Die Altdeutsche Genesis ist eine frühmittelhochdeutsche, dichterische Bearbeitung der biblischen Genesis aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts (ca. 1060–1080). Das Werk ist in drei Fassungen überliefert, die alle ins 12. Jahrhundert datiert werden: in der Wiener und MillstätterKlagenfurt, Landesarchiv, Cod. GV 6/19 Handschrift, die auf eine gemeinsame Vorlage zurückgehen, sowie in der Vorauer SammelhandschriftVorau, Stiftsbibl., cod. 276.
Entstehung und Überlieferung Der Autor wie auch der Entstehungsort des Archetyps, also der ursprünglichen Fassung der Altdeutschen Genesis, sind unbekannt. Entstehungszeit und Inhalt sprechen für den geistlichen Stand des Verfassers, der sich allerdings nicht näher eingrenzen lässt. Aufgrund der bairisch-österreichischen Schreibsprache der drei überlieferten Versionen wird vermutet, dass der Archetyp aus dem bairisch-österreichischen Sprachraum stammt.Josef Eßer: Die Schöpfungsgeschichte in der "Altdeutschen Genesis" (Wiener Genesis V. 1 - 231). Kommentar und Interpretation. Göppingen 1987, S. 61–69 (mit aktuellem Forschungsüberblick über alle Fragen, welche die Autorschaft betreffen). Der Auftraggeber ist unbekannt.Josef Eßer: Die Schöpfungsgeschichte in der "Altdeutschen Genesis" (Wiener Genesis V. 1 - 231). Kommentar und Interpretation. Göppingen 1987 (GAG 455), S. 67–69 (Forschungsüberblick). Auch der Adressatenkreis ist unklar: Hinter der in der Wiener und Millstätter Genesis überlieferten Anrede im Prolog mit mîne lieben und der predigthaften Aufforderung nû vernemet (…) eine rede wurden in der Forschung Laien vom Bauern- bis zum Adelsstand, Weltgeistliche oder Ordensgeistliche vermutet; die Publikumsfrage ließ sich bisher nicht überzeugend klären.Josef Eßer: Die Schöpfungsgeschichte in der "Altdeutschen Genesis" (Wiener Genesis V. 1 - 231). Kommentar und Interpretation. Göppingen 1987 (GAG 455), S. 47–69 (Forschungsüberblick) sowie S. 79–86. Die Aussagen Eßers beziehen sich jeweils auf die Wiener Genesis, lassen sich aber gleichermaßen auf die Millstätter Genesis übertragen. Prolog der Wiener GenesisTextausgabe der Wiener Genesis: Die frühmittelhochdeutsche Wiener Genesis. Kritische Ausgabe mit einem einleitenden Kommentar zur Überlieferung. Hrsg. v. Kathryn Smits. Berlin 1972 (PhStQu 59). (Demutsformel, Publikumsanrede und Ankündigung einer rede) NV fer nemet, mine liebe, ich wil iu aine rede fore tuon. ube mir got der guote geruochet ſenten zemuote daz ich chunne reden alſo ich diu buoch hore zelen, ſo wurde diu zala minnechlich: denne goteſ wuntere iſt niwetclich. (V. 1-4) Prolog der Millstätter GenesisTextausgabe der Millstätter Handschrift: Genesis und Exodus nach der Milstäter Handschrift. Hrsg. von Joseph Diemer. Bd. 1: Einleitung und Text. Wien 1862; online abrufbar bei Google Books. (Demutsformel, Publikumsanrede und Ankündigung einer rede) Nv uernemet mine lieben, eine rede wil ich iv uorbrieuen: obe mir got der guote geruochit ze ſenden ze muote, daz ich wol chunde reden alſo ich div buoch hore zelen, ſo wrde min ſprechen lobelich: dem goteſ wndir iſt niht g(eli)ch. (V. 1-4) Prolog der 'Vorauer Bücher Mosis' in der Vorauer HandschriftTextausgabe der 'Vorauer Bücher Mosis': Deutsche Gedichte des XI. und XII. Jahrhunderts. Hrsg. von Joseph Diemer. Wien 1849 (Nachdruck Darmstadt 1968), S. 1–90; online abrufbar bei Google Books. Textabdruck der Vorauer Josephsgeschichte aus der 'Altdeutschen Genesis': Beiträge zur älteren deutschen Sprache und Literatur. XX. Geschichte Joseph's in Aegypten nach der Vorauer Handschrift. Hrsg. von Joseph Diemer. In: Sitzungsberichte der phil.-hist. Classe der kaiserl. Akademie der Wissenschaften 47. Wien 1864, S. 636-687; online abrufbar bei Google Books. (Demutsformel und Ankündigung einer rede ohne Publikumsansprache) Getorste ich uon minen ſunden, ſo wolde ich ev gerne chunden vone mineme ſchaphâre eine rede here. (V. 1f.) Die Vorauer Genesis ersetzt den Prolog der 'Altdeutschen Genesis' durch den Prolog der jüngeren 'Vorauer Bücher Mosis';Kurt Gärtner: Vorauer Handschrift 276, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 10 (1999), Sp. 516-521, hier Sp. 514'Vorauer Bücher Mosis': Eintrag im Handschriftencensus. dieser enthält keinerlei Hinweise mehr auf ein mögliches Publikum.
Die Wiener Genesis war wohl für den Vortrag gedacht (vgl. rede fore tuon in Vers 1, im Gegensatz zur Millstätter Genesis: uorbrieuenverbrieven laut Mhd. Wörterbuch von M. Lexer: "durch eine urkunde, durch unterschrift u. siegel bekräftigen"), den man sich gesungen oder gesangsartig in der Art einer Lectio rezitiert vorstellen kann. Der mögliche Zeitpunkt des Vortrags im Laufe des Kirchenjahrs ist umstritten; für einen Vortrag der Wiener Genesis in der Fastenzeit sprechen die Hervorhebung von Themen wie Sünde, Reue und Buße (bes. in der Wiener Textfassung) sowie die lateinische Formel laus tibi domine (Wiener Genesis, V. 526 bzw. Millstätter Genesis, S. 21 V. 2), welche in der fastenzeitlichen Lesung von Gn 1-14 typischerweise das sonst übliche Halleluja der Liturgie ersetzt.Josef Eßer: Die Schöpfungsgeschichte in der "Altdeutschen Genesis" (Wiener Genesis V. 1 - 231). Kommentar und Interpretation. Göppingen 1987, S. 79–86 (mit aktuellem Forschungsüberblick). Gegen die Annahme der liturgischen Verwendung der Wiener Genesis zur Fastenzeit und überhaupt gegen eine zeitliche Einordnung ins Kirchenjahr spricht allerdings, dass sie nicht in einzelne Lektionen unterteilbar ist; man wird „wohl kaum mehr behaupten dürfen, als daß die Wi(ener) G(enesis) durch die Liturgie der Fastenzeit angeregt wurde und der Text deutliche Affinitäten zur Liturgie besitzt.“Josef Eßer: Die Schöpfungsgeschichte in der "Altdeutschen Genesis" (Wiener Genesis V. 1 - 231). Kommentar und Interpretation. Göppingen 1987, S. 86.
Wahrscheinlich gehen die Wiener und die Millstätter Genesis nicht unmittelbar auf die Ursprungsfassung zurück. Es wird eine gemeinsame Vorlage *WM angenommen, die ihrerseits eine Redaktion der Altdeutschen Genesis war. Die Vorauer Handschrift ist hingegen nicht auf die *WM zurückzuführen. Dieses Handschriftenstemma für die Überlieferung der 'Altdeutschen Genesis' wurde erstmals von Joseph Diemer formuliertJoseph Diemer (Hg.), Genesis und Exodus nach der Milstäter Handschrift, Bd. 1: Einleitung und Text, Wien 1862, S. IV; online abrufbar bei Google Books. und ist weitgehend unumstritten.Josef Eßer: Die Schöpfungsgeschichte in der "Altdeutschen Genesis" (Wiener Genesis V. 1 - 231). Kommentar und Interpretation. Göppingen 1987, S. 20; Forschungsüberblick zum Thema ebd., S. 20–26.
Inhalt Die Textgrundlage für die Altdeutsche Genesis ist das Buch Genesis des Alten Testaments und reicht von der Schöpfungsgeschichte bis zum Tode JosephsUrsula Hennig: Altdeutsche Genesis, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 1 (1978), 279-284, hier Sp. 280.. Dabei hält sich der Text größtenteils an die Vulgata, es gibt allerdings auch wesentliche Unterschiede. Viele Bereiche wurden so abgeändert, dass der handelnde Mensch im Mittelpunkt der Heilsgeschichte steht. Zentrale Themen sind Sünde, Beichte, Reue und Buße.
Dabei unterscheiden sich die Millstätter und die Wiener Genesis in Inhalt und Textaufbau kaum voneinanderTheresa Sünger: Studien zur Struktur der Wiener und Millstätter Genesis, in: Kärntner Museumsschriften 36, Klagenfurt 1964, S. 109.. Genauer ist die Millstätter Genesis als jüngere Bearbeitung der Altdeutschen Genesis zu betrachten, da sie sich um eine zeitgemäßere Sprache und eine Glättung der Reime bemühtTheresa Sünger: Studien zur Struktur der Wiener und Millstätter Genesis, in: Kärntner Museumsschriften 36, Klagenfurt 1964, S. 26.. Die Vorauer Handschrift weicht inhaltlich sehr von der Millstätter und Wiener Genesis ab und übernimmt nur die Josephsgeschichte, die jedoch auf einer gemeinsamen Vorlage beruht und nicht direkt aus der Wiener Handschrift übertragen wurdeUrsula Hennig: Vorauer Bücher Mosis, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 1 (1999), Sp. 513–516, hier Sp. 514.. In der Vorauer Genesis ist die göttliche Trinität ein Leitmotiv.
Die Kürzungen und Auslassungen, die in der Altdeutschen Genesis gegenüber der biblischen Vorlage vorgenommen wurden, fokussieren das Erzählte auf Hauptpersonen und -ereignisse. Die Erzählintention wird zusätzlich durch Erweiterungen hervorgehoben. So wird z. B. der Mensch in den Mittelpunkt der Heilsgeschichte gestelltUrsula Hennig: Altdeutsche Genesis, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 1 (1978), Sp. 279–284, hier Sp. 281.. In der Wiener und Millstätter Handschrift überwiegt im Gegensatz zur Vorauer die moralische Intention.Ursula Hennig: Altdeutsche Genesis, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 1 (1978), Sp. 279–284, hier Sp. 282.
Bildausstattung Zwei der Handschriften der Altdeutsche Genesis sind mit Federzeichnungen ausgestattet.
In der Millstätter Handschrift finden sich in den Teilen Genesis insgesamt 87 Illustrationen, in roter, blauer und brauner Farbe. Die Bilder sind einfach gehaltene Umrisszeichnungen ohne künstlerischen Anspruch und sind ohne Rahmung in den Text eingefügtFidel Rädle: Millstätter Handschrift, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 1 (1987), Sp. 531–534, hier Sp. 532..
Die Wiener Handschrift ist nur mit sieben Illustrationen ausgestattet, obwohl Platz für weitere Bilder ausgespart wurde, die aber nie ausgeführt worden sindTheresa Sünger: Studien zur Struktur der Wiener und Millstätter Genesis, in: Kärntner Museumsschriften 36, Klagenfurt 1964, S. 25.. Die Aussparungen in der Wiener Handschrift sind an ähnlichen Stellen wie in der MillstätterTheresa Sünger: Studien zur Struktur der Wiener und Millstätter Genesis, in: Kärntner Museumsschriften 36, Klagenfurt 1964, S. 25., weshalb in der Forschung eine nähere Verwandtschaft der Handschriften angenommen wirdUrsula Hennig: Altdeutsche Genesis, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 1 (1978), Sp. 279–284, hier Sp. 280..
Die Vorauer Genesis ist nicht mit Bildmaterial ausgestattet worden.
Übersicht der Illustrationen In der Wiener Handschrift Federzeichnungen/Miniaturen fol. Ir Gott in der Mandorla zwischen den Erzengeln Gabriel und Michael und die neun Chöre der Engel. fol. Iv Luzifer auf dem Throne Gottes und die drei Erzengel. fol. IIr Engelsturz: der Erzengel Michael schleudert den als Teufel abgebildeten Luzifer in die durch Flammen und Qualm dargestellte Hölle.fol. IIv leer fol. 4r Segnender Christus zwischen einem Mann und einer Frau (Stifterfiguren). fol. 4v Heiliger Bischof zwischen zwei (adligen?) Bestellern. Ein Attribut des Heiligen fehlt. fol. 5r Heiliger zwischen zwei Greisen, vielleicht die Verklärung Christi (Christus zwischen Moses und Elias). fol. 5v Gott und männliche Figur.Zitiert nach: Codex Vindobonensis 2721. Frühmittelhochdeutsche Sammelhandschrift der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. ‚Genesis‘ – ‚Physiologus‘ – ‚Exodus‘. Hrsg. von Edgar Papp. Göppingen 1980 (Litterae 79), S. 14f.
In der Millstätter Handschrift Federzeichnungen/Miniaturen fol. 3r Beschluss, den Menschen zu schaffen fol. 3v Erschaffung Adams fol. 6r Beseelung Adams fol. 8r Adam zwischen dem Baum des Lebens und dem der Erkenntnis fol. 9r Adam gibt den Tieren Namen fol. 9v Erschaffung Evas fol. 10r Versuchung Evas fol. 11r Sündenfall fol. 12r Entdeckung fol. 14v Vertreibung aus dem Paradies fol. 16v Engel als Wächter am Paradiesestor fol. 17r Beilager Adams und Evas fol. 18r Geburt Kains fol. 19r Opfer Kains und Abels fol. 19v Brudermord fol. 21r Befehl an Noah zum Archebau fol. 21r Einzug in die Arche fol. 22r Auszug aus der Arche fol. 22r Noahs Dankopfer fol. 23r Noahs Blöße und Hams Spott fol. 23r Noahs Fluch über Ham fol. 24r Turmbau zu Babel fol. 24v Erwählung Abrahams fol. 25v Verheißung an Abraham fol. 26r Sara legt Hagar zu ihrem Mann fol. 26v Geburt Ismaels fol. 27r Gebot der Beschneidung