mini|Einfachrohrblattinstrumente: Mantoura, Rischok, Chalumeau, Birbynė mini|Modernes Einfachrohrblattinstrument: Saxophon Einfachrohrblattinstrumente gehören zu den Holzblasinstrumenten. Ihr Ton wird erzeugt, indem eine einzelne aufschlagende Zunge aus Schilf- bzw. Pfahlrohr oder einem anderen Material (Rohrblatt/Blatt) von einem Luftstrom zum Schwingen angeregt wird. Die Tonhöhe wird durch die Länge des mit dem Rohrblatt verbundenen Schallrohrs bestimmt bzw. kann durch Abdecken oder Öffnen von Grifflöchern variiert werden. Bei Instrumenten, deren Blatt mit Lippenkontakt gespielt wird, kann die Tonhöhe zusätzlich durch unterschiedliche Abteilung des Rohrblatts bzw. durch Änderung des Drucks auf das Blatt beeinflusst werden.
Neben Rohrblatt und Schallrohr können Einfachrohrblattinstrumente um Schalltrichter oder Windkapseln erweitert sein. Häufig begegnen Doppelinstrumente mit unterschiedlichen oder gleichartigen Schallrohren.
Der charakteristische Klang der Einfachrohrblattinstrumente ist häufig durchdringend und intensiv,Klarinetten III. In: Jürgen Elsner: Klarinetteninstrumente in der europäischen Volksmusik und außerhalb Europas. In: MGG, Sachteil, Band 5, 195–214, hier Sp. 206 vergleichbar mit dem der Doppelrohrblattinstrumente, jedoch weniger nasal. Bei wenigen Instrumenten (Klarinette, Chalumeau) wird ein recht weicher Klang realisiert.
Die Einfachrohrblattinstrumente bilden mit den Doppelrohrinstrumenten (zu denen die Schalmeien gehören) die Gattung der Rohrblattinstrumente. Mit den Lingualpfeifen der Orgel bilden sie die Kategorie der Aufschlagzungeninstrumente. Schallrohre mit Einfachrohrblatt finden vielfach als Melodie- oder Bordunrohre in Sackpfeifen Verwendung.
Grundlagen Terminologie Einfachrohrblattinstrumente sind weltweit verbreitet. Die Terminologie ist vielfältig und oft schwankend.Liste der Namen siehe Einerseits begegnen regional sehr verschiedene Bezeichnungen für gleiche Instrumente. Andererseits sind die Bezeichnungen der Einfachrohrblattinstrumente häufig nicht scharf von anderen Blasinstrumenten abgegrenzt (insbes. von Doppelrohrblattinstrumenten oder Sackpfeifen).Klarinetten III. In: Jürgen Elsner: Klarinetteninstrumente in der europäischen Volksmusik und außerhalb Europas. In: MGG, Sachteil, Band 5, 195–214, hier Sp. 195.
Instrumentenkundlich werden die Einfachrohrblattinstrumente häufig als „Klarinetten“ bzw. „Klarinetteninstrumente“ bezeichnet (nach dem, neben dem Saxophon, bekanntesten Instrument dieser Gruppe). Die Klarinette stellt jedoch eine spezielle, relativ junge Entwicklung dar und kann in mancher Hinsicht (Klappenmechanik, mehrfaches Überblasen, volle Chromatik, Klangfarbe) nicht als typisch für die Instrumentenfamilie gelten.
Für traditionelle Einfachrohrblattinstrumente werden daher auch folgende Bezeichnungen verwendet: Volksklarinetten,Heinz Stefan Herzka: Schalmeien der Welt: Volksoboen und Volksklarinetten – Verbreitung und Geschichte der Musikinstrumente mit dem magischen Klang. Basel 2003 einfache bzw. primitive oder traditionelle Klarinetten, idioglotte Klarinetten, Hirtenklarinetten, Naturklarinetten, Rohrpfeifen bzw. Hornpfeifen (nach engl. Reedpipe/Hornpipe). Wissenschaftlich wird der Typus als Monoglottophone (Monoglotter) bezeichnet.Heinz Becker: Zur Entwicklungsgeschichte der antiken und mittelalterlichen Rohrblattinstrumente. Hamburg 1966, S. 32 f.
Rohrblatt mini|Kataglotte Rohrblätter von Launeddas, geschabt bzw. mit Wachs beschwert (Sardinien) Wie der Name sagt, werden die Rohrblätter meist aus Schilf-, Pfahl- oder Bambusrohr hergestellt. Daneben gibt es Blätter aus Strohhalmen, Federkielen, Holz, Baumrinde oder Kunststoff. Entsteht die Stimmzunge durch einen Einschnitt in das Rohr und bleibt auf einer Seite fest mit diesem verbunden, so spricht man von idioglotten Rohren. Durch einen Abwärtsschnitt schwingt das obere Ende frei (anaglottes Rohr). Durch einen Aufwärtsschnitt schwingt das untere Ende frei (kataglottes Rohr).Elsner, Klarinette III, Sp. 197
Ist die schwingende Zunge auf einem Hohlkörper mit einer abgeflachten Öffnung so befestigt, dass sie abgenommen werden kann, spricht man von heteroglotten Rohren. Wird der Hohlkörper, der das Gegenstück zum Blatt bildet, bei größeren Rohrdurchmessern schnabelförmig ausgestaltet, so entsteht ein Mundstück.
Spielweise Die Instrumente mit idioglottem Rohrblatt haben nahezu keinen Dynamikbereich, geringe Blasdruckänderungen führen zu Tonhöhenänderungen und werden daher zur Intonation genutzt. Große Blasdruckänderungen führen zum Überblasen des Instruments und werden entsprechend eingesetzt.
Instrumente mit heteroglottem Rohr (s. u.), haben i. d. R. breitere Blätter und größere Rohrdurchmesser bzw. Mundstücke. Dadurch verfügen diese Instrumente über einen recht großen Dynamikbereich.
Die idioglotten Einfachrohrblattinstrumente aus dem Mittelmeerraum und Asien werden häufig mit Zirkularatmung gespielt. Durch Windkapseln oder Hohlkörper als Luftreservoir ergibt sich ein Übergang zur Sackpfeife. Einige Instrumente werden getrennt oder verbunden mit einer Sackpfeife gespielt (s. u. Diple, Tsambouna, auch Magruna).
Typologie Die folgende Aufstellung umfasst nur Instrumente aus dem Mittelmeerraum und Europa. Alle genannten Instrumente haben Grifflöcher. Daneben gibt es einfache Signalinstrumente ohne Grifflöcher (Corru 'e boe, Sardinien; Turulla, Spanien).
Instrumente mit fest verbundenem Blatt (idioglott) Die Mehrzahl der Einfachrohrblattinstrumente ist mit einem idioglotten Rohr versehen. Nach den Bestandteilen der Instrumente lassen sich folgende Typen unterscheiden:
Instrumente aus einem Stück (integriert) Die einfachsten Instrumente entstehen durch einen Einschnitt in einem Rohr oder Halm. Beispiele für den integrierten Typus: Pito de centeno, (Roggenhalm, Kastilien), Pai (Haferhalm, Rumänien), Soropilli (Strohhalm, Finnland) und die Mantoura (auch Mandoura, Mpantoura, Thiambioli, Kreta) und die Bena semplice (Sardinien) aus Rohr.Elsner, Klarinette III, Sp. 196 Mit Leder umkleidet war die Mock Trumpet (idioglottes Rohrchalumeau, England, Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert).
Instrumente mit einfachem Schallrohr mini|70px|Sipsi (Türkei) Bei nichtintegrierten Instrumenten wird ein isoglottes Rohrblatt in einem Schallrohr mit größerem Durchmesser aus unterschiedlichem Material befestigt (Rohr, Holz).
Die einfachste Form (Rohrblatt mit Schallrohr aus Schilfrohr) findet sich in folgenden Instrumenten: Sipsi, (Türkei), Diplica, (Kroatien, Baranja), Xirimieta mallorquina, (Xeremeieta/Reclam de Xeremies, Mallorca, Balearen – auch als Doppelinstrument wie Midschwiz, s. u.), Roopill (Estland) sowie Bâzoi, (Rumänien).
Die Bena cun corru hat ein Schallrohr mit drei Grifflöchern aus Bambus und einen Schalltrichter aus Horn. Die Bena cun zucca hat einen Kürbistrichter.
Das finnische Lävikko hat ein Holzrohr und einen Schalltrichter aus Birkenrinde. Bei der Turuta (Spanien, Extremadura) sind Rohr und Schalltrichter aus einem Stück Holz gefertigt. Bei der Cialamella (auch Cialambella und Cialamedda) ist ein Schallrohr in einen viereckigen Holzblock gebohrt und ein Schalltrichter aus Holz angefügt.
Die Puwi-puwi auf Java besteht aus einer konischen Holzröhre und einem Mundstück aus Rattan mit einem anaglotten Rohrblatt, das vom Spieler in den Mund genommen wird.
Häufig begegnen Schalltrichter aus Horn, die auch namensgebend sein können. Engl. Hornpipe und gälisch Pibgorn heißen Hornpfeife, Albogue und Alboka (iberische Halbinsel) gehen auf arab. al-boq Horn zurück.
Hornpfeifen sind die Gaita gastore (Gaita del Gastor, Spanien, Cádiz), die Caramera (Caremère/Caremera, Frankreich, Gascogne), die russische Schaleika (Zhaleika/Jaleika) und das ukrainische Rischok (Rizhok, Rih). Bei Zhaleika und Rischok kann eine Windkapsel aus Holz (oder Kunststoff) über das Rohrblatt gesteckt werden wie stets bei der Gajdica (Slowakei). Eine Windkapsel aus Horn haben die Gaita serrana (Spanien, Madrid) und das Pibgorn (Großbritannien, Wales).
Beim rumänischen Talvul dient ein Flaschenkürbis als Windkapsel.
Eine besondere Form hat die Chifla de Campoo (Spanien, Ortschaft Campoo, Kantabrien): Im Inneren eines Klangrohrs mit kleinerem Trichter am oberen und größerem Trichter am unteren Ende wird ein nur von den Lippen gehaltenes Rohrblatt geblasen.
Instrumente mit mehreren Schallrohren Traditionelle Einfachrohrblattinstrumente haben häufig doppelte (auch dreifache) Schallrohre. In der Literatur werden diese Instrumente auch als „Doppelklarinetten“ bezeichnet.
Als Clarinetto doppio (Italien, Sizilien) werden zwei verschieden lange unverbundene Instrumente gleichzeitig gespielt (nicht integrierte Rohrblätter, Melodierohre aus Schilfrohr oder Bambus – auch einzeln). Die beiden Rohre divergieren beim Spielen (V-Form).
Beim ägyptischen ArghulKlarinetten III. In: Jürgen Elsner: Klarinetteninstrumente in der europäischen Volksmusik und außerhalb Europas. In: MGG, Sachteil, Band 5, 195–214, hier Sp. 206–209 werden zwei Rohre verschiedener Größe parallel verbunden, davon ein Melodierohr und ein Bordunrohr (verschiedene Größen, Bordunrohre 80–240 cm). Ein kürzeres Instrument, bei dem Melodie- und Bordunrohr in etwa gleich lang sind, heißt in Ägypten Zummara. Sehr ähnlich sind die sardischen Benas doppie, bei denen ebenfalls ein Melodie- und ein Bordunrohr zusammen gebunden werden.
Ein Instrument, in dem zwei gleich lange Melodierohre mit gleich vielen Grifflöchern verbunden werden, heißt in Ägypten, Libanon und Palästina Midschwiz, in den anderen arabischen Ländern Zummar/Zummara (auch Mindjara), in Albanien ebenfalls Zummare. In der Türkei heißen die entsprechenden Instrumente Çifte (auch Argun, Argul, Kargin, Zambir genannt) und es gibt verschiedene Ausführungen (entsprechend Arghul oder Midschwiz).
Beim südfranzösischen Sonarel (Languedoc) sind ein Melodierohr und ein Bordunrohr durch einen Steg fest miteinander verbunden. In Nordafrika trägt das Doppelinstrument mit zwei gleich gestimmten Spielrohren meist zwei Horntrichter und wird dort Magruna genannt.
Die sardinischen Launeddas vereinen drei Instrumentenrohre unterschiedlicher Länge.Elsner, Klarinette III, Sp. 210–212 Die Bordunröhre ist durch veränderbare Teilstücke und verschließbare Löcher stimmbar und durch einen Steg mit dem zweitlängsten Rohr verbunden, welches Grifflöcher hat. Das Hauptmelodierohr ist mit den beiden anderen nicht verbunden.
Ein kroatisches Instrument, bei dem zwei gleich lange gerade divergente Spielrohre (Holz) durch eine Windkapsel aus Holz verbunden sind, heißt Šurle (Istrien). Ebenfalls aus Kroatien stammt die Diple (Dalmatien), bei der zwei parallele Schallrohre in ein Holzstück gebohrt sind. Meist haben sie sechs (Melodierohr) bzw. zwei Grifflöcher (Bordunrohr). Die Rohrblätter werden von einer Windkapsel aufgenommen. Diese kann als Befestigungsstück für den Sack einer Sackpfeife (ebenfalls Diple) dienen, die kein weiteres Rohr hat. Das im 18. Jahrhundert in England ausgestorbene Stock and Horn, hatte eine Windkapsel aus Holz, ein Holzkorpus mit Doppelbohrung und einen Horntrichter.
Bei der kretischen Tsambouna (auch Askomantoura) sind Windkapsel, Schalltrichter und ein Steg, auf dem alle Teile befestigt sind, aus Holz. Darin liegen die beiden schallerzeugenden Rohre mit je fünf Löchern. Die Tsambouna dient vorwiegend als Spielrohr für Sackpfeifen, kann aber auch getrennt verwendet werden. mini|Alboka (Baskenland) Bei der Alboka (Spanien, Baskenland) bedeckt eine Windkapsel aus Horn zwei gleich lange Rohre mit unterschiedlichen Grifflöchern. Das Instrument hat ebenfalls einen Schalltrichter aus Horn. Alle Teile des Instruments werden von einem halbrunden Holzgriff auf der Unterseite gehalten.
Bei der Pungi in Indien dient eine Kalebasse als gemeinsame Windkapsel für ein parallel verbundenes Melodie- und Bordunrohr. Auch bei der Caramuse (Frankreich, Korsika) dient ein Flaschenkürbis als gemeinsame Windkapsel für ein Melodie- und ein Bordunrohr (wird auch als Sackpfeife ausgeführt).