommern. Das Dorf ist Sitz der gleichnamigen Landgemeinde.

Lage Das Dorf liegt im ehemaligen Westpreußen, zwischen den beiden Städten Kwidzyn (Marienwerder) im Norden und Grudziądz (Graudenz) im Süden. Die Entfernung nach Kwidzyn im Norden beträgt etwa zehn Kilometer. Die Ortschaft ist fast ganz von zwei großen Seen umgeben.

Geschichte Als Gründungsdatum der Ortschaft gilt das Jahr 1285, in dem der Ritter Dietrich Stange den Zisterziensern in Pelplin 200 Hufen in Pomesanien zur Gründung eines Klosters in Garzanum (verdeutscht: Garnsee) schenkte. Zwar begannen die Mönche mit dem Bau der Klosteranlage, doch setzten sie ihn nicht fort, da sie den auf einer Anhöhe gelegenen Ort unwirtlich fanden. Das geschenkte Land wurde 1334 von Peplin an Siedler verkauft; es entstand daraus die Ortschaft Garnsee,Franz Winter: Die Cistercienser des nordöstlichen Deutschlands. Ein Beitrag zur Kirchen- und Culturgeschichte des deutschen Mittelalters. Band 2: Vom Auftreten der Bettelorden bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. Gotha 1871, S. 268–271 und S. 265–. die noch im gleichen Jahr Stadtrechte erhielt.

1877 legte ein verheerender Brand den größten Teil der Häuser in Staub und Asche. Auch das Rathaus mitsamt den Dokumenten und Akten wurde ein Raub der Flammen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Garnsee eine evangelische Kirche, eine Schuhfabrik und eine Tonwarenfabrik. mini|Ortseingang mini|Katholische Kirche (erbaut 1931–1932) Aufgrund der Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles stimmte die Bevölkerung im Abstimmungsgebiet Marienwerder, zu dem Garnsee gehörte, am 11. Juli 1920 über die weitere staatliche Zugehörigkeit zu Ostpreußen (und damit zu Deutschland) oder den Anschluss an Polen ab. In Garnsee stimmten 797 Einwohner für den Verbleib bei Ostpreußen, auf Polen entfielen 18 Stimmen.Herbert Marzian, Csaba Kenez: „Selbstbestimmung für Ostdeutschland - Eine Dokumentation zum 50 Jahrestag der ost- und westpreussischen Volksabstimmung am 11. Juli 1920“; Herausgeber: Göttinger Arbeitskreis, 1970, S. 117 Garnsee wurde Grenzstadt und hatte – trotz des Abstimmungsergebnisses – seinen zwei Kilometer südlich gelegenen Bahnhof an Polen abzutreten, wodurch die Grenze direkt an den Stadtrand verlegt wurde.

Durch den Überfall auf Polen 1939 kamen die Ortschaften Kalmusen (heute polnisch Kalmuzy), Buden (Budy), Sarosle (bis 1945 Moorgrund, polnisch Zarośle) und Schönbrück (Szembruk), die im Polnischen Korridor gelegen hatten, an Deutschland zurück.

Bis 1945 war Garnsee eine Stadt im Landkreis Marienwerder, der bis 1920 zur preußischen Provinz Westpreußen und dann in Grenznähe zu Polen zu Ostpreußen gehörte. 1934 wurde Garnsee mit dem benachbarten Garnseedorf vereinigt und hatte 1939 etwa 2000 Einwohner.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Region Anfang 1945 nach Kämpfen mit der Wehrmacht von der Roten Armee besetzt. Kurz danach wurde Garnsee unter polnische Verwaltung gestellt. Soweit die Einwohner nicht geflohen waren, wurden sie in der darauf folgenden Zeit vertrieben. Garnsee wurde in Gardeja umbenannt, die evangelische Kirche umgewidmet.

Aufgrund der massiven Zerstörungen durch die Kriegsereignisse verlor Gardeja 1945 das Stadtrecht. Der Ort ist jetzt dem Powiat Kwidzyński in der Woiwodschaft Pommern (1975 bis 1998 Woiwodschaft Elbing) angegliedert. Er zählt etwa 2300 Einwohner und ist Sitz und namensgebender Ort der Gmina Gardeja.

Demographie +Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 1740 379 Handbuch der historischen Stätten, Ost und Westpreußen. Kröner, Stuttgart 1981, ISBN 3-520-31701-X, S. 63. 1786 457 in der 1732 erbauten evangelischen Kirche wurde sowohl auf Deutsch als auch auf Polnisch gepredigtJohann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preussen. Band 2: Topographie von West-Preussen, Marienwerder 1789, S. 8, Nr. 3. 1802 619 Alexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 5: T–Z, Halle 1823, S. 282–283, Ziffer 188. 1810 706 1816 716 davon 650 Evangelische, 43 Katholiken und 23 Juden 1821 812 1831 900 August Eduard Preuß: Preußische Landes- und Volkskunde. Königsberg 1835, S. 440, Nr. 55. 1864 1099 darunter 1.027 Evangelische und 35 KatholikenE. Jacobson: Topographisch-statistisches Handbuch des Regierungsbezirks Marienwerder. Danzig 1868, S. 100–101, Nr. 61. 1885 1205 1900 1100 meist ProtestantenMeyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage, Band 7, Leipzig und Wien 1907, S. 343. 1905 984 darunter 911 Protestanten, 59 Katholiken und 15 Juden 1925 1070 meist ProtestantenDer Große Brockhaus, 15. Auflage, Band 6, Leipzig 1930, S. 778. 1933 2062 1939 1998 1943 2196 + Einwohnerzahlen seit 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 2011 2282

Kirche Pfarrkirche Kirche und Turm stammen aus dem Jahre 1350. Davor stand hier lediglich eine Holzkapelle. Der Turm steht unüblicherweise an der Ostseite. In den Jahren 1729 bis 1731 wurde das Gebäude umgebaut.

Evang. Kirchengemeinde Die Reformation und speziell der Übertritt des Preußenherzogs zum Luthertum war der eigentliche Beginn der Geschichte der evangelischen Kirche in Garnsee. Vor 1945 gehörten zum Kirchspiel die Orte Dietmarsdorf (bis 1938 Zigahnen, heute polnisch: Cygany), Garnseedorf, Ottlau (Otłowiec) und Seubersdorf (Zebrdowo). Die Pfarrei war in den Kirchenkreis Marienwerder innerhalb über die Zeit wechselnden regionalen GliederungenDas Kirchspiel gehörte von 1817 bis 1832 und 1886 bis 1921 zur Kirchenprovinz Westpreußen mit Sitz in Danzig, 1832 bis 1886 zur Kirchenprovinz Preußen, 1921 bis 1940 zur Kirchenprovinz Ostpreußen, letztere beide mit Sitz in Königsberg in Preußen und dann von 1940 bis 1945 zum Kirchengebiet Danzig-Westpreußen mit Sitz in Danzig. der Kirche der Altpreußischen Union integriert.

Seit 1945 sind die evangelischen Einwohner von Gardeja der Pfarrei Grudziądz (Graudenz) innerhalb der Diözese Pommern-Großpolen der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen zugeordnet.

Pfarrer 1546–1945 Von der Reformation bis zur Vertreibung 1945 amtierten in Garnsee 31 evangelische Geistliche: Daniel Leszki, 1546–1559 Bernhard Kretzel, 1559–1567 Matthes Labinus, 1567–1577 Michael Prätorius, 1588–1591 Albert Soltanus, 1592–1601 Stephan Petrasius, 1603–1620 Andreas Lupianus, bis 1621 Sebastian Bernhardi, 1627–1630 Adam Vretsch, 1630–1634 Johann Hieronymus, 1634–1642 Salomo Strychnus, 1642–1651 Martin Rex, 1651–1657 Christian Strobäus, 1657–1670 Johann Malendorf, 1671–1682 Christian Römer, 1682–1693 Michael Richter, 1694–1718 Johann Schwartz, 1718–1721 Andreas Trantz, 1721–1735 Michael Apfelbaum, 1735–1759 Christoph Fr. Büschius, 1760–1766 Jacob Wilhelm Ursinus, 1766–1774 Christoph Grzegorzewsky, 1775–1792 Johann Michael Höffner, 1792–1796 Carl Schäfer, 1796–1838 Matthias Gottl. Ed. Hammer, 1839–1862 Julius Adolf Hoecker, 1863–1865Hoecker (1812–1865) war Angehöriger der ermländischen Corpslandsmannschaft Baltia, die 1840 vom Corps Masovia übernommen wurde. Er war Dr. phil., Lizentiat und Pfarrer.Eintrag von Julius Adolph Hoecker in der Deutschen Nationalbibliothek Gustav Adolf Krieger, 1865–1892 Hermann Julius Daniel, 1893–1908 Max Karl Gustav Lemke, 1909–1919 Friedrich Stachowitz, 1919–1928 Alfons August Naleszinski, 1928–1945

Kath. Kirchengemeinde Nach Einführung der Reformation wichen die römisch-katholischen Gläubigen auf Pfarrgemeinden in der Umgebung aus. Erst im Jahre 1912 wurde in Garnsee eine eigene Gemeinde gebildet. Bis 1932 war das „Gasthaus zur Bahn“ Gottesdienststätte, 1931/32 wurde die Herz-Jesu-Kirche gebaut.

Die heutige Pfarrgemeinde Gardeja hat diesen Namen beibehalten. Sie ist in das Dekanat Kwidzyn-Zatorze im Bistum Elbing der Katholischen Kirche in Polen eingegliedert.

Pfarrer 1912–1945 Franz Herrmann, bis 1941 Carl Josef Müller, 1941–1945

Schule Bereits 1586 wurde in Garnsee eine Schule erwähnt. 1882 wird sie als vierklassig genannt.

Die bis 1936 selbstständige Gemeinde Garnseedorf hatte eine eigene Schule. Sie wurde noch 1938 erweitert. Leiter der beiden Schulen von Garnsee war zuletzt Hauptlehrer Sellnau.

Verkehr Straßen mini|Landesstraße DK 55 (Reichsstraße 129) zwischen Kwidzyn (Marienwerder) und Gardeja (Garnsee) Im Ort treffen die Woiwodschaftsstraße DW 523 aus Trumieje (Groß Tromnau) kommend und die DW 532 von Kwidzyn (Marienwerder) über Sadlinki (Sedlinen) kommend auf die Landesstraße DK 55 (ehemalige deutsche Reichsstraße 129).

Zwischen 1920 und 1939 war Gardeja Grenzübergangsstelle zum Polnischen Korridor.

Schienen Die Gmina Gardeja verfügt über eine Bahnstation an der Staatsbahnstrecke 207, die Toruń (Thorn) und Grudziądz (Graudenz) mit Kwidzyn (Marienwerder) und Malbork (Marienburg) verbindet. Diese Bahnstrecke wurde 1882/1883 eröffnet. Die großen Seen, die die damalige Stadt Garnsee umgaben, und die Bodenbeschaffenheit des Umlandes der Gewässer ließen es damals nicht zu, die Bahnstrecke nahe an der Stadt vorbeizuführen. So wurde der Bahnhof zwei Kilometer südlich der Stadt angelegt.

Dieser Bahnhof kam 1920 zu Polen und erhielt den Namen Gardeja. Er durfte von den Deutschen mitbenutzt werden. Doch diese Mitnutzung lief 1927 aus, und die Deutsche Reichsbahn baute auf dem Weg nach Herminendorf einen neuen Bahnhof, auch wieder zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Bei seiner Eröffnung am 1. Juli 1927 erhielt er den Namen Garnsee (Westpreußen). Aufgrund des Kriegsgeschehens kam der alte Bahnhof 1939 wieder nach Deutschland, er bekam dann den Namen Garnsee Süd, der neue nannte sich dann Garnsee West.

Zwischen 1886 und 1979 zweigte in Garnsee Süd = Gardeja eine Bahnstrecke in die Nachbarstadt Łasin (Lessen) ab. Das heutige Gebiet der Gmina Gardeja wurde von Nordwest nach Südost von der ebenfalls inzwischen stillgelegten Bahnlinie von Marienwerder (Kwidzyn) nach Freystadt (Kisielice) und Bischofswerder (Biskupiec) durchzogen – mit drei Bahnstationen im Gemeindegebiet.

Söhne der Gemeinde Albert Bredow (1827–1899), in Russland tätiger Landschafts- und Theatermaler Arthur von Buddenbrock (1850–1929), Politiker, Mitglied des Preußischen Herrenhauses

Literatur Daniel Heinrich Arnoldt: Kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation an den lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandnen Predigern. Königsberg 1777, S. 491–493. Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preussen. Band 2: Topographie von West-Preussen. Kantersche Hofdruckerei, Marienwerder 1789, S. 8, Nr. 3). August Eduard Preuß: Preußische Landes- und Volkskunde oder Beschreibung von Preußen. Ein Handbuch für die Volksschullehrer der Provinz Preußen, so wie für alle Freunde des Vaterlandes. Gebrüder Bornträger, Königsberg 1835, S. 440, Nr. 55. Friedwald Moeller: Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945. Hamburg 1968. Hans Schachschneider: Die Stadt Garnsee und Umgebung. 1970. Ernst Bahr: Garnsee. In: Handbuch der historischen Stätten, Ost und Westpreußen. Kröner, Stuttgart 1981, ISBN 3-520-31701-X, S. 62–63.

Weblinks

Stadt Garnsee (Rolf Jehke, 2004) Website Stadtbilder Preussen Website der Gmina Gardeja (polnisch)

Einzelnachweise

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