Bird: The Complete Charlie Parker on Verve ist ein Jazz-Album von Charlie Parker. Die zehn Compact Discs umfassende Edition von 1990 enthält sämtliche Aufnahmen, die der Altsaxophonist für Norman Granz bei dem Plattenlabel Mercury Records aufgenommen hatte und die später auf Granz’ eigenem Label Verve Records veröffentlicht wurden, beginnend mit Repetition mit dem Neal Hefti Orchester Ende 1947 bis zu seinen letzten Aufnahmen für das Cole-Porter-Songbook (I Love Paris) am 10. Dezember 1954. Ergänzt werden Parkers Einspielungen unter eigenem Namen von drei Jazz-at-the-Philharmonic-Konzerten 1946, 1949 und 1952, an denen Parker mitwirkte.

Einleitung Im Zentrum der Edition Bird: The Complete Charlie Parker on Verve stehen Charlie Parkers verschiedene Quintett- und Quartett-Formationen, so Aufnahmen mit Dizzy Gillespie und Thelonious Monk (Bloomdido) im Juni 1950,Diese Aufnahmen erschienen auch als Einzel-LP/CD Bird & Diz. ein Titel mit Coleman Hawkins im Oktober (Ballade), die Au Privave-Session mit Miles Davis am 17. Januar 1951 sowie mit Red Rodney (Blues for Alice) im August 1951; später seine Quartett-Einspielungen mit den Pianisten Al Haig und Hank Jones. Hinzu kommen seine von der lateinamerikanischen Musik beeinflussten Stücke, die damals unter dem Titel South of the Border vermarktet wurden sowie die verschiedenen Produktionen mit Streichern und Big-Band-Aufnahmen, u. a. mit Gil Evans und den Dave Lambert Singers.

Die Sessions in zeitlicher Abfolge 1946: JATP Parkers Verbindung mit dem 27-jährigen Norman Granz begann schon im Jahr 1946, als dieser seine ersten Jazz-at-the-Philharmonic-Konzerte organisierte; bei dem Konzert im Januar in der Philharmonie von Los Angeles kam es zum Zusammentreffen mit seinem Idol Lester Young; dieser war gerade erst nach 15-monatigem Aufenthalt in einem Straflager der Armee entlassen worden und deshalb bei diesem Konzert in einem erschreckend apathischen Zustand und nahm Bird kaum zur Kenntnis. Young spielte konfus und einfallslos. Es entstand der Titel Sweet Georgia Brown; mitwirkende Musiker waren Dizzy Gillespie, Willie Smith und Al Killian. Mit Howard McGhee und Lester Young wurden noch die Titel Blues for Norman, I Can’t Get Started, O Lady Be Good und After You’ve Gone aufgenommen.Wilson/Goeman S. 95. Höhepunkt der Januar-Session war Parkers Solo in Lady Be Good; der Pianist John Lewis meinte: „Bird machte aus ‚Lady Be Good‘ einen Blues. Sein Solo ließ alle anderen Musiker auf der Bühne wie alte Männer aussehen“. Das Publikum in der Philharmonie tobte und tanzte in den Gängen, was dazu führte, dass die Verantwortlichen Granz verboten, dort weiter Veranstaltungen durchzuführen. Trotzdem behielt Granz den Namen Jazz at the Philharmonic bei.

Im JATP-Blues und I Got Rhythm, die im April 1946 im Embassy Theater von Los Angeles entstanden, stieß noch Coleman Hawkins hinzu, so dass die drei renommiertesten Saxophonisten der damaligen Zeit miteinander jammten. Mitwirkende waren außerdem Trompeter Buck Clayton, Pianist Irving Ashby und Schlagzeuger Buddy Rich. Ein Unikum und eine Rarität nennen Wilson/Goeman diese Melange aus Swing und Bebop wegen des zwanglosen Aufeinandertreffens der Jazzgrößen Parker, Hawkins und Young sowie Gillespie und Willie Smith.

Im November 1948 – Parker nahm gerade seine letzten Titel für Savoy Records auf und spielte im Royal Roost – erhielt er einen einjährigen Plattenvertrag bei Mercury Records, einer Tochtergesellschaft von MGM, deren Jazzproduzent damals Norman Granz war.Ross Russell, S. 252.

1947: Repetition mini| Charlie Parker, im JazzclubThree Deuces, New York, ca. August 1947. Foto William P. Gottlieb Parkers Vertragsabschluss mit Mercury fand zeitgleich mit der Streikandrohung der AFM für den 1. Januar 1948 statt; in aller Eile organisierte deshalb Granz zwei Aufnahmesessions mit Parker. Mit dem Neal-Hefti-Orchester ließ er den Saxophonisten Repetition aufnehmen; dabei wurde wohl Parkers Solo-Stimme in die bereits zuvor aufgenommene Einspielung eingefügt. Es war Granz’ Konzept, Parker nun in einem kommerzielleren Konzept als bisher zu präsentieren; daraus resultierten auch die Bigband-Aufnahmen mit dem damals populären Machito-Orchester, das im Palladium Ballroom Erfolge feierte, und die späteren Streicher-Aufnahmen. Für die Anthologie The Jazz Scene ließ Granz den Saxophonisten den Titel The Bird einspielen, mit einer hastig zusammengewürfelten Begleitgruppe aus Hank Jones, Ray Brown und Shelly Manne.

Mit dem Machito-Orchester nahm Parker dann Ende 1948 die Latin-Nummern No Noise, Okiedokie und Mango Mangue auf; Parker schien jedoch mehr als hinzugefügte Attraktion denn als integraler Bestandteil einer eingespielten Band zu wirken.Wilson/Goeman, S. 110 f. Die 78er Platte erschien damals unter dem Titel South of the Border.

1949: Visa

In der Zeit der Reisevorbereitungen für das Pariser Jazzfestival, als Parker Reisepass und Visum beantragen musste, entstanden die Kompositionen Cardboard, Visa und Passport. Für Cardboard zog Norman Granz den Posaunisten Tommy Turk hinzu, der jedoch überhaupt nicht zu Parkers Musik passte.Ross Russell, S. 255.; Wilson/Goeman, S. 109 ff. Die Titel Visa, Segment und Passport entstanden glücklicherweise ohne Turk.

Lester Leaps In Die dritte CD der Edition enthält das komplette JATP-Konzert vom 18. September 1949 in der New Yorker Carnegie Hall, an dem Roy Eldridge, Lester Young, Flip Phillips, Hank Jones, Ray Brown und Buddy Rich sowie bei einigen Titeln Ella Fitzgerald mitwirkten.In den 1950er Jahren erschien die LP als Charlie Parker 1949 Jazz at the Philharmonic bzw. Bird and Prez 1949 Jazz at the Philharmonic, jedoch ohne die Ella Fitzgerald-Titel. Auch diesmal gelang es Granz, die Crème d la Crème des Jazz unter der JATP-Flagge zusammenzubringen. Hier treffen die drei Musiker Eldridge, Young und Parker aufeinander; allgegenwärtig ist bei den langen Stücken der JATP-Geist und die Aura der Jam-Session, in dem jeder der Mitwirkenden seine Chance für ein Solo erhält und durch die anfeuernden Rufe der Mitspieler unterstützt wird. Hinzu kam schließlich die Sängerin Ella Fitzgerald mit ihren damaligen Erfolgs-Titeln Flyin’ Home, How High the Moon und Juan Tizols Perdido.

1949: Charlie Parker with Strings Gut zwei Monate nach dem Carnegie Hall-Konzert fanden dann Parkers erste Aufnahmen mit Streicher-Begleitung – sowie Ray Brown und Buddy Rich – statt; zu dieser Zeit war der Mercury-Vertrag Parkers zu vorteilhafteren Bedingungen verlängert worden. Dies beinhaltete aber auch, dass Granz’ Vorstellungen zunehmend in Parkers Musik-Produktionen einflossen, so die Parker-Biographen Wilson und Goeman. Die Autoren Richard Cook und Brian Morton widersprechen jedoch der landläufigen Vorstellung von der angeblichen Ungehaltenheitim Original impatience, Cook/Morton 2001, S. 1151 Parkers mit diesen Produktionen; Parker fühlte sich im Umfeld „seriöser“ Künstler wohl und als Musiker ernst genommen. Auch wenn die Aufnahmen vom Ablauf her „äußerst sauber, um nicht zu sagen „clean“ wirken, ist Bird zweiter Chorus in Just Friends jedoch ein Muster einer gelungenen Soloprogression“.zit. nach Wilson/Goeman S. 116.

1950: Star Eyes 200px|mini|Parker mit Red Rodney, ca. 1947. Foto: Gottlieb. An Heiligabend 1949 trat Charlie Parker erneut in der Carnegie Hall auf, im Februar folgten seine legendären Aufnahmen mit Red Rodney (Bird at St. Nick’s), in dem er sein neues Quintett vorstellte; außer Rodney spielten Al Haig, Tommy Potter und Roy Haynes mit Parker. Im JATP-Rahmen präsentierte Granz jedoch Parker lieber mit den vertrauten Musikern aus seinem „JATP-Stall“, wie Hank Jones, Ray Brown und Buddy Rich; so entstanden im Frühjahr 1950 die Standards Star Eyes, I’m in the Mood for Love und Parkers Blues (Fast), „es sind sehr relaxte, klar tönende Stücke von hohem Standard mit seiner sehr homogenen Rhythmusgruppe“,zit. nach Wilson/Goeman, S. 137. so Wilson und Goeman. Sie betonen aber, dass die Rolle von Buddy Rich, der im Jahr 1950 allein bei fünf Sessions mit Bird mitwirkte, von einigen Kritikern differenzierter betrachtet wird.

Bird & Diz mini|links|255px|Buddy Rich

Am 6. Juni schloss sich die legendäre Bird and Diz-Session an,unter diesem Titel wurden die Aufnahmen schon in den 1950er Jahren als Einzel-LP von Verve herausgegeben. in der es Gelegenheit gibt, „Giganten des Bebop“Cook/Morton, S. 1151. zu hören; die zahlreichen alternate takes und abgebrochenen Titel geben dem Hörer eine gute Möglichkeit, zu studieren, wie Parker jedes Mal sein Solo von take zu take überdenkt, auch wenn dabei die melodischen Konturen die gleichen bleiben. Während Buddy Rich von Granz ausgewählt wurde, bat Parker den Pianisten Thelonious Monk hinzu, mit dem er bislang noch nie zusammengearbeitet hatte und der zu dieser Zeit wegen seiner Kompromisslosigkeit Schwierigkeiten hatte, überhaupt Auftrittsmöglichkeiten zu bekommen. Der Bassist Curley Russell war schon Hausbassist des Birdland; er spielte bereits in den Tagen der Jazzclubs der 52nd Street mit Dizzy Gillespie und Parker. Ergebnis der Juni-Session waren typische Bebop-Nummern und eine Ballade, der Standard My Melancholy Baby. Die Musik entstand relativ spontan, da Parker vergessen hatte, die Arrangements mitzubringen, als er ins Studio kam.Wilson/Goeman, S. 134, weisen noch auf das bekannte Cover-Foto hin, dass am 13. Februar 1950 im Birdland aufgenommen wurde, als sich dort Parker und Gillespie bei einem Benefiz-Konzert zusammenfanden. Es gibt aber nur einen Ausschnitt des Bildes wieder; es zeigte links noch Curley Russell und rechts im Hintergrund den jungen, bewundernd blickenden John Coltrane.

Im Spätsommer 1950 fand dann die zweite Streicher-Session statt, die von Joe Lippman geleitet wurde; alle Titel sind mit fünf Geigen, Bratsche, Cello, Oboe, Waldhorn und der Rhythmusgruppe (Ray Brown/Buddy Rich sowie Bernie Leighton als Pianist) aufgenommen und realisieren die Vorstellung Granz´, mit der Verknüpfung von Bebop und klassischem Streichersound neue Klangfarben und auch neue Aussagen zu finden.Wilson/Goeman, S. 135. Im August trat Parker dann mit Streicher-Begleitung im Apollo Theater auf, am 16. September in der Carnegie Hall. Standards wie What Is This Thing Called Love?, April in Paris und Easy to Love wurde damals von Granz aufgezeichnet.

Bird und Hawk Ein Höhepunkt des Jahres 1950 waren die Aufnahmen im Oktober in Quartett- bzw. Quintett-Besetzung.Wilson/Goeman, S. 142 f. Trotz eines immer wieder „polternden“ Buddy Rich zeigt Celebrity bei einer Spieldauer von nur anderthalb Minuten Parker in großer Spielleidenschaft. Ein Eindruck, der sich beim Hören der anschließenden Ballade fortsetzt,„Ballade“ wurde für den Film Improvisation von Norman Granz und Gjon Mili aufgenommen; es war einzige Studio-Treffen von Hawkins und Parker. einem themenlosen Titel, bluesig, gefühlvoll, mit einem bemerkenswerten Dialog zwischen Parkers Altsaxophon und dem Tenorsaxophon von Coleman Hawkins.

Afro-Cuban Jazz Suite Obwohl Parker viel weniger als etwa Dizzy Gillespie ein Experte für lateinamerikanische Rhythmen war, die zu dieser Zeit sehr populär waren, experimentierte der Saxophonist mit diesen Spielformen. Im Dezember 1950 nahm er mit Machitos Orchester, in dem auch der Trompeter Mario Bauzá spielte, Chico O’Farrills Afro-Cuban Jazz Suite auf. Die Schwierigkeiten Parkers mit dem sechsteiligen Werk O’Farrills sind nicht zu überhören,Wilson/Goeman, S. 143. Sie erwähnen aber auch Höhepunkte der Suite wie Mambo I, in dem Parker durch zupackende Attacke besticht, die sich herausschält aus einer dichten Masse von sich verflechtenden Saxophon- und Trompeten-Riffs, während die Perkussionsgruppe in einer Weise brodelt, die sich vorteilhaft abhebt von dem geglätteten, polierten Zeitmaß (damals) gängiger Rhythmen.

1951: Au Privave mini|200px|Foto von Miles Davis 1955, aufgenommen von Tom Palumbo