Otlohs Gebet ist ein althochdeutscher Text, der im 11. Jahrhundert im Kloster St. Emmeram in Regensburg entstanden ist und als direktes Autograph von Otloh von St. Emmeram gilt. Die Sprache des Gebets ist AltbairischProf. Köbler Gerhard, Universität Innsbruck: OG = Otlohs Gebet (nach 1067, abay.), siehe Quellensiglen (Word-Dokument; 34 kB)Stefan Sonderegger: Althochdeutsche Sprache und Literatur, Kapitel 3.4.63, S. 143, jene regionale Variante des Althochdeutschen, die im Frühmittelalter im baierischen Stammesherzogtum geschrieben wurde.
Beschreibung Das Gebet Otlohs gehört mit dem altalemannischen Physiologus und dem Sankt Galler Notkerglossator zu den spätesten Manuskripten, die auf Grund ihres Lautstandes noch der althochdeutschen Epoche zugerechnet werden. Viele linguistische Merkmale darin bilden jedoch schon einen Übergang zu mittelhochdeutschen Sprachformen, in diesem Fall bairisch-mittelhochdeutschen, und sind dadurch auch dem modernen Deutsch näher. Die Schrift ist in der karolingischen Minuskel gehalten, jedoch treten erstmals auch Großschreibungen auf, etwa bei Personennamen oder um einen Satzanfang zu markieren.Uni Bielefeld: Geschichte der deutschen Sprache - Beispiel 2: Otlohs Gebet
Es ist das umfangreichste Gebet der althochdeutschen Sprachstufe und basiert inhaltlich zum Teil auf dem lateinischen Gebet "O spes unica, o salus eterna et refugium omnium in te sperantium, deus". Der Schreiber hat dieses Gebet ins Altbairische übersetzt und den Text dabei teilweise gekürzt. Der Schlusssatz "In manus tuas, domine, commendo spiritum et corpus meum" (Übers.: In deine Hände, Herr, übergebe ich meinen Geist und meinen Körper) wurde dabei in Latein belassen, ebenso wie die Form der aufgezählten Apostel, Heiligen und Kirchenväter.
Typische linguistische Merkmale, die das Gebet als altbairisch erkennen lassen, sind etwa das Wort "trohtin" für Gott den Herrn, die Fortis-Konsonanten im Anlaut, dort wo andere althochdeutsche Idiome einen Lenis-Konsonanten haben (tu der pist …), einige aufs Bairische beschränkte Diphthonge, die Konjugationsformen der Verben, die partielle Weglassung der Vorsilbe "gi-" oder "ga-" bei Partizipialkonstruktionen (burt, statt Geburt), die Entrundung der Umlaute zu <e> (megi, für "möge") sowie einige spezifische Vokabeln. Manche <k> im Anlaut werden nicht als <c> geschrieben, sondern als aspiriertes <ch> (chlagen, klagen; chanst, kannst; bidenchest, bedenkest, cheina, keine; chindline, Kinder; …), wie es heute nur noch in den südbairischen Dialekten, etwa in Tirol, gesprochen wird. <ch> ist also als aspiriertes <kch> zu lesen!
Das Manuskript des Textes liegt heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München unter der Signatur clm 14490, Seiten 61v-63v.
Text mini|250 px|Herr allmächtiger, du bist der einzige Trost und das ewige Heil aller derer, die an dich glauben und in dich vertrauen. Du erleuchtest mein Herz, das ich deiner Güte und deiner Gnade angedenken möge … mini|250 px|Durch deine heilige Geburt und durch dein Martyrium und durch das heilige Kreuz, mit dem du die ganze Welt erlöst hast …
Literatur Ingo Reiffenstein: Aspekte einer Sprachgeschichte des Bayerisch-Österreichischen bis zum Beginn der frühen Neuzeit; Kapitel 5.2 Altbairisch (8. - 11. Jahrhundert), Seite 2908 ff.; in: Werner Besch: Sprachgeschichte – Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, Band 2.3, Walter de Gruyter, 1998, ISBN 3110158833
Einzelnachweise
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (11. Jahrhundert) Kategorie:Literatur des Mittelalters Kategorie:Literatur (Althochdeutsch) Kategorie:Christliche Literatur