mini|Römisch-katholische Kirche St. Peter und Paul mini|Kirche St. Peter und Paul, Ansicht von Osten mini|Chor, Sakristei und St. Annakapelle, im Hintergrund die Werdhochäuser mini|Das Hauptportal an der Werdstrasse mini|Detail am Hauptportal Die 1874 fertiggestellte und 1885 geweihte neugotische Kirche St. Peter und Paul in Zürich-Aussersihl ist das erste römisch-katholische Kirchengebäude, das nach der Reformation in Zürich fertiggestellt wurde (jene in Winterthur wurde bereits 1868 eröffnet, aber erst 1897 offiziell geweiht). Sie ist die Mutterkirche von katholisch Zürich und steht seit 1980 unter Bundesdenkmalschutz.Robert Schönbächler: Kirchen und Gotteshäuser der Stadt Zürich. S. 16
Geschichte Hintergründe Das Toleranzedikt des Zürcher Regierungsrats vom 10. September 1807 erlaubte erstmals seit der Reformation durch Huldrych Zwingli im Jahr 1523 wieder eine katholische Gemeinde in Zürich.Henri Truffer: Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich. S. 192 Den Katholiken, die vorher nur im Kloster Fahr, einer aargauischen Enklave, den Gottesdienst besuchen konnten, wurde die aus dem 14. Jahrhundert stammende St. Anna-Kapelle für Gottesdienste überlassen. Im Jahre 1819 wurde Zürich zusammen mit Ob- und Nidwalden, Teile von Uri, Schwyz sowie als Teil des erloschenen Bistums Konstanz dem Bistum Chur zur provisorischen Administratur übergeben.Vgl. Artikel in Wikipedia zum Bistum Chur
Weil im Zuge der Industrialisierung zunehmend Katholiken aus der Ost- und Innerschweiz nach Zürich auswanderten, wurde die St. Anna-Kapelle für die rasch wachsende Gemeinde zu klein. Da der Stadtrat von Zürich für eine Erweiterung der St. Anna-Kapelle keine Erlaubnis gab, musste nach einer anderen Lösung gesucht werden. Am 19. Oktober erhielten die Katholiken die Erlaubnis, bis auf weiteres im Schiff des Fraumünsters an Sonn- und Feiertagen ihren Gottesdienst abzuhalten. Später wurde diese Erlaubnis bis auf Ende 1843 befristet. 1842 erhielt die katholische Gemeinde Zürich die Bewilligung zur Benützung der Augustinerkirche, die aber zuerst renoviert werden musste. Am 21. Oktober 1844 weihte der Bischof von Chur, Kaspar de Carl ab Hohenbalken die Augustinerkirche ein. Im Jahr 1864 gründete die katholische Gemeinde Zürich Missionsstationen in Männedorf, Gattikon und im Bezirk Hinwil.Henri Truffer: Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich. S. 192
Entstehungs- und Baugeschichte Nach dem Ersten Vatikanischen Konzil kam es in Zürich unter den Katholiken zu einer Kirchenspaltung. Bei einer Gemeindeabstimmung am 8. Juni 1873 schlossen sich von 396 Stimmberechtigten 290 der christkatholischen Bewegung an. 106 sprachen sich als romtreue Katholiken dagegen aus. Die Augustiner-Kirche wurde somit christkatholisch und die romtreue Minderheit musste nach dem Frühgottesdienst vom 29. Juni 1873 die Augustinerkirche verlassen. Von der Presse wurden die romtreuen Katholiken mit Häme überschüttet.Stadt Zürich, Amt für Städtebau (Hrsg.): Katholische Kirchen der Stadt Zürich. Bestandesverzeichnis Denkmalpflege der Stadt Zürich. Zürich 2014. S. 176. Bis zum Bau einer neuen Kirche musste die romtreue Gemeinde im Theaterfoyer ihre Gottesdienste feiern. Die römisch-katholischen Gemeindemitglieder gründeten eine Aktiengesellschaft, um den Bau einer römisch-katholischen Kirche in Zürich oder Umgebung zu finanzieren. Nachdem in der damals noch eigenständigen Gemeinde Aussersihl ein Baugrund gefunden werden konnte, wurde mit materieller Unterstützung der katholischen Kantone die Kirche St. Peter und Paul in nur einem Jahr gebaut.Henri Truffer: Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich. S. 192
Am 2. August 1874 konnte die römisch-katholische Gemeinde die unter der Leitung des Baumeisters Rudolf Gottlieb Gull (1832–1911), dem Vater des Erbauers des Zürcher Landesmuseums Gustav Gull, in den Jahren 1873–1874 neu erstellte Notkirche in Aussersihl einweihen. Die als «Armeleutekirche von Aussersihl» bezeichnete schlichte Saalkirche hatte bei der Einweihung weder Bänke noch Kanzel, Altaraufbauten oder Taufstein. Zunächst diente ein einfacher Tisch als Hochaltar.Martin Conrad, Stephan Kölliker: Kirche St. Peter & Paul Zürich-Aussersihl, S. 25. 1874 erhielt das Gotteshaus eine Kanzel, 1875 die beiden Seitenaltäre, die nach Entwürfen des Baumeisters Wilhelm Keller-Jenny von den Gebrüder Müller aus Wil SG gefertigt wurden,Martin Conrad, Stephan Kölliker: Kirche St. Peter & Paul Zürich-Aussersihl, S. 10 und 25. und im Jahr 1884 schliesslich den neugotischen Hochaltar, der mit Spenden der Gläubigen ermöglicht wurde. Papst Pius IX. schenkte der Diasporapfarrei Zürich die grosse Zwillingsmonstranz aus dem einstigen Klosterschatz von Muri.Henri Truffer: Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich. S. 192 1885 weihte der Bischof von Chur, Franz Konstantin Rampa, die Kirche. Ein katholisches Gotteshaus durfte damals erst geweiht werden, wenn kein zu grosser Schuldbetrag mehr auf ihr lastete.Robert Schönbächler: Kirchen und Gotteshäuser der Stadt Zürich. S. 16
1895 wurde die zu klein gewordene Kirche durch einen Anbau an der Frontseite und einen neugotischen Turm erweitert. Hierbei wurde das bescheidene bisherige Hauptportal als Zugang zur Empore auf der rechten Seite im ersten Joch wieder eingesetzt.Martin Conrad, Stephan Kölliker: Kirche St. Peter & Paul Zürich-Aussersihl, S. 11. In der ein dreischiffiges Kircheninneres vortäuschenden Schaufassade mit dem sechzig Meter hohen Turm spiegelte sich auch das gewachsene Selbstbewusstsein der Zürcher Katholiken.Website der Pfarrei, Abschnitt Gebäude. Abgerufen am 13. Juli 2013 Die Architekten waren Alfred Chiodera (1850–1916) und Theophil Tschudy (1847–1911), die auch die Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde an der Löwenstrasse 1884, die Villa Patumbah 1885 und das Schauspielhaus Zürich (Pfauenbühne) 1888/1889 entworfen hatten.Walter und Hans Jörg Rieger: Kath. Kirche St. Peter und Paul Zürich-Aussersihl. S. 18 Der Kirchturm von St. Peter und Paul war der erste Kirchturm in ganz Aussersihl. Für die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde St. Jakob war der 60 Meter hohe katholische Kirchturm ein Ansporn, ihren fünf Jahre später vollendeten Turm fünfzehn Meter höher zu errichten.Stadt Zürich, Amt für Städtebau (Hrsg.): Katholische Kirchen der Stadt Zürich. Bestandesverzeichnis Denkmalpflege der Stadt Zürich. Zürich 2014. S. 176.
Die zahlreichen, seit den 1860er Jahren nach Zürich und Umgebung eingewanderten italienischen Arbeiter mussten teilweise unter prekären Verhältnissen leben. Dies führte zu sozialen Spannungen und Auseinandersetzungen mit den jungen Schweizern – den sogenannten Italiener-Krawallen von 1896.Vgl. Artikel in Wikipedia zu Aussersihl Als Reaktion darauf gründeten die Salesianer im Jahr 1898 die Missione Zurigo, aus der die heutige Missione Cattolica di Lingua Italiana (MCLI) mit ihrer Kirche Don Bosco an der Ecke Hohl-/Feldstrasse hervorgegangen ist.
1897 wurde die Casino-Genossenschaft gegründet, die ein Restaurant und einen Saal als Gemeindezentrum betrieb. 1927 hatte die Pfarrei St. Peter und Paul grosse Baupläne für eine Erweiterung der Kirche sowie für eine Grossüberbauung mit Schulhaus, Familienwohnungen und Einkaufsmöglichkeiten. Die Pläne scheiterten wegen Finanzierungsproblemen. 1929 konnte dagegen das Jugendhaus in Verbindung mit dem Casino Aussersihl erbaut werden.Henri Truffer: Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich. S. 192
1943 bis 1944 wurde die Kirche unter der Leitung des Schwyzer Architekten Joseph Steiner im Purifizierungsstil renoviert, wobei die neugotischen Farben durch einen weissen Anstrich und im Chorraum die bisherigen Glasfenster durch damals zeitgenössische ersetzt wurden, die von August Wanner geschaffen und von Rudolf Süess ausgeführt wurden.Martin Conrad, Stephan Kölliker: Kirche St. Peter & Paul Zürich-Aussersihl, S. 11 und 37. 1968 wurde das Werdquartier rund um die Kirche St. Peter und Paul neu bebaut. Die in die Jahre gekommenen ärmlichen Häuser wurden samt dem alten Pfarrhaus abgebrochen und ersetzt durch ein neues Pfarrhaus und durch ein Kirchgemeindehaus am Werdgässchen. 1973 konnte das Altersheim St. Peter und Paul bezogen werden. Zur 100-Jahr-Feier von St. Peter und Paul wurde das Pfarrhaus eingeweiht und 1978 der umgebaute Casinosaal in Betrieb genommen. Der Architekt all dieser baulichen Massnahmen war K. Wäspi.Henri Truffer: Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich. S. 193
Nachdem in den 1960er Jahren das Werdhochhaus in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche errichtet worden war und das Quartier um die Kirche vor einer radikalen Umgestaltung stand, wurden in Fachkreisen und in der Pfarrei die Frage diskutiert, ob die in die Jahre gekommene Kirche St. Peter und Paul einem Neubau weichen sollte oder ob sie als historisches Denkmal erhaltenswert sei. Nach einer erhitzten Debatte stimmte die Kirchgemeinde St. Peter und Paul mit deutlichem Ja für den Erhalt der Kirche.Stadt Zürich, Amt für Städtebau (Hrsg.): Katholische Kirchen der Stadt Zürich. Bestandesverzeichnis Denkmalpflege der Stadt Zürich. Zürich 2014. S. 176.
Von 1979 bis 1980 wurde die Kirche durch den Architekten Walter Rieger unter der Begleitung der kantonalen und eidgenössischen Denkmalpflege einer Totalrenovation unterzogen und in den neugotischen Zustand von 1896 zurückgeführt. Hierbei wurde auch die ursprüngliche neugotische Farbgebung wiederhergestellt.Robert Schönbächler: Kirchen und Gotteshäuser der Stadt Zürich. S. 16 Gleichzeitig wurde die Sakristei vergrössert sowie die in Erinnerung an die erste katholische Gottesdienststätte von Zürich genannte St. Annakapelle angebaut. Am 26. Oktober 1980 wurde die restaurierte Kirche samt der neu erbauten St. Annakapelle eingeweiht.Henri Truffer: Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich. S. 193
Für die sozialen Aufgaben der Pfarrei entstanden verschiedene Institutionen, die in der Umgebung der Kirche St. Peter und Paul angesiedelt waren und sind. So wurden 1987 im Haus zur Stauffacherin, das von der Pfarrkirchenstiftung St. Peter und Paul betrieben wird,Website vom Haus zur Stauffacherin. Abschnitt Über uns. Abgerufen am 11. Oktober 2023. Aussenrenovationen durchgeführt und die erweiterte Pflegestation des Altersheims St. Peter und Paul eröffnet.
Im Jahre 2002 begann die Kirchturmrenovation, die mit der Wiederaufsetzung des Kreuzes mittels Hubschrauber im April 2003 abgeschlossen wurde.Website der Pfarrei, Abschnitt Gebäude. Abgerufen am 13. Juli 2013. Im Jahr 2014 wurde die St. Annakapelle von Architekt Walter Moser saniert.
Tochterpfarreien und Gegenwart Nach der Gründung der Pfarrei St. Peter und Paul entwickelten sich von der Mutterkirche aus – parallel zur wachsenden Stadt Zürich – in den darauf folgenden gut 80 Jahren die verschiedenen Pfarreien der Stadt, beginnend mit der Liebfrauenkirche, welche ab 1893 für das rechte Limmatufer eingerichtet wurde.Website der Pfarrei, Abschnitt Geschichte der Pfarrei. Abgerufen am 13. Juli 2013 Es folgte 1898 die Ernennung der Missione Cattolica di Lingua Italiana zur Personalpfarrei im Jahr 1898, danach die Gründungen der Pfarreien Heilig Kreuz (Altstetten) 1900, St. Josef (Industriequartier) 1916, Herz Jesu (Wiedikon) 1921, St. Franziskus (Wollishofen) 1928 und Dreikönigen (Enge) 1951.Rainald Fischer, Die katholischen Kirchen in der Stadt Zürich. in: Guido Kolb, 100 Jahre St. Peter und Paul. S. 190–191
Mit 3‘660 Mitgliedern (Stand 2021) ist die Pfarrei St. Peter und Paul eine der mittelgrossen römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich.Katholische Kirche im Kanton Zürich. Jahresbericht 2021. S. 106.
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