mini|Die Volkshochschule Urania in Wien Die Volkshochschulen in Österreich, über die Landesverbände im Verband Österreichischer Volkshochschulen als Dachverband zusammengefasst, sind gemeinnützige Bildungseinrichtungen, die aus der bürgerlich-liberalen und spätaufklärerisch-sozialreformerischen linken Volksbildungsbewegung des 19. Jahrhunderts stammen.
Der Begriff Volkshochschule wurde von Nikolai Frederik Severin Grundtvig geprägt, der 1844 im dänischen Südjütland die erste Institution dieser Art begründete. Volksbildnerisch tätige Organisationen in Österreich lassen sich ebenfalls bis weit in das 19. Jahrhundert zurückverfolgen und erlebten bereits im Zuge der 1848-Revolution einen ersten, im Kontext des neuen Vereinsgesetzes 1867 und der Gründungswelle von Arbeiterbildungsvereinen einen zweiten Höhepunkt. In bzw. ab den 1880er entwickelte sich in der Folge eine spezifische Tradition der Volksbildungsbewegung in Österreich (der Begriff Volkshochschule durfte zunächst nicht verwendet werden).
Geschichte 1887 begründete Eduard Leisching den Volksbildungsverein in Margareten (heute VHS polycollege – Margareten). Ab 1895 gab es „Volkstümliche Universitätsvorträge“ an der Universität Wien, 1897 wurde nach Berliner Vorbild die Wiener Urania ins Leben gerufen, die einen besonderen Schwerpunkt in der volkstümlichen Vermittlung der Naturwissenschaften und insbesondere der Astronomie setzte. Seit 1910 befindet sie sich am heutigen Standort, mit eigener Sternwarte.
Am 24. Februar 1901 konstituierte sich im Ballsaale Ronacher der Verein „Volksheim“ mit dem Ziel der Errichtung einer Volkshochschule in Wien. Namens der Proponenten führte Docent Dr. Ludo Hartmann durch die Versammlung, an deren der formalen Vereinsbildung folgenden Ende der Vorstand ermächtigt wurde, ein geeignetes Local als „Volksheim“ zu miethen und einzurichten.Eine Volkshochschule in Wien. Neue Freie Presse, Abendblatt, 25. Februar 1901, S. 2, unten rechts anno.onb.ac.at
Das 1901 gegründete Volksheim Ottakring betrieb gleichfalls Volksbildung, politisch eher links orientiert (im Vergleich zur bürgerlichen Urania). Der Terminus Volkshochschule war damals allerdings in der Donaumonarchie noch verboten.
Am 5. November 1905 übersiedelte die vereinsmäßig konstituierte „Volkshochschule Wien Volksheim“ aus ihrem provisorischen Kellerlokal am Urban-Loritz-Platz 1 in ihr Gebäude am Ludo-Hartmann-Platz 7 in Ottakring. Dieses erste spendenfinanzierte Volkshochschulgebäude in Österreich wurde von den Architekten von Franz Ritter v. Neumann jr., Ludwig Faigl und Ottokar Sterin errichtet.
Das finanzielle Engagement in der Volksbildung war damals in hohem Umfang Sache wohlmeinender Mäzene – Bankiers und Industrielle, darunter die Familie Rothschild bestritten einen Großteil der Baukosten. Initiator war der Historiker Ludo Moritz Hartmann. Dem Volksheim Ottakring folgte das 1909 bis 1911 erbaute Haus des Wiener Volksbildungsverein in der Stöbergasse, Vorläufer der heutigen VHS polycollege Margareten.
Nach 1918 wurden zahlreiche weitere Volksbildungsvereine gegründet, auch in den Bundesländern, vielfach auf Initiative der Gewerkschaften. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine weitere Gründungswelle. Die Volkshochschule Tirol wurde etwa bereits im Herbst 1945 als überparteilicher Verein „Volkshochschule Innsbruck“ (seit 1982 „Volkshochschule Tirol“) gegründet. Zweck des Vereines war es, Volksbildung im Sinne des österreichisch-demokratischen Staatsgedankens zu bieten. Auch die Volkshochschule Salzburg (1947) stammt aus dieser Aufbruchsperiode. Sie wurde von Stadt und Land Salzburg, der Handelskammer, der Arbeiterkammer, dem Gewerkschaftsbund und der Kulturvereinigung Salzburg ins Leben gerufen.
In einem Projekt des Österreichischen Volkshochschularchivs, der VHS Hietzing und des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) wurde die Geschichte der Vortragenden und Funktionären der Wiener Volkshochschulen während des NS-Regimes untersucht. Die Gesamtzahl der bis dato eruierten Opfer beläuft sich auf 453 Personen. Diese 453 Personen stehen für 9.171 Kurse und Vorträge. Als Opfer wurden dabei Personen gewertet, die sich unmittelbar nach dem sogenannten „Anschluss“ im März 1938 das Leben genommen haben (11 Personen), die vor den Nazis ins Exil fliehen konnten (332 Personen) sowie jene, die deportiert und ermordet wurden (111 Personen). Die bisherigen Ergebnisse werden in einer Ausstellung, die zehn Tafeln umfasst, präsentiert. Die Volkshochschulen sind damit internationale Vorreiter im Bereich der Opferforschung. Für das Projekt wurden 2023 Christan Stifter und Robert Streibel mit dem Ludo-Hartmann-Preis ausgezeichnet.
Die Organisation der Volkshochschulen nach 1945 unterlag verschiedenen Wandlungen. Es kam in Wien beispielsweise zur Gründung von Bezirksvolkshochschulen auf Vereinsbasis, mit dem 1949 gegründeten Verband Wiener Volksbildung als Dachverband. Ein Jahr später, 1950 erfolgte die Gründung des Verbands Österreichischer Volkshochschulen (VÖV) als Dachverband mit Wolfgang Speiser als erstem Generalsekretär.
In der größten Strukturreform seit 1945 wurden die VHS-Vereine in Wien 2007/2008 – unter der Geschäftsführung von Wolfgang Bandhauer sowie nach dessen tragischem Tod durch seinen Nachfolger Mario Rieder – in Die Wiener Volkshochschulen GmbH (VHS Wien), einer gemeinnützigen GmbH im Besitz des Verbandes Wiener Volksbildung und der Stadt Wien, zusammengeführt und reorganisiert. In Wien arbeiten als Teil der VHS noch etliche spezialisierte Einrichtungen, wie etwa das Planetarium Wien oder die umweltberatung Wien, aktuell fungiert Herbert Schweiger als Geschäftsführer.
Der Verband Österreichischer Volkshochschulen (VÖV) versteht sich demgegenüber als Koordinationsstelle von bildungspolitisch und pädagogisch relevanten Aktivitäten im österreichischen Volkshochschulbereich. Er ist die Servicestelle für seine Mitglieder, die neun Landesverbände. Mit derzeit neun Mitarbeitenden im Generalsekretariat repräsentiert er unter dem Vorsitzenden Gerwin Müller und Generalsekretär John Evers aktuell auf Bundesebene den Volkshochschulgedanken. Langjähriger Vorstandsvorsitzender des VÖV und auch des Verbandes Wiener Volksbildung war der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig.
Präsidenten des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen
bis 1957 Josef Lehrl (1894–1957) 1958–1970 Richard Kerschagl (1896–1976) 1970–1984 Karl R. Stadler (1913–1987) 1984–1987 Viktor Heller (1925–1987) 1987–1988 Ernst Steinbach, als. gf. Vizepräsident (* 1939) 1988–1999 Gertrude Fröhlich-Sandner (1926–2008) 1999–2007 Heinz Fischer (* 1938) 2007–2014 Barbara Prammer (1954–2014) Seit 2014 Heinz Fischer (* 1938)
Generalsekretäre des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen
1950–1974 Wolfgang Speiser 1974–1983 Karl Arnold 1984–2012 Wilhelm Filla 2012–2022 Gerhard Bisovsky seit 2022 John Evers
Bildungsauftrag und Wirkung Volkshochschulen verstehen ihren Bildungsauftrag im Sinne eines niederschwelligen Bildungsangebots und vor dem Hintergrund eines humanistischen Bildungsbegriffs: „Volkshochschulen stehen für das Recht auf Bildung und tragen zu dessen Durchsetzung bei. Ihr vielfältiges Programm mit einem breiten Angebot an Kurs- und Veranstaltungsformaten ist für Menschen aller Altersgruppen zugänglich. Damit leisten Volkshochschulen durch ihre Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Chancengerechtigkeit in Österreich.“ Ihr Aufgabenprofil reicht heute vom klassischen Bildungsangebot auf regionaler Ebene (Gesundheit und Bewegung, Sprachen, Kreativität und Gestaltung und politische Bildung), Bildungsabschlüssen und Basisbildung bis hin zu speziellen Projekten und öffentlichen Aufträgen im Bereich Wissenschaftsbildung und Digitalisierung. In diesem Sinne verstehen sich Volkshochschulen als eine der „führenden Bildungsinstitutionen des Landes (...) Wir sind der Bildungs-Nahversorger der österreichischen Bevölkerung sowie ein starker Partner der öffentlichen Hand und der Zivilgesellschaft.“
Von 2018 bis 2020 wurde von der Donau-Uni-Krems in Kooperation mit dem Verband Österreichischer Volkshochschulen ein Nachfolgeprojekt der Studie Benefits of lifelong Learning (BELL) an den österreichischen Volkshochschulen umgesetzt. Teilnehmende aus 200 Kursen (vor allem Sprach- und Bewegungskurse) wurden hier im Sinne der Veränderung, die sie durch den Kursbesuch erlebten, befragt. Herausragend waren hier die Veränderungen im Bereich Lernmotivation: Hier sahen 90 Prozent der Teilnehmenden eine entsprechend positive Veränderung. Ebenso bemerkenswert waren die Ergebnisse bzgl. des persönlichen Wohlbefindens, sowie den Themen Toleranz und soziale Eingebundenheit: Hier liegen die positiven Veränderungen nach Wahrnehmung der Befragten bei über 80 Prozent. Teilnehmende an Volkshochschulen nehmen für sich wahr, dass durch die Kursteilnahme ihr Respekt vor anderen Menschen steigt und sie besser in soziale Netzwerke eingebunden sind. Sie denken ihr Leben besser zu meistern und fürs Weiterlernen motivierter zu sein.Benefit Lernen in der VHS 71. Jahrgang · Nr. 270 · Sommer 2020 (PDF; 2,4 MB), auf vhs.or.at
Auf Initiative des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen, wurde 2024 für den ORF die Dokumentation „Bildung für alle. Die Geschichte der österreichischen Volkshochschulen“ produziert. Regie führte dabei Stefan Nicolini, zu Wort kamen unter anderem Nobelpreisträger Anton Zeilinger, Moderatorin Chris Lohner, Altbundespräsident Heinz Fischer, Bürgermeister Michael Ludwig, der Historiker Oliver Rathkolb sowie VÖV-Generalsekretär John Evers.
Kritik Das eingestellte Medienprojekt Addendum warf 2019 den Volkshochschulen vor, dass Teile des Angebots dem von den VHS erhobenen Anspruch der Wissenschaftlichkeit widersprechen. Besonders wird kritisiert, dass ein Teil dieser Kurse esoterische und alternativmedizinische Pseudowissenschaften betreffe, für die sogar Heilsversprechen in der Kursbeschreibung abgegeben werden. Manche der Kurse (etwa Workshops für Kinder, bei denen einige der dabei verwendeten ätherischen Öle Allergien auslösen können) können für einzelne Personengruppe sogar gefährlich sein. Die österreichischen Volkshochschulen verpflichten sich selbst, keine esoterischen Formate anzubieten – ein Alleinstellungsmerkmal in der österreichischen Bildungslandschaft, da der Markt esoterischer Angebote lukrativ ist. Die Volkshochschulen weisen darüber hinaus – mit bis zu 210.000 Personen pro Jahr, die an VHS-Kurse und Einzelveranstaltungen aus den Bereichen Politik, Gesellschaft und Kultur beziehungsweise Naturwissenschaften, Technik und Umwelt – auf ihren aktiven Beitrag zu Wissenschaftsvermittlung hin. An einer gemeinsamen Veranstaltung der Wiener Volkshochschulen und des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen nahmen beispielsweise in diesem Kontext am 7. November 2023 über 1.200 Personen (davon mehr als 600 in Präsenz) an einer Veranstaltung mit dem Nobelpreisträger Anton Zeilinger zur „Wunderwelt der Quanten“ teil.
Am Wiener VHS-Landesverband wurde kritisiert, dass die Kosten im Vergleich zu den anderen Landesverbänden exorbitant hoch seien. So betrug die Basisförderung 2018 in Wien EUR 21,9 Mio., beim zweitgrößten Fördernehmer Landesverband Oberösterreich lediglich EUR 536.000. Allerdings ist der Vergleich zwischen den Landesverbänden – aufgrund der unterschiedlichen Eigentümerstrukturen und der finanziellen Ausstattung durch diese – nur bedingt möglich. So stehen hinter drei Landesverbänden (OÖ, Kärnten und die Steiermark) die jeweiligen Arbeiterkammern, während andere Volkshochschulen u. a. Vereinsstrukturen aufweisen. In Wien erfüllen die Volkshochschulen – ähnlich wie z. B. auch die Kärntner Volkshochschulen – zudem als gemeinnützige GmbH viele verschiedene personalintensive Aufträge für das Land (z. B. die Gratislernhilfe für die Sekundarstufe I oder das Demontage- und Recycling-Zentrum) welche sich nicht unmittelbar in der Kursstatistik niederschlagen.Demontage- und Recycling-Zentrum (DRZ), auf vhs.at