mini|hochkant=1.5|Provinz Dersim 1937 Der Dersim-Aufstand war nach der Niederschlagung des Scheich-Said-Aufstands der letzte große Kurdenaufstand in der Türkei. Er ereignete sich 1937/38 in der Region Dersim, die in etwa der heutigen Provinz Tunceli entspricht, und wurde von den Eliten der sogenannten Dersim-Kurden angeführt, welche zu den Zaza zählen. Als Anführer galt Seyit Rıza. Staatlichen türkischen Berichten zufolge sollen zehn Prozent der insgesamt 65.000 bis 70.000 Einwohner der betroffenen Teile des historischen DersimsMartin van Bruinessen in: Genocide: Conceptual and Historical Dimensions. Philadelphia 1994, S. 141f im Verlauf der Auseinandersetzungen getötet worden sein. Die Zahl der Todesopfer wird auf mehr als 10.000Hans-Lukas Kieser: Der verpasste Friede. Mission, Ethnie und Staat in den Ostprovinzen der Türkei 1839–1938. Chronos, Zürich 2000, S. 411 bzw. um die 25.000Ismail Küpeli: Die kurdische Frage in der Türkei. Über die gewaltsame Durchsetzung von Nationalstaatlichkeit, transcript Verlag, Bielefeld 2022, S. 211: "Aufgrund der bisherigen Forschung sowie der Schätzungen in der vorhandenen Literatur lässt sich sagen, dass zwischen 1925 und 1938 etwa 60.000 Menschen getötet und über 180.000 Menschen vertrieben wurden. Die Zahl der Todesopfer lässt sich wie folgt bestimmen: (1) Scheich-Said-Aufstand 1925: 15.000 Tote, (2) Zilan-Massaker 1930: 15.000 Tote, (3) Dersim 1937-1938: 25.000 Tote, (4) übrige Militäroperationen: 5.000 Tote." Vgl. den Hinweis S. 208: "Der Soziologe Şükrü Aslan verglich 2010 in einer Untersuchung der offiziellen Bevölkerungsstatistiken von 1935 und 1940 miteinander. Er machte eine »fehlende Bevölkerung« von etwa 13.000 Personen aus […]. Allerdings waren in der Provinz Dersim sehr wahrscheinlich nicht alle Bewohner_innen statistisch erfasst, so dass die Gesamtzahl der Getöteten und Deportierten vermutlich noch höher war [...]." sowie die verschiedenen Angaben aus staatlichen Quellen sowie: "Während nach staatlichen türkischen Quellen in Dersim also etwas über 13.000 Menschen getötet wurden, gehen kurdische Autor_innen von 50.000 bis 70.000 Toten aus" (S. 209). geschätzt. Nach einer wissenschaftlichen Untersuchung an der UCLA beträgt die Zahl der Todesopfer mindestens 46.000 bis 63.000, auf der Grundlage von nach neuem Forschungsstand 150.000 Einwohnern. Die Regierung schlug die Revolte mit massiver Gewalt gegen Rebellen und Zivilisten nieder. Zahlreiche Bewohner wurden aus ihren Dörfern vertrieben, die anschließend zerstört wurden. Die Verluste auf Seiten der Armee betrugen etwa 100 Soldaten.Günter Seufert: Die Kurden und andere Minderheiten, in: Udo Steinbach (Hrsg.): Länderbericht Türkei. Bonn 2012, S. 238 Im Jahr 2011 entschuldigte sich die türkische Regierung für die Massaker und räumte 13.806 Todesopfer ein.
Hintergrund Der historische Hintergrund des Dersim-Aufstands wird hier vor allem für die Zeit seit der osmanischen Herrschaft dargestellt. Im Mittelpunkt steht der Übergang von einer nur begrenzt staatlich durchdrungenen osmanischen Randregion zu einem Gebiet, das im Zuge der Nationalstaatsbildung der frühen Republik Türkei zunehmend administrativ, militärisch und ideologisch integriert werden sollte. Frühere Besiedlungs- und Regionalgeschichte wird im Hauptartikel zu Dersim behandelt.
Historische Wurzeln des Konfliktes Der historische Hintergrund des Dersim-Aufstands liegt vor allem im Übergang von der spätosmanischen Ordnung zur frühen Republik Türkei. Das historische Dersim ist nicht mit der heutigen Provinz Tunceli identisch. Seine territorialen Grenzen veränderten sich bereits im Osmanischen Reich mehrfach. Das gebirgige Dersim war in seiner Geschichte vielfach Grenzregion verschiedener Herrschaftsgebiete und hatte auch im Osmanischen Reich seinen eigenständigen Charakter bewahrt. Dersim war eine Zeit lang Teil des Eyâlets Diyârbekir, das damals ein weiter nach Norden reichendes Gebiet umfasste als die heutige Provinz Diyarbakır. 1880 wurde es zu einer selbständigen Provinz Vilâyet Dersim und acht Jahre später Harput angegliedert.
Obwohl Dersim wiederholt in verschiedene Herrschafts- und Verwaltungsbereiche eingegliedert wurde, blieb die Region für die übergeordneten Herrschaftszentren lange von begrenzter strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Die zerklüftete Gebirgslandschaft, schwierige klimatische Bedingungen und geringe landwirtschaftliche Erträge erschwerten eine dauerhafte staatliche Durchdringung. Zugleich begünstigte die abgeschirmte Lage den Fortbestand lokaler Stammesstrukturen und religiöser Eigenständigkeit.
Erst nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches und der Entstehung der Republik Türkei rückte Dersim als ethnisch und religiös abweichend geprägte Binnenregion stärker in den Fokus des Staates. Die Politik der frühen Republik zielte darauf, die Region administrativ, militärisch und ideologisch in den nationalstaatlichen Ordnungsrahmen einzugliedern. Der Konflikt von 1937/38 entstand im Kern aus dem Widerstand der Bevölkerung Dersims gegen staatliche Zentralisierung, Türkisierung und Assimilation.
Bevölkerung, Religion und Sozialordnung Die historisch gewachsene Bevölkerung Dersims war und ist überwiegend kurdisch-alevitisch geprägt. Diese Einordnung bezieht sich vor allem auf die ortsansässige Regionalbevölkerung und nicht auf spätere Zuzüge staatlicher Bediensteter, Militärangehöriger oder anderer nicht ortsansässiger Gruppen. Im Kontext der frühen Republik Türkei nahm Dersim damit eine besondere Stellung ein, da die Region in ethnischer, religiöser und sprachlicher Hinsicht von der türkisch-sunnitisch geprägten Mehrheitsbevölkerung abwich.
Die Bevölkerung des historischen Dersim sprach überwiegend Zazaki beziehungsweise Kırmancki oder Dımli. Daneben bestanden kurmandschisprachige Gruppen. Diese Sprachen gehören nicht zu den Turksprachen, sondern zum iranischen Zweig der indogermanischen Sprachen. Die betroffenen Bevölkerungsgruppen zählten sich selbst überwiegend zu den Kurden und bewohnten ursprünglich die heutige Provinz Tunceli und ihr Umland.
Die soziale Organisation Dersims war traditionell von Stammesgesellschaften (eşiret) geprägt, die nicht selten untereinander konkurrierten. Daraus ergibt sich, dass die Bevölkerung des historischen Dersim nicht als geschlossene moderne Nationalgemeinschaft verstanden werden kann. Ein nationales Selbstbewusstsein hatte die Bevölkerung Dersims nicht.Vgl. Martin van Bruinessen: . Tokio 1999. (englisch) Vielmehr handelte es sich um eine regional verankerte Gesellschaft, deren soziale Ordnung durch Stammesverbände, religiöse Autoritäten und lokale Machtverhältnisse bestimmt wurde. Die traditionellen Gemeinschafts- und Stammesstrukturen und das Stammesrecht waren in den 1930er Jahren noch weitgehend intakt. Der Einfluss des Staates war gering. Es gab etwa 100 kleine Stämme, deren Führer um die Vorherrschaft rangen und sich mitunter blutige Fehden lieferten, in die sich die Armee bisweilen hineinziehen ließ.Martin van Bruinessen: Genocide in Kurdistan? 1994, S. 141–170.
Gerade diese ethnische, religiöse und traditionelle Eigenständigkeit unterschied Dersim wesentlich von der dominierenden Mehrheitsbevölkerung der frühen Republik Türkei. Im Zuge der türkischen Nationalstaatsbildung wurde diese Eigenständigkeit zunehmend als Problem staatlicher Ordnung, innerer Sicherheit und nationaler Homogenisierung wahrgenommen. Der spätere Konflikt mit der Zentralgewalt ergab sich somit aus dem Gegensatz zwischen einer kurdisch-alevitisch geprägten Regionalgesellschaft und einem Staatsprojekt, das türkische Sprache, türkische Identität und politische Loyalität miteinander verband.
Wirtschaft und Bildung Die Bevölkerung lebte in der Hauptsache von Ackerbau und Viehzucht, meist in Form von halbnomadischer Transhumanz.Rüdiger Alte: Der Aufstand von Dersim 1937/38. In: Finis mundi – Endzeiten und Weltenden im östlichen Europa. Stuttgart 1998, S. 149 Sie war arm und wenig gebildet. Ein kurdischer Nationalismus war insbesondere unter den gut ausgebildeten Söhnen führender Familien verbreitet.Martin van Bruinessen: Genocide in Kurdistan? 1994, S. 141–170.
Modernisierungs- und Einheitsbestrebungen der Republik Türkei Die feudalen Verhältnisse standen im Gegensatz zu den Modernisierungsbestrebungen der jungen Republik Türkei. Die staatliche Elite strebte danach, der Region die „Zivilisation“ (medeniyet) nahezubringen. Man wollte Straßen, Schulen und Fabriken bauen und die Bevölkerung von der Vormundschaft der alevitischen religiösen Führer, der Dedes, und der Feudalherren befreien. Dersim symbolisierte die Rückständigkeit des Osmanischen Reiches, die es zu überwinden galt.
Auch die ethnische Struktur Dersims stand im Gegensatz zum Nationalitätsverständnis und Einheitsbestreben des Staates. Kurden und Zaza wurden als potenzielle Gefahr für die staatliche Einheit betrachtet. Die Türkisierung der Bevölkerung war ein Mittel, dieser Gefahr zu begegnen.
Der Generalstabschef Fevzi Çakmak inspizierte die Region im Jahre 1930 und sandte dem Innenministerium und dem Ministerpräsidialamt einen Bericht, in dem er die Bombardierung verschiedener „dreister“ kurdischer Dörfer mit Hilfe der türkischen Luftwaffe als Exempel für alle vorschlug. Die Dörfer bezahlten keine Steuern, schickten ihre Kinder nicht zum Militär und wollten ihre Waffen nicht abgeben. Außerdem äußerte Çakmak Sorgen, dass 10.000 Kurden versuchten, türkische Dörfer zu „kurdisieren“.Genelkurmay belgelerinde Kürt isyanları. Bd. II, Istanbul 1992, S. 11 Einen Monat später begannen am 24. Oktober und am 1. November zwei kleinere Operationen in Pülümür. Dabei wurde nach Berichten des türkischen Generalstabs bei der letzten Operation u. a. das Dorf Kürk niedergebrannt und alle „Räuber“ in der Nähe des Dorfes vernichtet.
Innenminister Şükrü Kaya bereiste ein Jahr später das Gebiet und stellte fest, dass Stammesrecht gehandhabt werde und die Bevölkerung kaum Steuern zahle. Ferner gebe es massenhaften Waffenbesitz. Es herrsche Gesetzlosigkeit und man drücke sich vor der Wehrpflicht. Er schlug einen Zweistufenplan vor, der die Durchsetzung staatlicher Gewalt, Schulbildung und Türkisierung der Bevölkerung vorsah.Faik Bulut (Hrsg.): Belgelerle Dersim Raporları. Istanbul 1991, S. 148ff. Atatürk bezeichnete 1936 im türkischen Parlament die „Dersim-Frage“ als das wichtigste innenpolitische Problem des Landes.Paul J. White: Primitive rebels or revolutionary modernisers? Zed Books 2000, S. 79.
In der türkischen Presse und auch von Regierungsmitgliedern wurde Dersim als ‚Krankheit‘ (hastalık) und ‚Unheil‘ (belâ) bezeichnet. Die Macht der Aghas müsse gebrochen werden. Es sollten wirtschaftliche Maßnahmen eingeleitet, Straßen und Schulen gebaut und die Bevölkerung für den Staat „erwärmt werden“. Die Bewohner hätten sich vom Türkentum „entfremdet“, ihre Sprache zum Teil vergessen und angefangen, sich für Kurden zu halten.Ahmet Emin Yalman in der Tageszeitung Tan vom 15. Juni 1937. Faksimile bei M. Kalman: Belge ve tanıklarıyla Dersim Direnişleri. Istanbul 1995, S. 270.
Besiedlungsgesetz 1934 gerahmt|Das Besiedlungsgesetz im Amtsblatt Am 21. Juni 1934 trat das sogenannte BesiedlungsgesetzBesiedlungsgesetz Nr. 2510 vom 14. Juni 1934, RG Nr. 2733 vom 21. Juni 1934, S. 4003 ff. (PDF-Datei; 1,23 MB). (İskân Kanunu) mit Veröffentlichung im Amtsblatt der Türkei in Kraft. Ziel des Gesetzes war die Türkisierung der Bevölkerung, die staatliche Vertreter ohnehin zu den „ursprünglichen Türken“ rechneten. Dersim war das erste Gebiet, in dem das Gesetz zur Geltung kommen sollte.
Die Türkei wurde laut dem Mitte 1947 aufgehobenenMit Art. 13 des Gesetzes Nr. 5098 vom 18. Juni 1947, RG Nr. 6640 vom 24. Juni 1947, S. 12542 ff. (PDF-Datei; 1,06 MB). Artikel 2 in drei Zonen unterteilt: Regionen, in denen Bevölkerung türkischer Kultur angesiedelt werden soll Regionen, die für den Transport und die Ansiedlung jener Bevölkerung vorgesehen sind, die der türkischen Kultur angeglichen werden soll