mini|hochkant|Schutzumschlag der Erstausgabe des Romans 1954 Stiller ist ein Roman des Schweizer Schriftstellers Max Frisch, der im Jahr 1954 veröffentlicht wurde. Der Ich-Erzähler, der sich White nennt, wird verhaftet, weil man in ihm den verschollenen Bildhauer Anatol Stiller wiederzuerkennen glaubt. Im Gefängnis versucht White in Tagebüchern zu beweisen, dass er nicht Stiller ist. Seinem Wärter erzählt er abenteuerliche Geschichten, in denen er sich mehrfachen Mordes bezichtigt. Die Balletttänzerin Julika, die eine schwierige Ehe mit Stiller geführt hat, wird zu seiner Gefährtin, der Staatsanwalt Rolf, mit dessen Ehefrau Stiller eine Affäre gehabt hat, zu seinem Freund.

Themen des Romans sind die Frage nach Fremdbild und Identität, die Unzulänglichkeit der Sprache für die Wirklichkeit, das in zwei Ehen durchgespielte Verhältnis von Mann und Frau sowie die Kritik an der Schweiz. Formal ungewöhnlich sind die Tagebuchform und zahlreiche in den Roman eingebettete Geschichten, die als Parabeln gelesen und tiefenpsychologisch gedeutet werden können. In Zitaten nimmt Frisch Bezug auf Einflüsse aus Kultur und Literatur sowie auf seine Reiseerfahrungen in Mexiko und den USA.

Stiller verhalf dem Autor zu seinem literarischen Durchbruch. Der Roman wurde in der Literaturkritik begeistert aufgenommen und entwickelte sich zu einem Bestseller. In der Folge gab Frisch seinen Beruf als Architekt auf und widmete sich ganz der Tätigkeit als Schriftsteller.

Inhalt

mini|Zürich Hauptbahnhof, 1948

„Ich bin nicht Stiller!“ Mit diesen Worten wehrt sich der Ich-Erzähler, der einen amerikanischen Pass auf den Namen James Larkin White besitzt, gegen seine Festnahme bei der Einreise in die Schweiz. Dort hält man ihn für den verschollenen Schweizer Bildhauer Anatol Ludwig Stiller, eine Identität, die White beharrlich leugnet. Obwohl ihn Bekannte und Freunde als ebendiesen Stiller identifizieren, reagiert er auf sie wie ein Fremder, der nie etwas von dem berühmten Bildhauer gehört haben will. Was Stiller zur Last gelegt wird, bleibt nebulös. Schon sein Untertauchen weckt Spekulationen über eine mögliche Spionagetätigkeit. Whites konsequente Weigerung, der in ihm erkannte Stiller zu sein, schürt den Verdacht weiter, ebenso wie seine leidenschaftlich vorgetragene Kritik an der Schweiz. So bleibt White vorerst in Untersuchungshaft in einem Zürcher Gefängnis, wo nur sein Wärter Knobel ihn als den vielgereisten Weltenbummler zu akzeptieren bereit ist, als der White sich ausgibt. Begierig lauscht der Wärter Whites Anekdoten, wilden Abenteuergeschichten aus Mexiko und den USA, die immer bunter und widersprüchlicher werden und mehrere Morde enthalten, die der Häftling in Übersee begangen haben will. Auch seine Ehefrau will White ermordet haben, wobei er einschränkt, dass es auch Morde der Seele gebe, die der Polizei verborgen blieben.

Stillers Ehefrau Julika Stiller-Tschudy, eine ehemalige Balletttänzerin, die nun eine Tanzschule betreibt, reist aus Paris an, und auch sie erkennt in dem Gefangenen ihren Ehemann wieder. Aus ihrer Warte erfährt er von der schwierigen Beziehung Stillers zu Julika; zwei Menschen, die eher durch ihre Ängste, anderen Partnern nicht genügen zu können, aneinander gefesselt schienen als durch die offene Bereitschaft, den jeweils anderen anzunehmen und zu lieben. Für die Ursache aller Probleme hält Stiller sein Versagen im Spanischen Bürgerkrieg, in dem er weniger aus politischem Idealismus als aus Lebensüberdruss den Internationalen Brigaden beitrat, um bei der ersten Bewährungsprobe seine Unfähigkeit für den bewaffneten Kampf zu beweisen. Je länger die Ehe zwischen Julika und Stiller andauerte, umso mehr litt sie unter seiner Egozentrik und er unter ihrer Gefühlskälte. Schließlich musste Julika ihr geliebtes Ballett wegen einer Tuberkuloseerkrankung aufgeben und sich zur Kur nach Davos zurückziehen, während Stiller, der sich von seiner Frau permanent ins Unrecht gesetzt fühlte, in eine Affäre flüchtete. Als diese zerbrach, verließ Stiller auch seine kranke Ehefrau und blieb von da an verschollen.

White kann nach Julikas Erzählung diesen Stiller so wenig verstehen wie ihr gesamtes Umfeld. Und wie einst Stiller fühlt er sich von der schönen, distanzierten Julika angezogen. Auf Freigängen versucht er ihr als ein Fremder und nicht als ihr wieder aufgetauchter Ehemann näherzukommen, wird von ihr jedoch so wie von allen anderen auf die Identität Stillers zurückgewiesen. Auch sein Anwalt, der brave Dr. Bohnenblust, versucht ihm mit allen Mitteln zu beweisen, dass er der ist, der er nicht sein will. In dieser Situation wird ausgerechnet der Staatsanwalt zu seinem engsten Vertrauten und bald schon zu seinem Freund Rolf. Es stellt sich heraus, dass auch Rolf mit Stillers früherer Existenz verknüpft ist, denn seine Frau Sibylle war es, mit der Stiller eine Affäre hatte, woran die junge Ehe beinahe zerbrach. Rolf, der sich stets als toleranten Menschen gesehen hatte, versuchte sich auch seiner Frau gegenüber tolerant zu verhalten und trieb sie genau durch seine scheinbare Ungerührtheit immer tiefer in die Arme Stillers. Dieser scheute aus Schuldgefühlen seiner kranken Frau gegenüber die letzte Konsequenz, die in den Tagträumen Sibylles und Stillers eine gemeinsame Reise nach Paris bedeutet hätte. Erst als er ohnehin beruflich in die französische Hauptstadt musste und somit Julika ein unantastbares Alibi vorweisen konnte, war Stiller zu der Reise bereit, die nun Sibylle verweigerte. Sie zog sich von beiden Männern zurück, versuchte einige Monate lang in den USA Abstand zu gewinnen und kehrte am Ende zu ihrem Ehemann Rolf zurück.

Dr. Bohnenblust plant, seinen Mandanten mit einem Lokaltermin in Stillers Atelier zum „Geständnis“ zu verleiten, Stiller zu sein, auch im Sinne der armen Julika, für die der Anwalt wiederholt gegen seinen Mandanten Partei ergreift. Er bietet sogar Stillers gebrechlichen Vater auf, um seinen Mandanten aus der Reserve zu locken. Dies gelingt jedoch nur insofern, als White in einem Tobsuchtsanfall das Atelier samt Stillers alten Kunstwerken verwüstet. Zum Auslöser für seine Raserei wird Julikas verweigerte Antwort auf seine Frage, ob sie ihn liebe. Durch ihre Teilnahme an der Farce seines Anwalts fühlt er sich von ihr verraten. Zurück im Gefängnis identifiziert sich White erstmals als Stiller und offenbart seine Geschichte: Nach der gescheiterten Affäre mit Sibylle und seinem Bruch mit Julika reiste er als blinder Passagier nach Amerika und versuchte sich das Leben zu nehmen, doch überlebte er den Streifschuss. Nach der Nahtoderfahrung entschied er sich für ein neues Leben. Doch bei der Gerichtsverhandlung sind die Fakten eindeutig: Stiller wird wieder zu seinem alten Leben verurteilt, nämlich dazu, Stiller zu sein.

mini|Glion, 1949

Im Nachwort berichtet Rolf, der Staatsanwalt, von Stillers weiterem Lebensweg. Nach dem Prozess lässt er sich mit Julika in einem heruntergekommenen Chalet in Glion über dem Genfersee nieder, wo Stiller die Töpferei entdeckt und Julika als Lehrerin für rhythmische Gymnastik arbeitet. Dort besucht ihn Rolf zweimal. Während des ersten Besuches bemerkt er, dass es in Stillers Ehe weiterhin kriselt. Julika teilt ihm unter dem Mantel der Verschwiegenheit mit, ihre Krankheit sei erneut ausgebrochen und sie müsse so schnell wie möglich operiert werden, während Stiller die vermeintliche Gesundheit Julikas rühmt. Lange ist im Briefwechsel nicht von der Operation die Rede, doch als Rolf und Sibylle das Ehepaar Stiller an Ostern besuchen wollen, ist Julika gerade ein Teil der Lunge entfernt worden und Stiller außer sich vor Angst. In einer langen Nacht redet er mit Rolf über seine verzweifelte Beziehung zu Julika, die nie in der Lage war, seine Liebe zu erwidern. Er wirft sich vor, Julika kaputt gemacht zu haben, und fürchtet, sie wolle sterben. Am Morgen ist er nicht in der Lage, seine Frau im Krankenhaus zu besuchen. Als Rolf und Sibylle diese Aufgabe übernehmen, ist Julika bereits gestorben. Auf ihrem toten Antlitz erkennt Rolf Stillers Beschreibung wieder, und in ihm erwacht die Vermutung, Stiller habe Julika stets nur als Tote gesehen. Stiller nimmt die Nachricht äußerlich gefasst entgegen. Er meldet sich nach Julikas Begräbnis nur noch selten bei Rolf und lebt fortan alleine in Glion.

Form und Erzählperspektive

Der Roman Stiller besteht aus zwei – unterschiedlich umfangreichen – Teilen. Der erste Teil, betitelt Stillers Aufzeichnungen im Gefängnis, gliedert sich in sieben Hefte. Verfasser ist der Ich-Erzähler, der sich White nennt und im Gefängnis Tagebuch führt. Der zweite Teil besteht aus dem Nachwort des Staatsanwaltes. Hierin berichtet Rolf über das weitere Schicksal Stillers nach dessen Entlassung aus dem Gefängnis.Horst Steinmetz: Roman als Tagebuch: „Stiller“. In: Walter Schmitz (Hrsg.): Materialien zu Max Frisch „Stiller“. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-06919-5, Band 1, S. 103. Durch die Bezugnahme auf die Tagebuchhefte, die Stiller ihm im Winter vor Julikas Tod zugesandt habe, wird der Eindruck erweckt, der Staatsanwalt fungiere als Herausgeber von Stillers Aufzeichnungen.Daniel Rothenbühler: Max Frisch: Stiller (= Königs Erläuterungen und Materialien, Bd. 356). Bange Verlag, Hollfeld 2004, ISBN 978-3-8044-1813-4, S. 42.

Die Ich-Erzählung ist Frischs bevorzugte Erzählform, die er immer wieder zu Tagebuchromanen oder tagebuchartigen Romanen zugespitzt hat. In Stiller liegt der Tagebuchform ein Missverständnis zugrunde: Der Verteidiger gibt seinem Mandanten den Auftrag, sein Leben aufzuschreiben, doch dieser verfasst keine Memoiren, sondern ein Tagebuch, das üblicherweise dazu dient, aktuelle Ereignisse und Gedanken niederzuschreiben, also Zeugnis über den Verfasser zum Zeitpunkt der Niederschrift abzulegen. Dies ist ein erstes Anzeichen dafür, dass das Tagebuch-Ich über keine Vergangenheit verfügt, die es berichten kann.Horst Steinmetz: Roman als Tagebuch: „Stiller“. In: Walter Schmitz (Hrsg.): Materialien zu Max Frisch „Stiller“. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-06919-5, Band 1, S. 103–104.

Victor Lindblom unterteilt das mimetisch unzuverlässige Erzählen des Protagonisten in eine Stiller-Fiktion und eine White-Fiktion. Die beiden fiktiven Welten teilen sich manche fiktionalen Wahrheiten, andere hingegen widersprechen einander (etwa der Name des Protagonisten). Frisch gestalte die Stiller-Fiktion für den Leser wesentlich glaubwürdiger als die White-Fiktion, letztere lasse er aber als Möglichkeit offen, etwa als in der Episode beim Zahnarzt Whites Zahnschema nicht zu Stillers Röntgenbild passt. Damit könne der Leser jeden Satz des Romans aus mindestens zwei Perspektiven lesen. Im Unterschied zu den meisten Interpreten, die völlig die Stiller-Perspektive übernehmen, nach der White letztlich mit Stiller identisch ist, interpretiert Lindblom den Roman auch aus der White-Perspektive, also eines Menschen, der zu Unrecht mit dem verschollenen Stiller gleichgesetzt wird, aber am Ende resigniert das fremde Leben weiterleben und Stillers Fehler wiederholen muss.Victor Lindblom: Wer bin ich – und was kann ich dagegen tun? Fiktionale Wahrheit und mimetisch unzuverlässiges Erzählen in Max Frischs Stiller (1954). Kapitel aus: Matthias Aumüller, Tom Kindt: Der deutschsprachige Nachkriegsroman und die Tradition des unzuverlässigen Erzählens. Metzler, Berlin 2021, ISBN 978-3-476-05763-1.