mini|Wassili Andrejewitsch Tropinin: Spitzenklöpplerin (Öl auf Leinwand, 1823) Unter textilen Handarbeiten (auch Nadelarbeiten) versteht man Verfahren aus verschiedenen Zweigen der Textiltechnik, die für die Selbstversorgung mit Textilien, als Heimarbeit, im Kontext häuslichen oder schulischen Unterrichts (textiler Werkunterricht), als Freizeitbeschäftigung oder zu ergotherapeutischen Zwecken angewendet werden. Als Handarbeiten werden diese in der Regel mit einfachem Werkzeug oder einfachen Maschinen ausgeführt. Die verwendeten Arbeitsmaterialien umfassen Textilien verschiedener Art, wie Garne und Stoffe.

In einem weiteren Sinne werden unter „textilen Handarbeiten“ oft auch manuelle Techniken des Bemalens, Bedruckens und Färbens von Textilien verstanden.

Zeittafel um 400.000 v. Chr. – älteste Hinweise auf Verarbeitung von Tierhaut um 50.000 v. Chr. – ältester Fund einer (knöchernen) Nähnadel (Denissowa-Höhle, Sibirien) 52.000–41.000 v. Chr. – Spinnen nachgewiesen Abri du Maras, Südfrankreich 50.000–10.000 v. Chr. – Flechten von Körben, Matten, Sandalen und Ähnlichem (Ägypten) um 30.000 v. Chr. – Weben nachgewiesen (Dzudzuana-Höhle, Georgien) um 8000 v. Chr. – Gerben von Leder um 7000 v. Chr. – Nähnadeln aus Kupfer (Armenien) um 6500 v. Chr. – Nadelbinden nachgewiesen (Nahal Hemar, Israel) um 3400 v. Chr. – Patchwork nachgewiesen (Ägypten) um 3482–3102 v. Chr. – ältestes archäologisch sichergestelltes gewebtes Kleidungsstück (Tarchan, Ägypten) um 3258 v. Chr. – Kürschnern nachgewiesen (Ötztaler Alpen) um 2000 v. Chr. – Sticken vermutet (China) 1390 oder 1388 v. Chr. – Bildwirkerei (Tapisserie) nachgewiesen (Ägypten) um 1323 v. Chr. – Sticken nachgewiesen (Ägypten) 8. Jahrhundert v. Chr. – Brettchenweben nachgewiesen (Gallien) um 500 v. Chr. – Teppichknüpfen und Filzen nachgewiesen (Pasyryk, Sibirien)Eine andere frühe Fundstelle für Filz war Noin Ula (Mongolei): um 400 v. Chr. – Chikankari (eine Form der Weißstickerei) vermutet (Chandraketugarh, Westbengalen, Indien) 4. Jahrhundert v. Chr. – Chinesisches Knüpfen nachgewiesen (China) um 300 n. Chr. – Stricken mit zwei Nadeln nachgewiesen (Thüringen) 5. Jahrhundert – Applikationen um 700 – Kumihimo-Flechten nachgewiesen (Japan; vermutlich chinesischen Ursprungs) 9. Jahrhundert – Fingerweben nachgewiesen (Oseberg-Schiff, Norwegen) um 1000 – Sticken im deutschsprachigen Raum nachgewiesen 11. Jahrhundert – Häkeln nachgewiesen (Vorderasien) zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts – Quilting nachgewiesen (Guicciardini-Decken, Sizilien) 15. Jahrhundert – Punto-a-groppo-Spitze (Italien) 1493 – Klöppelspitze und Reticella-Spitze nachgewiesen (Italien) 16. Jahrhundert – Makramee nachgewiesen (Italien) spätes 16. Jahrhundert – Guipure-Spitze (Italien, Frankreich) um 1641 – Tundeln nachgewiesen (Italien) um 1700 – Flicken und Stopfen nachgewiesen (Shetlandinseln) 1787–1800 – „Tunesisches Häkeln“ nachgewiesen (Preußen) spätes 19. Jahrhundert – Filethäkelei (Frankreich) 1895 – Gabelhäkelei nachgewiesen (Vereinigtes Königreich) 1917 – Occhi nachgewiesen (Vereinigte Staaten) vor 1934 – Nadelweben (; Vereinigte Staaten) 1958 – Scoubidou-Knüpfen (Frankreich) 1976 – Ply-split-Flechten (; Vereinigte Staaten) frühe 1980er Jahre – Nadelfilzen (Vereinigte Staaten)

Kultur- und Sozialgeschichte

Altertum mini|hochkant|Die Moira Atropos, eine griechische Schicksalsgöttin, zerschneidet den Lebensfaden, den ihre Schwester Klotho gesponnen hat. In Griechenland, besonders in Athen, zählten Spinnen und Weben zu wichtigen Beschäftigungen der meisten Frauen und spielten bereits eine zentrale Rolle beim zeitgenössischen Verständnis von „Weiblichkeit“. Wichtige Göttinnen (Athene, Aphrodite, Klotho, Kirke, Kalypso) und andere mythologische weibliche Figuren (Penelope, Arachne, Klytaimnestra) waren als Spinnerinnen und Weberinnen charakterisiert. Auch in der zeitgenössischen Philosophie, Geschichtsschreibung und Literatur werden weibliches Spinnen und Weben immer wieder erwähnt. Erworben wurden diese Fähigkeiten im häuslichen Unterricht durch die Mutter. Besondere Bedingungen herrschten in Sparta, wo zeitweilig große Zahlen von messenischen Kriegsgefangenen zur Verfügung standen, die als Sklaven u. a. die einheimischen Frauen vom Spinnen und Weben entlasteten.

Auch die römischen Frauen verbrachten einen Großteil ihrer Zeit mit Spinnen und Weben, das in Rom nicht minder ein Symbol für Weiblichkeit war als in Athen.

Im Neuen Testament (Lutherbibel) ist vom Spinnen im Kontext der Gleichnisse Christi zum „Schätzesammeln und Sorgen“ die Rede: „Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.“ Bereits im Alten Testament wird das Weben (bei Luther: „wirken“; z. B. , ) und das Sticken erwähnt.

Mittelalter und Renaissance Im europäischen Mittelalter wurden textile Handarbeiten in Klöstern gepflegt, wo sie für liturgische Zwecke (u. a. für Priestergewänder) verwendet wurden. So wurden im englischen Durham in einem Grab hochwertige von Benediktinermönchen gefertigte Stickereien gefunden, die auf den Zeitraum zwischen 905 und 931 datiert werden konnten. Ein Zentrum der mittelalterlichen Stickkunst war während der ganzen Zeit der Romanik (900–1250) das Byzantinische Reich, wobei die höchste Entwicklung in Palermo erreicht wurde. Bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts war dann Italien – mit Rom, als Sitz des westkirchlichen Oberhauptes – das Land der Stickereikunst.

Zu einer Volkskunst entwickelte sich in Deutschland im Hochmittelalter die Weißstickerei. Im Mittelalter arbeiteten Sticker häufig mit Malern zusammen, die für die Stickarbeiten die Vorlagen lieferten, oder ließen sich von den Arbeiten bedeutender Maler (Holbein, Cranach, Dürer) inspirieren. Das Sticken wurde im Mittelalter nicht nur an den Klöstern und als Liebhaberei, sondern auch professionell betrieben. So ist die erste Stickerzunft im 13. Jahrhundert in Paris nachgewiesen, deren Mitglieder außer für kirchliche Auftraggeber vor allem für wohlhabende Bürger, aber auch für Königs- und Fürstenhäuser tätig waren. In Köln war 1470 Johann von Bornheim Zunftmeister der Sticker. Gut zahlende und kulturell aufgeschlossene Auftraggeber sowie Fortschritte in der Textiltechnik führten im Spätmittelalter zu einer Blütezeit der Stickereikunst. Zu den namhaftesten Liebhabern und Förderern der Stickereikunst der Renaissance zählen Caterina de’ Medici, Elisabeth I. und Maria Stuart.

Vereinigtes Königreich Textile Handarbeiten bildeten in den bürgerlichen Gesellschaften der Westlichen Welt seit dem 18. Jahrhundert einen festen Bestandteil der Mädchenbildung. In England beispielsweise erlernten Mädchen das Handarbeiten bereits in jungen Jahren, wobei die Anwendung rein dekorativer Techniken Töchtern aus wohlhabenden Familien vorbehalten war. Das erste Mustertuch ist in England im Jahr 1598 belegt. Von den 1760er Jahren an wurden in Irland, Schottland und England Handarbeitsschulen (needlework schools) für arme Kinder eingerichtet. Die erste davon war eine Einrichtung der Royal Dublin Society, weitere Organisationen folgten dem Vorbild. Daraus entstand ein ganzes Verlagssystem, das die stark gestiegene Nachfrage des Marktes nach Stickerei, Weißstickerei, Tambourstickerei, Häkel- und Strickarbeiten deckte. Die englische Kleinstadt Coggeshall wurde nach 1812 ein Zentrum für feine Kettenstich-Tambourstickarbeiten, die zwischen 1829 und 1910 insbesondere für Brautschleier nachgefragt waren. Im 19. Jahrhundert führte die Einrichtung der Industrieschulen (industrial schools; nachgewiesen seit 1841, gesetzlich geregelt seit 1857), deren pädagogische Mission es war, das Kriminellwerden verhaltensauffälliger Jugendlicher zu verhüten, im britischen Erziehungswesen zu einer Geschlechtersegregation, wie sie im 18. Jahrhundert noch nicht in diesem Maße existiert hatte. Doch beklagte der britische Mathematiker und Lehrer James Booth bereits 1855, dass Mädchen an diesen Schulen nichts anderes als textile Handarbeiten erlernten – eine Tätigkeit, die notorisch dafür sei, dass sie Frauen nur einen Hungerlohn einbrachte. In London wurde 1872 die Royal School of Needlework gegründet, die seit 1875 unter der Schirmherrschaft von Königin Victoria stand und es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, die Handstickerei zu fördern.

Britische Kolonien Im Neuengland der Kolonialzeit erlernten beide Geschlechter das Lesen; während die Jungen auch Schreibunterricht hatten, erhielten die Mädchen jedoch nur Unterricht im textilen Handarbeiten und hatten kaum andere Gelegenheit, selbst Buchstaben hervorzubringen, als beim Sticken von Mustertüchern. Mustertücher wurden im Vereinigten Königreich und in den Vereinigten Staaten von Mädchen in großem Umfang auch als Landkarten angefertigt, wenn ihnen Geografiekenntnisse vermittelt werden sollten. Auch in Britisch-Indien standen textile Handarbeiten im Mittelpunkt der Ausbildung, die die britischen Kolonialherren sowohl für junge Inderinnen als auch für arme britische Mädchen vorsahen. In Indien hatte auch traditionell die Auffassung geherrscht, dass die weibliche Bildung sich auf grundlegendes Lesen, Schreiben, Rechnen und Englisch sowie textile Handarbeiten beschränken sollte. Die sri-lankische Anthropologin Malathi de Alwis, die sich 1997 mit Internaten im kolonialen Ceylon beschäftigt hat, urteilte in diesem Zusammenhang: „Nähen spielte eine grundlegende Rolle in der Formung christlicher Frauen, in der Konstruktion einer bestimmten moralischen Haltung. Es war eine Praxis, die auf Reinlichkeit, Ordentlichkeit, Konzentration, Geduld und Genauigkeit pochte.“ Auch in anderen Kolonien, wie etwa der Goldküste, betrieben die Briten Schulen, in denen Mädchen neben hauswirtschaftlichen Grundkenntnissen vor allem Fähigkeiten in Nadelarbeiten erwarben.

Deutscher Sprachraum

Vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert Im deutschen Sprachraum kannte das Gemeine Recht ein „Nadelgeld“ (auch Spillgeld), das einer Ehefrau von Seiten ihres Mannes zustand und von dem sie ohne Rücksprache mit ihm kleinere Einkäufe tätigen konnte. Die Verantwortung dafür, dass Mädchen das textile Handarbeiten erlernten, lag traditionell in den Familien. Seit dem 16. Jahrhundert leisteten die Nonnenklöster wichtige Beiträge zur außerhäuslichen Erziehung von Mädchen, insbesondere der Töchter des Adels und des wohlhabenden Bürgertums, wobei textile Handarbeiten eine zentrale Rolle spielten. Neben grundlegenden Textiltechniken, wie dem Spinnen und Weben, wurden hier – mit dem Ziel einer praktisch-ästhetischen Bildung und einer Disziplinierung der Mädchen, sowie als Standesausdruck – auch feine Handarbeiten gelehrt, mit denen die Kleidung verziert und das Haus wohnlich gestaltet werden konnte. Ebenfalls im 16. Jahrhundert entstanden darüber hinaus Strickschulen, denen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wiederum Industrieschulen folgten. Die Industrieschulen waren vom Geist der Aufklärung geprägt, sollten der Armut entgegenwirken und zielten darum darauf, die Töchter der Armen zu befähigen, zum Unterhalt ihrer Familie beizutragen.

19. Jahrhundert: Schulisches Handarbeiten Unter dem Einfluss des Neuhumanismus wiederum, der Mädchen in ihrer Rolle als künftige Hausfrauen zu fördern suchte, entstand vom späten 18. Jahrhundert an in deutschsprachigen Ländern ein selbstständiges schulisches Unterrichtsfach, in dem Mädchen Textiltechniken gelehrt wurden, sei es als Grundlage einer Berufsausbildung, sei es für den häuslichen Gebrauch. An den fränkischen Schulen etwa wurde obligatorischer weiblicher Handarbeitsunterricht per herzoglichem Dekret in den Jahren 1790 und 1792 eingeführt.