mini|Lachs (Salmo salar ) mini|Lachs- oder Meerforelle (Salmo trutta trutta ) mini|Das Fischwort „Lachs“ in Sprachen Europas, Asiens und Nordafrikas Mit dem Lachsargument sahen Sprachforscher im 19. und 20. Jahrhundert den Beweis erbracht, dass sich die Urheimat der Indogermanen im nördlichen Mitteleuropa und nicht in der eurasischen Steppe befindet. Zugrunde lag die Entdeckung, dass die recht ähnlichen Bezeichnungen für den Lachs in germanischen, baltischen und slawischen Sprachen in einem proto-indoeuropäischen Wort wurzelten.
Das Lachsargument lautete: Die Ur-Indogermanen stammen von dort, wo sowohl der Lachs als auch das gemeinsame Wort für ihn vorkommt. Dies traf nur auf das Gebiet der mitteleuropäischen Flüsse zur Ostsee zu.
Diese Herleitung beruhte jedoch auf einer Fehlannahme. Die Bezeichnung der Ur-Indogermanen (heute auch: Proto-Indoeuropäer) galt zunächst nicht dem Lachs (Salmo salar), sondern Unterarten der Lachs- oder Meerforelle (Salmo trutta trutta), die in den Flüssen zum Schwarzen und zum Kaspischen Meer verbreitet sind. In mehr als 100 Jahren äußerten sich rund dreißig Gelehrte mit Beiträgen zum Lachsargument, bis es widerlegt war.
Entstehung „Lachs“ in der frühen Sprachwissenschaft
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts untersuchten Philologen Wörter, die in mehreren indogermanischen Sprachen ähnlich lauteten. Sie galten als „urverwandt“, entweder als ur-indogermanisch oder zu einer jüngeren Ursprache der „Litu-Slawo-Germanen“Schrader, Sprachvergleichung. 1. Aufl., S. 84 gehörend. Gemeint waren etwa die Bezeichnungen für Meer, Löwe, Salz oder Buche.Übersicht bei Schrader, Sprachvergleichung. 3. Aufl., S. 85–100 Das Vorkommen oder Fehlen gemeinsamer Wörter sollte Rückschlüsse auf die Urheimat der Indogermanen erlauben. Zu den zahlreichen Hypothesen über ihre geographische Lage etwa im nördlichen Europa, im südlichen Russland oder auf dem Balkan gehörten auch rassenanthropologischeKarl Penka: Origines ariacae. Linguistisch-ethnologische Untersuchungen zur ältesten Geschichte der arischen Völker und Sprachen. Wien, Teschen 1883 und nationalchauvinistischeErnst Krause: Tuisko-Land, der arischen Stämme und Götter Urheimat. Erläuterungen zum Sagenschatze der Veden, Edda, Ilias und Odyssee. Glogau 1891 Begründungen.
Die Sprachvergleichung deutete auf einen Mangel an indogermanischen Fischnamen.Johannes Schmidt: Die Urheimat der Indogermanen und das europäische Zahlsystem. In: Abhandlungen der kgl. preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Phil.-Hist. Klasse, Berlin 1890, S. 13. Siehe auch Paul Kretschmer: Einleitung in die Geschichte der griechischen Sprache. 1. Aufl. 1896, 2. unv. Aufl. Göttingen 1970, S. 108 Selbst ein einheitliches indogermanisches Wort für Fisch, der lateinisch piscis, in Sanskrit mátsya-, griechisch ichthýs und altslawisch ryba hieß, fehlte offenbar.Schrader: Reallexikon. 1. Aufl., s. v. Fisch Beides machte eine Herkunft der Indogermanen aus einem fischarmen eurasischen Steppen- oder Waldgebiet plausibel.Zusammenstellung der Ansichten Schrader: Reallexikon. 1. Aufl., S. 878–896, s. v. Urheimat
Für den Lachs (Salmo salar) jedoch enthielten die Nachschlagewerke, die seit den 1870er Jahren erschienen, umfangreicher werdende Zusammenstellungen ähnlicher Bezeichnungen in den germanischen, baltischen und slawischen Sprachen. Ihre Formen schlossen Entlehnung aus. Der deutsche Germanist August Fick führte 1876 zu altnordisch lax, althochdeutsch lahs und neuhochdeutsch Lachs die Reihe litauisch lászis, lasziszas, lettisch lassis, lassens, altpreußisch lasasso, polnisch łosoś und russisch losós′ an.August Fick: Vergleichendes Wörterbuch der Indogermanischen Sprachen, 2. Band, Göttingen ³1876, S. 651, 765 Mit dem Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm kam 1877 altenglisch leax hinzu.Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Band 12, Leipzig 1885, Sp. 30, s. v. Lachs. Die Lieferung stammt von 1877, vgl. Band 33, Quellenverzeichnis, Stuttgart/Leipzig 1971, S. 1074 Der Philologe Friedrich Kluge nannte 1882 zusätzlich schottisch lax und konstruierte eine gotische Form *lahs.Kluge, 1. Aufl. 1883, s. v. Lachs. Die Lieferung stammt von 1882, nach Adolph Russell: Gesammt-Verlags-Katalog des Deutschen Buchhandels, ein Bild deutscher Geistesarbeit und Cultur. Band 9, Straßburg 1881/82, S. 1218
Erste Nennung des Lachsargumentes
Erstmals grenzte der Sprachhistoriker Otto Schrader 1883 die Lage des „Slavo-Germanenlandes“ mit einem tiergeographischen Argument ein. Entscheidend sei die Benennung des Lachses, Schrader: Sprachvergleichung. 1. Aufl., S. 85 Damit schien ein Wort gefunden, über dessen sachlich und sprachlich fast identisches Verbreitungsgebiet unter den Gelehrten Einigkeit herrschte. Weil Schrader das Lachsargument auf die westindogermanischen Sprachen begrenzt sah, hielt er es in der Diskussion um die Urheimat für untauglich.
Der Rassenanthropologe Karl Penka, der Südskandinavien für die Heimat der Indogermanen hielt, schrieb über den Lachs 1886 ohne Beleg: Penka erweiterte das Lachsargument formal um das Fehlen von Lachswörtern: Karl Penka: Die Herkunft der Arier. Teschen, Wien 1886, S. 46 f. Penka begründete auch seine rekonstruierte Form *lakhasa nicht.
„[Die Lachswörter] beschränken sich auf ein engeres Sprachgebiet“, antwortete Schrader 1890.Schrader: Sprachvergleichung. 2. Aufl., S. 165 Auch der Sprachwissenschaftler Johannes Schmidt wendete das Fehlen der Lachswörter in allen anderen indogermanischen Sprachen gegen Penka an: Dieser setze die nur nordeuropäische Benennung des Lachses als indogermanisch an, um die Übereinstimmung indogermanischer und südschwedischer Fauna zu beweisen.Johannes Schmidt: Die Urheimat der Indogermanen und das europäische Zahlsystem. In: Abhandlungen der kgl. preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, phil.-hist. Klasse, Berlin 1890, S. 20 1901 nahm Schrader aber Penkas Formulierung ex negativo auf: „Da der Fisch nur in denjenigen Flüssen vorkommt, welche sich in den Ocean sowie in die Ostsee ergiessen, nicht aber in denjenigen, welche in das Mittelländische oder Schwarze Meer münden, so ist es begreiflich, dass weder Griechen noch Römer einen eigentümlichen Namen für denselben hatten.“Schrader: Reallexikon. 1. Aufl., S. 494, s. v. Lachs
Die ersten Auflagen von Kluges Etymologischem Wörterbuch der deutschen Sprache zeichnen die begriffliche Klärung nach. Von der 1. Auflage 1883 bis zur 5. Auflage 1896 waren die germanischen und zeitgenössisch so genannten „slawisch-litauischen“ Lachswörter als „urverwandt“ bezeichnet. Von der 6. Auflage 1899 bis zur 1914 abgeschlossenen 8. Auflage galten sie als „verwandt“.Kluge, 1. Aufl. 1883 bis 8. Aufl. 1915, alle s. v. Lachs. Die 8. Auflage war „im Spätjahr 1914“ abgeschlossen, dort S. X.
Die frühe Debatte um Lachsargument und Urheimat In den 30 Jahren nach der Erstnennung benutzten sowohl Befürworter der nordeuropäischen Hypothese als auch Vertreter der Steppenherkunft das Lachsargument, um die Lage der Urheimat zu bestimmen. Erstere datierten ein gemeinsames Ausgangswort für „Lachs“ auf die ur-indogermanische Zeit der Gemeinsprache, Letztere auf eine jüngere, bereits einzelsprachliche Phase mit einer westindogermanischen, germanisch-baltisch-slawischen Neuprägung.Paul Kretschmer: Einleitung in die Geschichte der griechischen Sprache. 1. Aufl., Göttingen 1896, zitiert bei Willy Krogmann: Das Lachsargument. In: ZVS 76 (1960), S. 161 Eine linguistische Debatte um ur- oder westindogermanische Stammformen der Lachswörter wurde nicht geführt. Bestimmend für die indogermanistische Auseinandersetzung dieser Zeit waren Baum- und Säugetiernamen, Begriffe aus Ackerbau und Viehzucht, Bodenfunde und schädelkundliche Vergleiche. Das Lachsargument hatte nachrangige Bedeutung, weil sein Erkenntnispotenzial erschöpft schien.
Erweiterung mini|Angebliche indogermanische Urheimat überwiegend in Deutschland, nach Hermann Hirt, 1907
Tocharisch B „laks“ 1908 identifizierten Philologen eine ausgestorbene Sprache im zentralasiatischen, im heutigen Nordwestchina liegenden Tarimbecken als indogermanisch und veröffentlichten erste Übersetzungen.Emil Sieg, Wilhelm Siegling: Tocharisch, die Sprache der Indoskythen. Vorläufige Bemerkungen über eine bisher unbekannte indogermanische Literatursprache. In: Sitzungsberichte der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften 36 (1908), S. 915–934. Die Textfragmente stammten überwiegend aus der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends und waren in zwei Sprachvarianten verfasst, die später Tocharisch A und B hießen. Als Erster wies Schrader 1911 auf ein neues Lachswort hin, noch bevor eine Übersetzung mit dieser Vokabel erschienen war: Otto Schrader: Die Indogermanen. Leipzig 1911 (=Wissenschaft und Bildung 77), S. 158 f., auch S. 10 und S. 33. In der zweiten, nach Schraders Tod stark umgearbeiteten Auflage ist der Hinweis auf das tocharische Lachswort nicht mehr enthalten; vgl. Otto Schrader: Die Indogermanen, neu bearbeitet von Hans Krahe, Leipzig 1935. Lothar Kilian meinte, Schrader habe das tocharische Wort nicht gekannt; in: Zum Ursprung der Indogermanen, Bonn 1983, S. 38, ISBN 3-7749-2035-4; vgl. auch ders.: De l’origine des Indo-Européens, Editions du Labyrinthe, Paris 2000, S. 51, ISBN 2-86980-029-0. Für Wolfgang Krause: Zum Namen des Lachses, in: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philologisch-historische Klasse 1961, S. 83, und Albert Joris van Windekens, L’origine directe et indirecte de thokarien B laks „poisson“, in: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 120 (1970), S. 305, ist der Entdecker Sylvain Lévi, Remarques sur les formes grammaticales de quelques textes en tokharien I, in: Mémoires de la Société de linguistique de Paris 18 (1912–1914) S. 1–33, 381–423, hier S. 389 (1914). Krause benutzt allerdings wie Schrader die Formulierung, das Lachswort sei „aufgetaucht“. Ob Schrader das tocharische Lachswort durch Korrespondenz mit einem Bearbeiter der Fragmente kannte, ist unerforscht; die tocharischen Wörter für Salz und Säen erfuhr er von Sieg und Siegling (Indogermanen S. 160). Schlussfolgerungen aus der Entdeckung wollte Schrader noch nicht ziehen.Otto Schrader: Die Indogermanen. Leipzig 1911 (=Wissenschaft und Bildung 77), S. 10 f.
Die Entdeckung von tocharisch B laks „Fisch“ belegte den indogermanischen Charakter des Lachswortes. Anhänger der Hypothese von der nordeuropäischen Urheimat sahen sich bestätigt. Der Indogermanist Hermann Hirt schrieb: Herman Hirt: Etymologie der neuhochdeutschen Sprache. 2. Aufl. 1921, Nachdruck München 1968, S. 186 Wegen der Einführung von Ackerbau und Viehzucht war es für den Baltisten Franz Specht Franz Specht: Der Ursprung der Indogermanischen Deklination. Göttingen 1944, S. 30 Der Keltologe Julius Pokorny folgert aus dem Fehlen des Lachses östlich des Ural: Das Wort Julius Pokorny: Die Stellung des Tocharischen im Kreise der indogermanischen Sprachen. In: Berichte des Forschungs-Institutes für Osten und Orient, 3 (1923), S. 50 f. Ausgeschlossen war das finno-ugrische Sprachgebiet, in dem die Lachswörter aus dem Indogermanischen kamen. Ebenso wenig kamen die später von Indogermanen besiedelten Teile Europas in Betracht, in denen die Lachswörter aus im Vorindogermanischen wurzelnden Bezeichnungen wie salmo und esox stammten, also westlich der Elbe, im Mittelmeerraum und auf den britischen Inseln. Der Urname, so John Loewenthal, Julius (= John) Loewenthal: Thalatta, Untersuchungen zur älteren Geschichte der Indogermanen. In: Wörter und Sachen 10 (1927), S. 141