A Child of Our Time () ist ein Oratorium des englischen Komponisten Michael Tippett (1905–1998), das in den Jahren 1939 bis 1941 entstanden ist. In seinem Zentrum steht die anonymisierte Geschichte des 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan, der am 7. November 1938 den deutschen Botschaftssekretär Ernst vom Rath in der deutschen Botschaft in Paris erschossen hat, was den Nationalsozialisten einen willkommenen Vorwand für eine das ganze Land überziehende Welle antisemitischer Gewalt, die Novemberpogrome lieferte. Es war das im 20. Jahrhundert eskalierende Schicksal der politisch-rassisch Verfolgten, das Tippett veranlasste, das drängende Problem seiner Zeit in überzeitlich gültiger Form darzustellen. Das Oratorium wurde am 19. März 1944 in London erstmals aufgeführt.

Zum Werk The darkness declares the glory of light – Die Dunkelheit kündet von der Herrlichkeit des Lichts. Dieses Motto hat Tippett seinem wohl wichtigsten und bekanntesten Werk vorangestellt. Sein während der ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs komponiertes Oratorium A Child of Our Time wollte Tippett trotz des darin ausgedrückten massiven Protestes gegen Diktatur, Rassismus und Unterdrückung auch als Versöhnungswerk verstanden wissen. Gemäß den dualistischen Thesen C. G. Jungs gab er der Überzeugung Ausdruck, dass das Böse und Gute stets zusammengehören, so wie Licht und Schatten sich wechselseitig bedingen.

Titel Der Titel Ein Kind unserer Zeit geht auf einen Romantitel von Ödön von Horváth (1938) zurück, in dem die Geschichte eines am sinnlosen Krieg verzweifelnden Soldaten geschildert wird. Obwohl der zentrale Teil des dreiteiligen Oratoriums konkret auf die historische Geschichte Herschel Grynszpans – des Kindes unserer Zeit – Bezug nimmt, hat Tippetts eindringliche Botschaft durch ihre emotionale Sprache auch heute nichts an Aktualität und Ausstrahlungskraft verloren.

Anlass Am Vormittag des 7. November 1938 kaufte sich der 17-jährige jüdische Jugendliche Herschel Grynszpan in Paris einen Revolver und verübte damit ein Attentat auf den Botschaftssekretär Ernst vom Rath. Zwei von den fünf Schüssen trafen tödlich. Sein Motiv ist bis heute umstritten, jedenfalls war er verzweifelt über die Deportation seiner in Hannover lebenden Eltern und engsten Angehörigen. Das Attentat wurde von den Nationalsozialisten zum willkommenen Vorwand für eine das ganze Land überziehende, von der Partei durchorganisierte Welle antisemitischer Gewalt und Zerstörungswut, die Reichskristallnacht vom 9. November.

Für Tippett wurden diese Vorgänge – von denen er durch einen Zeitungsartikel am 26. November erfuhr – zum unmittelbaren Anlass, mit der Konzeption von A Child of Our Time zu beginnen. „Das Werk begann sich gemeinsam mit den Schüssen selbst und dem Splittern des Glases in der ‚Kristallnacht‘ zusammenzufügen“, sagte Tippett später selbst darüber. Er hatte bereits vorher Pläne für ein größeres Oratorium oder eine Oper, unter anderem über den Osteraufstand in Irland 1916, nun wurde er durch die aktuelle politische Entwicklung thematisch in eine andere Richtung gedrängt. Unabhängig vom konkreten Inhalt – das Kind unserer Zeit bleibt im Oratorium anonym – sollte sein Werk eine unzweideutige Stellungnahme für die Unterdrückten, Armen und gesellschaftlich Ausgeschlossenen sein, deren Leben er durch eigene Erfahrungen kennengelernt hatte.

Text Als Tippett mit der groben Planung und Konzeption zu A Child of Our Time fertig war, bat er T. S. Eliot (1888–1965), den Text für sein Werk zu schreiben. Der britische Dichter war ein Freund Tippetts und lebte ebenfalls in der Nähe von Oxted südlich von London. Dazu fertigte Tippett eine Skizze an, in der er detailliert aufführte, wie er sich den Text vorstellte. Daraufhin riet Eliot Tippett den Text selbst zu schreiben, da er bereits einen Teil geschrieben habe und niemand den Text für sein Werk besser schreiben könne als Tippett selbst. Außerdem sei die Musik selbst so stark, dass nicht viele dichterische Worte nötig seien, um den Inhalt greifbar zu machen. Eliot empfahl Tippett deshalb, den Text so simpel wie möglich zu gestalten, denn Poeten würden mit Worten nur das tun, was bereits Aufgabe der Musik sei. So ließ sich Tippett dann zwar von Dichtern wie z. B. Wilfred Owen („The Seed“) inspirieren, aber schrieb den Text zu A Child of Our Time letztendlich selbst. Genauso verfuhr er von da an mit all seinen weiteren Oratorientexten und Opernlibretti.

Konzeption Grundlage für Tippetts kompositorischen Ansatz waren unter anderem die Passionen Bachs und Händels Messias. Der Messias war Vorbild für die formale Gestaltung des Oratoriums, dessen 30 Nummern ebenfalls in drei Hauptteile gegliedert sind. Der zentrale Teil enthält die eigentliche dramatische Handlung, während im ersten und dritten Teil über die Thematik in allgemeiner Form reflektiert wird.

Ähnlich wie in den Kantaten und Oratorien Bachs werden als musikalische Formen vier- bis achtstimmige Chöre, Rezitative (Bass) und Arien für die verschiedenen handelnden, erzählenden oder reflektierenden Personen verwendet. Es gibt nur zwei mehrstimmige Nummern für Solisten, das Solo-Quartett Nr. 15 Scena: The Mother, the Uncle and Aunt, and the Boy. und das Bass-Alt-Duett Nr. 17 The boy becomes desperate in his agony. – A curse is born …. Turba-Chöre beschreiben die Aktionen und Emotionen der Massen, andere kunstvoll kontrapunktisch gesetzte Chöre meditieren über das Geschehen. Anstelle der bei Bach üblichen lyrisch-betrachtenden Choräle verwendet Tippett traditionelle Negro-Spirituals (siehe unten).

Tippett hatte sich mit der Psychologie C. G. Jungs (1875–1961) intensiv auseinandergesetzt. So spielen bestimmte Elemente der Jungschen Psychologie, wie z. B. die komplementäre oder dualistische Existenz von Gut und Böse, die Grenzen der Rationalität und der Verlust der seelischen Grundlagen des modernen Menschen bei der Konzeption des Oratoriums eine bedeutende Rolle. Auch die Archetypen werden aufgegriffen: So stellt die Alt-Stimme im zweiten Satz die Anima dar, die das „Weibliche“ im Menschen beschreibt. Die Auffassung der angestrebten Einheit von Bewusstsein und Unterbewusstsein teilte Tippett ebenfalls und ließ sie in seinen Text miteinfließen: “I would know my shadow and my light, so shall I at last be whole”. („Ich müsste meinen Schatten und mein Licht kennen, damit ich endlich vollständig/heil sein werde.“)

Besetzung Der vollständige Titel des Werkes lautet A Child of Our Time. Oratorio for Soli, Chorus and Orchestra with Text and Music by Michael Tippett. Die Solisten sind Sopran, Alt, Tenor und Bass, dazu ein vier- bis achtstimmiger gemischter Chor und Orchester.

Den Solisten sind keine festen Rollen zugeteilt. Zwar erscheint der Bass hauptsächlich als Narrator, er tritt aber auch im Ensemble in Erscheinung. Das Gleiche gilt vom Tenor, dem primär die Rolle des Child zugeteilt ist. Die Sopranistin tritt als seine Mutter, die Altistin als Tante auf, beide haben allerdings auch allgemein betrachtende Funktion.

Ähnlich vielfältig ist die Rolle des Chors. Er steht inhaltlich in der Rolle der Verfolger und Verfolgten, der Hartherzigen und Leidenden, der Hasser und Gehassten. Er gibt die Stimmung zu Beginn der drei Hauptteile vor. Zum Schluss ist er gleichbedeutend mit der ganzen bangenden und hoffenden Menschheit.

Neben dem vier- bis achtstimmigen Chor und den Solostimmen kommt ein Orchester aus Streichern, 2 Flöten, 2 Oboen, Englisch-Horn, 2 Klarinetten, 2 Fagotti, Kontrafagott, 4 Hörnern, 3 Trompeten, 3 Posaunen und Schlagwerk zum Einsatz. Eine Aufführung des Oratoriums dauert in der Regel 70 Minuten, je 25 für den ersten und zweiten Teil, 20 Minuten für den dritten Teil.

Teil I Der erste Teil des Oratoriums führt grundsätzlich in die Thematik ein und gibt eine zeitgeschichtliche Zustandsbeschreibung. Zunächst greift Tippett auf eine Jahreszeitenmetaphorik zurück, die die Kälte und Düsternis der Welt im Eingangschor zum Ausdruck bringt:

The world turns to its dark side. It is winter. Die Welt wendet sich zu ihrer dunklen Seite. Es ist Winter.

Ein Altsolo beschreibt den seelenlosen Zustand der Welt, worauf der Chor das Verhältnis von Gut und Böse und die Grenzen der Rationalität thematisiert:

Is evil then good? Is reason untrue? Ist Böses denn gut? Ist Vernunft ein Irrtum?

Ob dies im Jung’schen Sinne gemeint ist (notwendige Dualität von Gut und Böse, Grenzen der Rationalität) oder ob es bedeutet: „Böses kann doch jetzt nicht als Gutes gelten“, „Vernunft und Rationalität können sich nicht plötzlich als falsch erweisen“ bleibt für den Zuhörer bewusst in der Schwebe. Die Betrachtung gipfelt in der Erkenntnis des Verlorenseins und der existenziellen Gefährdung sowie der Vision eines „großen Gemetzels“. Chor:

We are lost. We are as seed before the wind. We are carried to a great slaughter. Wir sind verloren. Wir sind wie die Saat vor dem Wind. Uns erwartet ein großes Gemetzel.

Auf die Schilderung der Zustände durch einen Erzähler (Bass) „In jedem Land gab es Ausgestoßene… Pogrome im Osten, Lynchjustiz im Westen, Hungerkrieg in Europa“ antwortet der Chor der Unterdrückten:

When shall the usurers’ city cease? And famine depart from our fruitful land? Wann kommt das Ende der Wucherherrschaft? Wann verlässt der Hunger unser fruchtbares Land?

Dennoch gibt es auch zaghafte Hoffnungen auf eine Verbesserung der Zustände.

Teil II Der zweite Teil schildert das folgenreiche Geschehen des Pariser Attentats. Der Chor gibt das Thema in messianischen Worten vor, erstmals tritt das Kind unserer Zeit in Erscheinung:

A star rises in mid-winter. Behold the man! The scape-goat. The child of our time. Ein Stern geht auf mitten im Winter. Sieh’ da, der Mensch! (Ecce homo!) Der Sündenbock! Das Kind unserer Zeit.

Die Form dieses Teils erinnert besonders an die Passionen Bachs: die Handlung wird von den Rezitativen des Erzählers vorangebracht, Turba-Chöre wie der Doppelchor der Verfolger und Verfolgten geben die aufgeputschten und ängstlichen Gefühle der Massen wieder:

Persecutors: Away with them! Curse them! Kill them. They infect the state. – Persecuted: Where? Why? How? We have no refuge. Verfolger: Weg mit ihnen! Verflucht sie! Bringt sie um! Sie vergiften den Staat. – Verfolgte: Wohin? Warum? Wie? Wir finden nirgends Zuflucht.

Als Gegenstück zu den Bachschen Choralsätzen werden von Tippett kunstvoll geformte traditionelle Spirituals eingesetzt. Der Chor der Selbstgerechten beschreibt drastisch die geistige Haltung derer, die eine rettende Aufnahme der vom Nationalsozialismus Verfolgten im eigenen Land ablehnen:

We cannot have them in our Empire. They shall not work nor draw a dole. Let them starve in No-Man’s-Land! Wir können sie nicht in unserem Land aufnehmen. Sie sollen nicht arbeiten oder Arbeitslosengeld bekommen. Lasst sie im Niemandsland verhungern!

Der emotionale Höhepunkt des zweiten Teils ist ein Briefwechsel zwischen dem Knaben und seiner Mutter. Aber die Warnungen und Ängste der Mutter können Herschel nicht von seinem Plan abbringen, er erschießt den Beamten. Es folgt die Rache, die der hasserfüllte Terrorchor, ein musikalisches Glanzlicht des ganzen Werkes, drastisch zum Ausdruck bringt:

Burn down their houses! Beat in their heads! Break them in pieces on the wheel! Brennt ihre Häuser nieder! Schlagt ihnen die Köpfe ein! Brecht sie in Stücke auf dem Rad!

Der zweite Teil endet mit den Klageliedern von Sohn und Mutter.

Teil III Im dritten Teil wird schließlich die Frage gestellt, welche moralischen Konsequenzen – falls überhaupt – aus dem Geschehenen gezogen werden können. Über das Erfahrene wird meditiert und der Hörer im Vertrauen auf Gott auf eine bessere Zukunft eingestellt. Wiederum gibt der Eingangschor die Stimmung vor:

The cold deepens. The world descends into the icy waters where lies the jewel of great price. Die Kälte wird immer größer. Die Welt versinkt in eisigen Wassern, dort aber liegt ein Juwel von großem Wert.