Die Schachweltmeisterschaft 1934 war der 14. Zweikampf um den Titel des Weltmeisters im Schach. Sie fand als Rückkampf der Schachweltmeisterschaft 1929 vom 1. April bis 14. Juni 1934 in zwölf deutschen Städten statt.http://www.chess-poster.com/english/great_players/alexander_alekhine.htm (abgerufen am 10. Juli 2015). Titelverteidiger Alexander Aljechin besiegte Efim Bogoljubow mit 8 zu 3 Siegen bei 15 Remispartien. Das Match war ursprünglich auf das beste Ergebnis aus 30 Partien sowie sechs Siege angelegt, wobei Aljechin beim Stand von 15:15 seinen Titel behalten sollte. Nach 26 Partien befand er sich jedoch bereits uneinholbar in Führung, womit das Duell entschieden war.
Organisation miniatur|rechts|Ministerialrat Herbert Kraft (NSDAP) als Leiter des Badischen Schachverbandes ermöglichte den Vertrag um die Schachweltmeisterschaft 1934 Seit der Schachweltmeisterschaft 1929 gab es mehrere Versuche José Raúl Capablancas, der von 1921 bis 1927 Schachweltmeister gewesen war, einen weiteren Zweikampf mit Aljechin zu organisieren. In den 1920er und 1930er Jahren traten auch weitere aufstrebende starke Spieler hervor. Dennoch wurde festgelegt, dass Aljechins Gegner Bogoljubow sein würde, was in der Schachwelt wegen der angenommenen Überlegenheit Aljechins als Schaukampf empfunden wurde.http://www.chessgames.com/perl/chess.pl?tid=54142 (abgerufen am 26. Oktober 2008). So meinte beispielsweise Savielly Tartakower, ein besserer Kontrahent für Aljechin zu sein.Deutsche Schachblätter, Ausgabe 05/1934, 1. März 1934, S. 65–66.
Erst am 23. Dezember 1933Deutsche Schachzeitung, 1934, Heft 1, S. 5. kam es in Karlsruhe zur Unterzeichnung eines Vertrages um einen neuen Zweikampf zwischen Aljechin und Bogoljubow. Der Leiter des Badischen Schachverbandes, Ministerialrat Herbert Kraft, hatte den Vertrag ermöglicht.Deutsche Schachblätter, Ausgabe 02/1934, S. 27. Am 1. März 1934 berichteten die Deutschen Schachblätter, dass der Wettkampf am Ostersonntag beginnen sollte. Herbert Kraft war es gelungen, die Spieltermine in verschiedenen süddeutschen Städten unterzubringen. Bereits zu dieser Zeit liefen jedoch laut niederländischen Zeitungen die Vorbereitungen zur Schachweltmeisterschaft 1935 zwischen Aljechin und Max Euwe in den Niederlanden.
Herbert Kraft sorgte als Landesverbandsleiter Badens für die Partieunterbringung. Dass er dazu entgegen der Weisungen des Großdeutschen Schachbundes (GSB) auch Städte außerhalb Badens gewann, brachte ihm später Kritik von GSB-Präsident Otto Zander ein. So schrieb Zander nach der Weltmeisterschaft in den Deutschen Schachblättern in Bezug darauf: „Hierbei handelte er nicht mehr als Landesverbandsleiter, sondern als Privatmann“. Kraft hätte Konflikte mit den zuständigen Landesverbandsleitern gehabt, die „in denselben Städten Kämpfe deutscher Spieler“ planten. Zander betrachtete Aljechin und Bogoljubow als „Russen, die in Deutschland zu Gast waren“ und kritisierte an der Nennung Bogoljubows als Deutschen Meister durch die WM-Veranstalter neben dem anderweitigen Ausgang der Deutschen Meisterschaft in Aachen auch die „Meinung, jemand könne durch Einbürgerung Deutscher werden. In Zukunft wird das Turnier um die Meisterschaft von Deutschland nur für Spieler deutschen Blutes offen sein.“ Damit reagierte er vermutlich auf die Kritik Aljechins und Bogoljubows über die Deutsche Meisterschaft in Aachen, auf die er Bezug nahm.Alle Zitate aus: Otto Zander: Zum Kampfe Aljechin-Bogoljubow. In: Deutsche Schachblätter, Ausgabe 13/1934. 1. Juli 1934. S. 197. Diese sollen sich zuvor, wie der stellvertretende Bundesleiter Ehrhardt Post in den Deutschen Schachblättern mitteilte, gegenüber einer süddeutschen Zeitung abfällig über das Turnier geäußert haben. Die Zeitung veröffentlichte daraufhin einen Sonderdruck und empfahl dem Großdeutschen Schachbund die Kenntnisnahme.Ehrhardt Post: Artfremde Kritiker. In: Deutsche Schachblätter, Ausgabe 12/1934. S. 183. Die Kosten für die Organisation des Wettkampfes beliefen sich auf 40.000 Reichsmark (nach heutiger Kaufkraft ca. Euro), eine für damalige Schachveranstaltungen beachtliche Summe.Willi Sauberer, zitiert nach Rainer Buland: Die Schachweltmeisterschaft 1934 und das Gästebuch: Vorgeschichte, Organisation Verlauf und Beurteilung. In: Das Gästebuch der Schachweltmeisterschaft 1934 in Deutschland. LIT Verlag, Münster 2014. S. 29.
Der Wettkampf begann schließlich bereits am Karsamstag im Großen Kurhaussaal in Baden-Baden mit einem Begrüßungsabend. Dort wurden die Verdienste von Unterrichtsminister Dr. Bader für das Jugendschach hervorgehoben. Aljechin bezeichnete Bogoljubow in einer Rede als einen seiner gefährlichsten Gegner. Bogoljubow hob den Aufschwung des Schachs in Deutschland hervor. Bei einer von Rueb vorgenommenenAlbert Becker: Vom Weltmeisterschaftskampf. In: Wiener Schachzeitung, Ausgabe 08/1934 (April 1934), S. 113–115. Auslosung wurde festgelegt, dass Bogoljubow in der ersten Partie die weißen Steine führen sollte.Freiburger Zeitung, Sportblatt vom 3. April 1934. S. 3 (Onlineansicht)
Die Bedenkzeitregelung war zweieinhalb Stunden für 40 Züge pro Spieler, danach gab es eine Hängepartie.
Herbert Kraft eröffnete den Zweikampf. Prominente Gäste waren unter anderem GSB-Schatzmeister Karl Miehe, FIDE-Präsident Alexander Rueb sowie Pierre Biscay, der kurze Zeit zuvor Präsident des Französischen Schachbunds geworden war. Als Berichterstatter für De Telegraaf und Berlingske war Aaron Nimzowitsch anwesend, der selbst als aussichtsreicher Weltmeisterschaftskandidat galt.Rainer Buland: Die Schachweltmeisterschaft 1934 und das Gästebuch: Vorgeschichte, Organisation Verlauf und Beurteilung. In: Das Gästebuch der Schachweltmeisterschaft 1934 in Deutschland. LIT Verlag, Münster 2014. S. 18. Am Ostersonntag fand die erste Partie statt. Zum Schiedsrichter wurde Albert Hild ernannt.Deutsche Schachblätter, Ausgabe 08/1934, S. 128–132. Als Preisfonds wurden umgerechnet etwa 10.000 US-Dollar bereitgestellt.The Chess Review, April 1934. S. 50.
Ein Gästebuch, das an allen Spielorten ausgelegt war, ist erhalten geblieben und wurde 2014 als Faksimile veröffentlicht. Das Original befindet sich in der Universitätsbibliothek des Mozarteums in Salzburg. Auf 30 Doppelseiten befinden sich etwa 840 Unterschriften von Teilnehmern und vor allem auch Teilnehmerinnen bei den Simultanpartien und Gästen sowie 17 Fotos.
Vorgeschichte der Kontrahenten Aljechin und Bogoljubow waren erstmals im Allrussischen Turnier zu Petersburg 1914 gegeneinander angetreten. Aljechin und Nimzowitsch teilten sich dort den ersten Platz, während Bogoljubow nur den achten Platz erreichte. Dennoch gelang es Bogoljubow, Aljechin mit einem Damenopfer zu bezwingen.
Bei einem Zusammentreffen mit Bogoljubow in Hastings 1922 kam es zu einer bekannten Schachpartie, die Aljechin gewann.
Höhepunkt der bisherigen Zusammentreffen war fünf Jahre zuvor die in Deutschland und den Niederlanden stattfindende Schachweltmeisterschaft 1929, bei der Aljechin bei der Siegbedingung von sechs Siegen aus 30 Partien bereits nach 25 Partien den Weltmeistertitel verteidigte. Aljechin hatte elf, Bogoljubow fünf Partien gewonnen. Neun Partien endeten remis.http://www.chessgames.com/perl/chess.pl?tid=54141, abgerufen am 11. November 2008.
Bogoljubow, der zuletzt durch einen Abfall seiner Leistungen aufgefallen war, hatte ein intensives Studium der Eröffnungen betrieben und teilweise bis nach dem 25. Zug analysiert. Zum Zeitpunkt des Wettkampfs wohnten Aljechin in Paris und Bogoljubow in Triberg, wo er auch durch Partien gegen Hans Müller trainierte.Wiener Schachzeitung, Ausgabe 21/1934 (Oktober 1934). S. 332.
Hans Kmoch war als Sekundant Aljechins tätig, während Bogoljubow dazu ebenfalls auf Hans Müller zurückgreifen konnte.
Partietabelle Die Weltmeisterschaft wurde deutlich von Aljechin gewonnen, der so seinen Titel verteidigte. Ungewöhnlich war die hohe Anzahl an Schwarzsiegen, die bei beiden Spielern jene der Weißsiege überragte (Aljechin erzielte 5 von 8 Siegen mit Schwarz, Bogoljubow 2 von 3 Siegen). Zumindest in Summe mehr Schwarzsiege gab es bei Weltmeisterschaften danach nur noch 1951 und 2013.
PartieOrtDatum (1934)WeißErgebnisEröffnungECO-CodeZügeAljechinBogoljubow 1 Baden-Baden 1.–2. April Bogoljubow ½ : ½ Damengambit D50 65 +0 =1 −0 +0 =1 −0 2 Baden-Baden 4. April Aljechin 1 : 0 Halbslawische Verteidigung D48 37 +1 =1 −0 +0 =1 −1 3 Baden-Baden 6. April Bogoljubow ½ : ½ Angenommenes Damengambit D22 27 +1 =2 −0 +0 =2 −1 4 Villingen 11.–12. April Aljechin 1 : 0 Halbslawische Verteidigung D31 29 +2 =2 −0 +0 =2 −1 5 Villingen 13.–14. April Bogoljubow ½ : ½ Angenommenes Damengambit D26 35 +2 =3 −0 +0 =3 −2 6 Freiburg im Brsg. 18.–19. April Aljechin ½ : ½ Damengambit D30 60 +2 =4 −0 +0 =4 −2 7 Freiburg im Brsg. 20. April Bogoljubow ½ : ½ Angenommenes Damengambit D28 17 +2 =5 −0 +0 =5 −2 8 Freiburg im Brsg. 22.–23. April Aljechin ½ : ½ Nimzowitsch-Indische Verteidigung E24 64 +2 =6 −0 +0 =6 −2 9 Pforzheim 25.–26. April Bogoljubow 0 : 1 Benoni-Verteidigung A44 46 +3 =6 −0 +0 =6 −3 10 Pforzheim 27.–28. April Aljechin 0 : 1 Cambridge-Springs-Variante D52 81 +3 =6 −1 +1 =6 −3 11 Stuttgart 29. April und 1. MaiDeutsche Schachblätter, Ausgabe 10/1934, S. 150–154. Bogoljubow 0 : 1 Holländische Verteidigung A92 62 +4 =6 −1 +1 =6 −4 12 Stuttgart 2.–3. Mai Aljechin ½ : ½ Halbslawische Verteidigung D49 75 +4 =7 −1 +1 =7 −4 13 München 6.–7. MaiHans Kmoch: Der Wettkampf um die Weltmeisterschaft. In: Wiener Schachzeitung, Ausgabe 10-11/1934 (Mai-Juni 1934). S. 145–156. Bogoljubow ½ : ½ Damenindischer Aufbau A47 74 +4 =8 −1 +1 =8 −4 14 München 8. und 10. Mai Aljechin ½ : ½ Orthodoxe Verteidigung D60 54 +4 =9 −1 +1 =9 −4 15 München 11.–12. Mai Bogoljubow ½ : ½ Angenommenes Damengambit D21 70 +4 =10 −1 +1 =10 −4 16 Bayreuth 13.–14. Mai Aljechin 1 : 0 Spanische Partie C77 43 +5 =10 −1 +1 =10 −5 17 Bad Kissingen 20. Mai Bogoljubow 0 : 1 Angenommenes Damengambit D24 41 +6 =10 −1 +1 =10 −6 18 Bad Kissingen 21. Mai Aljechin ½ : ½ Colle-System D05 28 +6 =11 −1 +1 =11 −6 19 Nürnberg 26.–27. MaiHans Kmoch: Weltmeister Dr. Aljechin: Bogoljubow mit 8:3 bei 15 Remisen geschlagen. In: Wiener Schachzeitung, Ausgabe 12/1934 (Juni 1934). S. 177–181. Bogoljubow ½ : ½ Angenommenes Damengambit D27 58 +6 =12 −1 +1 =12 −6 20 Nürnberg 27. Mai Aljechin ½ : ½ Cambridge-Springs-Variante D52 44 +6 =13 −1 +1 =13 −6 21 Karlsruhe 30. Mai Bogoljubow 0 : 1 Damengambit D30 63 +7 =13 −1 +1 =13 −7 22 Mannheim 1. Juni Aljechin ½ : ½ Nimzowitsch-Indische Verteidigung E35 42 +7 =14 −1 +1 =14 −7 23 Mannheim 3.–4. Juni Bogoljubow 1 : 0 Angenommenes Damengambit D23 58 +7 =14 −2 +2 =14 −7 24 Mannheim 6. Juni Aljechin 0 : 1 Damengambit D30 39 +7 =14 −3 +3 =14 −7 25 Berlin 11.–12. Juni Bogoljubow 0 : 1 Slawische Verteidigung D11 44 +8 =14 −3 +3 =14 −8 26 Berlin 14. Juni Aljechin ½ : ½ Königsindische Verteidigung E67 24 +8 =15 −3 +3 =15 −8
Verlauf
Nachdem Bogoljubow in der ersten Partie mehrmals den Gewinn ausgelassen hatte, kam es zu einem Turmendspiel mit zwei Mehrbauern. Nach der weiteren Zugfolge 61. … Kd4 62. Td8+ Kc3 63. Tc8+ Kd3 64. Td8+ Kc3 65. Tc8+ Kd3 reklamierte Aljechin auf Remis durch Stellungswiederholung. Schiedsrichter Hild folgte dem Antrag. Erst nach der Partie stellte Bogoljubow fest, dass die Stellung nicht dreimal auf dem Brett erschienen war. Die Schachwelt spekulierte darüber, ob Bogoljubow dadurch einen halben Punkt verloren hatte oder die Stellung ohnehin unentschieden war. Zuletzt waren sich die Analysten einig, dass die Stellung für Bogoljubow gewonnen gewesen wäre.