mini|Blick von Westsüdwesten über den historischen Stadtkern Greifswalds Die historischen Befestigungsanlagen Greifswalds existierten und existieren zum Teil noch heute um den historischen Stadtkern der Hansestadt Greifswald. Zu den bis heute bestehenden Überbleibseln gehören die seit 1975 unter Denkmalschutz stehende Wallanlage inklusive Stadtmauer sowie der Fangenturm am Museumshafen.
Die Befestigungsanlagen dienten ursprünglich der Verteidigung der Stadt. Am 17. Mai 1264 hatte Herzog Wartislaw III. der noch jungen Stadt Greifswald das Recht verliehen, sich selbst zu verteidigen und eine Schutzmauer zu errichten; dies schloss das Recht zur Errichtung von Befestigungsanlagen wie Wällen, Gräben und Türmen mit ein.Franz Scherer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 5 und 7. mini|Historischer Stadtkern Greifswalds von Norden aus gesehen. Colorierte Reprographie eines Kupferstichs aus dem 17. Jh.
Stadtmauer, Wall und Wallgraben mini|Greifswald im Mittelalter (Rekonstruktion von Theodor Pyl nach historischen Aufzeichnungen) 1275 wurde auf dem inneren Stadtwall die etwa 2,7 km lange und zum Teil bis heute erhaltene Backsteinmauer errichtet; durch den Erdaushub für den inneren Wall entstand zugleich der innere Graben vor dem Wall.Franz Scherer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 7. Der mittlere Wall (Hauptwall) wurde erst im 14. Jahrhundert aufgeschüttet; das Erdreich für den Hauptwall war größtenteils der Erdaushub des ihm nach außen vorgelagerten und ca. 2,1 km langen mittleren Grabens (der mittlere Graben war zugleich der innere Wassergraben, da der innere Graben nicht bewässert war). Noch außerhalb des Bereichs der heutigen Straßen Goethestraße und Bahnhofstraße lag schließlich der niedrigere äußere Wall inklusive des vor ihm gelegenen äußeren Wassergrabens. Auf der Nordseite der Stadt boten der Fluss Ryck und im Nordwesten zudem der damalige Ryckteich (Boltenhäger Teich) natürlichen Schutz, so dass hier keine weiteren Wälle und Gräben nötig waren. mini|Grundriss Greifswalds 1760 mini|Grundriss Greifswalds 1842. Deutlich zu erkennen sind die Veränderungen an den Gräben
Ihre erste Bewährungsprobe musste die Befestigungsanlage im Ersten Rügischen Erbfolgekrieg bestehen, als Fürst Heinrich II. von Mecklenburg am 16. August 1327 vor die Tore von Greifswald kam. Da sie gegen die Verteidigung der Greifswalder nichts ausrichten konnten, mussten die Mecklenburger weiterziehen.
Wegfall des Verteidigungszwecks und Veränderungen ab dem 17. Jh. Die Befestigungsanlagen der Stadt waren der fortschreitenden Feuerwaffentechnik seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr gewachsen.
Noch während des Zweiten Nordischen Krieges im Jahr 1659 konnten unter Burchard Müller von der Lühne zwei Angriffe der Brandenburger unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zurückgeschlagen werden.
Knapp zwanzig Jahre später wendete sich das Blatt. Nach der erfolgreichen Belagerung und Einnahme der Stadt durch die Brandenburger im November 1678 im Zuge des Nordischen Krieges wurden die Befestigungsanlagen noch einmal ausgebessert. Dazu wurden wieder Steine aus dem Kloster Eldena verwendet, welches immer mehr zur Ruine wurde.Franz Scherer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 19.
In der Folgezeit verfielen die Befestigungsanlagen zusehends. Zudem bauten in den darauffolgenden Jahrzehnten viele, vor allem ärmere Bürger an der Stadtmauer kleine einstöckige Häuser, deren Rückwand die Mauer bildete. Dabei wurde die Mauer bis auf die Höhe der Häuser abgetragen und das so gewonnene Baumaterial für den Hausbau mitverwandt.Franz Scherer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 20. In der heutigen Hirtenstraße wurden ab Anfang des 18. Jahrhunderts Häuser an der Stadtmauer errichtet. Um hier die Mauer als Hauswand nutzen zu können, musste zunächst der innere Wall abgegraben werden.Franz Scherer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 20 f. Während des 18. Jahrhunderts stürzte die immer mehr verfallende Mauer an verschiedenen Stellen ein; an anderen Stellen wurde deren Abbruch erlaubt.Franz Scherer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 22. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der mittlere Stadtwall in dem heute als „Schießwall“ bezeichneten Bereich zwischen Fangenturm und Mühlentor abgetragen, um den 1817/18 angelegten Friedhof in der heutigen Wolgaster Straße auffüllen zu können; auch die bis dahin verbliebenen Teile der Stadtmauer wurde in diesem Bereich abgerissen. Mitte des 19. Jahrhunderts kaufte die Stadt dann die an der nördlichen Stadtmauer errichteten Häuser (s. o.) auf und ließ sie ab 1856 inklusive der Mauer abreißen, um das Bollwerk, also den Stauraum im Hafenbereich, verbreitern zu können.Franz Scherer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 20; Horst Wernicke: Greifswald - so wie es war, Droste 1995, S. 18. Weitere Abschnitte der Mauer wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts insbesondere im Rahmen der Bautätigkeit der Greifswalder Universität abgerissen.
Bereits im 19. Jahrhundert diente der Wallgraben der Entwässerung des südlich der Langen Straße gelegenen Teils des Stadtkerns sowie der Mühlen-, Fleischer- und Vettenvorstadt; der Nordteil des Stadtkerns hingegen wurde direkt in den Ryck entwässert.Otto Beumer: Versuch einer medicinischen Topographie von Greifswald, Greifswald 1879, S. 14.
Bau der festen Brücken über den Wallgraben mini|Stadtmauer, südöstlicher Abschnitt am Kastanienwall mini|Stadtmauer südwestlicher Teil mit Turm der Jacobikirche mini|Nordabschnitt der Stadtmauer an den Credneranlagen Im 19. Jahrhundert gebaut wurden hingegen die festen Brücken über den Wallgraben, die die hölzernen Klappbrücken ersetzten: 1800 wurde die Klappbrücke am Steinbeckertor ersetzt, 1801 folgte die Brücke beim Fettentor, 1819 beim Mühlentor und 1836 beim Fleischertor; 1878 und 1887 wurden zudem in der Rubenowstraße und der heutigen Martin-Luther-Straße erstmals Brücken über den Graben gebaut.Franz Scherer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 35. 1903 wurde die Steinbecker Brücke dann aus Beton gebaut; die Fußgängerbrücke zur heutigen Goethestraße (noch Anfang des 20. Jahrhunderts Am Graben benannt) existiert seit 1910.Franz Scherer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 36.
Veränderungen seit dem Zweiten Weltkrieg Im Zweiten Weltkrieg wurde im östlichen Ende des mittleren Stadtwalls ein Luftschutzgang angelegt, der erst im April 2008 wiederentdeckt wurde und künftig als Fledermausquartier dienen soll.Offizielle Internetseite der Stadt Greifswald 1974 bis 1976 wurde am Schießwall die neue Mensa gebaut;Hans-Georg Wenghöfer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 41. in der Hirtenstraße wurden von 1974 bis 1977 zudem die Anfang des 18. Jahrhunderts an der Stadtmauer errichteten und mittlerweile baufälligen Häuser abgerissen. Da bei deren Errichtung der innere Wall abgetragen worden war (s. o.) und die Mauer ohne die als Stützen fungierenden Häuser nicht mehr standfest war, musste dabei auch die Mauer mit abgerissen werden.Franz Scherer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 21.
Heutige Gestalt um die Jahrtausendwende mini|Stadtmauer nordwestlicher Teil mit Untergeschoss eines Wiekhauses mini|Nordwestecke mit Untergeschoss des Raventurms mini|links|Das Wehr im Greifswalder Stadtgraben nahe der Hafenstraße Heutiger Wall und Wallgraben sind die Überbleibsel des mittleren Stadtwalls und des mittleren Wallgrabens. Die Bäume auf dem Wall wurden erst angepflanzt, als der Wall schon seinen Verteidigungszweck verloren hatte: 1787 wurden die ersten Pappeln gepflanzt, die allerdings 1819 versteigert und durch Kastanien ersetzt wurden.Hans-Georg Wenghöfer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 39. Sie bilden im Bereich zwischen Mühlentor und Fleischerstraße noch heute den „Kastanienwall“. Westlich davon beginnt der „Lindenwall“, auf dem die heute ältesten Bäume des Walls stehen. Der Wallgraben verläuft vom Ryckgraben im Nordwesten Greifswalds, mit dem er über ein Rohr verbunden ist,Günter Martens/Hans-Georg Wenghöfer/Peter Zorn: Ausbau des Greifswalder Stadtgrabens, in: wwt 32 (1982), S. 240 f. in südlicher Richtung über das Grundstück des Tierparks und vorbei am Gebäude des Amts- und Finanzgerichts bis zur Langen Straße. An der Nordwestecke der Stadtmauer ist an den Credneranlagen noch das Untergeschoss des Raventurmes erhalten, und im nordwestlichen Abschnitt der Stadtmauer sieht man noch das Untergeschoss eines Wiekhauses. Das nächste erhaltene Teilstück verläuft von jenseits der Langen Straße bis zum 1982 gebauten Busbahnhof am Bahnhofsplatz. Von östlich des Busbahnhofs, wo sich ein Zufluss aus der Fleischerwiese befindet, entlang des Walls bis südlich der Straße Am Mühlentor verläuft das längste erhaltene Teilstück. Im Rahmen der Erneuerung und des Ausbaus des Stadtgrabens als Vorfluter der Regenentwässerung in den Jahren 1980 bis 1984 wurde der Graben über weite Strecken in einen Betonkanal eingefasst. (PDF; 1,7 MB), S. 25; Günter Martens/Hans-Georg Wenghöfer/Peter Zorn: Ausbau des Greifswalder Stadtgrabens, in: wwt 32 (1982), S. 240 f. Das Wasser läuft durch ein über 100 m langes verrohrtes Teilstück ab, das östlich des 1973/74 gebauten Hanserings in den Graben mündet, der bis zur Abzweigung Holzgasse parallel zum Hansering verläuft, dann in nordnordöstlicher Richtung durch ein Wehr fließt und schließlich über ein Schöpfwerk in den Ryck entwässert. Das letzte Stück dieses Grabens stimmt allerdings nicht mehr mit dem ursprünglichen Verlauf des mittleren Stadtgrabens überein, sondern verläuft weiter östlich.
Während der Sedimenteintrag in den Graben in historischer Zeit hauptsächlich durch Erosion seiner steilen Hänge erfolgte, wird seit seiner Benutzung im Rahmen der Regenwasserkanalisation Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem durch das eingeleitete Regenwasser Sediment zugeführt; im Jahr 2004 und damit 20 Jahre nach seiner Erneuerung war der Stadtgraben bereits zu mehr als der Hälfte wieder mit Sediment gefüllt. (PDF; 1,7 MB), S. 25.
Stadttore Das historische Greifswald hatte vier Haupttore: im Süden das Fleischertor (valvam Carnificum), im Osten das Mühlentor, im Westen das Fettentor (niederdeutsch Vettendor) und im Norden das Steinbeckertor (früher auch Stralsunder Tor genannt), welches eigentlich ein „Wassertor“ war, aber aufgrund seiner Größe als „Landtor“ geführt wurde.Franz Scherer, in: Rat der Stadt Greifswald – Greifswald-Information (Hrsg.): Vom Festungswall zur Promenade, Greifswald 1989, S. 11 f. und 26. Das Fettentor hatte seinen Namen nach der Familie Vette erhalten, die schon 1250 in Greifswald nachweisbar ist. Der Name Fettentor erscheint zuerst 1304.Rudolf Biederstedt, Die Straßen der Greifswalder Altstadt, in: Greifswald-Stralsunder Jahrbuch 13/14 (1982), S. 25–54, hier S. 34, und Theodor Pyl, Geschichte der Greifswalder Kirchen und Klöster, sowie ihrer Denkmäler, nebst einer Einleitung vom Ursprunge der Stadt Greifswald, Greifswald 1885–1887, 3 Bd., S. 77 und 1469.