mini|Eine Umtauschstelle in Hamburg, 20. Juni 1948
Die Währungsreform von 1948 trat am 20. Juni 1948 in der Trizone, den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands, in Kraft. Ab dem 21. Juni 1948 war dort die Deutsche Mark („DM“, auch „D-Mark“) alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel. Die beiden bisher gültigen Zahlungsmittel Reichsmark und die (zu ihr fest im Verhältnis 1:1 notierende) Rentenmark (beide abgekürzt als „RM“) wurden zwangsumgetauscht und dabei mehr oder weniger im Nennwert herabgesetzt. Die Währungsreform von 1948 gehört zu den bedeutendsten wirtschaftspolitischen Maßnahmen der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Situation bis zur Währungsreform 1936 bis 1945 war durch die Finanzierung der Aufrüstung bzw. ab Beginn des Krieges aus Geldschöpfung und Zwangsabgaben aus besetzten Gebieten ein umfangreicher Geldüberhang mit Inflation (vergleiche Geräuschlose Kriegsfinanzierung) entstanden.Christoph Buchheim: Die Währungsreform 1948 in Westdeutschland. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Jg. 36, Heft 2, 1988, S. 189–231. (ifz-muenchen.de, PDF 1,8 MB) Kurz vor Kriegsbeginn begann außerdem die Bewirtschaftung: Es gab Nahrungsmittel – zu festgesetzten Preisen – nur noch auf monatlich ausgegebene Lebensmittelmarken und fast alle sonstigen zivilen Güter nur gegen einen zu beantragenden Bezugsschein, womit die Bedeutung des Geldes deutlich verringert wurde. Gleichzeitig verhinderte man durch Devisenverkehrsbeschränkungen den Abfluss überschüssigen Geldes. Die Grundprinzipien der Preisbildung durch Angebot und Nachfrage waren damit für Waren und auch für den Außenwert der Reichsmark außer Kraft gesetzt.
Bis Mitte 1948 war die RM das allein in Deutschland gültige Zahlungsmittel. Die Ausgabe von Besatzungsgeld steigerte aber die Geldmenge, während das Güterangebot sich durch Einschränkungen bei der landwirtschaftlichen Produktion, Demontage von Produktionsstätten, Weiterführung der Zwangsbewirtschaftung durch die Alliierten und das (trotz Verbotes zunehmende) Horten von Waren verringerte. Letzteres erfolgte in Erwartung einer Währungsreform und führte zum Ansteigen der Bestände von Halbfabrikaten und Rohstoffen in den Betrieben. Die bisherige Währung hatte so ihre Funktionen als Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel weitgehend eingebüßt. Sie wurde teilweise durch Tauschhandel und auf dem überall blühenden schwarzen Markt durch Sachwertwährungen ersetzt, wie der sogenannten Zigarettenwährung, dem „Ami“, was von amtlicher Seite mit nur mäßigem Erfolg bekämpft wurde.
Diese Situation bestand mehr oder weniger in allen vier Besatzungszonen und in Berlin. Daraufhin schlugen die USA und Großbritannien im Februar 1948 im Alliierten Kontrollrat vor, anstelle der RM eine neue Währung für Gesamtdeutschland einzuführen. Auch nach Einsetzen eines Arbeitsausschusses konnte aber keine Einigung mit der sowjetischen Seite erzielt werden. Einerseits hatte diese kein Interesse an einer wirtschaftlichen Belebung in den Westzonen,Angela Stent: Russia and Germany Reborn: Unification, the Soviet Collapse, and the New Europe. Princeton University Press, 2000, ISBN 0-691-05040-6. andererseits gab es keine Einigkeit über die politisch wichtige Frage, durch wen und wie die neue Währung kontrolliert werden solle.Philip Malcolm Waller Thody: Europe since 1945. Routledge, 2002, ISBN 1-134-62296-1, S. 27.Ann Tusa, John Tusa: The Berlin Blockade. Coronet Books, 1989, ISBN 0-340-50068-9.
Ziele der Währungsreform Details zur Währungsreform in der SBZ und in Ost-Berlin siehe 1948 in der Sowjetischen Besatzungszone Die Reform zielte darauf ab, kurzfristig den Geldüberhang zu beseitigen und langfristig die Grundlage für eine funktionsfähige Marktwirtschaft aufzubauen.Ludwig Erhard: Deutsche Wirtschaftspolitik. Econ Verlag, Düsseldorf / Wien / Frankfurt 1962, S. 67. Dazu gehörten die Einstellung der übermäßigen Geldschöpfung, das Verstärken der Geldfunktionen, die Aufhebung von Güterrationierung, Lohn- und Preisstopps sowie die Einführung fester Wechselkurse (Bretton-Woods-System). Das Bankwesen sollte gestärkt werden durch eine unabhängige Zentralbank und ein funktionierendes Geschäftsbankensystem.
Vorbereitung der Währungsreform mini|Villa Hansa (Kisseleffstraße 21 in Bad Homburg), Sitz der Sonderstelle Geld und Kredit
Die Währungsgesetze sind im Kapitel Gesetzliche Maßnahmen zur Währungsreform ausführlich beschrieben. Von westdeutscher Seite war die Währungsreform durch die am 23. Juli 1947 vom Wirtschaftsrat der Bizone gegründete Sonderstelle Geld und Kredit in Bad Homburg vor der Höhe vorbereitet worden, die unter Leitung von Ludwig Erhard stand. Ludwig Erhard und Günther Keiser hatten sich schon während des Krieges mit einer Konsolidierung der Reichsschuld und Abschöpfung überschüssiger Kaufkraft beschäftigt.Christoph Buchheim: Die Währungsreform 1948 in Westdeutschland (PDF; 1,8 MB), Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, auf ifz-muenchen.de Nach anfänglichem Zögern schloss sich auch die französische Besatzungszone dem Vorhaben an. Es wurden in den einzelnen Bundesländern selbständige Landeszentralbanken und am 1. März 1948 als Zentralbank der Landeszentralbanken (kurz: „Zentralbank“) die „Bank deutscher Länder“ (BDL) errichtet. Am 28. Mai 1948 kündigte auch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) die Einrichtung der Deutschen Notenbank als Zentralbank für die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) an.
Die DM-Banknoten für die Trizone wurden ab September 1947 von der American Bank Note Company in New York City und vom Bureau of Engraving and Printing in Washington, D.C. gedruckt. Der geheim gehaltene Geldtransport namens Operation Bird Dog fand von Februar bis April 1948 statt. Er umfasste etwa 5,7 Milliarden DM (500 Tonnen in 23.000 Holzkisten).THE NATIONS: Operation Bird Dog. 28. Juni 1948 (englisch).60 Jahre Währungsreform Das Startkapital: Sechs Milliarden D-Mark. In: FAZ.net, 20. Juni 2008. Das Geld wurde per Schiff nach Bremerhaven zur Columbuskaje und dann mit acht Sonderzügen nach Frankfurt und in 800 Lastwagenfuhren zum ehemaligen Reichsbankgebäude in der Frankfurter Taunusanlage befördert.Günter Stiller: Vor 60 Jahren: Als die D-Mark nach Deutschland kam. In: Hamburger Abendblatt. 13. Juni 2008, S. 21. Internetseite des Hamburger Abendblattes, 1. August 2008, 18:00 Uhr. Von dort aus wurde die Feinverteilung vorgenommen, d. h. der Weitertransport zu den Lebensmittelkartenausgabestellen in der Trizone. In der Westzone waren zudem die letzten Feinheiten von elf deutschen Experten erarbeitet worden, die die Leitlinien für die Währungsumstellung im Frühjahr 1948 unter strengster Geheimhaltung während des Währungskonklaves in den Gebäuden der heutigen Fritz-Erler-Kaserne zu Rothwesten (Landkreis Kassel, heute Ortsteil von Fuldatal) beschlossen. Abweichende Reformvorschläge deutscher Sachverständiger wurden angehört, vieles war aber bereits entschieden.Nach Steuerbord. In: Der Spiegel. 26/1948, 26. Juni 1948.
Die für die Währungsreform in der Westzone erlassenen Währungsgesetze stützen sich weitgehend auf den Colm-Dodge-Goldsmith-Plan von 1946 (Gerhard Colm, Joseph Morrell Dodge und Raymond W. Goldsmith), der ein Zusammenstreichen der Geldmenge im Verhältnis 10:1 und einen Lastenausgleich vorsah.G. Colm, J. Dodge, R. W. Goldsmith: A plan for the liquidation of War Finance and the Finance Rehabilitation of Germany. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. 111. Bd., 1955, S. 204–243. Die drei westlichen Militärregierungen wandten diesen Plan – ausgenommen den Lastenausgleich – in ihren Besatzungszonen an. Nach Berücksichtigung wiederholter Einwände der französischen Seite beschlossen die Westalliierten die Währungsreform in der Trizone am 1. Juni 1948.
Öffentliche Diskussion vor der Währungsreform 1947 hatte der Wirtschaftsrat der Bizone eine Währungsreform für notwendig erklärt. Angesichts der unübersehbaren Inflation der RM wurde spätestens seitdem auch in der Öffentlichkeit sowohl der Westzonen als auch der SBZMatthias Judt: DDR-Geschichte in Dokumenten: Beschlüsse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse. Ch. Links Verlag, 2013, ISBN 978-3-86284-273-5. breit über die Notwendigkeit und Gestaltung einer Währungsreform diskutiert. Bekannt war auch, dass hierüber zwar in der im März 1948 beschlossenen Trizone Einigkeit erzielt wurde, die Beratungen hierzu im Alliierten Kontrollrat aber nicht vorankamen. In der Trizone sagte Ludwig Erhard am 14. Juni 1948 in einer Rede voraus, der Erfolg der Währungsreform sei verbürgt; dem wirtschaftlichen Chaos, dem das politische Chaos in Kürze folgen müsste, werde die Währungsreform ein schnelles Ende setzen. des Deutschen Rundfunkarchivs zur Währungsreform vom 20. Juni 1948.
Bekanntmachung der Währungsreform mini|Schlagzeile der Braunschweiger Zeitung vom 22. Mai 1948
Am 18. Juni 1948 sandten die Militärgouverneure der Westzonen an den Obersten Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland und Oberkommandierenden der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland Marschall Sokolowski eine Erläuterung der geplanten Währungsreform mit der Zusicherung, diese würde nicht auf die Westsektoren Berlins ausgedehnt. Außerdem wurde am selben Tag die Bevölkerung der Trizone durch eine Vielzahl von Sendungen des Rundfunks und über Aushänge über die anstehende Währungsreform und den Ablauf informiert. So erklärte Jack Bennet, Finanzberater des amerikanischen Militärgouverneurs General Lucius D. Clay, über alle Rundfunksender der amerikanischen Besatzungszone die Einführung der neuen Währung aus Sicht der westlichen Besatzungsmächte. Ausschnitte aus der Proklamation der Währungsreform wurden am gleichen Tag von allen Sendern in den Westzonen ausgestrahlt. Max Brauer, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, appellierte ebenfalls am 18. Juni 1948 über den Nordwestdeutschen Rundfunk, mit der Währungsreform „die Chance zu nutzen, um mit harter Arbeit wieder zu Wohlstand zu gelangen“. Über denselben Sender erläuterte am selben Tag der leitende Wirtschaftsberater des Alliierten Kontrollrats Sir Cecil Weir Hintergrundinformationen über Ursachen und Gründe der Währungsreform aus Sicht der westlichen Besatzungsmächte. Historische Tondokumente anlässlich des 60. Jahrestages der Währungsreform
Durchführung der Währungsumstellung Der Währungsumtausch im Rahmen der westlichen Währungsreform vollzog sich in fünf Etappen:J. Priese, F. Rebentrost: Kommentar zu den Gesetzen zur Neuordnung des Geldwesens. Iserlohn 1948, S. 22–23. Die Bevölkerung erhielt am Sonntag, 20. Juni 1948, eine Sofortausstattung („Kopfgeld“) in bar. Auch die Wirtschaft und öffentliche Hand erhielten Barbestände. Alle Barbestände von Reichsmark, Rentenmark und Marknoten der alliierten Militärbehörden (AMC; Besatzungsgeld) waren auf ein „Reichsmarkkonto“ einzuzahlen. Die Umstellung jedes Reichsmarkkontos musste beantragt werden. Die Reichsmarkkonten wurden geprüft und in fallabhängigem Kursverhältnis auf Deutsche Mark (DM) umgestellt. Ab 21. Juni 1948 wurde die DM alleingültiges Zahlungsmittel.
Das neue Geldvolumen lag in den Monaten nach der Währungsreform bei etwa 13 Mrd. DM (M3, Bar- und Buchgeld).
Erstausstattung mit D-Mark Näheres zu den 1948 ausgegebenen neuen Banknoten siehe Erste Serie (1948) und Zweite Serie Bank deutscher Länder (1948)