mini|Gruppenbild zur Eröffnung der 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung 2015: Bundespräsident Joachim Gauck und Kuratoriumspräsidentin Bettina Bernadotte (Mitte) mit den 65 teilnehmenden Nobelpreisträgern. mini|Meisterklasse von George Smoot während der Tagung 2012 mini|Donna Strickland bei einem Science Walk mit Nachwuchswissenschaftlern 2020 Die Lindauer Nobelpreisträgertagungen (englisch: Lindau Nobel Laureate Meetings) sind jährliche Wissenschaftstagungen, die seit 1951 in Lindau (Bodensee) stattfinden. Ihr Ziel ist es, Nobelpreisträger und junge Wissenschaftler zusammenzubringen, um den wissenschaftlichen Austausch über Generationen, Kulturen und Disziplinen hinweg zu fördern.

Ziele Jede Lindauer Nobelpreisträgertagung besteht aus einer Vielzahl wissenschaftlicher Programmpunkte wie etwa Vorträgen und Podiumsdiskussionen sowie verschiedener Networking- und Gemeinschaftsveranstaltungen. Die Tagungen nehmen einen besonderen Platz unter den internationalen Wissenschaftstagungen ein: Mit im Durchschnitt 30–40 teilnehmenden Laureaten pro Jahr stellen sie die weltweit größte Zusammenkunft von Nobelpreisträgern außerhalb der Preisverleihungszeremonien in Stockholm dar. Bei den Tagungen geht es nicht um die Präsentation neuer Forschungsergebnisse, sondern vielmehr um den Ideenaustausch und um die Diskussion von Themen, die globale Relevanz für alle Wissenschaftler besitzen. Die Nobelpreisträger erhalten für ihre Auftritte kein Honorar und sind in der Wahl ihrer Vortragsthemen frei. Rund 380 von ihnen sind Mitglied der Stifterversammlung der Tagungen.

Die Ziele der Tagungen bestehen nicht nur darin, den Wissenstransfer zwischen Laureaten und Nachwuchswissenschaftlern, sondern auch den Austausch von Wissen innerhalb der internationalen Wissenschafts-Community und gegenüber der restlichen Gesellschaft zu fördern. Dieses Vorhaben wird vom Kuratorium für die Lindauer Nobelpreisträgertagungen als „Mission Education“ bezeichnet. Den jungen Wissenschaftlern die Möglichkeit zu geben, globale Netzwerke aufzubauen – z. B. über das Lindau Alumni Network –, zählt ebenfalls zum Bestreben der Tagungen. Ihr Slogan lautet „Educate, Inspire, Connect.“

Geschichte Nach dem Zweiten Weltkrieg litt Deutschland an den Nachwirkungen des Naziregimes und war infolgedessen größtenteils von der internationalen Wissenschaft ausgeschlossen. In dieser Zeit fanden kaum wichtige Wissenschaftskonferenzen in Deutschland statt.

Idee & Gründung (1951) Die beiden Lindauer Ärzte Franz Karl Hein und Gustav Wilhelm Parade hatten 1949 die Idee, deutsche Ärzte und Forscher mit Nobelpreisträgern zusammenzubringen. Sie überzeugten Graf Lennart Bernadotte af Wisborg, Mitglied der schwedischen Königsfamilie und Besitzer der nahegelegenen Insel Mainau, seine guten Beziehungen zu schwedischen Nobelkomitee und den schwedischen Nobelinstitutionen geltend zu machen und das Vorhaben zu unterstützen. Die erste Tagung im Jahr 1951 war den Feldern der Medizin und Physiologie gewidmet und wurde von sieben Nobelpreisträgern besucht; darunter Adolf Butenandt und Hans von Euler-Chelpin. Nach dem Erfolg der ersten Nobelpreisträgertagung wurde der wissenschaftliche Fokus vergrößert und die beiden anderen Nobelpreis-Disziplinen der Naturwissenschaft, Chemie und Physik, ins Programm aufgenommen. In den Folgejahren wurde ein Modus etabliert, bei dem die Hauptdisziplin der Tagung jährlich wechselt. Seit dem Jahr 2000 findet zudem alle fünf Jahre eine interdisziplinäre Tagung statt, bei der die drei Naturwissenschaften vereint sind.

Seit ihrer Entstehung im Jahr 1951 haben die Lindauer Nobelpreisträgertagungen stets in Lindau stattgefunden, deren Stadtzentrum auf einer durch Brücken mit dem Festland verbundenen Insel im See liegt.

mini|Nobelpreisträger Werner Heisenberg umringt von Studenten bei der 5. Lindauer Nobelpreisträgertagung im Jahr 1955. Foto: Archiv Spang/Lindau Nobel Laureate Meetings.

1954–2000 Im Jahr 1954 wurde das Kuratorium für die Lindauer Nobelpreisträgertagungen gegründet und diente fortan als Organisationskomitee der Tagungen. Graf Lennart Bernadotte wurde zu seinem ersten Präsidenten ernannt. Das Konzept, auch junge Wissenschaftler zu den Tagungen einzuladen, entstand ebenfalls in diesem Jahr. Mit diesem Schritt sollte der gesellschaftliche Mehrwert der Veranstaltung erhöht werden. 1954 konnten sogar einige Studierende aus der DDR an der Nobelpreisträgertagung teilnehmen.

Was von Hein und Parade zunächst als europäische Wissenschaftskonferenz angedacht war, entwickelte sich nach und nach immer mehr zu einer internationalen Veranstaltung. In den Anfangsjahren der Tagungen nahmen lediglich Studenten aus den Anrainerstaaten des Bodensees teil, Jahr für Jahr begannen jedoch andere Länder damit, Vertreter zu entsenden. Seit dem Jahr 2000 etwa, nehmen an jeder Nobelpreisträgertagung junge Wissenschaftler aus 80 bis 90 verschiedenen Ländern teil.

1987 trat Graf Bernadotte von seinem Amt als Präsident des Kuratoriums aus gesundheitlichen Gründen zurück und seine Frau, Gräfin Sonja Bernadotte af Wisborg, übernahm die Position.

2000–2008 Kurz vor dem Jahrtausendwechsel gab es wieder Sorgen um den Fortbestand der Tagungen, da ihre zukünftige Finanzierung nicht gesichert war. Um dieser negativen Entwicklung entgegenzutreten, erweiterte Gräfin Bernadotte das Kuratorium um Experten aus den Bereichen gemeinnützige Stiftungen und Öffentlichkeitsarbeit, sowie um Repräsentanten der Stockholmer Nobelstiftung.

Zwei große Ziele unter Gräfin Sonja Bernadottes Ägide waren das weitere Vorantreiben der Internationalisierung der Tagungen sowie die Verbesserung ihres öffentlichen Images.

Anlässlich der 50. Lindauer Nobelpreisträgertagung im Jahr 2000 wurde die Gründung der Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertagungen bekanntgegeben. Diese sollte fortan die Finanzierung der Tagungen sichern. Als Gründer wurden 50 Nobelpreisträger Mitglieder der Stifterversammlung (inzwischen sind es rund 375), um die Tagungen ideell aber auch finanziell zu unterstützen.

2008–2019 Als Gräfin Sonja Bernadotte im Oktober 2008 verstarb, wurde ihre Tochter, Gräfin Bettina Bernadotte af Wisborg, zur Präsidentin des Kuratoriums gewählt. Sie setzte den Kurs ihrer Mutter fort und arbeitete stetig daran, das internationale Netzwerk an wissenschaftlichen Partnerinstitutionen weiter auszubauen und ergänzte diesen um ein großes Engagement für Bildung und eine Erhöhung des gesellschaftlichen Mehrwerts der Tagungen.

Seit 2020 Erstmals in der fast 75-jährigen Geschichte musste die für 2020 geplante Tagung wegen der weltweiten Corona-Pandemie ins Folgejahr verschoben werden. Stattdessen fanden sich Nobelpreisträger, Lindau Alumni und Nachwuchswissenschaftler online zusammen und tauschten sich bei den Online Science Days 2020 und dem Lindau Online Sciathon 2020 virtuell aus.

Im Sommer 2022 fanden die Tagung zur Chemie und zur Ökonomie jeweils hybrid statt, für die Teilnehmer vor Ort galten entsprechende Maßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie.

Das Netzwerk der Lindau Alumni wurde in den vergangenen Jahren durch zahlreiche Angebote, die u. a. online durchgeführt wurden, gezielt ausgebaut.

Tagungszyklus Die Nobelpreisträgertagungen widmen sich jeweils jährlich wechselnd einer der naturwissenschaftlichen Nobelpreisdisziplinen Medizin oder Physiologie, Chemie und Physik. Seit dem Jahr 2000 wird alle fünf Jahre (zuletzt 2021) eine interdisziplinäre Tagung abgehalten, zu der Vertreter aller Disziplinen eingeladen werden. Darüber hinaus findet seit 2004 inzwischen alle drei Jahre die Lindauer Tagung der Wirtschaftswissenschaften statt, die den Preisträgern des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften („Wirtschaftsnobelpreis“) gewidmet ist.

mini|Nobelpreisträger Stefan Hell 2015 bei der 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung im Gespräch mit jungen Wissenschaftlern. Foto: Ch. Flemming/Lindau Nobel Laureate Meetings.

Wissenschaftliches Programm Folgende Programmformate kommen derzeit auf den Lindauer Nobelpreisträgertagungen zum Einsatz:

Lectures: Klassische Vorträge, bei denen die Nobelpreisträger in der Themenwahl völlig frei agieren. Agora Talks: Dieses Format, das 2018 eingeführt wurde, kombiniert ein Interview oder einen Diskussionsteil unter Beteiligung von ein bis zwei Nobelpreisträgern mit einer Frage-und-Antwort-Session und bietet Raum für viel Austausch. Das Format eignet sich besonders für kontroverse und aktuelle Themen. Open Exchanges: Nobelpreisträger stehen den jungen Wissenschaftlern in geschlossener Runde Rede und Antwort. Next Gen Science Sessions: In einem Review-Verfahren ausgewählte Nachwuchswissenschaftler geben in Kurzvorträgen Einblicke in ihre Forschung. Panel Discussions: Diese Podiumsdiskussionen widmen sich den großen, aktuellen Fragen der Wissenschaft. Das Teilnehmerfeld setzt sich in der Regel aus Laureaten, Nachwuchswissenschaftlern, aber auch Vertretern aus Politik, Wirtschaft oder Medien zusammen. Science Breakfasts: Frühmorgendlich abgehaltene Diskussionsveranstaltungen, die von Partnerorganisationen oder Förderern ausgerichtet werden.

Darüber hinaus existieren weitere Formate wie Science Walks, Laureate Lunches und Life Lectures.

Rahmenprogramm Die Lindauer Nobelpreisträgertagungen verfügen zudem über ein breit gefächertes Rahmenprogramm, das vor allem zum Networking und Kennenlernen dienen soll, darunter Dinner, Grillfeste und Kulturveranstaltungen. Seit 2009 gehört zu jeder Tagung auch ein so genannter „International Day“, dessen Abendveranstaltung stets von einem Gastländern und -regionen ausgerichtet wird. Bisherige Gastgeber waren unter anderem: Indien (2009), die Europäische Union (2010), die Vereinigten Staaten (2011), Singapur (2012), Südkorea (2013), Australien (2014), Frankreich (2015), Österreich (2016), Mexiko (2017), China (2018), Südafrika (2019), das Vereinigte Königreich (2022), Indonesien (2023) und Texas (2024).

Schifffahrt zur Insel Mainau Der Abschlusstag jeder Tagung kombiniert Wissenschafts- und Freizeitprogramm mit einem Ausflug zur Insel Mainau auf Einladung des Landes Baden-Württemberg. Der Besuch auf der Insel der gräfischen Familie Bernadotte dient gleichermaßen dazu, nochmals eine große Podiumsdiskussion (meist zu gesellschaftlich relevanten Themen) abzuhalten, gleichzeitig aber auch die Studenten aus aller Welt an der Attraktion der „Blumeninsel“ teilhaben zu lassen.

mini|Der letzte Tag jeder Lindauer Nobelpreisträgertagung findet traditionell auf der Insel Mainau statt.

Teilnehmer An Tagungen, die einer Einzeldisziplin gewidmet sind, nehmen in der Regel 30 bis 40 Nobelpreisträger und 500–600 junge Wissenschaftler aus etwa 80 Ländern teil. Hinzu kommen verschiedene Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft und der akademischen Welt sowie Vertreter internationaler Medien.

Bewerbungsverfahren Nachwuchswissenschaftler, die an den Tagungen teilnehmen wollen, müssen ein mehrstufiges Auswahlverfahren durchlaufen. Bewerben können sich Studenten, Doktoranden und Post-Docs, die zu den besten ihrer Jahrgänge gehören und noch keine feste Stelle innehaben. Junge Wissenschaftler können nur jeweils einmal an einer Lindauer Nobelpreisträgertagung teilnehmen. In Ländern, in denen die Lindauer Tagungen einen oder mehrere akademische Partner haben, erfolgt die Bewerbung über zunächst die Nominierung durch einen dieser Partner. Vorschlagsberechtigte Partnerorganisationen in Deutschland sind dies z. B. diverse Universitäten, die Max-Planck-Gesellschaft und die Studienstiftung des deutschen Volkes.

Besondere Gäste Über die Jahre hinweg haben viele erwähnenswerte Persönlichkeiten die Lindauer Nobelpreisträgertagungen besucht, unter ihnen etwa die ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog, Johannes Rau, Horst Köhler, Christian Wulff sowie Joachim Gauck, der die Eröffnungsrede zur interdisziplinären Tagung im Jahr 2015 hielt. Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnete die Wirtschaftstagung 2014. 2017 tat dies der damalige Präsident der EZB, Mario Draghi.