Der Turm ist ein Roman von Uwe Tellkamp, der im Jahr 2008 im Suhrkamp Verlag erschien. Als erzählende Stimmen fungieren drei miteinander verwandte Personen aus einem überwiegend von Bildungsbürgern bewohnten Villenviertel Dresdens in den letzten sieben Jahren der Deutschen Demokratischen Republik bis zum Mauerfall. Der Roman enthält Aspekte des Gesellschafts- und des Schlüsselromans sowie des Historischen Romans. Er schildert dabei verschiedene Milieus der DDR und deren Zusammenhang wie Jugendbewegung, Bildungswesen, Militär, Gesundheitswesen, den Kreis der Literaturschaffenden sowie Nachbarschaft und Familie.

Handlung mini|Dresden im April 1985, Blick von Blasewitz über das „Blaue Wunder“ nach Loschwitz mini|Dresden im April 1982, Prager Straße mini|Ruine der Frauenkirche im Februar 1985 mini|Ruine des Residenzschlosses sowie des Taschenbergpalais im Oktober 1985 mini|Plakate der Demonstrationen in Dresden im Herbst 1989

Der Roman besteht aus den zwei Teilen Die pädagogische Provinz und Die Schwerkraft. Seine Handlung spielt zwischen dem 4. Dezember 1982 und dem 9. November 1989 in der DDR, vor allem in Dresden. Im Zentrum stehen die bildungsbürgerlichen Bewohner des Villenviertels oberhalb der Elbe in Loschwitz-Weißer Hirsch rund um die Plattleite, im Buch die Turmstraße. Deren Geschichte, die sich auf fast 1000 Seiten erstreckt und kaleidoskopartig verschiedene Episoden mit hunderten Figuren aneinanderreiht, wird aus der Sicht von drei Protagonisten erzählt: des EOS-Schülers und späteren NVA-Unteroffiziers Christian Hoffmann, seines Vaters Richard Hoffmann (Oberarzt in der chirurgischen Klinik der Medizinischen Akademie Dresden) und seines Onkels Meno Rohde, eines studierten Biologen, der als Lektor eines renommierten Verlages tätig ist.

Christian Hoffmann, zu Beginn der Romanhandlung 17 Jahre alt, will Arzt werden. Zu diesem Zweck muss er nicht nur ein exzellentes Abitur ablegen, sondern sich im Sinne des Sozialismus auch gesellschaftlich engagieren. Um seinen Studienplatz zu sichern, ist er de facto gezwungen, seinen Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee durch freiwilligen Wehrdienst auf drei Jahre zu verlängern. Einerseits empfindet er eine innere Distanz zum System der DDR (wie die meisten Angehörigen seines Milieus), andererseits aber will er nicht auffallen. Trotzdem neigt er zu „Dummheiten“. Bei einem Wehrkundelager wird bei ihm ein Roman aus der NS-Zeit gefunden, woraufhin er fast relegiert wird; während seiner NVA-Zeit macht er sich nach dem Unfalltod eines Kameraden durch unbotmäßige Äußerungen gegenüber seinen Vorgesetzten strafbar, was ihm einen Aufenthalt im NVA-Militärgefängnis Schwedt, Zwangsarbeit und eine Dienstverlängerung von zwei Jahren einbringt. Dennoch gelingt es Christian, der bei der NVA zunächst als „Muttersöhnchen“ gegolten hat, zum unauffälligen „Nemo“ („Niemand“) zu werden. Als er am 3. Oktober 1989 einen Polizeieinsatz gegen eine Demonstration unterstützen soll, an der auch seine Mutter teilnimmt und verprügelt wird, verweigert er sich dem System, wird aber nur mit Innendienst „bestraft“.

Richard Hoffmann, Christians Vater, ist im Beruf erfolgreich. Zu Beginn der Handlung feiert er seinen 50. Geburtstag und erhält dabei von den Gratulanten, d. h. seiner Familie und seinen Kollegen, Geschenke, die in der Mangelwirtschaft der DDR schwer erhältlich sind. Zum Verhängnis wird ihm später eine vor Jahrzehnten begangene Jugendsünde, die Denunziation seines Freundes Manfred Weniger beim Ministerium für Staatssicherheit. Diese macht ihn ebenso erpressbar wie seine Affäre mit Josta Fischer, einer Sekretärin des Rektors der Universität Dresden, zu der auch die medizinische Akademie gehört. Eine weitere Affäre mit Christians Freundin Reina unterminiert seine Vorbildrolle gegenüber dem Sohn. Richard Hoffmann wird von Manfred Weniger geschnitten und durch die prekärer werdende Versorgungslage in der DDR zermürbt. Staatsorgane zerstören seine Kapitalanlage, einen Oldtimer, weil er ihnen nichts über die geplante Flucht eines Ingenieurs und dessen Frau mitgeteilt hat. Dadurch wird er psychisch krank und muss stationär behandelt werden. Seine Frau Anne, die selbst in der Oppositionsszene aktiv geworden ist, hat ihm zu diesem Zeitpunkt seine Eskapaden verziehen und verteidigt ihn. Später, im Oktober 1989, schließt sich Richard Hoffmann den Protestierenden an.

Meno Rohde, Sohn aus „rotem Adel“, d. h. von Kommunisten, die während der NS-Zeit in Moskau geschult wurden, und Bruder von Richard Hoffmanns Ehefrau Anne, hat Biologie studiert. Da er wegen seiner Nähe zur evangelischen Kirche keine Karriere als Wissenschaftler machen konnte, wandte er sich beruflich der Literatur zu. Er arbeitet in den 1980er Jahren als Lektor in einem Dresdner Verlag: Einerseits muss er dabei die Vorgaben der bürokratischen Kulturpolitik beachten; andererseits steht er menschlich den Autoren nahe, die von der Zensur drangsaliert werden. Seine Sicht dient dazu, den Kulturbetrieb der DDR genau zu beschreiben. Dass die Flucht in eine Nischengesellschaft keine Lösung ist, erkennt Meno genau; allerdings vermeidet auch er es, „Farbe zu bekennen“. Trotzdem wird auch er, obwohl „bloßer Beobachter“, am 3. Oktober 1989 von Polizisten verprügelt. Meno Rohde führt ein zumeist in poetischer Sprache geschriebenes Tagebuch, aus dem immer wieder längere Passagen im Wortlaut in den Roman hineinmontiert sind.

Im Turm wird das bildungsbürgerliche Milieu, dem auch Uwe Tellkamp entstammt, genau und durchaus selbstkritisch beschrieben. Das Bürgertum werde durch die „süße Krankheit Gestern“ vergiftet, erkennt nicht nur Meno Rohde, sondern auch Hans Hoffmann, Toxikologe und Christians Onkel. Die Zeit scheint stillzustehen, wie bei einer „Schallplatte mit Sprung“ (Christians Wahrnehmung), obwohl alles auf die Wende am 9. November 1989 zuläuft.

Der „Bürgerliche Realismus“ der ersten Romanhälfte geht in der zweiten Hälfte in eine Art „Sozialistischen Realismus“ (allerdings ohne kommunistische Tendenz) über: Die Unzulänglichkeiten in der Produktion, in der Infrastruktur (Versorgung, Verkehr und Gesundheitswesen) und in der NVA treten hier in den Vordergrund. Allerdings werden diese realistischen Szenen oft durch märchenhaft-surrealistische Episoden abgelöst (z. B. die nächtliche Proust-Lektüre als „Zwangsarbeit“ für NVA-ArrestantenTellkamp: Der Turm, S. 858).

Tellkamps Erzählstil „Der Turm“ ist ein Montageroman. Formal verschiedenartige Textteile mit unterschiedlichen Themen werden, oft nur durch eine Leerzeile voneinander getrennt, aneinandergereiht, wodurch der Roman einem Mosaik oder einem Puzzle gleicht. An einigen Stellen, vor allem zum Schluss des Romans hin, geht die Darstellung in eine Art Bewusstseinsstrom über, der immer wieder durch kurze Einblendungen (wie das Klicken eines Feuerzeugs) unterbrochen wird. Diese Technik hat Uwe Tellkamp aus dem Auszug aus seinem Roman Der Schlaf in den Uhren übernommen, mit dem er 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hatte.

Überwiegend ist der Roman im personalen Erzählstil formuliert, indem äußere Handlungen, aber auch Vorgänge im Inneren der drei Hauptfiguren aus deren Sicht dargestellt werden. Dabei gibt es Passagen, in denen für Gespräche einerseits die wörtliche Rede, andererseits aber auch die Technik der erlebten Rede angewandt wird.

Immer wieder werden in die Darstellung Tagebucheintragungen Meno Rohdes in Kursivdruck hineinmontiert, in denen Meno als Ich-Erzähler auftritt.

Auch die Syntax variiert: Passagen mit extrem langen, in Bildern schwelgenden Satzperioden voller Semikola wechseln mit Abschnitten wie dem Kapitel 57, das lediglich aus fünf Wörtern besteht („Reina?“ „Richard?“ „– Ich dich auch.“). Besonders bei der Darstellung verfänglicher Situationen arbeitet Tellkamp mit Auslassungen, wie beispielsweise im Kapitel 20, in dem ein Gespräch zwischen Richard Hoffmann und einem Vertreter des Ministeriums für Staatssicherheit dargestellt wird, bei dem nur die Worte des Stasi-Mannes wiedergegeben und Richards Wortbeiträge jeweils durch eine Leerzeile ersetzt werden.

Die verwendete Sprache der Bewohner des „Turm“ ist voller „Kunigundenwörter“, wie Meno Rohde selbstironisch feststellt, der meint, Wörter wie „hanebüchen“ würden zwar von seinen Nachbarn, nicht aber von den Autoren der Bücher benutzt, die er zu zensieren habe. An vielen Stellen (zum Beispiel über die Papierproduktion) und für viele seiner Metaphern benutzt Tellkamp exakte fachsprachliche Begriffe, bei der Wiedergabe der Äußerungen der Staatsorgane dagegen zitiert er auch krasse, oft vulgäre Formulierungen: „Ihr sauberer Herr Vater geht fremd in seiner Freizeit. Das wissen Sie nicht, aber wir wissen es. Der bumst Ihre Freundin, das Fräulein Kossmann. […] Sindse baff, was? Könnse mal sehen.“Tellkamp: Der Turm, S. 798f. Auch den offiziellen Jargon von Parteifunktionären und „gläubigen“ Anhängern des Systems ahmt Uwe Tellkamp nach, indem er ihn in wörtlicher Rede zitiert oder paraphrasiert. Einige Figuren sprechen sächsischen Dialekt; ihre Äußerungen werden lautgetreu wiedergegeben.

Interpretationen Bedeutung des Titels In einem Interview mit Volker HageAm Ende herrschte Sprachverwirrung. Spiegel online, 17. Oktober 2008 beantwortet Uwe Tellkamp die Frage nach der Bedeutung des Romantitels: „Turm ist zunächst einmal die Bezeichnung für das Stadtviertel, in dem der Roman spielt. Dann ist an den Elfenbeinturm gedacht, auch an die ‚Turmgesellschaft‘ natürlich. Aber man kann ebenso an den Babylonischen Turm denken, der einstürzt, an die Sprachverwirrung, die am Ende der DDR vorherrschte, die Kakophonie.“

Einige Interpreten sehen einen Zusammenhang zwischen dem Nomen „Turm“ und dem Verb „türmen“: Das im Roman beschriebene Bildungsbürgertum versuche in eine Art „innere Emigration“ hinein- und damit aus der Realität der DDR-Gesellschaft herauszufliehen, was aber nicht gelingen könne, da schließlich jeder zumindest „einkaufen“ müsse.Martin Ebel: Am Ende steht ein Doppelpunkt. 21. September 2008

Ähnlichkeiten von Figuren mit realen Personen Nach Ansicht von Andreas PlatthausAndreas Platthaus: Die Zeit ist des Teufels. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 20. September 2008, Sabine Franke und Beatrix LangnerBeatrix Langner: Utopia, zeitgeschwärzt. Erzählte Geschichte in Uwe Tellkamps Turmgesellschaft. In: Neue Zürcher Zeitung. 11. Oktober 2008. handelt es sich bei Tellkamps Roman Der Turm um einen Schlüsselroman. Die drei Journalisten entschlüsseln die Namen einiger Romanfiguren, und zwar sei: Georg Altberg („der Alte vom Berge“) = Franz Fühmann Baron Arbogast = Manfred von Ardenne Bezirkssekretär Barsano = Hans Modrow Eduard Eschschloraque = eine Mischung aus Peter Hacks und Stephan Hermlin David Groth = Stefan Heym Jochen Londoner = Jürgen Kuczynski Philipp Londoner = Thomas Kuczynski Lührer = Dieter Noll Günter Mellis = Hermann Kant Paul Schade = Kurt Barthel Karlfriede Sinner-Priest = Carola Gärtner-Scholle Rechtsanwalt Sperber = Wolfgang Vogel

Mit der Beschreibung des wichtigen westdeutschen Kritikers Wiktor Hart ist ganz offensichtlich Marcel Reich-Ranicki gemeint, denn Wiktor Hart war sein Autoren-Pseudonym im Warschauer Ghetto. Auch endet der Abschnitt, die Schlussformel des Literarischen Quartetts abwandelnd, mit den Worten „Er hilft uns wirtschaften, wenn er lobt, er hilft uns wirtschaften, wenn er verreißt, wir sehen betroffen diese Frage offen, wenn er schweigt.“Tellkamp: Der Turm, S. 473

Mit dem westdeutschen Verleger Munderloh aus dem Kapitel „Leipziger Messe“ ist Siegfried Unseld vom Suhrkamp Verlag gemeint. „Munderloh“ ist der Titel eines Erzählbandes des Verlagsgründers Peter Suhrkamp.