Die Kantonsschule Küsnacht, ehemals Seminar Küsnacht, ist ein kantonales Gymnasium neusprachlicher und musischer Ausrichtung in Küsnacht im schweizerischen Kanton Zürich. Sie wurde 1832 gegründet und ist die älteste Lehrerbildungsanstalt des Kantons. Im Schuljahr 2026/27 wird die KKN von 630 Schülerinnen und Schülern besucht. Rektorin ist seit Beginn des Schuljahrs 2020/21 Corinne Elsener.
Geschichte Vorgeschichte Ausserhalb der Stadt Zürich gab es im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts kaum Dorfschulen, in denen ordentlicher Unterricht stattfand. Die Lehrer waren oft ungebildete Randfiguren ohne Ausbildung und standen mit ihrem Einkommen, das weniger betrug als dasjenige eines Taglöhners, auf einer der untersten Stufen der sozialen Leiter. Viele Eltern hielten die Schule für überflüssig und behielten die Kinder lieber zuhause, damit sie im Haus oder in der Feldwirtschaft helfen konnten.
Nach ihrem Sieg im Jahr 1830 hatte die liberale Bewegung der Schweiz am 10. März 1831 eine radikal-liberale Verfassung in Kraft gesetzt und in kurzer Zeit von der Volksschule bis zur Universität ein modernes, säkularisiertes Schulwesen errichtet. Da dieses jedoch nur Erfolg haben konnte, wenn genügend ausgebildete Lehrer zur Verfügung standen, war die Einrichtung eines Lehrerseminars von grosser Bedeutung.
Über den Standort wurde heftig debattiert. Den Liberalen war es ein Anliegen, dass das Seminar in die Landschaft zu liegen kam; erstens um dem konservativen Einfluss der Stadt zu entkommen, zweitens, damit die zukünftigen Lehrer «volksnah und fern den Zerstreuungen und Annehmlichkeiten der Stadt» ausgebildet werden konnten. Als Standorte wurden unter anderen Küsnacht, Andelfingen ZH, Greifensee ZH, Kloten, Wollishofen und Embrach genannt.
Die Wahl fiel auf das liberale und politisch aktive Küsnacht. Hier war das «Küsnachter Memorial» entstanden, eine liberale Streitschrift, in der eine neue Kantonsverfassung mit gleichen Rechten für Stadt und Land gefordert wurde. Für ihre fortschrittliche Gesinnung sollte die Gemeinde belohnt werden. Damit die zukünftigen Lehrer die freisinnigen (liberalen) Ideen verbreiten konnten, sollten sie in freisinniger Umgebung ausgebildet werden. Zudem lag Küsnacht in der Nähe der Stadt und konnte demzufolge von den zuständigen Behörden gut überwacht werden. Auch konnten hier genügend Kostplätze für die Schüler gefunden werden.
Zeit Thomas Scherrs Erster Direktor mini|hochkant|Thomas Scherr Für die Stelle des Seminardirektors waren sechs Bewerbungen eingegangen. Zum Direktor wählte der Zürcher Regierungsrat mit zwölf gegen eine Stimme auf Lebenszeit den 31-jährigen Ignaz Thomas Scherr. Um die Stelle als Seminardirektor hatte er sich nicht beworben, da er zu Unrecht befürchtete, es mit den Küsnachtern verdorben zu haben, weil er für Greifensee als Sitz des Seminars eingetreten war. Mit seiner Familie bezog Scherr im Haus «zur Traube» an der Wiltisgasse eine Wohnung.
Erstes Seminar im «Seehof» mini|links|Der «Seehof», Stich von Rudolf Ringger Raum für die Lehrerbildung fand sich im direkt am Zürichsee gelegenen Haus «Seehof» im Besitz von Hauptmann Nägeli. Der «Seehof» war 1650 von einer Tochter des Generals Werdmüller und ihrem Ehemann Hanspeter Lochmann, einem Obersten in französischen Diensten, erbaut worden. Für den Unterricht standen im Erdgeschoss und im 1. Stock je zwei Zimmer zur Verfügung.
Die Einweihung mit 2000 Gästen fand am 7. Mai 1832 statt. Der Zürcher Bürgermeister Melchior Hirzel übergab dem neuen Direktor Thomas Scherr das neue «Schullehrer-Institut», und der Küsnachter Regierungsrat Johann Jakob Fierz dankte im Namen der Gemeinde für die dem Dorf damit erwiesene Ehre. Der erste zweijährige Kurs im «Seehof» begann am folgenden Tag mit 30 «Zöglingen». Scherr wurde unterstützt durch einen weiteren Hauptlehrer und einen Hilfslehrer für Musik.
Erste Jahre Die pädagogische Bewegung breitete sich rasch über den ganzen Kanton aus. Scherr entfaltete eine heute kaum mehr nachvollziehbare Aktivität. Er unterrichtete die meisten Fächer selbst, besorgte die Direktionsgeschäfte, bot Weiterbildungskurse für Lehrer an, verfasste pädagogische Schriften, besuchte – zu Fuss – Dorfschulen im ganzen Kanton und war zudem Mitglied des kantonalen Erziehungsrates.
Scherr schreibt: «Das Leben und Treiben, wie es derzeit in Küsnacht herrscht, lässt sich nicht beschreiben. Kein Tag vergeht, ohne dass sich nicht wissbegierige Gäste einfinden, an jedem Tag, da eine Dorfschule Ferien hat, eilt der Lehrer ins Seminar, um sich Belehrung zu holen. Ich konnte des Tages 6–10 Lehrstunden geben, dann nachts an organisatorischen Arbeiten und pädagogischen Schriften bis in die Zeit des anderen Tages fortfahren und morgens heiter und froh den Kreis von neuem beginnen. Oder ich konnte am späten Abend bei Sturm und Regen zu Fuss in die Sitzung des Erziehungsrates nach Zürich eilen und nach mühevollem Heimgang noch die Korrekturen des schriftlichen Aufsatzes besorgen. Das waren die schönsten Tage meines Lebens; ich fühlte, welche Macht und Stärke in der Aufnahme einer schöpferischen Idee liegt.»
Anfang April 1833 fand im «Seehof» erstmals unter allgemeinem Beifall eine öffentliche Jahresprüfung statt. Schon bald erhielt der Zürcher Erziehungsrat Gesuche von Gemeinden aus dem ganzen Kantonsgebiet mit der Bitte, Seminaristen möchten die vielfach ungebildeten Dorfschulmeister ersetzen. Gemäss Scherr konnte nicht einer der Seminaristen die Ausbildung vollenden, da alle vorher schon an Dorfschulen abgeordnet wurden. Das Seminar Küsnacht galt als das vorbildlichste und am besten geführte der ganzen Schweiz.
Umzug ins «Johanniterhaus» mini|Johanniterhaus und Kirche Nach zwei Jahren wurden die Räume im «Seehof» dem Seminar zu eng. Im Frühling 1834 stellte der Regierungsrat der Schule das ein Jahr zuvor frei gewordene Amtshaus zur Verfügung, das Hauptgebäude der ehemaligen Komturei der Johanniter. Den «Seehof» erwarb Scherr im Jahr 1837 privat.
Scherrs Entlassung mini|Aufnahmegesuch eines Sekundarschülers aus Marthalen: «Hochgeachteter Herr Bürgermeister. Zufolge der in das Amtsblatt eingerückten Anzeige vom 6ten März dieses Jahres, nach welcher es sich wieder um Aufnahme neuer Zöglinge in das Seminar in Küsnacht handelt, wagt es auch der Endsunterzogene unter Beilegung der verlangten Atteste bei Hochdemselben mit der ehrerbietigen Bitte einzukommen, dass auch er der Zahl, der mit Beginn des Sommerhalbjahres in oberwähntes Seminar einzutretenden, neuen Zöglinge Behufs Bildung zu einem Primarlehrer angereiht werden möchte u. giebt sich anbei unterm Versprechen sorgfältiger Benutzung der Bildungsanstalt die Ehre, Sie seiner pflichtschuldigsten Hochachtung u. Ergebenheit zu versichern! Marthalen am 16 ten März 1837 Heinrich Korrodi Sekundarschüler.»
So sehr Scherr einerseits Erfolg hatte und bewundert wurde, so sehr war er anderseits für die Konservativen ein Feindbild. Besonders die Geistlichkeit, die bisher die Schule kontrolliert hatte, sah ihre Autorität bedroht. Nach dem Sieg der reaktionären Kreise im Züriputsch am 6. September 1839 fiel Scherr den Umbesetzungen in den wichtigsten Behörden zum Opfer, in denen Konservative Einsitz nahmen. Er wurde, obwohl auf Lebenszeit gewählt, im Sommer 1839 im Amt suspendiert und auf ein Drittel seines Gehalts gesetzt. Bis zum 1. November hatte er sein Büro zu räumen, und auf den 1. Mai 1840 wurde er entlassen. In einem Rekurs an den Regierungsrat gegen seine unrechtmässige Entlassung unterlag er.
Zu seiner Entlassung schrieb Scherr:
Was habe ich verbrochen? 1. Ich wollte die Volksschule zu einer freien, selbständigen Anstalt erheben, dafür straft mich der Hass vieler Geistlicher. 2. Ich wollte eine Volksschule, aus der ein edles, vernünftiges Volk hervorgeht, darum hassen mich die Aristokraten. 3. Ich wollte auch dem ärmsten Kind den Weg der Schule und einer heiteren Jugend verschaffen, darum verfolgt mich der Eigennutz mancher Fabrikherren und die Roheit gewissenloser Eltern.
Am 17. August 1840 fand in Küsnacht eine zweite pompöse Eröffnungsfeier statt, bei der Scherrs Verdienste keines Wortes erwähnt wurden; stattdessen gab es Beteuerungen an die Konservativen und an die Kirche.
Direktoren im 19. Jahrhundert Johann Heinrich Bruch, 1840–1846 Der von den Konservativen eingesetzte Dr. Johann Heinrich Bruch aus Wädenswil, ein «pedantischer und trockener Vertreter der orthodoxen Theologie», hatte es schwer als Nachfolger des charismatischen Scherrs. Erst nachdem die letzten Zöglinge Scherrs das Seminar verlassen hatten, kehrte Ruhe ein. mini|Das alte Übungsschulhaus Im Jahr 1840 brachte das neue Seminargesetz eine Verlängerung der Ausbildung auf drei Jahre, allerdings gegen hartnäckige Opposition der Konservativen. Das Seminar erhielt zudem 1844 im heutigen «Biohaus» eine eigene Übungsschule, in der Seminaristen Dorfkinder unterrichteten. Anstelle des Turnens wurde Landarbeit in den Lehrplan aufgenommen: Auf der grossen Wiese vor dem Schulhaus hatte jeder Zögling ein paar eigene Beete zu besorgen.
Bruch legte grossen Wert auf die Einrichtung eines Konvikts für alle und wollte den erzieherischen Einfluss des Direktors stärken. Tatsächlich waren nicht alle Seminaristen an ihren Kostorten gut aufgehoben. 1840 lebten von den 75 Schülern nur 26 im Konvikt, die anderen hatten sich an das freiere Leben in den Gastfamilien gewöhnt und wollten sich nicht den strengen Regeln im Internat unterstellen.
Anlässlich der Jahresprüfung im April 1844 eröffneten die Liberalen in der Presse einen scharfen Angriff auf das «geistlose Büffeln von Gedächtniskram» und die mangelnde Vorbereitung auf die Praxis. Als 1845 die konservative Herrschaft zu Ende ging, trat Bruch von seinem Posten zurück und gründete in Zürich ein privates Mädcheninstitut.
Heinrich Zollinger, 1849–1855 mini|hochkant|Heinrich Zollinger Unter liberalem Regime entstand 1848 das dritte Seminargesetz, in dem speziell kirchliche Vorschriften wegfielen, wie zum Beispiel der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes, stattdessen wurde Französisch obligatorisch. Auch das Eintrittsalter wurde von 17 auf 18 Jahre hinaufgesetzt, da sich manche Seminaristen vor der Klasse als zu jung für den Beruf erwiesen.
Als Nachfolger von Bruch wünschte sich die Lehrerschaft Thomas Scherr zurück, um das an ihm begangene Unrecht wieder gut zu machen; die Konservativen waren dagegen. Um keinen Grund für Auseinandersetzungen zu liefern, wurde einer von Scherrs Schülern zum neuen Direktor gewählt, Heinrich Zollinger, der zuvor in Java als Botaniker gearbeitet hatte. Zollinger wurde in seinem Amt nicht glücklich. Er missbilligte das Konvikt und wurde von Konservativen und Liberalen gleichermassen als zu links stehend abgelehnt. 1855 trat er zurück und reiste mit seiner Familie wieder nach Java, wo er eine Kokosplantage aufbaute. Er starb 1859 in Java im Alter von 41 Jahren.
David Fries, 1857–1875 mini|hochkant|David Fries mini|Die Lehrerschaft 1874 Um die Wahl von Zollingers Nachfolger entbrannten heftige Kämpfe. Die Lehrerschaft warb für ihren Kandidaten derart aufdringlich, dass der Erziehungsrat eine eigene Wahl traf: David Fries hiess der neue Direktor, Pfarrhelfer am St. Peter und Privatdozent an der Universität Zürich.