Die Kanadische Orangenwurzel (Hydrastis canadensis), auch Goldsiegelwurzel oder Kanadische Gelbwurz genannt, ist die einzige Pflanzenart der Gattung Hydrastis und der Unterfamilie Hydrastidoideae innerhalb der Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae).

Beschreibung mini|Habitus mit den Laubblättern und einer Blüte mini|Die Staubblätter sind bei der Blüte am auffälligsten mini|Sammelfrucht

Vegetative Merkmale Die Kanadische Orangenwurzel ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 15 bis 50 Zentimeter erreicht. Es wird ein dickes, gelbes, kriechendes Rhizom als Überdauerungsorgan ausgebildet. Jeder aufrechte, unverzweigte Stängel besitzt ein hinfälliges einfaches Grundblatt, zwei Stängelblätter und eine endständige Blüte. Die Blattspreite der zwei Stängelblätter ist handförmig drei (selten bis neun) -lappig bis -teilig und hat zur Fruchtzeit eine Breite bis 25 Zentimeter. Der Blattrand ist gesägt.

Generative Merkmale Die Blütezeit liegt im Mai. Die zwittrige Blüte ist bei einem Durchmesser von 8 bis 18 Millimetern radiärsymmetrisch. Die Blütenhülle ist einfach. Die drei hinfälligen Blütenhüllblätter sind grünlich-weiß oder rosafarben und 3,5 bis 7 Millimeter groß. Es sind zahlreiche (50 bis 75) Staubblätter mit weißen Staubfäden vorhanden; sie sind der auffälligste Teil der Blüte und weisen eine Länge von 4 bis 8 Millimetern auf. Die fünf bis fünfzehn Fruchtblätter sind frei und enthalten jeweils zwei Samenanlagen. Die Narbe ist zweilappig.

5 bis 15 Beeren sitzen in kopfigen Sammelfrüchten zusammen, die eine Größe von 0,6 bis 1 Millimeter aufweisen. Die bei Reife roten Beeren sind meist 8 bis 15, selten bis zu 20 Millimeter groß und enthalten meist zwei Samen. Die glatten, schwarzen Samen sind 2,5 bis 4,5 Millimeter groß.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 26.

Vorkommen Das Verbreitungsgebiet von Hydrastis canadensis umfasst Ontario, Alabama, Arkansas, Connecticut, Delaware, Georgia, Illinois, Iowa, Kentucky, Maryland, Massachusetts, Michigan, Minnesota, Missouri, New Jersey, New York, North Carolina, Ohio, Pennsylvania, Tennessee, Vermont, Virginia, Westvirginia und Wisconsin. Die Kanadische Orangenwurzel kommt im warmen bis gemäßigten östlichen Nordamerika in sommergrünen Laubwäldern in Höhenlagen bis 1200 Metern vor. Sie wächst oft auf Lehmböden.

Taxonomie Die Erstveröffentlichung von Hydrastis canadensis erfolgte 1759 durch Carl von Linné in Systema Naturae ...Editio decima, reformata... 10. Auflage, Band 2, Seite 1088 (dort "Hydrastis canadens." geschrieben).

Geschichte Die Ureinwohner Nordamerikas nutzten die Kanadische Orangenwurzel als Medizin und als Färbemittel. Noch im 19. Jh. wurde sie von den Ureinwohnern in Form einer Tinktur als Tonikum und in Form eines Aufgusses zur äußerlichen Verwendung bei Konjunktivitis und bei geschwürigen Entzündungen verwendet. Ärzte der nordamerikanischen eklektischen Schule setzten sie daraufhin erfolgreich bei der Behandlung von Entzündungen der Schleimhäute ein.Alfred A. B. Durand: On Hydrastis canadiensis. In: The American Journal of Pharmacy, Philadelphia, Band 23, 1851, S. 112–118 (Digitalisat) Unter diesen Ärzten ging Grover Coe so weit, die Kanadische Orangenwurzel als Universalheilmittel anzupreisen.Grover Coe. Hydrastin. In: Concentrated Organic medicines: being a practical exposition of the therapeutic properties and clinical employment of the combined proximate medicinal constituents of indigenous and foreign plants. B. Keith, New York 1858, S. 359–364 (Digitalisat)

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Droge in Deutschland kaum beachtet. Sie wurde erst in die 1890 erschienene 3. Auflage des «Arzneibuchs für das Deutsche Reich» aufgenommen und als Mittel gegen Blutungen aus den weiblichen Genitalien, gegen Darmkatarrhe und als Tonikum bei Dyspepsie empfohlen.Prof. Dr. Henkel. Über einige neuere Drogen … Henkel. 3) Hydrastis canadensis L. In: Neues Jahrbuch für Pharmacie und verwandte Fächer. Band XVIII (1862), J. C. B. Mohr, Heidelberg S. 143–146 (Digitalisat)Arzneibuch für das Deutsche Reich. Dritte Ausgabe. Decker Berlin 1890, S. 256–257: Rhizoma Hydrastis (Digitalisat)Arzneibuch für das Deutsche Reich. Vierte Ausgabe. Decker Berlin 1900, S. 310: Rhizoma Hydrastis (Digitalisat)Hagers Handbuch der pharmaceutischen Praxis für Apotheker, Ärzte, Drogisten und Medicinalbeamte. Springer Berlin 1902, Band II, S. 77–83: Hydrastis (Digitalisat)Wolfgang Schneider: Lexikon zur Arzneimittelgeschichte. Sachwörterbuch zur Geschichte der pharmazeutischen Botanik, Chemie, Mineralogie, Pharmakologie, Zoologie. Govi-Verlag, Frankfurt a. M. Band 5/2 (1974), S. 181–182: Hydrastis (Digitalisat)

Neben Berberin findet sich in der Wurzel das Alkaloid Hydrastin, das 1851 von Durand schon beobachtet, 1862 von Perrins näher untersucht wurde.Alfred A. B. Durand. On Hydrastis canadiensis. In: The American Journal of Pharmacy, Philadelphia, Band 23, 1851, S. 112–118 (Digitalisat) F. Mahla. Berberin in Hydrastis Canadensis. In: The American Journal of Pharmacy, Band XXXIV, 3. Serie Band X (März 1862), Philadelphia S. 141–144 (Digitalisat) J. Dyson Perrins. On Hydrastine, an alkaloid occuring in Hydrastis canadensis. In: Pharmaceutical journal and transactions. 2. Serie, Band III, No. 11 (01.05.1862), London 1862, S. 546–547 (Digitalisat)August Husemann und Theodor Husemann. Die Pflanzenstoffe in chemischer, physiologischer, pharmakologischer und toxikologischer Hinsicht. Für Aerzte, Apotheker, Chemiker und Pharmakologen. Springer, Berlin 1871, S. 243 (Digitalisat)

Quellen Literatur Bruce A. Ford: In: Flora of North America Editorial Committee (Hrsg.): Flora of North America North of Mexico. Volume 3: Magnoliophyta: Magnoliidae and Hamamelidae. Oxford University Press, New York und Oxford, 1997, ISBN 0-19-511246-6. Hydrastis. - textgleich online wie gedrucktes Werk. Eckehart J. Jäger, Friedrich Ebel, Peter Hanelt, Gerd K. Müller (Hrsg.): Rothmaler Exkursionsflora von Deutschland. Band 5: Krautige Zier- und Nutzpflanzen. Spektrum Akademischer Verlag, Berlin Heidelberg 2008, ISBN 978-3-8274-0918-8.

Einzelnachweise Bruce A. Ford: In: Flora of North America Editorial Committee (Hrsg.): Flora of North America North of Mexico. Volume 3: Magnoliophyta: Magnoliidae and Hamamelidae. Oxford University Press, New York und Oxford, 1997, ISBN 0-19-511246-6. Hydrastis. - textgleich online wie gedrucktes Werk.

Weblinks

Thomas Schöpke: Arzneipflanzenlexikon (Institut für Pharmazie, Universität Greifswald). Eintrag bei Henriette's Herbal Homepage.

Kategorie:Hahnenfußgewächse Kategorie:Heilpflanze