Klang – Die 24 Stunden des Tages ist der letzte Werkzyklus von Karlheinz Stockhausen, den er zwischen 2004 und 2007 schrieb. Den Einzelstücken verlieh er die Werknummern 81–101. Bedingt durch seinen Tod blieb der Zyklus unvollendet, die letzten drei „Stunden“ fehlen. Die Gesamturaufführung der vollendeten 21 Stunden des Zyklus fand am 8. und 9. Mai 2010 an wechselnden Aufführungsstätten im Rahmen der Musiktriennale Köln in der vom Komponisten vorgesehenen Form durch die musikFabrik statt,. während ein Teil der Stücke bereits vorher uraufgeführt worden war.
Entstehung und Aufbau Nachdem Stockhausen seinen Opernzyklus Licht – Die sieben Tage der Woche vollendet hatte, wollte er die 24 Stunden des Tages in seinem Kompositionszyklus Klang musikalisch umsetzen. Als Vorbild diente ihm das Stundengebet der katholischen Klöster. Ähnlich, wie die 24 Stunden des Tages in Tag- und Nachtstunden unterteilt sind, besteht auch Klang aus zwei kontrastierenden Abschnitten, wobei die ersten zwölf Stunden eher kammermusikalisch besetzt sind. Das Spektrum des ersten Teils umfasst Solostücke bis zum Septett, darunter auch in der dritten Stunde Solostücke für Klavier. Nach der fünften Stunde überwiegen Trio-Stücke in wechselnder Besetzung. Dafür wählte Stockhausen Titel wie „Schönheit“, „Balance“, „Glück“, „Hoffnung“, „Glanz“ und „Treue“. Als Überleitung zum zweiten Teil dient die zwölfte Stunde: Erwachen. Mit der 13. Stunde Cosmic Pulses, einem rein elektronischen Stück aus 24 Schichten beginnt der zweite Teil des Zyklus. Für die anschließenden Solostücke mit Elektronik wählte Stockhausen jeweils drei Schichten aus Cosmic Pulses aus.Ilja Stephan: Musikalische Stundengebete. Karlheinz Stockhausens Zyklus »Klang – Die 24 Stunden des Tages«, in: Programmheft des SHMF vom 24. August 2009, ohne Seitennummerierung.
Wesentliche Anregung und mehrere der Titel im zweiten Teil bezog Stockhausen aus dem Buch Urantia.
Im Anschluss an die Komposition der 24 Stunden des Tages hatte Stockhausen geplant, die 60 Minuten der Stunde und die 60 Sekunden der Minute zu vertonen. Allerdings starb Stockhausen 2007 im Alter von 79 Jahren und hatte bis dahin nur 21 Teile von Klang vollendet. Louwrens Langevoort: Karlheinz Stockhausen Klang 8. und 9. Mai, 24. April – 16. Mai 2010, Programm MusikTriennale Köln. Aus Stockhausens nachgelassenen Skizzenbüchern geht nicht hervor, wie er die fehlenden drei Stunden realisieren wollte.Interview mit Kathinka Pasveer im Kölner Stadt-Anzeiger vom 22. April 2010.
Die Stücke im Einzelnen 1. Stunde – Himmelfahrt In diesem 2004 bis 2005 komponierten Stück für Orgel oder Synthesizer, Sopran und Tenor greift Stockhausen noch einmal Aspekte aus seinem Opernzyklus Licht auf. Der Titel des Stückes wurde inspiriert durch den Uraufführungstermin am 5. Mai 2005, einen Tag vor dem Fest Christi Himmelfahrt, im Mailänder Dom. Stockhausen charakterisierte das Stück folgendermaßen: „Im 3. Akt von Donnerstag aus Licht, 1981 in der Mailänder Skala uraufgeführt, kehrt Michael in seine himmlische Residenz zurück. [...] Michael hört und sieht in einem ›Schattenspiel‹ 7 Stationen seines irdischen Lebens, und alles steht dabei auf dem Kopf, das Unten ist wie oben.“Zitat Stockhausen in: Stefan Fricke: Himmelfahrt (2004–2005), in: Programmheft Karlheinz Stockhausen Klang. Die 24 Stunden des Tages, S. 14. Stockhausen sieht in dem Stück 24 verschiedene Tempi in einer bestimmten Zeitskala vor. Für den Solisten an der Orgel oder dem Synthesizer gestaltet sich die Aufführung schwierig, da die linke und die rechte Hand verschiedene Tempi zu spielen haben. Stockhausen beschrieb seine Intentionen folgendermaßen: „Das Auf-dem-Kopf-Stehen der Zeit für beide Hände – eigentlich unmöglich für uns heutige Menschen – und die feste Verbindung von Tempo und ›Klang-Farbe‹ habe ich im Geiste der Himmelfahrt komponiert: unvorstellbar – unerhört – unsichtbar.“
Die beiden Vokalsolisten (Sopran und Tenor) singen alternierend einen Text von Stockhausen, der in einem gemeinsamen Lobpreis Gottes endet: „unsere Stimmen // loben dich // Schöpfer-Gott Deus“. Stefan Fricke: Himmelfahrt (2004–2005), in: Programmheft Karlheinz Stockhausen Klang. Die 24 Stunden des Tages, S. 14.
Die Aufführungsdauer des Stückes beträgt 37 Minuten.
2. Stunde – Freude Ursprünglich wollte Stockhausen das 2005 komponierte Stück für zwei Harfen „Pfingsten“ nennen, da die beiden Harfenistinnen zusätzlich zu ihrer virtuos-solistischen Tätigkeit 24 Zeilen des lateinischen Pflingsthymnus Veni creator spiritus zu singen haben. Diese 24 Zeilen des Hymnus sieht Stockhausen wieder im Zusammenhang mit den 24 Stunden des Tages, „so dass die ›Zweite Stunde‹ von Klang wie ein voller Tag in einer Stunde des Tages ist.“Zitat Stockhausen in: Stefan Fricke: Freude (2005), in: Programmheft Karlheinz Stockhausen Klang. Die 24 Stunden des Tages, S. 15.
Die Uraufführung fand am 7. Juni 2006, dem Dienstag nach Pfingsten, im Mailänder Dom statt. Die Aufführungsdauer beträgt 41 Minuten.
3. Stunde – Natürliche Dauern Natürliche Dauern ist ein Zyklus von 24 Klavierstücken, den Stockhausen 2005 bis 2006 komponiert hat. Mit der Aufführungsdauer von etwa 140 Minuten stellt er zugleich das umfangreichste Werk innerhalb von Klang dar. Der Komponist beabsichtigte mit diesem nur wenig virtuosen Klavierzyklus, vor allem das Ausklingen der Töne, den Nachklang und das in der Partitur notierte Atmen des Pianisten hörbar zu machen. Durch die Betätigung des Pedals und elektronisches Verstärken sollen nach Stockhausens Intentionen „Melodien, Harmonien und mehrstimmige Momente als Ergebnisse der natürlichen Dauern“ entstehen.Zitat Stockhausen in: Stefan Fricke: Natürliche Dauern (2005–2006), in: Programmheft Karlheinz Stockhausen Klang. Die 24 Stunden des Tages, S. 16.
Die Uraufführung von Stück Nr. 1 fand am 23. Februar 2006 in New York statt; Nr. 2–15 wurden am 12. Juli 2006 in Kürten uraufgeführt, während Nr. 16–24 am 17. Juli 2007 in Lissabon zur Uraufführung kamen.
4. Stunde – Himmels-Tür Die Komposition Himmels-Tür für einen Schlagzeuger und ein kleines Mädchen entstand 2005. In diesem Stück, das als einziges aus dem Zyklus Klang mit pantomimischen Elementen arbeitet, klopft ein Perkussionist mit Schlägeln an eine eigens dafür konstruierte zweiflüglige Tür mit jeweils sechs verschiedenen tönenden Holzelementen.Konstruktion der Himmels-Tür als Schlaginstrument mit Abbildungen bei betsillworkshop Der Schlagzeuger klopft in unterschiedlichen Gemütsstimmungen an die Tür, mal vorsichtig, mal bittend, mal wütend, wobei er manchmal auch seine Füße als Schlagwerk einsetzt, indem er auf den Holzboden vor der Tür stampft. Stockhausen hat 14 verschiedene Haltungen notiert, darunter auch, dass er sich einmal verzweifelt auf den Boden wirft. Schließlich öffnet sich die Tür, der Schlagzeuger schreitet hindurch, sieht sich hinter der Tür um und entschwindet. Plötzlich dröhnt metallischer Lärm und eine Alarmsirene heult. Schließlich kommt aus dem Publikum ein kleines Mädchen auf die Bühne und verschwindet hinter der Tür. Anschließend wird nach und nach der Lärm ausgeblendet und auch die Sirene verstummt.Stefan Fricke: Himmels-Tür (2005), in: Programmheft Karlheinz Stockhausen Klang. Die 24 Stunden des Tages, S. 16.
Die Uraufführung fand am 13. Juni 2006 im Rossini-Theater (teatro comunale) in Lugo in Italien statt. Die Aufführungsdauer beträgt etwa 28 Minuten.
5. Stunde – Harmonien Das 2006 entstandene Stück Harmonien ist ein Solostück für Bläser, das Stockhausen für verschiedene elektronisch verstärkte Blasinstrumente komponiert hat, wobei er die jeweiligen Eigenarten des Instruments berücksichtigte. In der Ursprungsversion hat er das Werk für Bassklarinette konzipiert, aber anschließend auch für Flöte oder Trompete ausgearbeitet. Das Stück basiert in allen Fassungen auf fünf verschiedenen Melodiegruppen mit drei, vier, fünf, sechs oder sieben Tönen, die nach Stockhausen in „verschiedenen Tempi, Rhythmen und Lagen gereiht werden.“Zitat Stockhausen in: Stefan Fricke: Harmonien (2006), in: Programmheft Karlheinz Stockhausen Klang. Die 24 Stunden des Tages, S. 17. Nach dem Spielen einer Gruppe werden die Töne nach Stockhausens Vorstellung in „anderer Lagenverteilung wiederholt, so dass die Melodie wie ein vibrirender Akkord als Harmonie wirkt.“
Nach Stockhausens Anweisungen soll das Stück von den Solisten auswendig gespielt werden. Die Aufführungsdauer beträgt etwa 15 Minuten.
Die Uraufführung der Version für Bassklarinette fand am 11. Juli 2007 in Kürten mit der Solistin Suzanne Stephens statt, die Version für Flöte führte Kathinka Pasveer am 13. Juli 2007 in Kürten auf, wobei der Komponist die Klangregie übernahm, die Version für Trompete wurde am 2. August 2008 von Marco Blaauw in London bei den BBC Proms uraufgeführt.
6. Stunde – Schönheit Das 2006 entstandene Stück Schönheit ist ein Trio für Flöte, Bassklarinette und Trompete. Es soll von den Solisten, die bei der Aufführung wechselnde Positionen einnehmen, auswendig gespielt werden. In diesem Stück schlägt Stockhausen zusätzlich eine einheitliche Kleidung der Solisten in der Farbe HKS 51 (ein ins Grüne tendierender Blauton) vor.
Zu Beginn des Stückes sprechen die Solisten gemeinsam „Lob sei Gott“. Die anschließende Komposition wird in 25 verschiedenen Tempi vorgetragen, die genau eingehalten werden sollen: 30 – 40 – 42,5 – 47,5 – 50,5 – 56,5 – 63,5 – 67 – 71 – 75,5 – 80 – 85 – 90 – 107 – 113 – 120 – 127 – 134 – 142 – 150 – 160 – 180 – 190 – 202.Stefan Fricke: Schönheit (2006), in: Programmheft Karlheinz Stockhausen Klang. Die 24 Stunden des Tages, S. 17. Nach Stockhausens Vorstellung kann dieses Stück auch in größeren Konzertsälen aufgeführt werden.
Die Uraufführung fand am 5. Oktober 2009 in Lissabon mit den Solisten Kathinka Pasveer (Flöte), Suzanne Stephens (Bassklarinette) und Marco Blaauw (Trompete) statt.
Die Spieldauer beträgt etwa 30 Minuten.
7. Stunde – Balance Auch die 2007 entstandene Komposition Balance ist ein Trio, dieses Mal in der Besetzung Bassklarinette, Englischhorn und Flöte. Stockhausen schreibt die Farbe HKS 54 (Farbton zwischen Blau und Grün) für die Kleidung der Solisten vor. Diese sollen nach Möglichkeit auswendig spielen. Nachdem sie die Bühne aus verschiedenen Richtungen betreten haben, begrüßen sie sich kurz, bevor sie mit der Aufführung beginnen. Die 25 Tempi entsprechen den Metronomangaben der 6. Stunde.Stefan Fricke: Balance (2007), in: Programmheft Karlheinz Stockhausen Klang. Die 24 Stunden des Tages, S. 18.
Ein Kritiker bezeichnete diesen Teil des Zyklus als „gelassenes, heiteres Alterswerk, das im Gotteslob endet“„“ und klar auf eine Melodie ausgerichtet ist, wobei „arabeskenhaftes Wuchern“ auf „französische Klangsinnlichkeit“ und „ausufernde Vitalität“ hinweisen.
Die Uraufführung des Stückes fand postum am 22. August 2008 im Großen Sendesaal des WDR in Köln statt, an dem Tag, an dem Stockhausen die Vollendung seines 80. Lebensjahres gefeiert hätte. Ausführende waren Martin Fahlenbock (Flöte), Jaime Gonzaléz (Englischhorn) und Shizuyo Oka (Bassklarinette) vom Ensemble recherche.
Die Spieldauer beträgt etwa 30 Minuten.
8. Stunde – Glück Glück ist ein Holzbläsertrio für die elektronisch verstärkten Instrumente Fagott, Englischhorn und Oboe. Das Stück korrespondiert mit der 6. und 7. Stunde von Klang. Das 2007 komponierte Werk entstand als Auftragskomposition für die MusikTriennale 2010 in Köln. Stockhausen sah für die Solisten Kleidung in der Farbe HKS 60 (Grün) vor.
Die Uraufführung des Werkes fand am 8. Mai 2010 im Studio der musikFabrik im Mediapark Köln statt. Ausführende waren Edurne Santos Fagott, Piet van Bockstal Englischhorn und Peter Veale Oboe. Die Klangregie führte Hans-Günther Kasper.Stefan Fricke: Glück (2007), in: Programmheft Karlheinz Stockhausen Klang. Die 24 Stunden des Tages, S. 18.
Die Spieldauer des Werkes beträgt etwa 30 Minuten.
9. Stunde – Hoffnung