mini|Hector Berlioz, Photographie zu Beginn der 1860er Jahre rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.6|Unterschrift Hector Berlioz’ Louis Hector Berlioz (* 11. Dezember 1803 in La Côte-Saint-André, Département Isère; † 8. März 1869 in Paris) war ein französischer Komponist und Musikkritiker der Romantik.

Leben und Schaffen

Elternhaus und Herkunft mini|Geburtshaus von Louis Berlioz und Hector Berlioz in La Côte-Saint-André

Herkunft

Hector Berlioz wurde am 11. Dezember 1803 in La Côte-Saint-André als Sohn von Marie-Antoinette-Joséphine Berlioz, geborene Marmion, und des Arztes Louis-Joseph Berlioz geboren. Er wurde am 14. Dezember 1803 in der St.-André-Kirche getauft.David Cairns: Berlioz – The Making of an Artist, 1803–1832. Band 1, Penguin Press, London 1999, ISBN 0-14-199065-1 Seine Eltern hatten im Februar 1803 geheiratet. In seinen Lebenserinnerungen, den Mémoires, bemerkte Berlioz später nicht ohne Ironie, dass – im Gegensatz zu Vergil und Alexander dem Großen – seine Mutter bei seiner Geburt keine Vision von seiner späteren Bedeutung hatte.

Berlioz hatte zwei Schwestern, Marguerite-Anne-Louise Berlioz (1806–1850) und Adèle Berlioz (1814–1860). Drei weitere Geschwister starben im frühen Kindesalter, so Louise im April 1816 mit sieben Jahren an einer anfänglich harmlosen Racheninfektion, die sich unerwartet verschlimmerte. Berlioz’ im Dezember geborener Bruder Jules starb im März 1819 wahrscheinlich an einer Paravasation im vierten Hirnventrikel, wie Vater Louis in der Familienchronik Livre de Raison schreibt. Im gleichen Jahr 1821 kam sein Bruder Prosper zur Welt. Dieser starb am 15. Januar 1839 wahrscheinlich an Typhus.David Cairns: Berlioz – Servitude and Greatness, 1832–1869. Band 2, Penguin Press, 1999, ISBN 0-14-199066-X.

Von 1815 bis 1838 schrieb sein Vater Louis Berlioz die Familienchronik Le Livre de Raison de Louis Joseph Berlioz, Docteur médecin résidant à La Côte St. André, in der er den Stammbaum sowie aktuelle Erfahrungen der Familie Berlioz in den Napoleonischen Wirren schilderte. Louis Berlioz konnte den Familienstammbaum bis zu Claude Berlioz in La Côte St. André (geboren etwa 1590), einem kaufmännischen Gerber, zurückverfolgen. Dessen männliche Nachfahren setzten, sofern sie nicht Priester oder Mönche wurden, diesen Beruf fort. Joseph Berlioz (1700–1799), der Großvater von Louis Berlioz, hatte so viel Vermögen aufgebaut, dass er in Les Granges bei Grenoble einen Landsitz errichten konnte. Sein Sohn Louis-Joseph Berlioz, der Großvater des Komponisten, wurde Anwalt.

Vater Louis

mini|Louis Berlioz (1776–1848), der Vater des Komponisten

Berlioz’ Vater sollte ebenfalls Anwalt werden, setzte sich aber gegen seinen Vater durch und studierte Medizin. Er studierte an der neu eröffneten École Centrale in Grenoble und eröffnete später eine Landarztpraxis. Er gilt als der erste Arzt, der in Frankreich die Akupunktur bekannt machte. Louis plante, dass Sohn Hector eines Tages seine Landarztpraxis übernehmen sollte, was später im Erwachsenenalter des Komponisten zu Konflikten führen sollte. Nicolas Marmion, der Vater von Berlioz’ Mutter, war wie Louis Berlioz ebenfalls Anwalt; sein Grundbesitz in La Côte wurde von Berlioz Vater übernommen. „Le bon Louis“, wie Berlioz’ Vater genannt wurde, war wegen seines Pflichtbewusstseins und seiner Hilfsbereitschaft sehr beliebt; sein Tod wurde vom ganzen Ort betrauert.

Vater Louis Berlioz war prägend für das spätere Leben seines Sohnes Hector. Trotz der späteren Konflikte mit dem Vater wegen seiner Berufswahl war es ihm, wie seine Briefe sowie seine Lebenserinnerungen Mémoires zeigen, auch im Erwachsenenalter wichtig, sich der Liebe seines Vaters sicher zu sein. Als Vater Louis seinen Sohn im Kindesalter unterrichtete, folgte er den Idealen von Jean-Jacques Rousseau und leitete seinen Sohn zu eigenständigem Lernen an. Berlioz’ späteres Interesse unter anderem an Literatur, Antike und Wissenschaft geht auf den Einfluss seines Vaters zurück.

Mutter Josephine

Das Bild von Hector Berlioz’ Mutter Josephine ist durch dessen Mémoires geprägt. Demzufolge war sie den Künsten gegenüber feindlich gesinnt und verfluchte ihren Sohn Hector, als dieser sich für die Komponistenlaufbahn entschied. Nahezu alle Biografen des Komponisten gehen jedoch davon aus, dass sie und nicht ihr Mann Louis der emotionale Part in der Beziehung war. Laut den Mémoires war sie die Erste, die die Bedeutung spürte, als sich der junge Hector mit 12 Jahren in die ältere Estelle Dubeuf verliebte. Wie sich Ferdinand Hiller, mit dem sich Berlioz in den späten 1820er Jahren in Paris anfreundete, erinnerte, sprach dieser in Liebe von seiner Mutter, bedauerte aber immer noch ihre Vorbehalte gegenüber der Kunst und seinem Berufswunsch. Dennoch soll sie laut Aussage von Berlioz’ Schwester Nancy heimlich stolz auf den Erfolg der Messe solennelle gewesen sein, während Vater Louis sich gleichgültiger äußerte. Ihre strikte Religiosität machte sich in ihrem Verhalten gegenüber ihrem Sohn erst bemerkbar, als dieser die Komponistenlaufbahn einschlug. Von Josephine Berlioz ist kein Porträtgemälde überliefert.

Kindheit und Jugend mini|Berlioz im Kindesalter (Porträt möglicherweise nicht authentisch)

Über Berlioz’ Kindheit in der Zeit von 1803 bis 1815 ist in der Familienchronik aus unbekannten Gründen wenig überliefert.

Im Frühjahr 1815 beging Berlioz seine Erstkommunion. Jahre später erkannte er als Erwachsener die Musik wieder, die er während der Erstkommunion gehört hatte, und zwar eine Adaption von „Quand le bien-aimé reviendra“ aus Nicolas Dalayracs Oper Nina ou La Folle par amour. Er schilderte später auch Momente von emotionalen Reaktionen in Kindheit und Jugend, und zwar zweimal nach der Lektüre von Vergil und einmal bei der Begegnung mit einer katholischen Prozession.

Estelle Dubeuf

In Meylan bei Grenoble, dem Heimatdorf des Großvaters, erlebte der zwölfjährige Berlioz während des alljährlichen Spätsommerurlaubs mit seiner Mutter und den Schwestern seine erste – unerwiderte – Romanze, als er der 18-jährigen Estelle Dubeuf begegnete. Estelle Dubeuf war die Tochter eines Steuerbeamten in Grenoble. Die Familie besaß eine Villa in Meylan, wo Estelle und ihre Schwester Ninon Teile des Sommers verbrachten. Es bestanden freundschaftliche Verbindungen zwischen den Familien Berlioz und Dubeuf. In den Mémoires schreibt Berlioz, dass er Estelle lediglich im Sommer 1815 begegnete, doch ist es wahrscheinlicher, dass er sie mehrere Male sah. Der junge Berlioz scheint Estelles Unerreichbarkeit akzeptiert zu haben. Estelle selbst hat die Gefühle des jungen Berlioz anscheinend nicht bemerkt, da sie ihn weiterhin freundschaftlich aufzog. Bereits zu dieser Zeit schrieb er Musik – großteils Lieder –, die von seiner Leidenschaft zu Estelle inspiriert war und die er zum Großteil wieder vernichtete. Eines dieser Lieder, das von Jean-Pierre Claris de Florians Estelle et Némorin inspiriert war, beeinflusste später das Streicherthema zu Beginn der Symphonie fantastique.

Unterricht

Es ist unklar, zu welchem Zeitpunkt genau Louis Berlioz begann, seinen Sohn Hector zu unterrichten. Zunächst kam Berlioz etwa um 1814 – nach eigener Aussage war er etwa zehn Jahre alt – an das petit seminaire in La-Côte-St.-André und bekam dort Unterricht in Latein. Doch schon nach kurzer Zeit nahm Louis Berlioz ihn wieder von der Schule und beschloss, ihn selbst zu unterrichten. Zusätzlich engagierte Vater Louis von Zeit zu Zeit auch Privatlehrer. Im Rückblick urteilte Berlioz später, dass ihn der Unterricht im Elternhaus zu sehr vor den Realitäten des Lebens abgeschirmt habe. Jedoch überwogen die Vorteile, da der liberale Unterrichtsstil seines Vaters ihm den orthodoxen Unterricht an einer Regelschule ersparte. Literarisch lernte er unter anderem Plutarch, Charles Rollins Römische Geschichte, Jean de La Fontaine, Miguel de Cervantes, Jean-Pierre Claris de Florians Estelle et Némorin, Jean-Jacques Rousseau und François-René de Chateaubriand kennen; von Vergil und Horaz konnte er Passagen auswendig zitieren. Auf dem Gebiet der Geografie führte seine Faszination für Asien und die Südsee dazu, dass er mehr über Asien wusste als über sein Heimatland Frankreich.

Daneben gab Louis Berlioz seinem Sohn Musikunterricht. Seinen Sohn für einen eventuellen Musikerberuf vorzubereiten, beabsichtigte Berlioz’ Vater jedoch nicht. Um die Begeisterung seines Sohnes für die Musik nicht allzu sehr zu fördern, verweigerte Vater Berlioz ihm den Unterricht am Klavier.Wolfgang Dömling: Berlioz. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1993. In seinen Mémoires beschrieb Berlioz diesen Umstand allerdings als Vorteil, da er seine Imagination förderte und es ihm ermöglichte, ohne Umweg über das Klavier für das Orchester zu komponieren.Hector Berlioz: Mémoires. Hrsg. von P. Citron, 2 Bände. Paris 1969 Nach dem Urteil von Berlioz’ späterem Freund Ferdinand Hiller hat es niemals einen berühmten Komponisten gegeben, der unter ungünstigeren musikalischen Bedingungen aufwuchs als Berlioz, der erst im Alter von 18 Jahren ernsthaft mit der Musik in Berührung kam.

Andererseits schenkte Louis Hector seinem Sohn 1816 eine Flöte sowie eine Ausgabe von François Deviennes Méthode de flute théorique et pratique, das der junge Hector im Selbststudium durcharbeitete, und brachte ihm das Notenlesen bei. Von einem Lyoner Geiger namens Imbert, der eine Zeitlang in La Côte-Saint-André verbrachte, bekam Berlioz 1817 Gesangsstunden. Als Imbert nach Lyon zurückkehrte, wurde Berlioz ab 1818 von François-Xavier Dorant aus dem elsässischen Colmar in Gitarre und Flöte unterrichtet. Der Gitarrenunterricht ging bis 1821 und endete höchstwahrscheinlich, weil Dorant seinem Schüler nichts mehr beibringen konnte.

Für die Zeit ab 1818 sind auch Berlioz’ erste kompositorische Gehversuche überliefert. So schrieb er mehrere Kompositionen, unter anderem zwei Quintette, die er auch überarbeitete und einigen Verlagen anbot.

Nachdem Berlioz 1821 im zweiten Anlauf das Baccalauréat bestanden hatte, schenkte Vater Louis ihm eine Gitarre. Zum gleichen Zeitpunkt bahnte sich der Konflikt zwischen dem väterlichen Wunsch eines Medizinstudiums und Berlioz’ Wunsch, die Musikerlaufbahn einzuschlagen, an. Vater Berlioz war sich der Wünsche seines Sohnes, der sich noch unsicher fühlte, seinen Standpunkt zu vertreten, nicht bewusst. Louis Berlioz selbst war politisch eingespannt, als er vorübergehend zum Bürgermeister gewählt wurde und nach drei Monaten zurücktrat, als er Unregelmäßigkeiten seines Vorgängers entdeckte.

Studium

Medizin

1821 reiste Berlioz mit seinem Cousin Alphonse Robert nach Paris und begann an der École de Médecine sein Medizinstudium. Sofort reagierte er mit Widerwillen gegen das Medizinstudium, was sich unter anderem darin äußerte, dass er und sein Cousin, Jean Racine zitierend, während der Sektion Leichenteile an Spatzen verfütterten. Wohltuend wirkten auf ihn hingegen seine Besuche in der Opéra, in deren Spielplan er zunächst jedoch die Opern von Christoph Willibald Gluck vermisste. Stattdessen sah er Antonio Salieris Les Danaïdes, was nach seinen bisherigen begrenzten musikalischen Eindrücken in seinem Geburtsort eine neue Erfahrung darstellte. Wenig später, drei Wochen nach seiner Ankunft in Paris, hatte er dann doch die Möglichkeit, eine Aufführung von Gluck – Iphigénie en Tauride – zu besuchen. Dieses Erlebnis bestärkte ihn in seinem Entschluss, Musiker werden zu wollen. Noch spielte sich dieser Konflikt in seinem Inneren ab; auch in seinen Briefen an seine Schwester Nancy sparte er dieses Thema aus. So bestand er auch im Juli 1822 seine Abschlussprüfungen des ersten Studienjahres.