Rothenburgsort ist ein Stadtteil im Bezirk Hamburg-Mitte der Freien und Hansestadt Hamburg.
Geografie Gliederung des Stadtteils mini|Blick von der „Grünen Brücke“ in Hammerbrook
Rothenburgsort liegt im Mündungsgebiet der Bille in die Elbe auf dem nordwestlichen Ausläufer der früheren Elbinsel Billwerder (Billwerder Ausschlag). Der Stadtteil umfasst die Ortsteile 132 und 133 und lässt sich funktional in fünf Teilbereiche (von Nord nach Süd) gliedern: die 38 Hektar große Billerhuder Insel mit Kleingärten südlich davon, durch den Bullenhuser Kanal getrennt, ein Industrie- und Gewerbegebiet beidseits des Billekanals entlang von Großmann- und Billstraße, weitläufigen Eisenbahnanlagen mit den S-Bahnhöfen Rothenburgsort und Tiefstack sowie dem ehemaligen Güterbahnhof Rothenburgsort das Wohnviertel von Rothenburgsort, das zugleich den Kern des Stadtteils bildet ein Grünzug entlang der Elbe, der vom Elbpark Entenwerder über die Elbinsel Kaltehofe bis zum Elbwasserfilterwerk in Moorfleet reicht.
Benachbarte Stadtteile Rothenburgsort grenzt im Westen an Hammerbrook, HafenCity, Veddel und an Wilhelmsburg im Bezirk Hamburg-Mitte, im Süden an Spadenland und Tatenberg im Bezirk Bergedorf, zu dem auch das östlich angrenzende Moorfleet gehört. Ebenfalls im Osten grenzt Billbrook an Rothenburgsort, das wie das nördlich angrenzende Hamm Teil von Hamburg-Mitte ist.
Geschichte mini|Spaziergang am Wasserturm um 1848
Der Großteil der Flächen des heutigen Stadtteils, der Billwerder Ausschlag, gehörte seit 1385 zu Hamburg und wurde bis 1494 eingedeicht. Der damalige Deichverlauf entspricht dem heutigen Verlauf der Straßen Billhorner Deich, Ausschläger Billdeich und Ausschläger Elbdeich.
Seit dem 17. Jahrhundert besaß die Familie Rodenborg auf dem Ausschlag ausgedehnte Ländereien. 1614 kaufte der Ratsherr Johann Rodenborg das Gelände des heutigen Trauns Park, das daraufhin von den damaligen Anliegern Rodenborg’s Ort genannt wurde.Horst Beckershaus: Die Namen der Hamburger Stadtteile. Woher sie kommen und was sie bedeuten, Hamburg 2002, ISBN 3-434-52545-9, S. 107. Die Familie starb 1742 aus. 1625 wurde die Bullenhuser Schleuse, die sich etwa bei der heutigen Grünen Brücke befand, durch eine Sturmflut zerstört. Um den Billwerder Ausschlag besser zu schützen, wurde daraufhin auch der westlich vorgelagerte Billhorn eingedeicht und die Brandshofer Schleuse als Ersatz für die zerstörte Schleuse gebaut.
mini|Terrasse im Vierländer Damm 274–276
1871 wurde der Billhorn dem Billwerder Ausschlag zugeschlagen und das Gesamtgebiet zum Vorort mit etwa 7200 Einwohnern erklärt. Die Aufhebung der Torsperre 1860 hatte zu verstärktem Zuzug geführt. Im Westen des Stadtteils wurden überwiegend Arbeiterwohnungen für Hafenarbeiter errichtet, während der Norden und der Osten sich zum Industriegebiet wandelten. Zunächst wurden überwiegend Terrassenhäuser errichtet, mit allen Folgen, die die ungesunde Hinterhofbebauung schuf. In den 1920er Jahren folgten die Backsteinwohnanlagen, wie sie Fritz Schumacher für den gesamten Siedlungsgürtel um die Innenstadt herum plante.
1875 wurde die erste Kommunalvertretung gegründet, der erste Sport- und Gesangsverein bildete sich und die Sankt-Thomas-Kirche wurde gebaut. 1887 fuhr eine elektrifizierte Straßenbahn als Linie 21 vom Wasserturm zum Deichtor. Zur selben Zeit wurde die neue Elbbrücke erbaut. 1894 wurde Billwerder Ausschlag zum Stadtteil erhoben und um die Kalte Hofe sowie die Billwerder Insel erweitert, es hatte 1938 etwa 44.000 Einwohner. 1938 wurde Rothenburgsort vom Billwerder Ausschlag abgespalten und zu einem eigenständigen Stadtteil aufgewertet. Rothenburgsort war schon vor dem Ersten Weltkrieg der dichtbesiedelste Stadtteil Hamburgs. Ein proletarischer Mikrokosmos mit dem Billhorner Röhrendamm als Promenade, an dem drei Lichtspiel-Theater und 14 Gastwirtschaften bzw. Kneipen bestanden.Werner Skrentny: SC Lorbeer, ein Deutscher Fußball-Meister - Der Stolz eines Arbeiterviertels in: René Senenko (Hrsg.): Rotsport und Russenbenzin - Hamburg und die letzten Jahre der Weimarer Republik, Kulturverein Olmo e.V., ops-Medien Hamburg, Hamburg 2026, S. 163–175
Der Stadtteil wurde bei den alliierten Bombenangriffen im Juli 1943 weitgehend zerstört.Stadtplan der Zerstörungen 1945 Nach dem Zweiten Weltkrieg war zunächst geplant worden, das Gebiet zum Binnenschiffhafen und Industriegebiet umzuwidmen. Zwar wurde für Teile des Stadtteils bereits 1950 das Bauverbot aufgehoben, der Wiederaufbau beschleunigte sich aber erst, als 1955 auch die Binnenhafenpläne ad acta gelegt worden waren.
mini|Schule Bullenhuser Damm
In der 1910 eröffneten Volksschule, nach Plänen von Albert Erbe erbaut, am Bullenhuser Damm war am Ende des Zweiten Weltkriegs ein Außenlager des KZ Neuengamme untergebracht. Am 20. April 1945 wurden 20 dort internierte Kinder von der SS ermordet. Kurz danach wurden zwei Pfleger, zwei Ärzte und 24 sowjetische Kriegsgefangene getötet. Die Schule wurde 1980 in Janusz-Korczak-Schule umbenannt und der Lehrbetrieb 1987 eingestellt. Das Schulgebäude ist heute eine Gedenkstätte und wird als Kindergarten der „Stiftung Kindergärten Finkenau“ benutzt. Eine weitere Stätte von NS-Verbrechen war das ehemalige Kinderkrankenhaus Rothenburgsort.
1970 wurde Rothenburgsort wieder mit dem Billwerder Ausschlag zu einem Stadtteil vereinigt.
Mit dem Konzept der Stadt: Stromaufwärts an Elbe und Bille – Wohnen und urbane Produktion in Hamburg Ost – soll Rothenburgsort näher an die Stadt rücken. Langfristige Ziele: neue Wohn- und Stadtqualitäten zu schaffen, moderne Industrie- und Gewerbestrukturen zu entwickeln sowie die Qualität der Wasserlagen und Grünräume zu verbessern und sie zu verbinden. Die Stadtteilinitiative „Hamburgs Wilder Osten“ befürchtet eine Gentrifizierung und fordert stattdessen eine gerechte Stadtentwicklung in demokratischer Verantwortung.
Statistik (Quelle: Hamburger Stadtteil-Profile: Berichtsjahr 2023)
Anteil der unter 18-Jährigen: 18,4 % [Hamburger Durchschnitt: 16,8 % (2023)] Anteil der Haushalte mit Kindern: 18,1 % [Hamburger Durchschnitt: 17,8 % (2023)] Anteil der über 64-Jährigen: 13,8 % [Hamburger Durchschnitt: 17,8 % (2023)] Ausländeranteil: 38,8 % [Hamburger Durchschnitt: 20,7 % (2023)] Arbeitslosenquote: 11,1 % [Hamburger Durchschnitt: 6,2 % (2023)] Anteil von Leistungsempfängern nach SGB II: 22,7 % [Hamburger Durchschnitt: 10,0 % (2023)]
Rothenburgsort zählt zu den einkommensschwächsten Hamburger Stadtteilen. Die durchschnittlichen jährlichen Einkünfte pro Steuerpflichtigen betrugen hier im Jahre 2020 etwa 26.322 Euro und sind deutlich geringer als der Hamburger Durchschnitt (48.035 Euro).
Politik Für die Wahl zur Bürgerschaft gehört Rothenburgsort zum Wahlkreis Billstedt – Wilhelmsburg – Finkenwerder. Die Bürgerschaftswahlen 2025, 2020, 2015, 2011, 2008, 2004, 2001, 1997, 1993, 1991, 1987, 1986, Dezember 1982, Juni 1982, 1978, 1974, 1970 und 1966 führten zu folgendem Ergebnis:
Bürgerschaftswahl SPD Linke AfD CDU Grüne FDP Übrige202534,9 %16,4 %13,5 %13,0 %11,6 %1,9 %8,7 %202045,7 %13,5 %7,8 %6,0 %15,9 %2,9 %8,1 %201552,4 %12,2 %7,7 %9,5 %7,3 %4,3 %6,6 %201155,2 %9,1 % –18,3 %6,0 %3,1 %8,3 %200841,7 %9,6 % –34,1 %5,2 %3,3 %6,1 %200437,1 % – –43,5 %6,7 %1,8 %10,9 %200141,7 %0,2 % –20,2 %3,9 %1,9 %32,1 %199745,9 %0,4 % –23,8 %7,0 %1,5 %21,4 %199350,3 % – –18,6 %7,3 %2,0 %21,8 %199159,4 % – –29,2 %4,2 %2,1 %5,1 %198756,9 % – –34,3 %3,2 %3,2 %1,5 %198654,2 % – –35,4 %6,4 %2,4 %1,6 %Dez. 198265,4 % – –28,5 %4,3 %1,3 %0,6 %Jun. 198254,7 % – –34,2 %5,2 %4,2 %1,7 %197865,6 % – –25,8 %2,1 %4,2 %2,3 %197461,5 % – –26,7 % –7,9 %3,9 %197070,7 % – –20,1 % –3,8 %5,4 %196675,5 % – –17,6 % –3,7 %3,1 %
Bei den Wahlen zur Bezirksversammlung gehört der Stadtteil zum Wahlkreis St. Georg, Hammerbrook, Borgfelde, Rothenburgsort. Bei Bundestagswahlen zählt Rothenburgsort zum Bundestagswahlkreis Hamburg-Mitte.
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Bauwerke
Von weitem sichtbar ist der 64 Meter hohe Turm auf dem Gelände der Wasserwerke, der als Wahrzeichen von Rothenburgsort gilt. Er wurde 1848 nach Plänen von Alexis de Chateauneuf errichtet und steht heute unter Denkmalschutz. Im Rahmen der von William Lindley konzipierten zentralen Wasserversorgung in Hamburg („Wasserkunst“) wurde von dem Turm aus Flusswasser, das über drei Absetzbecken aus der Elbe entnommen wurde, als Trinkwasser in die Haushalte geleitet. Dabei war er – im Unterschied z. B. zum heutigen Planetarium im Stadtpark oder zum Sternschanzenturm – kein Wasserhochbehälter. Vielmehr wurde das Wasser durch Pumpen in ein Steigrohr, das sich im Turm befand, gedrückt und lief von dort in das Leitungssystem. Erst nachdem das ungefilterte Wasser im Jahre 1892 die große Cholera-Epidemie in Hamburg bewirkt hatte, wurden auf der Insel Kaltehofe Sandfilter zur Reinigung des Wassers errichtet. Diese hatte bereits Lindley geplant, sie erschienen der Stadt jedoch zunächst zu kostspielig.
Stadtbildprägend ist zudem die Kirche St. Erich am Billhorner Röhrendamm. Sie entstand in den Jahren 1961 bis 1963 und ist der Nachfolgebau der im Krieg zerstörten St. Josefskirche am Bullenhuser Damm. Der Entwurf für das moderne Kirchenbauwerk, das von außen einem großen Fisch ähnelt, stammt von Reinhard Hofbauer. Vor allem von der S-Bahn-Linie S2 zwischen den Bahnhöfen Berliner Tor und Rothenburgsort fällt der markante Kirchturm ins Auge.
Westlich der Billhorner Brückenstraße befindet sich die Großtankstelle Brandshof, die 1953 durch Wilhelm Mastiaux und Ulrich Rummel für die Deutsche Benzol-Vertrieb GmbH errichtet wurde und seit dem 18. Januar 2010 in die Denkmalliste der Stadt Hamburg aufgenommen worden ist. Das Gebäude ist eine der letzten erhaltenen Tankstellen aus den 50er Jahren. Zwischen August 2010 und September 2011 wurde die Anlage umfassend saniert. Heute wird sie als auf Oldtimer spezialisierte Prüfstelle des GTÜ und Café genutzt.
Naturdenkmäler Die Billwerder Bucht bildet ein Süßwasserwatt, das als Ausweichquartier für die aus dem Mühlenberger Loch vertriebenen Löffelenten dient (während die Krickente die bei Hahnöfersand neu geschaffenen Wattflächen annimmt). Der Holzhafen im südlichen Teil der Billwerder Bucht steht unter Naturschutz. Auch die benachbarten Filterbecken des Wasserwerks auf der Insel Kaltehofe und der Billwerder Insel bieten Rast- und Brutmöglichkeiten für Wasservögel wie den Zwergtaucher. Alles das spielt sich vor der imposanten Kulisse des Heizkraftwerks Tiefstack ab, das im benachbarten Billbrook steht.
Denkmäler Das „Denkmal aus Anlass des 60. Jahrestages des Hamburger Feuersturms in Rothenburgsort“ ist ein Projekt von Volker Lang. Das kleine Gebäude ist in seinen Proportionen – in verkleinertem Maßstab 1:2,5 – einem „Terrassenhaus“ nachempfunden. Dieser Bebauungstyp wurde um 1880 für Arbeiterquartiere in Hamburg entwickelt und prägte bis zu der Zerstörung auch den Charakter des Stadtteils Rothenburgsort. Im Innern sind Fragmente aus Berichten von Menschen, die die Bombenangriffe erlebt haben, und Fragmente aus literarischen Texten angebracht. Das Denkmal ist jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 14 bis 16 Uhr geöffnet.
Parks Zur Erholung steht den Rothenburgsortern der Elbpark Entenwerder zur Verfügung, der in den 1990ern umgebaut und modernisiert wurde. Er liegt als Halbinsel in der Elbe in der Nähe der Elbbrücken und ist vom Osten per Pkw anfahrbar und vom Westen über eine Fußgängerbrücke zu erreichen. Der Park ist ca. 16 Hektar groß. Mit dem Entenwerder Fährhaus befindet sich ein traditionsreiches Ausflugslokal (seit 1872) im Park. Weiterhin gibt es Trauns Park (mit Kindertagesstätte), der von 1923 bis 1925 vom ersten Hamburger Gartendirektor Otto Linne angelegt wurde und den Hexenpark neben dem Fußballplatz des FTSV Lorbeer.