mini|hochkant|Alfred Kantorowicz, um 1935–1940
Alfred Kantorowicz (* 18. Juni 1880 in Posen; † 6. März 1962 in Bonn) war ein deutscher Mediziner, Zahnarzt und Kieferorthopäde, Lehrstuhlinhaber für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten sowie Wegbereiter der Schul- und Jugendzahnpflege. 15 Jahre war er in Bonn und 17 Jahre, von 1933 bis 1950, in der Türkei, wo er an der Reform der Istanbuler Universität beteiligt war, auf allen Gebieten der Zahnheilkunde forschend und lehrend tätig. 1933 war er in Deutschland neun Monate in Konzentrationslagern inhaftiert. Das zahnmedizinische Universitätsinstitut in Istanbul verdankt ihm als dessen Direktor seinen Aufstieg zur Zahnmedizinischen Hochschule auf zentraleuropäischem Niveau. In Bonn und in der Türkei hatte er zudem Standardwerke zur Zahnheilkunde herausgegeben bzw. verfasst. Von 1950 bis zu seinem Tod war er unter anderem Fachberater für Fragen der Schulzahnpflege des Sozialministeriums des Landes Nordrhein-Westfalen und Mitglied des Landesgesundheitsrates.
Leben Alfred Kantorowicz wurde als Sohn des Kaufmanns und Fabrikanten Wilhelm und Rosa Kantorowicz, geborene Gieldzinska oder Gieldzinsky, in der Hauptstadt der preußischen Provinz Posen geboren.Dominik Groß: Alfred Kantorowicz - Wegbereiter der Jugendzahnpflege. (= Wegbereiter der Zahnheilkunde. 13). In: Zahnärztliche Mitteilungen. Heft 7, 2018. Im Jahr 1884 zog er mit seinen Eltern und seinen Geschwistern Hermann, Erich und Else nach Berlin. Dort besuchte er das Humanistische GymnasiumAli Vicdani Doyum: Alfred Kantorowicz unter besonderer Berücksichtigung seines Wirkens in İstanbul (Ein Beitrag zur Geschichte der modernen Zahnheilkunde). Medizinische Dissertation, Würzburg 1985, ISBN 3-921456-71-1. und studierte, nachdem er das Gymnasium bereits nach der Mittleren Reife verlassen hatte, ZahnmedizinDominik Groß: Alfred Kantorowicz - Wegbereiter der Jugendzahnpflege. 2018. (unter anderem bei Friedrich Busch)Pertev Ata: Verehrte Gäste, liebe Freunde! (Rede von 1962) In: Ali Vicdani Doyum: Alfred Kantorowicz unter besonderer Berücksichtigung seines Wirkens in İstanbul (Ein Beitrag zur Geschichte der modernen Zahnheilkunde). 1985, S. 303–305, hier: S. 303.. Nach seiner Approbation als Zahnarzt am 17. Dezember 1900 arbeitete er für etwa ein halbes Jahr in einer Zahnarztpraxis und studierte dann Medizin in den Jahren 1901 bis 1905 in Berlin, kurz in MünchenPertev Ata: Verehrte Gäste, liebe Freunde! 1962, S. 303. und in Freiburg im Breisgau. Hierzu hatte er am Luisengymnasium in Berlin-Steglitz das zu seiner zahnärztlichen Ausbildung damals (bis 1909) nicht erforderliche Abitur 1902 nachgeholt.Dominik Groß: Alfred Kantorowicz - Wegbereiter der Jugendzahnpflege. 2018. Im Juli 1905 absolvierte er sein medizinisches Staatsexamen als Arzt in Freiburg und wurde dort mit einer Arbeit über PerkussionsmethodenAlfred Kantorowicz: Kritik der neueren Methoden der Perkussion. Medizinische Dissertation Freiburg im Breisgau 1906. im selben Monat, am 7. Juli 1905, zum Doktor der Medizin promoviert. Die Approbation als Arzt erhielt Kantorowicz am 7. August 1906 und danach arbeitete er als Assistenzarzt in Berlin (in der Inneren Medizin bei Alfred Goldscheider im Rudolf-Virchow-Krankenhaus sowie in der Bakteriologie und Infektiologie (Hygiene) dort bei Georg Jochmann und am Robert Koch-Institut), Bonn (in der Chirurgie an der Chirurgischen Universitätsklinik bei dem Geheimrat Carl Garrè) und ab 1909 in München am Zahnärztlichen Institut der Universität, wo er bis 1911 Assistent des Zahnmediziners Otto Walkhoff war. Neben seiner Assistententätigkeit veröffentlichte er seine ersten wissenschaftlichen Schriften.Freddy Litten, Alfred Kantorowicz ‒ Kurzbiographie, 19. Oktober 2016. Abgerufen am 30. September 2017.
Nach seiner an der Georg-August-Universität Göttingen erfolgten Habilitation in Zahnheilkunde am 19. Dezember 1911 (sein Opus magnum trägt den Titel Bakteriologische und histologische Studien über die Caries des Dentins) kehrte er nach München zurück, wurde am 18. März 1912 durch königliche Order an der Universität München zum Privatdozenten ernannt und erhielt dort die Venia legendi (Lehrbefugnis).
Kantorowicz ehelichte am 28. Februar 1912 Annemarie Hedwig Steinlein. Aus der Ehe gingen Anna Margaretha (* 3. August 1913 in München) oder Anna-Margaret (genannt Annemarie; später Anna Margaretha Kenther – nach ihrem Abitur am 22. März 1933 an der reformpädagogischen Schule am MeerStiftung Schule am Meer (Hrsg.): Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer Juist (Nordsee), 14. Rundbrief, April 1933, S. 10Schülerbuch der Schule am Meer, Juist, Blatt 148. In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Handschriftenabteilung, Nachlass Luserke, Martin, Signatur: Cb 37 [Annemargret Kantorowicz, * 3. August 1913 in München, nach Städt. Oberlyzeum Bonn Wechsel während der Untersekunda (UII, Jahrgangsstufe 10) zur Schule am Meer am 5. August 1929; nach bestandener Reifeprüfung abgegangen 6. April 1933] studierte sie Zahnmedizin – vgl. auch Liste bekannter Personen mit Bezug zur Schule am Meer), Erich (* 1916, beging mit 18 Jahren Suizid, während sein Vater beim Skifahren auf dem Uludağ war und ist auf dem protestantischen Friedhof in Feriköy/Şişli begraben), Georg Friedrich (* 27. Februar 1921 in Bonn) ging nach dem Besuch des Städtischen Realgymnasiums Bonn, der Schule am Meer auf Juist und des Deutschen Gymnasiums in Istanbul sowie Militärdienst nach London, wo er Zahnmedizin studierte.Schülerbuch der Schule am Meer, Juist, Blatt 213. In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Handschriftenabteilung, Nachlass Luserke, Martin, Signatur: Cb 37 [Georg Friedrich Kantorowicz, * 27. Februar 1921 in Bonn, nach Städt. Realgymnasium Bonn Wechsel in die Quinta (Jahrgangsstufe 6) zur Schule am Meer am 9. Mai 1932; vorzeitig abgegangen 20. Juli 1933] 1952 hatte er eine Privatpraxis in Glasgow und wurde später – als George F. Kantorowicz – Dozent des Royal Dental College und die älteste Tochter Dorothea Therese (1909–1986), genannt Thea, die Medizin studierte, promoviert wurde und den späteren Nobelpreisträger Hermann Joseph Muller heiratete, hervor.Herbert Kremer, Hubertus Büchs: Geschichte der Klinik und Poliklinik für Mund-, Zahn- und Kieferkrankheiten der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. Bonn 1969, S. 49–99.Ralf Forsbach: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im Dritten Reich. Oldenbourg-Verlag, München 2006, ISBN 3-486-57989-4, S. 402–403.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich Kantorowicz freiwillig als landsturmpflichtiger Zivilarzt, kam an die Front und an das Reservelazarett Hagenau im Elsass, wo er ab 1916 als ordinierender Arzt und später Leiter der Zahnstation tätig war. Während des Krieges beschäftigte er sich zudem mit ChirurgieLinda Marion Krebs: Das Leben und das Werk von Alfred Kantorowicz (1880–1962). In: Türk-Alman tıbbi ilişkileri Simpozyumu bildirileri, İstanbul, 24.–25. September 1981. Istanbul 1981, S. 195–201, hier: S. 196. und den Möglichkeiten der aseptischen lokalen und extraoralen Anästhesie. Mit Wirkung vom 1. April 1918 wurde Kantorowicz, berufen am 22. März 1918, zum „Lehrer der Zahnheilkunde“ an der Universität Bonn als Nachfolger Max Eichlers ernannt und übernahm die Leitung des privaten zahnärztlichen Instituts sowie seinem Wunsch entsprechend der Schulzahnklinik. Am 4. Juni 1918 erhielt er an der Universität Bonn den Titel eines Professors. Seinem Wunsch entsprechend wurde ihm zudem die Schulzahnklinik zur Leitung übertragen. Das zahnärztliche Institut baute er von 1919 bis 1933 zu einer der führenden Lehrstätten aus. Die Verstaatlichung des Instituts bzw. der Klinik konnte nach langen Verhandlungen 1921 durchgesetzt werden. Am 23. August 1921 wurde er Extraordinarius und am 23. November 1921 Direktor des nun Bonner Universitäts-Zahnklinik genannten Instituts. Am 9. April 1923 wurde er zum Ordinarius für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn bestallt und damit auch Lehrstuhlinhaber. Im November nahmen er und sein Hamburger Kollege Guido Fischer an einem Kongress der Polytechnischen Hochschule in Moskau teil. Kantorowicz sprach insbesondere über die von ihm geförderte Schulzahnpflege und die Beiträge der beiden einzigen nichtrussischen Teilnehmer wurden begeistert aufgenommen.
Verfolgung und Exil In den Jahren 1919 bis 1933 war Kantorowicz Stadtverordneter und Mitglied der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Bonn. Gegen Ende des Jahres 1932 hatte die nationalsozialistische Propaganda auch in der Bonner Klinik eingesetzt. Immer mehr Studenten trugen Braunhemden sowie NSDAP-Parteiabzeichen und es begannen Angriffe auf jüdische Dozenten und Assistenten – so auch auf den Juden Kantorowicz. Nach einem Aufenthalt in Moskau 1923 und einer späteren zweiten Reise dorthin war er zudem in den Verdacht geraten, Kommunist zu sein.Guido Fischer, Alfred Kantorowicz: Bericht über den Besuch des Odontologenkongresses in Moskau vom 26.–30. November 1923. In: Zahnärztliche Rundschau. Zentralblatt für die gesamte Zahnheilkunde. Nr. 5/6, (Berlin) 1924, S. 1–6. Um den Anfeindungen in Bonn zu entkommen, beurlaubte Kantorowicz sich zunächst selbst, kehrte aber, nachdem Freunde von ihm seinetwegen verhaftet worden waren, freiwillig wieder zurück und regelte in einem Brief an den Universitätskurator seine Vertretung im Falle seiner Inhaftierung.Herbert Kremer, Hubertus Büchs: Geschichte der Klinik und Poliklinik für Mund-, Zahn- und Kieferkrankheiten der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. Bonn 1969, S. 97 f. Er ließ sich am 1. April 1933 von seinem ehemaligen Schüler Karl Friedrich Schmidhuber zum Rathaus fahren und dort der Polizei übergeben. Von dort kam er in das Amtsgefängnis von Bonn. Am 7. April 1933, dem Tag des Inkrafttretens des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, wurde er ebenso wie sein Bruder, der Rechtswissenschaftler Hermann Kantorowicz, als Jude und Sozialdemokrat aus dem Amt entlassen und erhielt keine Bezüge mehr (die Entlassung aus dem Staatsdienst wurde ministerial am 3. Oktober bestätigt). Alfred Kantorowicz wurde in „Schutzhaft“ genommen und im Konzentrationslager Börgermoor (heute Gemeinde Surwold) im Emsland interniert. Seine Frau, die ihm in der Überzeugung, man könne ihm unmöglich etwas anhaben, selbst den Rat gegeben hatte, sich der Polizei zu stellen, stürzte sich in den Rhein. Sie wurde gerettet, „musste aber wegen völliger Geistesverwirrung in eine Heilanstalt gebracht werden.“ Die SS-Aufsicht im Moor machte sich einen Spaß daraus, „den Kantor“ mit seinen Familienschwierigkeiten schmerzlich zu konfrontieren.W. G.: Tageswelt. In: Zahnärztliche Welt. 1, 1946, S. 69.Wolfgang Langhoff: Die Moorsoldaten. Verlag Neuer Weg, 11. Auflage, 2014. Später wurde er im Lager Lichtenburg für Prominente und Intellektuelle in Sachsen untergebracht und die Fakultät entzog Kantorowicz, nach Aufforderung der Professoren durch den Dekan Wilhelm Ceelen im Dezember 1933, einstimmig die Ehrendoktorwürde.Dominik Groß: Alfred Kantorowicz - Wegbereiter der Jugendzahnpflege. 2018.
Nach neunmonatiger Haft entließen ihn die Behörden nach einer Intervention des Präsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes, des Prinzen Carl von Schweden, Ende Dezember kurz vor Weihnachten 1933. Ein Diplomat der türkischen Botschaft in Berlin, die im Zusammenhang mit der Entlassung wohl ebenfalls geholfen hat wie die in Zürich etablierteDominik Groß: Alfred Kantorowicz - Wegbereiter der Jugendzahnpflege. 2018. Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland, besuchte ihn persönlich und lud ihn ein, nach Istanbul zu emigrieren.