mini|Carolee Schneemann um 2003 mini|Video: Carolee Schneeman, Impulsvortrag auf der Since 1968-Konferenz des Center for 21st Century Studies, 23. Oktober 2008, Union Theatre, University of Wisconsin-Milwaukee
Carolee Schneemann (* 12. Oktober 1939 in Fox Chase, Pennsylvania; † 6. März 2019 in New York, N.Y.) war eine US-amerikanische Künstlerin, die durch Beiträge zum gesellschaftlichen Diskurs über Körperlichkeit, Sexualität und Geschlechterrollen international bekannt wurde. Aus Fragestellungen der Malerei entwickelte sie eine fundierte und bahnbrechende künstlerische Erforschung visueller Traditionen und Tabus. Besonders bekannt wurden Performances und Experimentalfilme, die das Verhältnis zwischen dem individuellen und dem gesellschaftlichen Körper und die Unterschiede zwischen Erotik und Politik thematisieren. Das auf Grundlage breiten kunsthistorischen Wissens geschaffene Œuvre enthält kulturell prägende Arbeiten der Gattungen Assemblage, Experimentalfilm und Performance und gilt als bedeutend für die feministische Ästhetik.
Besonders in den 1960er und 1970er Jahren trug die Künstlerin mit Happenings und Performances, in denen sie verschiedene Medien mit Körper, Bewegung, Sprache und Text kombinierte, zur Entwicklung der Aktionskünste bei. Ihre Performance Interior Scroll (1975) wurde zu einem Leitbild künstlerischer Grenzüberschreitung und weiblicher Kunst.
Das umfangreiche Gesamtwerk steht in Verbindung mit Neo-Dada, Beat Generation und Fluxus. Es wird in Institutionen wie dem Museum of Contemporary Art (MOCA), dem Museum of Modern Art (MoMA), dem Centre Georges Pompidou und dem National Film Theatre London gesammelt und präsentiert. Im Jahr 2017 wurde Carolee Schneemann auf der Biennale di Venezia für ihr Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.
Carolee Schneemann lehrte am California Institute of the Arts, dem School of the Art Institute of Chicago, dem Hunter College und der Rutgers University. 2011 wurde Carolee Schneemann in New York zum Mitglied (NA) der National Academy of Design gewählt (abgerufen am 14. Juli 2015).
Ausbildung
Carolee Schneemann erhielt ein Vollstipendium für das New Yorker Bard College und war die erste Frau der Familie, die ein College besuchte. Ihr Vater, ein Landarzt, riet ihr von künstlerischer Ausbildung ab. Am College, wo sie Selbstporträts als Akt malte und Aktmodell für ihren Freund war, setzte sie sich mit den Unterschieden in der männlichen und weiblichen Wahrnehmung des Körpers des anderen Geschlechts auseinander. Nachdem sie den Bachelor of Arts (B.A.) bekommen hatte, erhielt sie ein weiteres Stipendium für die Columbia University. Dort begegnete sie James Tenney, einem Komponisten und Musiktheoretiker, mit dem sie dann 13 Jahre zusammenlebte. Über Stan Brakhage, der mit ihr und Tenney befreundet war, machte sie erste Erfahrungen mit Experimentalfilmen. An der University of Illinois studierte Schneemann in den späten 1950er Jahren Malerei und graduierte als Master of Fine Arts (M.F.A.).
Œuvre
Das umfangreiche Gesamtwerk aus Malerei, Collage, Assemblage, Skulptur, Installationskunst, Druck und Künstlerbuch, Fotografie, Happening und Performance, Filmkunst und Videokunst kann als Erforschung künstlerischer Themen auf Grundlage eines breiten kunsthistorischen Wissens gedeutet werden.
Carolee Schneemann ist als Künstlerin und Feministin bekannt, die sich thematisch und ideologisch nicht einengen lässt. Dass an ihrem Werk aus feministischer Sicht Kritik geübt wurde, weist auf seine diskursübergreifende Qualität hin. Annette Kubitza schreibt dazu in ihrem Buch Fluxus, Flirt, Feminismus? – Carolee Schneemanns Körperkunst und die Avantgarde, dass Schneemann „seit Beginn ihrer Karriere immer wieder marginalisiert, kritisiert und zensiert worden ist von Künstlerkollegen, Staatsdienern und feministischen Kritikerinnen gleichermaßen“.
Viele Arbeiten zeigen wiederkehrende charakteristische Bezüge zu persönlichen Lebenszusammenhängen der Künstlerin. So ist ihr zeitweiliger Ehemann James Tenney bei Viet Flakes (1965) der Komponist der Filmmusik, im späteren Film Fuses (1967) der gefilmte Sexualpartner und in mehreren anderen Arbeiten ein ausdrücklich genannter Beteiligter (siehe Falling Bodies beziehungsweise Body Rotations).
Neben der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper und Sexualität wird in mehreren Filmen und Fotoinstallationen die emphatische Beziehung Schneemanns zu ihren Katzen sichtbar. So erscheint Kitch, eine Katze der Künstlerin, in Arbeiten wie Fuses und Kitch’s Last Meal (1978). Im Film Fuses hat Kitch die Rolle des „objektiven Betrachters“, der Schneemanns und Tenneys sexuelle Aktivitäten beobachtet („objective“ observer to her and Tenney’s sexual activities, as she stated that she was unaffected by human mores) In Infinity Kisses (1986), einer wandgroßen Sammlung von 140 Fotos, dokumentiert Schneemann Küsse mit Vesper, einer ihrer späteren Katzen.
Die Professorin für Kunstgeschichte Kristine Stiles behauptet, Schneemanns Œuvre sei der Erforschung von Konzepten der Figur-Grund Beziehung, der Relationalität (beides durch Einsatz ihres Körpers), und der Ähnlichkeit (durch den Einsatz von Katzen und Bäumen) gewidmet.Stiles, S. 8. Gleichzeitig meint sie, in Schneemanns Werk würde eher das Thema Sex und Politik diktieren, wie die Kunst geformt wird, als die dahinter stehenden formalen Konzepte (vgl.Stiles, S. 11.).
Soweit Schneemanns Werk aus Happenings und Performances besteht, konnte es von der weiteren Öffentlichkeit nur über Fotografien, Videodokumentationen, Zeichnungen und Notizen der Künstlerin rezipiert werden (vgl.).
Malerei
Externe Illustration Carolee Schneemann:Up to and Including Her Limits Carolee Schneemann bezeichnete sich als „Eine Malerin, die Leinwand verlassen habe, um den Raum der Gegenwart und gelebte Zeit zu aktivieren“.„A painter who has left the canvas to activate actual space and lived time.“ Sie betrachtete ihre fotografischen und ihre körperbezogenen Arbeiten als aus der Malerei abgeleitet, obwohl sie oberflächlich gesehen einen anderen Eindruck machen. Studien mit Paul Brach hätten sie gelehrt, „den Pinselstrich als ein Geschehen in der Zeit“ zu begreifen und bei den von ihr eingesetzten Performern an „Farben in drei Dimensionen zu denken“ (vgl.). Schneemann bezog die in Fuses gestalteten Farben und Bewegungen auf Pinselstriche in der Malerei (vgl.) Die Künstlerin übertrug Ideen aus ihrer figurativen abstrakten Malerei der 1950er Jahre, in der sie Farbschichten von Bildoberflächen schnitt und zerstörte, in ihr fotografisches Werk Eye Body.Stiles, S. 4. Auch die Performance Up to and Including Her Limits (1976), im University Art Museum, Berkeley, in der Schneemann an Seilen hängend durch den Raum schwang und mit Farbstiften auf verschiedene Oberflächen kritzelte, beruft sich auf den gestischen Pinselstrich der Abstrakten Expressionisten.
Feministische Perspektive
In Schneemanns Kunst geht es mehr um sexuellen Ausdruck und Emanzipation als um die Schikane und Unterdrückung von Frauen. Dem Künstler und Dozenten Johannes Birringer zufolge widersteht Schneemanns Œuvre ebenso der Political Correctness, die einige Zweige des Feminismus vertreten, wie Ideologien, die Feministinnen als misogyn betrachten, beispielsweise der Psychoanalyse.Birringer, S. 34–35, 44. Es sei schwer zu analysieren und einzuordnen, weil es Konzepte des Konstruktivismus und der Malerei mit ihrem Körper und ihrer Energie vereine. In ihrem Buch Cézanne, She Was A Great Painter (1976) schreibt Schneemann, dass sie Nacktheit in ihrer künstlerischen Arbeit einsetzte, um Tabus zu brechen, die mit dem bewegten menschlichen Körper zu tun haben, und um zu zeigen, dass „das Leben des Körpers sich verschiedenartiger ausdrückt, als eine Gesellschaft eingestehen kann, die Sexualität gegenüber negativ eingestellt ist“.Cezanne, She Was A Great Painter wie zitiert in
In den 1980er Jahren stellt die Künstlerin fest, dass ihre Arbeit von manchen feministischen Gruppierungen als Antwort auf feministische Themen dieser Zeit nicht als ausreichend erachtet wurde. Sie definiert ihren eigenen Beitrag jedoch selbstbewusst: „In gewissem Sinn machte ich mit meinem Körper ein Geschenk an andere Frauen, indem ich unsere Körper uns selbst zurückgab“. Erst in den 1990er Jahren wurde langsam anerkannt, dass ihr Werk für feministische Kunst wichtige Arbeiten enthält.
Frühwerk
Carolee Schneemann begann ihre Karriere als Malerin in den späten 1950ern. Sie berichtet, dass die Künstlerinnen dieser Zeit sich ihrer Körper nicht bewusst waren und dass die Stimmung unter den Künstlern misogyn war.
Über Materialcollagen, die sie mit expressionistischem Pinsel-Gestus verband, kamen Charakteristika des Neo-Dada in ihre Malerei. Ihre Materialbilder zeigen Texturen, die ähnlich im Werk von Künstlern wie Robert Rauschenberg vorkommen. Außerdem wurden Einflüsse von Spätimpressionisten wie Paul Cézanne und Themen der Malerei des Abstrakten Impressionismus (siehe Informel) integriert. Die Künstlerin setzte auf Expressivität statt auf Anpassung und Eleganz. Anders als feministische Künstlerinnen, die sich von der männlich orientierten Kunstgeschichte distanzierten, beschrieb sie sich selbst immer als Formalistin.
In den frühen 1960ern gründete Schneemann das Kinetic Theater, eine Gruppe experimenteller Tänzer, Musiker, bildender und darstellender Künstler. Durch die Vorarbeiten für das Stück A Journey through a Disrupted Landscape kam sie in Kontakt mit Happening. Sie lud dafür die Mitspieler ein, durch Schlamm zu kriechen, zu klettern und Felsen zu überwinden.ND, S. 114. Kurz darauf traf sie Allan Kaprow, der neben den Künstlern Red Grooms und Jim Dine eine der Hauptfiguren der Happening-Szene war. Durch Simone de Beauvoir, Antonin Artaud, Wilhelm Reich und Kaprow, wandte sich Schneemann vom Tafelbild ausgehend den neuen Kunstformen zu.
Als ihr Lebenspartner James Tenney eine Anstellung als experimenteller Komponist bei den Bell Laboratories bekam, verließen Schneemann und Tenney 1962 ihren gemeinsamen Wohnsitz in Illinois und gingen nach New York. Durch einen Kollegen von Tenney bei den Bell Laboratories, Billy Klüver, traf Schneemann Claes Oldenburg, Merce Cunningham, John Cage, und Robert Rauschenberg, die sie in die Aktivitäten des Kunstprogramms des Judson Dance Theaters in der Judson Memorial Church einbanden. Dort nahm sie an Arbeiten wie Claes Oldenburgs Store Days (1962) teil. In Robert Morris Site (1964) spielte sie eine lebende Version von Édouard Manets Olympia. Im Bewusstsein, ihren Körper aus dem Status eines kulturellen Besitzgutes zu befreien und ihn sich wieder selbst anzueignen, setzte sie ihn nackt in Kunstwerken ein. Schneemann kam in Kontakt mit New Yorker Künstlern, Musikern und Komponisten wie George Brecht, Malcolm Goldstein, Philip Glass, Terry Riley, und Steve Reich. Sie war an der Kunst der Abstrakten Expressionisten dieser Zeit, etwa von Willem de Kooning, interessiertND, S. 116–117. jedoch stießen Schneemans eigene bildliche Konstruktionen, trotz ihrer Verbindungen in der Kunstszene, bei New Yorker Kunsthändlern kaum auf Interesse.
Die erste Unterstützung für Schneemanns Kunst kam von Dichtern wie Robert Kelly, David Antin, und Paul Blackburn, die Texte Schneemanns veröffentlichten.ND, S. 118. Als ästhetischen Einfluss für sich und James Tenney nennt Schneemann, trotz seiner gelegentlich sexistischen Kommentare, den Dichter Charles Olson, wegen seines Interesses für tiefempfundene Bildwelten und starke Metaphern, besonders für ihre Collage Maximus at Gloucester (vgl.Carolee Schneemann Speaks, New England Journal of Aesthetic Research. Posted Oct. 11, 2007.).
Assemblagen