Bild bedeutet in der Psychologie das innere Bild oder Vorstellungsbild entsprechend der alltagssprachlichen Redewendung von „sich ein Bild machen“. Es handelt sich dabei um einen innerseelischen Vorgang, bei dem eine Verbindung zwischen bereits vorhandenen und neuen Sinneseindrücken oder auch zwischen nur unterschiedlichen Denk- bzw. Bewusstseinsinhalten hergestellt wird. Der Vorgang wird in der Geschichte der Psychologie und Philosophie auch Apperzeption genannt. Die so hergestellte ganzheitliche Vorstellung enthält nicht nur visuelle, sondern auch auditive, taktile, kinästhetische, zoenästhetische und andere sensible oder sensorische und meistens auch emotionale Anteile. Der visuelle Anteil ist jedoch stets hervorragend, weil er in der Evolution zu den ältesten Anteilen gehört. Überlieferte Bilderschrifttafeln weisen auf lange zurückliegende Kulturepochen etwa in China oder Ägypten hin. Edmund Husserl (1859–1938) hat hier die Bedeutung der eidetischen Reduktion methodisch hervorgehoben. Neurophysiologisch kann auf die bei der Wahrnehmung beteiligten primären, sekundären und tertiären Zentren verwiesen werden.
Wortherkunft und Vielfalt der Bedeutungen Die Herkunft des nur in der deutschen und niederländischen Sprache üblichen Wortes „Bild“ ist nach dem Autor Drosdowski unklar. Nur ein möglicher Zusammenhang wird bestätigt mit dem deutschen Wort „billig“, was bereits althochdeutsch soviel wie „wunderkräftig wirksam“ bedeutete. Hieraus entwickelte sich die Bedeutung von „recht, passend, angemessen, gemäß“ sowie der heutige Sinn von „billig“, d. h. „dem Wert (einer Ware) angemessen“. Dementsprechend sind auch ältere Wortzusammensetzungen wie „Bildstock“ als „Säule mit Heiligenbild“ und „bildschön“ wie ein „Heiligenbild“ verständlich. Zu unterscheiden sind jedoch gewiss die beiden Bedeutungen von „Bild“, wie sie auch aus der Wendung „recht und billig“ hervorgehen. Unter „recht“ wird das durch Gesetze erlassene, also von Menschen gemachte Recht verstanden, unter „billig“ aber das nach natürlichem Empfinden „angemessen“ Gültige. Dementsprechend lassen sich auch bei „Bild“ zwei relativ und weitgehend unterschiedliche Bedeutungsstämme erkennen: (a) das „natürliche Abbild, Anblick, Ebenbild, Beispiel, Urbild, Vorbild, Weibsbild, Modell eines Malers, äußere Gestalt“ und das (b) durch menschliches subjektives Vermögen entstandene Gebilde wie etwa in der Kunst, des produktiven oder poetischen Verstandes oder auch der technisch-handwerklich produktiven Tätigkeit wie „Bildliche Vorstellung, Bildfläche, Werk des Malers oder Bildhauers, Bühnenbild, graphische Darstellung, Lautbildung, Nachbildung, Illustration, Metapher, Bildung, geistiges Bild, Meinungsbildung, Ausbildung, Sternbild, Satzbildung, Bildgestalt“. Unter „Abbild“ wird auch die Ähnlichkeit verstanden, der Anschein von Gleichheit, die mehr oder weniger harmonische Übereinstimmung zwischen Urbild und technischem Ebenbild, bzw. Spiegelbild. Innere Bilder sind abzugrenzen von technisch-handwerklich hergestellten Gebilden. Allerdings sind künstlerische Bilder von inneren Bildern des Künstlers beeinflusst. Innere Bilder sind auch von der sinnlichen Wahrnehmung abzugrenzen. Sie können aber dennoch einen visuellen Charakter vor allem als Gedächtnis-, Traum- und Phantasiebilder besitzen.
Visuelle Wahrnehmung mini|hochkant=1.2|links|Verlassenheit – Kinderzeichnung als äußerer Ausdruck eigener innerer urtümlicher Bilder bzw. archaischer Vorstellungen. Ein Gegenwartsbezug für unsere heutige Zeitgeschichte? Eine solche Deutung liegt nach der Theorie des psychogenetischen Grundgesetzes nahe. Die visuelle Wahrnehmung ist für das Gewinnen von Erkenntnis neben anderen Sinnesqualitäten vorrangig. In der Regel führt sie zu einer Integration neuer Sinneseindrücke in bestehende Vorstellungen und Anschauungen. Dabei handelt es sich bekanntlich um subjektive innenpsychologische Phänomene. Unter dem Einfluss von Affekten und Gefühlszuständen, wie etwa Angst- oder Wunschvorstellungen, kann es jedoch zu Störungen des nüchternen Tatsachenblicks kommen, wie dies etwa bei Illusionen der Fall ist. Sie werden bisweilen auch als bloße Einbildungen (Sic!) oder als oberflächliche Vorstellungen bezeichnet. Die Bezeichnung „bloße Einbildung“ erinnert jedoch auch daran, dass es sich bei der Illusion um eine Täuschung der reinen Vernunft handeln könnte, die zu einer falsch verarbeiteten Anschauung führt, ohne das nach Immanuel Kant (1724–1804) erforderliche synthetische Urteil a priori. (KrV B 10-14) Kant formuliert:
Kant fordert eine Synthese von begrifflich-inhaltlichem Denken und Anschauung. Ähnliche Formulierungen sind „reine Vernunft“ wie sie von Kant selbst verwendet ist, oder „reines Sein“ (l'Être pur = la simple immédiateté vide) oder „reine Abstraktion“ (l'abstraction pure = la négation absolue) wie bei Sartre gebraucht. Diese Attribution mit rein, bloß, leer und blind zeigt zumindest eine gewisse Tendenz zum Bedeutungswandel eines ursprünglich einfachen Begriffs in Richtung von Antonymie bzw. eines ggf. mit Sorge angefüllten Seins als Oppositionswort im Spannungsgefälle des Nichts. Was die „reine Vernunft“ betrifft, so ist die Gefahr einer Verwicklung in „Dunkelheit und Widersprüche“ von Kant selbst ausführlich beschrieben. Illusionen sind korrigierbar, wenn die Bewusstseinsklarheit dies zulässt. Bei Halluzinationen ist das in der Regel nicht möglich. Illusionen und Halluzinationen kommen im Traum und bei psychischer Krankheit vor und sind von einem deutlichen sinnlichen Realitätsbewusstsein geprägt. Nach C. G. Jung werden innere Bilder eher von sinnlicher Wirklichkeit unterschieden. Das innere Bild stelle die innere Wirklichkeit dar, diese könne aber die Bedeutung der äußeren unterbewerten, vgl. Introversion, Autismus. In ihrer Analyse Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft hat Hannah Arendt (1906–1975) die Verlassenheit als kennzeichnende Eigenschaft des modernen Massenmenschen beschrieben, vgl. die oben enthaltene Abb. in Form einer Kinderzeichnung. Das psychogenetische Grundgesetz hat Zusammenhänge zwischen kindlichen Verhaltens- und Erfahrungsweisen und zeitgeschichtlichen Tatbeständen aufgedeckt. Wären die beobachteten zeitgeschichtlichen politischen und sozialen Phänomene also nur als ein Rückfall in eine frühere Epoche zu sehen?
Reklame, Propaganda, Kulturpolitik
In der Werbung spricht man von einem positiven und von Image-Konkurrenz, wenn im Sinne der Angewandten Psychologie einer bestimmten Zielgruppe mehrheitlich ein positives oder gar gegenüber anderen Herstellern günstigeres Vorstellungsbild von einem bestimmten Produkt oder einer Firma vermittelt soll. Werbung ist ähnlich wie Propaganda als ein Führungsmittel zu betrachten. Damit ist in der Werbepsychologie psychologisch-wissenschaftlich von einem notwendig bezweckten Abwärts-Effekt auszugehen. Im Sinne vorstehender Ausführungen in Kap. → Visuelle Wahrnehmung kann auch von „reiner Propaganda“ gesprochen werden. Das erscheint dann berechtigt, wenn mit diesem Begriff eine Schwarz-Weiß-Zeichnung im Sinne der Aufrichtigkeit oder Unaufrichtigkeit im Vergleich von eigentlich beabsichtigten und konkret erfolgten Maßnahmen verfolgt wird. Die 'Höhe' der Bedürfnisse entsprechend der Maslowscheon Bedürfnispyramide erscheint in kultureller Hinsicht nicht unwesentlich. Es sollte z. B. Aufgabe der Kulturpolitik sein, die Ergebnisse der pädagogischen Psychologie zu beachten und umgekehrt der politischen Psychologie, für entsprechende Beachtung zu sorgen. Es erscheint verständlich, dass von bildhaft ansprechender Werbung eine starke, oft materiell ausgerichtete unmittelbare Kauf- bzw. Handlungsmotivation ausgelöst wird. Hieraus ergibt sich, dass möglicherweise unkritische Verhaltensweisen resultieren.
Bilderverbot, Visionen, Imagines
Das Bilderverbot erscheint zunächst in kulturgeschichtlicher Hinsicht bedeutsam, hat aber auch psychologische Grundlagen in der bildhaften Vorstellungswelt. Wie schon für die Werbepsychologie im vorhergehenden Kap. → Reklame näher ausgeführt, spielt der Abwärts-Effekt auch für das alttestamentarische Bilderverbot (2 Mos 20:4) zumindest im übertragenen kulturellen und religiösen Sinn eine maßgebliche Rolle. Während reale Bilder für die Reklame unverzichtbar erscheinen, verhält sich dies in religiöser Hinsicht gerade umgekehrt. Der Abwärts-Effekt beruht auf der Schichtenlehre bzw. auf dem Hylozoismus. Das Bilderverbot zielte nach Sigmund Freud (1856–1939) auf einen graduell wesentlichen Fortschritt in der Geistigkeit ab. So wurde eine strikte Unterscheidung zwischen religiös-spiritueller und rein sinnlich visueller Wahrnehmung geschaffen.
Die Mystik versuchte diesen Gegensatz durch das Erleben von Visionen zu überbrücken. Visionen können aber auch psychologisch oder parapsychologisch als „innere Gesichte“ oder als anblickartiger Eindruck ohne Sinneswahrnehmung definiert werden. Für die Psychologie sind die „Gesichte“, die in Religionen als göttliche Offenbarung auftreten, Ausdruck innerer Bedürfnisse, die sonst unbewusst bleiben. Wenn auch die Vision keine Sinnestäuschung sein muss, die Unterscheidung zur fassbaren Realität erhalten bleiben kann und sie von Halluzinationen abgrenzbar ist, so besteht doch eine gewisse Nähe zu Traum- und Phantasiebildern.
Eine psychologische aber auch eine archaische, fast religiöse Bedeutung hat der Begriff Imago in der Tiefenpsychologie.
Psychologische Aspekte der Religions- und Kulturgeschichte Freud vermutet, dass das religiös geforderte Bilderverbot einen Schutz vor Missbrauch eines solchen Bildes durch Magie darstellen sollte. Freud gebaucht den Begriff des Abwärts-Effekts zwar selbst nicht, ererläutert dieses Wirkprinzip aber anhand der „Allmacht der Gedanken“, das nicht nur allgemein kulturgeschichtlich, sondern auch in psychopathologischer Hinsicht in Erscheinung trete. Hieraus resultiere jedoch bisweilen eine gewisse Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Der Stolz auf die Gottgröße falle mit dem Gefühl des Auserwähltseins zusammen. Eine ähnliche religiös motivierte Doppelbedeutung besitzt auch der bereits oben erörterte Begriff „Propaganda“, dessen Ursprünge auf die 1622 durch die von Papst Gregor XV. Gregor begründete Kongregation zur Ausbreitung des Christentums zurückgehen, nämlich auf die „Congregatio de propaganda fide“. Göttliche Allmacht und menschliche Begrenztheit sind als Widersprüche zu betrachten.
Rückwirkungen auf den Bewusstseinszustand
mini|hochkant=1.2|links|Michelangelo: Die Erschaffung Adams Michelangelos Darstellung widerspricht dem alttestamentarischen Bilderverbot bzw. der Abbildung einer göttlichen Gestalt. Auch C. G. Jung nimmt zu diesem Verbot Stellung. Jung spricht von einer inneren Antinomie Gottes, der göttlichen Gegensatznatur, im Hinblick auf die Erkenntnis. Diese komme auch im Buch Hiob der Bibel zum Ausdruck. Jung betont eine Erkenntnis Hiobs von dieser inneren Antinomie. mini|hochkant=1.2|links|Buddha-Statue in einem Tempel. Der sitzende Buddha mit weitgehend geschlossenen Augen verkörpert den Zustand der Gelassenheit, der durch Meditation verstärkt werden kann. Solche und ähnliche Bilder haben dazu geführt, Buddha als Gott zu verehren. Dies hat Buddha aber selbst nicht gewünscht.