Das KZ-Außenlager Schandelah war eines der zahlreichen Außenlager des KZ Neuengamme. Das KZ-Außenlager lag etwa drei Kilometer nordöstlich des Dorfes Schandelah, das seit 1974 zur Gemeinde Cremlingen gehört. Das ehemalige Lagergelände liegt am nordöstlichen Rand des Landkreises Wolfenbüttel in Niedersachsen. Heute befindet sich die kleine Siedlung Wohld auf dem Gelände. Neben KZ-Außenlager Schandelah sind weitere Bezeichnungen gebräuchlich, darunter Außenlager Schandelah, Konzentrationslager Schandelah, KZ Schandelah und KZ Schandelah-Wohld. Im damaligen Sprachgebrauch wurde das Lager als Außenkommando bezeichnet.

Das KZ Schandelah bestand vom 8. Mai 1944 bis zum 10. April 1945.Schandelah kz-gedenkstaette-neuengamme.de. KZ-Häftlinge aus dem KZ Neuengamme und dem Außenlager Salzgitter-Drütte wurden in Schandelah als Zwangsarbeiter eingesetzt und von der SS bewacht. Die Häftlinge mussten Ölschiefer abbauen, aus dem in einem Versuchswerk synthetisches Benzin gewonnen wurde. Außerdem bauten sie Gleisanlagen für den Eisenbahntransport. Sie wurden menschenunwürdig behandelt. Die harte Arbeit, Unterernährung und Kälte führten zu Krankheiten und zu zahlreichen Todesfällen. Etwa 200 Personen starben im KZ-Außenlager Schandelah.

Im Rahmen des Mineralölsicherungsplans galt das Versuchswerk in Schandelah als wichtige Einrichtung für die Erforschung und Herstellung von synthetischem Benzin aus Ölschiefer. Für die fachliche Durchführung war die Steinöl GmbH mit Sitz in Braunschweig zuständig, die eigens zu diesem Zweck gegründet worden war. Solms Wilhelm Wittig war Geschäftsführer der Steinöl GmbH und zugleich Leiter des Forschungsinstituts für Naturasphalt an der Technischen Hochschule Braunschweig, mit dem die Steinöl GmbH beim Aufbau und Betrieb des Versuchswerks zusammenarbeitete.

Im Jahr 1985 wurde auf dem ehemaligen Lagergelände eine Gedenkstätte eingeweiht, die Gedenkstätte Schandelah-Wohld. Eine zweite Gedenkstätte liegt zwei Kilometer weiter östlich bei Scheppau. Die Gedenkstätte Scheppau ist ein Friedhof, auf dem 97 verstorbene Häftlinge bestattet sind.

mini|hochkant=1.5|Gedenkstein in der Gedenkstätte Schandelah-Wohld

Lage Etwa drei Kilometer nordöstlich von Schandelah liegt der kleine Ortsteil Wohld. Hier stehen auf einer Länge von 200 Metern Gebäude entlang der in Ost-West-Richtung verlaufenden Landesstraße 633. Das Gelände des Häftlingslagers lag im Bereich der heutigen Siedlung Wohld und erstreckte sich darüber hinaus weiter nach Norden. Die Häftlingsbaracken standen südlich der Straße; heute ist dort eine Ackerfläche. Der ehemalige Tagebau des Ölschieferabbaus lag gegenüber auf der nördlichen Seite der Straße. Dieser Bereich ist heute eine vom Bäumen gesäumte längliche Wasserfläche.

Hintergrund Ab 1943 ließ das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition unter Albert Speer prüfen, ob die Gewinnung von Öl als kriegswichtigem Treibstoff aus Ölschiefer möglich sei. Ölschiefergestein enthält bituminöse Bestandteile, die brennbar sind. Unter Einfluss von Wärme lässt sich in einem Schwelverfahren Schieferöl in kleinen Mengen gewinnen.

Das Posidonienschieferlager im Süden von Wolfsburg wurde für sehr bedeutend zur massenhaften Treibstofferzeugung gehalten, denn die knapp 40 Meter mächtige ölführende Schicht lag dort in einer Länge von etwa 11 Kilometern und einer Breite von 2,5 Kilometern vor. Bereits im Ersten Weltkrieg hatte es Versuche gegeben, Öl aus diesem Vorkommen zu gewinnen.Siehe die Dissertation von Helmuth Katz: Über die chemische Untersuchung des Braunschweiger Posidonienschiefers und seiner Produkte. Karlsruhe: Lang 1919 (Digitalisat) Die Braunschweigische Kohlen-Bergwerke AG schätzte im Jahre 1943, dass 75 Mio. Tonnen Schandelaher Schieferöl gewonnen werden könnten.

Die Treibstoffversorgung der Wehrmacht verschlechterte sich nach dem Verlust der rumänischen Ölfelder und infolge der Bombardierung der deutschen Treibstoffanlagen immer weiter. Nach einem persönlichen Treffen mit Adolf Hitler am 30. Mai 1944 entwickelte Edmund Geilenberg den Mineralölsicherungsplan, der mit höchster Priorität beschlossen wurde. Er wird auch als Geilenberg-Programm bezeichnet.Buggeln 2007, S. 522. Die Nationalsozialisten hofften mit den Maßnahmen dieses Plans ihren Treibstoffengpass zu beseitigen. Aufgrund des Mineralölsicherungsplans wurde der Ausbau des Lagers in Schandelah forciert.

Das wichtigste Ölschieferprogramm des Mineralölsicherungsplans lief unter dem Decknamen „Unternehmen Wüste“ in Württemberg. Hier wurde Ölschiefer am Fuß der Schwäbischen Alb zwischen Tübingen und Rottweil abgebaut. Die Arbeit wurde von mehr 11.000 Häftlingen geleistet, die in sieben Konzentrationslagern untergebracht waren. Sie arbeiteten in den Steinbrüchen und errichteten zehn Produktionsstätten, von denen vier in Betrieb gingen. Als der Mineralölsicherungsplan im Juni 1944 ausgearbeitet wurde, waren drei Versuchsanlagen bereits in Betrieb. Die Versuchsanlage von Schandelah wurde dagegen erst im Januar 1945 in Betrieb genommen.

Planungen Im Sommer 1943 fand bei dem Ministerpräsidenten des Freistaates Braunschweig Dietrich Klagges eine Besprechung statt, an der Solms Wilhelm Wittig teilnahm, der seit 1941 Generaldirektor der Deutschen Asphalt AG (DASAG) war; der Freistaat Braunschweig war mit 97 Prozent Hauptaktionär der DASAG. An der Besprechung nahmen auch Hans-Joachim Freiherr von Kruedener, Oberbergrat Göhlich und Direktor Borchart teil. In der Folge wurde die Steinöl GmbH mit Sitz in Braunschweig als eine Tochtergesellschaft der DASAG gegründet. Zur Verschleierung des eigentlichen Zwecks wurde sie als Kalk- und Zementwerke Schandelah ins Handelsregister eingetragen.Petry 2003, S. 240. Wittig wurde Geschäftsführer der Steinöl GmbH, Hans Detlev Ohlen sein Stellvertreter.

Die Reichsregierung sicherte vertraglich eine Verzinsung der Investitionen zu, beteiligte sich mit 50 Prozent am Aktien-Stammkapital und finanzierte die erforderlichen 7–8 Millionen Reichsmark zum Bau eines Versuchswerkes zur synthetischen Herstellung von Öl vor.Jürgen Kumlehn: KZ Schandelah – Vorgeschichte ns-spurensuche.de Im Oktober 1943 warb Ministerpräsident Klagges in einem Schreiben an den Reichsführer SS Heinrich Himmler für das Vorantreiben der Ölgewinnung im Land Braunschweig.Bundesarchiv NS 19 Nr. 1386, zitiert nach Petry 2003, S. 237. Am 20. Januar 1944 fand mit dem Lagerkommandanten der KZ Salzgitter-Drütte Herbert Rautenberg und Vertretern der Steinöl GmbH ein Ortstermin in Schandelah zur Errichtung des Häftlingslagers statt.

Lagerbetrieb Häftlinge Das Lager wurde erstmals um den 18. Mai 1944 mit etwa 100 Häftlingen belegt. Die Zahl der Häftlinge stieg bis zum November 1944 auf etwa 750 bis 800 an und blieb dann bis April 1945 relativ konstant.

Die Lagerhäftlinge kamen zum größten Teil aus der Sowjetunion, aus Polen, Belgien und Frankreich und kleinere Personengruppen aus den Niederlanden, aus Dänemark, Deutschland, Spanien, Italien, Griechenland, aus der Tschechoslowakei und Jugoslawien.

Das KZ war durch einen elektrisch geladenen Stacheldraht gegen Fluchtversuche gesichert.

Baracken Die Unterkunft für die Häftlinge bestand zunächst nur aus einer KZ-Baracke. Später gab es im Häftlingslager vier Baracken. Drei davon waren mit Häftlingen belegt. Eine Baracke war zweigeteilt – ein Bereich diente als Krankenstation („Revier“ genannt), der andere war für Handwerker vorgesehen.

Tätigkeiten der Häftlinge Die Häftlinge wurden für den Ölschiefer-Tagebau, den Bau einer Eisenbahnlinie zum Bahnhof Schandelah und den Bau der Unterkünfte eingesetzt, später auch an den Versuchsöfen. Häftlinge arbeiteten auch in der Versorgung und Verwaltung. Sträflingskolonnen arbeiteten in 12-Stunden-Schichten. Je eine Kolonne arbeitete entweder beim Ölschieferabbau oder beim Eisenbahnbau. Die Kolonnen wurden „Kommandos“ genannt und von einem Kapo beaufsichtigt. Die Eisenbahnkolonne wurde „Kommando Staatsbahn“ genannt.

Im Schieferbruch wurde das Gestein mit der Hacke herausgebrochen und mit der Hand in Loren verladen. Zur Gewinnung von einer Tonne Schweröl mussten etwa 35 Tonnen Ölschiefer gebrochen werden. Die Häftlinge, die im Eisenbahnbau beschäftigt waren, mussten mit Schaufeln und Hacken das Gleisbett ausheben und ohne maschinelle Hilfe die Schwellen und die tonnenschweren eisernen Gleise verlegen.

Im Januar 1945 begann der Betrieb der beiden Versuchsöfen. Für den Betrieb der beiden Öfen wurden jeweils 70 Häftlinge eingesetzt. In zwei 12-Stunden-Schichten schaufelten sie 24 bis 32 Tonnen Ölschiefer in die Öfen.

Zuständigkeiten Zu Beginn hatte SS-Oberscharführer Ewald Jauch das Kommando über das Lager Schandelah. Ab dem 11. August 1944 übernahm SS-Unterscharführer Friedrich Ebsen das Kommando.

Die Steinöl GmbH war für den Bau, die Einrichtung, den Unterhalt und die Beheizung der Unterkünfte zuständig, außerdem für die Einteilung der Arbeiten der KZ-Häftlinge. Ferner war sie auch für die Begleichung der Medikamentenrechnungen verantwortlich, worüber sie sich zum Teil schriftlich über die Rechnungshöhe beschwerte und die Unterschrift verweigerte. Im Mai 1944 wurde mit der Steinöl GmbH vereinbart, dass kranke und nicht mehr arbeitsfähige KZ-Häftlinge nach Neuengamme bzw. nach Salzgitter zurückgeschickt werden.Petry 2003, S. 240, 242, 245 f., 248.

Die Steinöl GmbH kooperierte bei dem Ölschiefer-Projekt mit dem Forschungsinstitut für Naturasphalt an der TH Braunschweig. Solms Wilhelm Wittig, der Geschäftsführer der Steinöl GmbH, war seit 1941 auch Leiter des Forschungsinstituts.Solms Wilhelm Wittig im Braunschweiger Professor*innenkatalog (TU Braunschweig), siehe Abschnitt akademische Selbstverwaltung. Der wichtigste Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Naturasphalt war der Chemiker Otto Hefter, der sich seit 1937 mit der Gewinnung von Öl befasst hatte. Nach der Bombardierung Braunschweigs am 15. Oktober 1944 wurde das Forschungsinstitut nach Schandelah verlegt. Hefter wechselte nach Schandelah, um dort den Bau der Versuchsöfen der Steinöl GmbH zu überwachen. Sein Gehalt wurde weiterhin von der TH Braunschweig bezahlt.

Die SS war für die Bewachung sowie für den An- und Abtransport der KZ-Häftlinge zuständig, aber auch für Verpflegung, Bekleidung und medizinische Versorgung. Mit Karabinern und Schlagstöcken bewaffnete SS-Männer bewachten die Sträflinge bei der Arbeit. Die SS-Wachmannschaft, die den Eisenbahnbau bewachte, galt als besonders brutal. Das SS-Personal unterstand nicht dem KZ Neuengamme, sondern dem SS-Hauptscharführer Max Kirstein, der im Braunschweiger KZ-Außenlager Schillstraße Lagerkommandant war und in der Region als Stützpunktleiter fungierte.Karl Liedke: Braunschweig (Büssing). In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C.H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-52965-8, S. 358 ff.

Mit dem Mineralölsicherungsplan („Geilenberg-Programm“) erhielt das Versuchswerk höchste Kriegswichtigkeit. Geilenberg besuchte im Herbst 1944 persönlich das Lager Schandelah gemeinsam mit Wittig und anderen Firmenangehörigen der Steinöl GmbH. In der SS-Baracke forcierte er die Anbindung ans Schienennetz, drängte auf den baldigen Bau der Versuchsöfen und wollte sich um die weitere Bereitstellung von KZ-Häftlingen kümmern.Bundesarchiv NS 3 Nr. 823, Schriftlicher Bericht von Kruedener am 19. September 1944, zitiert nach Petry 2003, S. 244.

Unmenschliche Bedingungen im Lager