mini|Gernrode und der Stubenberg, ca. 1857 Die Geschichte der Stadt Gernrode wird wesentlich durch das 959 gegründete Damenstift bestimmt. Im Schatten des Stiftes entstand ein Marktflecken Gernrode, der im Jahr 1539 das Stadtrecht erhielt.
Gründung des Damenstiftes in Gernrode mini|Stiftskirche Gernrode Markgraf Gero gründete im Jahre 959 in seiner Burg Geronisroth nach dem Tode seiner beiden Söhne Sigfrid und Gero das Damenstift Gernrode und setzte seine Schwiegertochter Hathui als Äbtissin ein. König Otto I. bestätigte die Stiftung am 17. Juli des Jahres 961.Die Urkunden Konrad I., Heinrich I. und Otto I. Bearbeitet von Theodor Sickel. Monumenta Germaniae Historica. Die Urkunden der Deutschen Könige und Kaiser 1. Hahn, Hannover 1879–1884, unveränderter Nachdruck München 1997, ISBN 3-921575-60-5, S. 313–314 Nr. 229. Online-Edition
Seine Nachfolger erteilten dem Kapitel in Urkunden die Freiheit, eine Äbtissin zu wählen und einen Schutzvogt nach dem Bedürfnis des Stifts anzunehmen. Gernrode lag im Sprengel des Bistums Halberstadt, unterstand aber unmittelbar dem Papst und dem Kaiser. Entsprechend einer Urkunde vom 25. März 964 hatte das Stift Besitz an Kirchen und Gütern in 76 Ortschaften. Die zu wählenden Äbtissinnen waren meist Fürstentöchter oder aus dem hohen Adel; die Zahl der Stiftsdamen soll 24 betragen haben.
Das Stift entwickelte sich zu einem wichtigen ottonischen und salischen Zentrum und war den Reichsabteien gleichgestellt. Kaiser Heinrich V. weilte zu Besuch in Gernrode und Kaiser Friedrich Barbarossa hielt 1188 in Gernrode einen Hoftag ab.Die Urkunden Friedrichs I. Teil 4. 1181–1190. Bearbeitet von Heinrich Appelt. Monumenta Germaniae Historica. Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser. Bd. 10,4. Hahn, Hannover 1990, ISBN 3-7752-5151-0, ISBN 3-7752-5152-9, S. 268–271 Nr. 983–985 (Online-Edition).
Die erste Äbtissin Gernrodes Hathui verstarb am 4. Juli 1014 nach 50 Jahren Herrschaft; sie wurde neben dem Grab von Markgraf Gero beigesetzt. Seit Hathui haben in den 650 Jahren des Bestehens der Abtei 35 Äbtissinnen das Stift geleitet, diese entstammten vorwiegend fürstlichen Häusern. Die Äbtissin von Gernrode hatte im Jahre 999 von Kaiser Otto III. den Titel einer gubernatrix erhalten. Das bedeutete, sie hatte die Rechte und Pflichten eines Landesherren – sie war also eine Fürstin. Das Gernröder Stift war damit den damaligen großen Reichsabteien gleichgestellt.
Marktflecken im Schatten der Stiftskirche
In der Bestätigungsurkunde von 961 wird erstmals ein Ort Rode erwähnt, der sich neben dem Stift und der Burg Geronisroth befand. Der Ort Geronrod ist nach der Endung -rode als Rodungsdorf entstanden. Seit 1700 hat sich Gernrode als Name der Stadt durchgesetzt. Die Äbtissinnen hatten die Hoheit über das Dorf Gernrode. Der Äbtissin stand bei der Erfüllung ihrer Aufgaben ein Schutzvogt zur Seite; dieser hatte die Abtei vor Angriffen zu schützen und übte die weltliche Gerichtsbarkeit über das Stift und die hohe Gerichtsbarkeit über den Ort Gernrode aus. Im Jahre 1149 wurde Albrecht der Bär aus dem Hause der Askanier der Schutzvogt des Stiftes. Von da ab bis zum Ende der Abtei 1616 stellten die Askanier meistens den Schutzvogt der Abtei.
Der Ort befand sich im Bereich um die Kirche St. Stephanus, die in dieser Urkunde als Marktkirche erwähnt wird. Im Osten kann die Grenze im Tal des Scheelichenbaches angenommen werden, dort befand sich bis ins 19. Jahrhundert auch ein Stadttor. Der Nordabschluss ist im Bereich der Marktstraße und der Clara-Zetkin-Straße zu vermuten, während die heutige Schulstraße die Südgrenze des Dorfes anzeigt. Im Westen bot sich als Grenzbaum eine große Linde im Pfarrgarten an.Hans Hartung: Zur Vergangenheit von Gernrode. 1912, S. 62 bis 90.
Im Jahre 1533 wurde in Gernrode das erste Schulgebäude auf Geheiß der Äbtissin Anna von Plauen erbaut und aus Mitteln der Abtei betrieben. Eine Schrift Luthers von 1524 bewog Elisabeth von Weida offenbar, den Bau einer Schule zu veranlassen, denn er verlangte, dass für das gemeine Volk Schulen zu errichten seien. 1532 starb Elisabeth von Weida, aber ihre Nachfolgerinnen, Anna von Plauen und Anna von Kitlitz, führten ihre Schulpolitik fort und hielten auch die Beziehungen zur Universität Wittenberg aufrecht. An der Schule wurden Kinder unabhängig vom Stand ihrer Familie gleichermaßen unterrichtet. Heute geht man davon aus, dass es die wahrscheinlich älteste protestantische Elementarschule in Deutschland war. Noch bis 1847 fand in den Schulräumen Unterricht statt. mini|Grabplatte der Elisabeth von Weida
Durch die Äbtissin Anna von Plauen erhielt der Ort 1539 das Recht, ein Siegel und ein Wappen zu führen. Eine ausdrückliche Verleihung des Stadtrechtes hingegen scheint nie erfolgt zu sein, allerdings gratulierte der anhaltische Städtelandtag, in dem Gernrode Sitz und Stimme hatte, 1939 zum 400. Jahrestag der Verleihung des Stadtrechtes.
Aufgrund seiner geringen Bedeutung blieb Gernrode immer Marktflecken, der Ort bzw. der Markt waren nicht ummauert. Noch im 17. und 18. Jahrhundert wird Gernrode in Urkunden als Flecken und ganz selten als Stadt bezeichnet.
Nach dem Tode der Anna von Kittlitz im Jahr 1558 kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Stiftsdamen und dem Fürsten Joachim Ernst von Anhalt, der seine Stellung als Schutzvogt dazu benutzen wollte, die Wahl seiner minderjährigen Schwester Elisabeth durchzusetzen. Er sandte seine Räte nach Gernrode, doch der Plan scheiterte am Widerstand des Kapitels, das sich einstimmig für die Dekana Elisabeth II. von Gleichen entschied. Elisabeth II. war die letzte Äbtissin von Gernrode, die nicht aus dem anhaltischen Fürstenhause stammte. Als sie am 19. Dezember 1564 starb, wurde nun doch die gleichnamige Schwester des Schutzvogtes zur Äbtissin gewählt.
Als Elisabeth III. eröffnete sie die Reihe der anhaltischen Prinzessinnen, die schon als Kinder als von Gernrode bezeichnet wurden und nur bis zu ihrer Verehelichung im Stift blieben. Elisabeth verzichtete 1570 auf ihre Würde. Ihr folgte Anna Maria (1570–1577), Sibylle (1577–1581), Agnes Hedwig (1581–1586), Dorothea Maria (1586–1593), Sophia Elisabeth (1593–1614).
Nach dem Ausscheiden der Äbtissin Sophia Elisabeth von Anhalt aus dem Stift wurde keine Neuwahl vollzogen, daher blieb der Posten der Äbtissin vakant. Damit wurde die faktische Eingliederung des Stiftes in das Fürstentum Anhalt vollzogen.
Bei der 1603 erfolgten Teilung Anhalts in vier Teile wurden das Stift und die Stadt den Senioratsgütern zugewiesen. Die Verwaltung und Regierung des ehemaligen reichsunmittelbaren Stiftes lag nun in den Händen des jeweiligen Seniors der anhaltischen Fürsten. Die Rechtsnachfolge wurde 1728 durch Kaiser Karl VI. endgültig dem anhaltischen Fürstenhaus übertragen. Im Jahr 1802 erfolgte durch Franz II. die letztmalige Belehnung.Hans Hartung: Zur Vergangenheit von Gernrode. 1912, S. 62 bis 90.
Die Zeit der anhaltischen Fürsten und Herzöge Als 1696 die Senioratsgüter aufgeteilt wurden, fiel der nördliche Teil des ehemaligen Stiftsgebietes, Großalsleben und Alikendorf an Anhalt-Dessau. Die am Harz gelegenen Gebiete erhielt Anhalt-Bernburg. Die Stadt Gernrode kam an eine Nebenlinie der Anhalt-Bernburger zu Anhalt-Harzgerode. Ab 1709 gehörte auch die Stadt Gernrode zum Fürstentum Anhalt-Bernburg.
mini|Ortsansicht um 1800
Im Jahr 1806 wurde das Fürstentum Anhalt-Bernburg zum Herzogtum erhoben. Nach dem Erlöschen des Herzogtums kam es im Jahr 1863 zusammen mit dem Herzogtum Anhalt-Köthen zum Herzogtum Anhalt mit der Landeshauptstadt Dessau. Das Fürstentum Anhalt-Bernburg gliederte sich im 18. Jahrhundert im zwei Hauptgebiete – das Land Bernburg sowie das Gebiet im Vorharz. Das anhaltische Gebiet im Vorharz bestand aus fünf Justizämtern: Ballenstadt, Gernrode, Güntersberge, Harzgerode, Hoym. Das Amt Gernrode grenzte dabei im Norden und Westen an Preußen, Sitz des Amtes Gernrode war um 1739 der Fürstliche Amtshof. Das Gebäude befand sich westlich der Stiftskirche, vermutlich handelte es sich um den ehemaligen Äbtissinnen-Palas. Im frühen 18. Jahrhundert wurden Räume im südlichen Teil des ehemaligen Stiftsbezirkes für gelegentliche Aufenthalte der Anhalter Fürsten benutzt, sie waren wahrscheinlich vom Niveau her für eine Hofhaltung geeignet. Daher wurde dieser Teil von der Bevölkerung bald „das Schloss“ genannt; die sich heute an der noch erhaltenen Stiftsmauer befindliche Schlossallee erinnert daran. Ab dem Jahr 1721 wurde die Gemahlin des Fürsten Karl Friedrich, Wilhelmine Charlotte Reichsgräfin von Ballenstedt, die bürgerlicher Abstammung war, zusammen mit ihren Söhnen nach Gernrode verbannt. Die beiden Söhne trugen die Namen Friedrich und Carl Leopold. Friedrich starb 1758 in Gernrode, sein Bruder wurde General in Hessen-Kassel. Er starb dort 1769. Die Mutter der beiden war schon im Jahr 1740 in Gernrode gestorben.
mini|links|Stiftskirche und Umgebung um 1900
Der Stiftsbezirk wurde 1832 in eine Domäne umgewandelt, die Nutzung als landwirtschaftlicher Betrieb zog fast die Zerstörung der Stiftskirche und des Stiftsbezirkes nach sich. Die Domäne wurde 1858 zurückgekauft, ab dem Jahr 1859 wurde mit der Restaurierung der Kirche durch Ferdinand von Quast begonnen.
Von Bedeutung für die Stadt Gernrode war Fürst Victor Friedrich von Anhalt-Bernburg. Er regierte von 1721 bis 1765 im Stil der Zeit als ein absolutistischer Herrscher. Er hat sich in der Stadt ein Denkmal erbaut, als er 1754 auf dem Stubenberg anstelle einer Rasenbank ein Gästehaus, das heutige Hotel Stubenberghaus errichten ließ. Später wurde dieses Gästehaus umgebaut und erweitert und als Hotel genutzt. Johann Wolfgang von Goethe weilte hier im Jahr 1805 auf seiner vierten Harzreise. Der Fürst errichtete nicht nur dieses Gästehaus, sondern auch die Jagdhäuser Sternhaus und Viktorshöhe. Beide entwickelten sich später zu beliebten Ausflugszielen.
Das Stadtbild von Gernrode dürfte bis ins 18. Jahrhundert hinein mittelalterlich geprägt gewesen sein. Um 1700 herum lebten in der Stadt ca. 1000 Einwohner. Mit dem beginnenden 19. Jahrhundert veränderte sich auch der Charakter des Ortes, er begann zu einem Erholungsort zu werden. Zu dieser Zeit besuchten viele bekannte Personen den Ort Gernrode, besonders das Hotel auf dem Stubenberg mit seiner schönen Lage zog die Besucher an. So waren neben Goethe auch Heinrich von Kleist und Wilhelm von Kügelgen dort zu Gast. Für einen Sommerurlaub bot Gernrode gute Bedingungen, so das milde Klima und die Lage, die vielfältige Aktivitäten ermöglichten.
Durch den Fremdenverkehr entwickelte sich Gernrode zu einer modernen Kleinstadt, denn für die Urlauber musste die Infrastruktur auf Grund der steigenden Ansprüche verbessert werden. Daneben begann man mit dem Bau von Villen und Fabriken. Den Gästen standen zur damaligen Zeit auch drei Badeanstalten zur Verfügung, der Osterteich, das Schraderbad und das Ottobad.
Auch die Verkehrsanbindungen wurden in dieser Zeit stark verbessert, so wurde 1885 die Eisenbahnstrecke Quedlinburg-Aschersleben und im Jahr 1887 die Selketalbahn durch die damalige Gernröder-Harzgeröder-Eisenbahngesellschaft eröffnet.Hans Hartung: Zur Vergangenheit von Gernrode. 1912, S. 62–90.
Das 20. Jahrhundert Die Nachkriegsjahre brachten auch für Gernrode schwere Zeiten, Hunger und Entbehrung mit sich. Der Inflation zu Beginn der Weimarer Republik versuchte man in Gernrode wie auch andernorts durch die Ausgabe von Gutscheinen Herr zu werden. miniatur|Blick auf Gernrode, August 1940