mini|Anthonis van Dyck: Selbstporträt (um 1640), National Portrait Gallery, Londonrahmenlos|zentriert|128px|klasse=skin-invert-image
Sir Anthonis van Dyck, flämisch Antoon van Dyck [] (auch Anton van Dijck und Anthony van Dyck; * 22. März 1599 in Antwerpen; † 9. Dezember 1641 in London), war ein flämischer Maler und Grafiker des Barock. Er war einer der bedeutendsten und einflussreichsten Porträtmaler der Kunstgeschichte und schuf auch religiöse, mythologische und allegorische Werke. Van Dyck war Schüler und zeitweise freier Mitarbeiter von Peter Paul Rubens und gilt neben diesem als berühmtester flämischer Maler des 17. Jahrhunderts.
Leben Jugend und Lehrjahre mini|links|hochkant=0.7|Selbstporträt, um 1615, Akademie der bildenden Künste Wien
Van Dyck war das siebente Kind des reichen Textilkaufmanns Frans van Dyck und dessen zweiter Ehefrau, der Kunststickerin Maria, geborene Cuypers; seine Mutter starb 1607, als der Junge erst 8 Jahre alt war.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 23–24.
Er galt als besonders begabt im Zeichnen. So akzeptierte ihn bereits im Alter von zehn Jahren der Maler Hendrick van Balen (1575–1632) als Schüler. Im Register der Antwerpener Lukasgilde wird er 1609 als dessen Lehrling genannt, es ist jedoch nicht sicher, wie lange er bei van Balen blieb.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 25. Van Dyck war ein frühreifes Malergenie und sein erstes heute bekanntes Bild ist ein Porträt eines alten Herrn, das er 1613 im Alter von 14 Jahren signierte und datierte und das sich heute (Stand 2023) in Brüssel befindet (Musées royaux des Beaux-Arts).
Bereits zwei Jahre später, im Jahr 1615, hatte er ein eigenes Atelier in einem Haus namens „De Dom van Keulen“ („Der Kölner Dom“), in dem er seine ersten Schüler Herman Servaes und Justus van Egmont beschäftigte.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 28. Um diese Zeit entstand eine Bilderserie mit Darstellungen von Jesus und den Aposteln, die er für den Antwerpener Bürger Willem Verhagen malte.
1616–17 kämpfte der jugendliche Künstler in zwei Erbschaftsprozessen gegen ungerechte finanzielle Forderungen seiner zwei Schwager für sein eigenes Recht und das seiner jüngeren Geschwister.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 27.
mini|Gefangennahme Christi (Der Judaskuss), 1618–20, Öl auf Leinwand, 344 × 253 cm, Prado, Madrid
Spätestens mit 19 Jahren arbeitete Van Dyck als unabhängiger und anerkannter Meister. Er wurde seit dem 11. Februar 1618 als Freimeister der Lukasgilde geführt und vier Tage später für volljährig erklärt, wofür er die Zustimmung seines Vaters benötigte.
Die Zusammenarbeit Van Dycks mit Rubens begann spätestens 1617, jedoch zeigte seine Malerei schon vorher Anzeichen eines stilistischen Einflusses durch seinen berühmten älteren Kollegen, welcher 1618 in einem Brief von seinem „besten Schüler“ sprach und damit nach allgemeiner Ansicht Anthonis van Dyck meinte. Ob dieser auch bis 1620 bei Rubens wohnte, wie einige Autoren meinen, ist dagegen nicht gesichert.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 32. Zu den Arbeiten in Rubens’ Studio, an denen Van Dyck nachweislich beteiligt war, gehört ein Gemäldezyklus über die Geschichte des Decius Mus (1618), der als Vorlage für Brüsseler Tapisserien dienen sollteJustus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 31. – die Gemälde befinden sich heute in den Sammlungen der Fürsten zu Liechtenstein (Palais Liechtenstein, Wien);Johann Kräftner, Andrea Stockhammer: Liechtensteinmuseum Wien - Die Sammlungen. Prestel Verlag, München et al. 2004, S. 224. auch wirkte Van Dyck 1620 noch an einem 39-teiligen Gemäldezyklus für die Decke der Antwerpener Jesuitenkirche mit (nicht erhalten).
Daneben arbeitete er auch selbständig und schuf besonders einige Selbstbildnisse und hervorragende Porträts. Als besonders gelungen können dabei das berühmte Familienporträt in der Eremitage (St. Petersburg) und das Porträt von Maria Stappaert, der Frau von Jan Wildens, mit ihrem Sohn Jan-Baptist (National Gallery, London) gelten, in denen sich bereits Van Dycks außergewöhnliche Gabe zeigt, kleine Kinder lebensecht darzustellen.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 76.Das zweite Bild war ursprünglich als Porträt einer (unbekannten) Frau mit Kind bekannt und wird von der National Gallery nach wie vor so bezeichnet (Stand 2023). Anthony Van Dayck: Portrait of a woman and child, auf der Website der National Gallery, London (englisch; Abruf am 28. September 2023)
Wahrscheinlich entstanden um diese Zeit (oder etwas später?) auch einige seiner frühen religiösen Meisterwerke, wie die Gefangennahme Christi und die Dornenkrönung, die beide ursprünglich Rubens gehörten und nach dessen Tod (1640) vom spanischen König Philipp IV. erworben wurden (heute: Prado, Madrid).The Taking of Christ (Gefangennahme Christi) und The Crowning with Thorns (Dornenkrönung) auf der Website des Prado, Madrid (englisch oder spanisch; Abruf am 18. September 2023)Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 80.
Erste Reisen: England und Italien, 1620–1627 mini|hochkant=0.7|Thomas Howard, 2. Earl of Arundel (1620), 102,9 × 79,4 cm, Getty Center, Los Angeles
In der Zwischenzeit hatte Van Dyck sich nicht nur bei einheimischen Kunstkennern einen Ruf erworben, sondern man wurde auch in England auf ihn aufmerksam. So reiste er 1620 erstmals nach London, das er am 20. Oktober erreichte. Die Reise wurde wahrscheinlich von Lord Purbeck, dem Bruder des einflussreichen Herzog von Buckingham, in die Wege geleitet. Buckingham bestellte bei dem jungen Künstler u. a. ein mythologisches Doppelporträt von sich und seiner Frau als Venus und Adonis (Privatsammlung).Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 33. Ebenso knüpfte Van Dyck einige für seine Zukunft wichtige Kontakte zu anderen bedeutenden Kunstkennern des Landes, er lernte Endymion Porter sowie den Earl of Arundel kennen, von dem er ein erstes Porträt malte (heute: Getty Center, Los Angeles). Außerdem stand er in Diensten von James I., doch obgleich er vom König mit einer jährlichen Pension von 100 Pfund Sterling entlohnt wurde, blieb er nur etwa ein halbes Jahr in England. Dabei nutzte er die Gelegenheit, in den Sammlungen seiner Mäzene die Meisterwerke der italienischen Malerei zu studieren, für die er sich schon länger interessierte, vor allem von Tizian und Veronese.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 35. Dies scheint in ihm den Wunsch geweckt zu haben, selbst nach Italien zu reisen.
Am 28. Februar 1621 erhielt er einen acht Monate gültigen Reisepass, der ihm erlaubte, England zu verlassen. Bei einem kurzen Aufenthalt in Flandern entstand unter anderem das Porträt des damaligen Antwerpener Bürgermeisters Nicolas Rockox (1560–1640).Das Gemälde wurde von Vorsterman I gedruckt, welcher es mit 1622 datierte, als Van Dyck nachweislich in Italien war. Die Datierung durch Vorstermann hat später offenbar bei einigen Autoren für Verwirrung gesorgt, die meinten, Van Dyck sei nach einem ersten Kurzaufenthalt in Italien 1622 wieder in Antwerpen gewesen. Siehe: . Siehe auch:
Am 3. Oktober 1621 verließ er die Spanischen Niederlande und erreichte am 20. November Genua, das in den folgenden Jahren bis 1627 zu einer Art Zentrum oder Stützpunkt für seine weiteren ausgedehnten Reisen durch Italien wurde.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 35 und 39. In Genua freundete er sich mit den beiden Genremalern Cornelis und Lucas de Wael an, bei denen er auch wohnte, und von denen er (wahrscheinlich als Abschiedsgeschenk) ein originelles Doppelporträt malte (heute in den Musei Capitolini, Rom).Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 36 und 108.
mini|links|hochkant=0.8|Marchesa Balbi (um 1623), 196,5 × 133,8 cm, National Gallery of Art, Washington In Genua wurde Van Dyck schnell zum gesuchtesten Porträtisten der feinen Gesellschaft, und es entstanden in der Folgezeit zahlreiche meisterhafte Porträts von Mitgliedern der Familien Doria, Balbi, Durazzo, Brignole Sale, Adorno, Grimaldi, Cattaneo, Lomellini u. a., darunter ungewöhnlich viele Bildnisse von Frauen und Kindern.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 38.
Zunächst jedoch ging Van Dyck schon im Februar 1622 nach Rom, wo er unter anderem Sir Robert Shirley und Lady Theresa Shirley in persischen Gewändern malte (Petworth House).Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 39 und 42 Die genaue Chronologie seiner weiteren Reisen ist nicht bekannt, obwohl sein Italienisches Skizzenbuch (British Museum, London) Anhaltspunkte zumindest für die von ihm besuchten Orte liefert; in dem Skizzenbuch hielt er Gemälde, die ihn besonders beeindruckten, fest.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 42. Im selben Jahr verbrachte er zwei Monate in Venedig, wo er die Werke des von ihm besonders geliebten Tizian und der venezianischen Schule studierte. In der Lagunenstadt lernte er Lucas van Uffel kennen, einen Freund von Cornelis de Wael; van Uffel war ebenfalls ein Verehrer Tizians, besaß eine eigene Gemäldesammlung, und ließ sich von Van Dyck malen (Porträt im Metropolitan Museum of Art, New York).Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 49.
1623 war er nochmals in Rom und porträtierte dabei den Kardinal Guido Bentivoglio (Galleria Palatina, Palazzo Pitti)Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 39 und 86. sowie George Gage, den Kunstagenten des englischen Königs (Porträt in der National Gallery, London) – beide Bilder gehören zu seinen anerkannten Meisterwerken.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 90. Van Dyck scheint in Rom wie auch sonst in Italien, außer in Genua, kaum Kontakte zu anderen Künstlern gepflegt zu haben; Bellori behauptet sogar, die „Bentveughels“, die Vereinigung der in Rom lebenden flämischen und holländischen Maler, wären ihm ausgesprochen feindlich gesinnt gewesen, weil er ihnen wegen seiner Zurückhaltung und auffälligen Eleganz hochmütig erschienen sei.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 43. Ein anderes Problem war offenbar sein vor allem an venezianischen Modellen und Correggio geschulter vollkommen malerischer Stil, der in einem klaren Gegensatz zu der in Rom üblichen traditionellen Betonung des disegno stand und ihm Vorwürfe eingebracht haben soll, dass er angeblich nicht zeichnen könne und seine Kompositionen schwach wären.Justus Müller Hofstede, Roberta D’Adda: Van Dyck (I Classici dell’Arte), Rizzoli/Skira/Corriere della Sera, 2004, S. 187–188. Eine seltene Ausnahme war sein Landsmann, der Bildhauer François Duquesnoy, der sich in Rom von ihm porträtieren ließ (in: Musées royaux des Beaux-Arts, Brüssel).