Rudolf „Rudi“ Gutendorf (* 30. August 1926 in Koblenz; † 13. September 2019) war ein deutscher Fußballspieler und -trainer. Er gilt als der Trainer mit den meisten internationalen Engagements und steht als solcher auch im Guinness-Buch der Rekorde. Aufgrund seiner vielen Trainerstationen und seiner langen Trainerkarriere wurde Gutendorf auch Rudi Rastlos genannt.

Werdegang Kindheit und Jugend in Koblenz (1926 bis 1942) Rudi Gutendorf wurde als ältester von zwei Söhnen des ersten Koblenzer Fahrschullehrers Heinz Gutendorf (1943 gefallen) und dessen streng katholischer Ehefrau im Brenderweg, Stadtteil Lützel,Michael Eisenkopf: Ortstermin: Rudi Gutendorfs Herz schlägt immer noch blau-weiß. In: reviersport.de (9. April 2008). geboren.Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 34, 35, 55. Der fußballbegeisterte Vater, Kassenwart beim VfB Lützel,Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 65. übertrug die Leidenschaft auf seine Söhne, die als Straßenfußballer begannen. Als Zehnjähriger begann Rudi Gutendorf in der Jugend des VfB Lützel,Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 104. zu Kriegsbeginn 1939 lief Rudi Gutendorf schließlich für die Jugend der TuS Neuendorf auf. In: tuskoblenz.de (30. August 2016). und wurde mehrfach in die Gebietsauswahl-Mannschaft berufen.Rudi Gutendorf: Der Tag, an dem ein „Dorf“ den HSV besiegte. In: Werner Skrentny (Hrsg.): Teufelsangst vorm Erbsenberg. Die Geschichte der Oberliga Südwest 1946–1963. Klartext Verlag, Essen 1996, ISBN 3-88474-394-5, S. 82–84. Zu seinen großen Vorbildern wurden die Neuendorfer Jupp Gauchel, Jakob Oden und Harry Aurednik.Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 40. Gutendorfs jüngerer Bruder Werner (1929–1995) wurde später als Torwart bei der TuS Neuendorf und dem FC Bayern München in 56 Oberligaspielen eingesetzt.Lorenz Knieriem, Hardy Grüne: Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs. Spielerlexikon 1890–1963. Agon Sportverlag, Kassel 2006, ISBN 3-89784-148-7, S. 122.

Spielerkarriere bei der TuS Neuendorf (1942 bis 1953) 1942 führte die Einberufung von Stammspielern der TuS Neuendorf an die Front dazu, dass zunehmend Spieler der zweiten Mannschaft nachrücken mussten. Auf Vorschlag von Jupp Gauchel, dem Spielführer der ersten Mannschaft, wurde der 16-jährige Rudi Gutendorf auf der rechten Außenstürmerposition in das Training des ersten Teams integriert.Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 38–46. Eigenen Angaben zufolge debütierte Gutendorf gegen Ende des Jahres, entweder im entscheidenden Spiel um die Gaumeisterschaft Moselland gegen den luxemburgischen Meister FK Niederkorn, das die TuS Neuendorf mit 2:1 gewann,Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 46–49. oder bei einem 5:4-Sieg über den VfR Mannheim vor 15.000 Zuschauern im heimischen Stadion Oberwerth. Fortan durfte er regelmäßig auf der Rechtsaußenposition, die mit der Zeit zu seiner Stammposition wurde, mitwirken, zunächst in der Gauliga Moselland, nach dem Zweiten Weltkrieg in der Oberliga Südwest. Der Nachwuchsspieler bestritt am 16. April 1944 im Alter von 17 Jahren bei einer 0:5-Auswärtsniederlage gegen den FC Schalke 04 sein erstes Spiel in der Endrunde um die deutsche Fußballmeisterschaft.Klaus Querengässer: Die Deutsche Fußballmeisterschaft. Teil 1: 1903–1945. Agon Sportverlag, Kassel 1997, ISBN 3-89609-106-9, S. 225. Auch 1944 nach der Einberufung in die Wehrmacht spielte Gutendorf eigenen Aussagen zufolge fast ausschließlich Fußball, wurde laufend beurlaubt und nicht zur Kriegsfront abgestellt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er im französischen Kriegsgefangenenlager Rivesaltes wegen Untergewichts als arbeitsuntauglich eingestuft; im Lager erkrankte Gutendorf an Ruhr, nach mehreren Wochen und dem Aufenthalt in einem Feldlazarett wurde er schließlich aus der Gefangenschaft entlassen.Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 59–63.

Nach der Rückkehr in das kriegszerstörte Neuendorf konnte Gutendorf zwar fast sofort wieder mit dem Fußball beginnen, hatte aber den Tod seines Vaters, das zerstörte Elternhaus und die Verurteilung seines jüngeren Bruders Werner zu einer vierjährigen Haftstrafe zu verkraften. Er bezeichnete es später als unglaublichen Glücksfall, dass keiner der vormaligen Stammspieler der TuS im Krieg gefallen oder zum Krüppel geschossen worden war. Jupp Gauchel agierte nach Kriegsende als Trainer der Neuendorfer – „mit dem sicheren Instinkt eines starken Anführers verkörpert[e] er die alles überragende Leitfigur“ der Mannschaft.Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 67–77. Unterdessen hatte die TuS große Erfolge zu verzeichnen: Nachdem das Team in der Saison 1946/47 noch den vorletzten Platz der Nordgruppe innerhalb der Südwest-Oberliga belegt hatte, qualifizierte es sich in der Folgesaison unter dem Namen „SpVgg Neuendorf“ als Dritter hinter dem 1. FC Kaiserslautern und dem 1. FC Saarbrücken für die Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Als „Krönung unserer Erfolge“ bezeichnete Gutendorf das Spiel in der Meisterschaftsendrunde am 18. Juli 1948 im Dortmunder Stadion Rote Erde gegen den klar favorisierten Hamburger SV, wo der Meister der britischen Zone mit anerkannten Könnern wie Walter Warning, Friedo Dörfel, Heinz Werner, Erwin Reinhardt, Erwin Seeler, Richard Dörfel, Edmund Adamkiewicz und Heinz Spundflasche angetreten war.Klaus Querengässer: Die Deutsche Fußballmeisterschaft. Teil 2: 1948–1963. Agon Sportverlag, Kassel 1997, ISBN 3-89609-107-7, S. 58. Mit zwei Treffern von Jakob Miltz, der auf Halbrechts im damaligen WM-System an der Seite von Rechtsaußen Gutendorf spielte, gewann Neuendorf das Vorrundenspiel mit 2:1 und stand damit im Halbfinale der ersten deutschen Nachkriegsmeisterschaft. Das Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern, den Meister der französischen Besatzungszone, ging sieben Tage später im Wuppertaler Stadion am Zoo vor 50.000 Zuschauern deutlich mit 1:5 verloren.

Nach der Währungsreform änderte sich alles, der Fußball wurde kommerzialisiert. Dank des Neuendorfer Vereinspräsidenten Weinand erhielten alle Spieler Toto-Annahmestellen, die ihnen zu hohen Einnahmen verhalfen, „genug, um sofort einen bemerkenswerten Wohlstand zu erreichen“; dieser finanzielle Wohlstand bekommt der Mannschaft allerdings nicht gut. Zur gleichen Zeit begann der sportliche Niedergang der TuS um den älter werdenden Spielertrainer Gauchel, der seiner Auswahl ein langsameres Spiel aufzwang und dadurch mit immer stärkeren Akzeptanzproblemen zu kämpfen hatte.Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 94–96. Anfang 1950 wurde noch einmal die Endrunde um die deutsche Meisterschaft erreicht. Im August 1950 reiste Gutendorf mit einer Rheinlandauswahl nach Island und bestritt dort Freundschaftsspiele, unter anderem gegen den damaligen Vizemeister Fram Reykjavík.Vergleiche dazu Tom Hardt: TuS Koblenz Archiv. In: tus-koblenz-forum.de (2. Juli 2016). Sein 93. und letztes Oberligaspiel für die TuS Neuendorf bestritt Gutendorf am 19. August 1951 bei einem 1:1-Auswärtsremis zum Saisonstart gegen Eintracht Trier.„In 90 Jahren um die Welt“. In: blick-aktuell.de (30. August 2016). Eine Tuberkuloseerkrankung zwang ihn anschließend zu einer einjährigen Pause, wodurch seine aktive Spielerlaufbahn beendet war. Während der fünf Oberligajahre hatte der Rechtsaußen insgesamt 46 Treffer für die TuS beigesteuert.Werner Skrentny (Hrsg.): Teufelsangst vorm Erbsenberg. Die Geschichte der Oberliga Südwest 1946–1963. Klartext Verlag, Essen 1996, ISBN 3-88474-394-5, S. 193. Als Vertragsspieler war Gutendorf zwischen 1943 und 1953 in Neuendorf aktiv gewesen.Ich bin ein bunter Hund (1989), S. 277.

Erste Trainerjobs und Engagements in der Schweiz (1953 bis 1961) Nach Kriegsende begann Gutendorf damit, sich ein zweites Standbein für die Zeit nach der aktiven Spielerkarriere aufzubauen. In den folgenden Jahren trainierte er für 15 oder 20Weltrekordler und Riegel-Rudi: Gutendorf wird 85. In: wz.de (30. August 2011). Deutsche Mark pro Abend sowie ein warmes Essen mehrere Amateurvereine aus dem Koblenzer Umland: den SV Rengsdorf (1946 bis 1954), TuS Rot-Weiß Koblenz, den VfB Lützel, den SV Braubach und den SV Niederelbert.Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 99, 382. Nach seiner Genesung von der Tuberkuloseerkrankung nahm Gutendorf in Köln am Fußballtrainer-Lehrgang unter der Leitung von Bundestrainer Sepp Herberger teil und erhielt 1953 das Trainerdiplom (Lizenz-Nummer 330).Ich bin ein bunter Hund (1989), S. 277; Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 102.

Bevor sich Gutendorf auf Jobsuche begab, machte er auf Anraten seines Arztes im schweizerischen Davos eine Ausheilungskur in einem Sanatorium für Lungenkranke. Ende 1954 bewarb er sich nach eigenen Aussagen auf ein Zeitungsinserat hin um die Stelle als Spielertrainer beim Zweitligisten FC Blue Stars Zürich, deren Trainer Robert Aeby nach der Hinserie der Nationalliga B entlassen worden war. Für ein Gehalt von 1000 Schweizer Franken monatlich sowie eine Nichtabstiegsprämie von 5000 Franken übernahm Gutendorf während der Winterpause sein erstes Trainerengagement; die Mannschaft um Bruno Brizzi erreichte in der Rückrunde vier Siege, fünf Unentschieden und vier Niederlagen bei einem ausgeglichenen Torverhältnis (23:23) und belegte am Saisonende den zehnten Tabellenplatz.Mit dem Fußball um die Welt (2002), S. 104–108: „Die Blue Stars … haben in der Vorrunde kein einziges Spiel gewonnen und liegen weit abgeschlagen am Tabellenende.“ Tatsächlich lagen die Blue Stars Zürich mit 10:16 Punkten nach der Hinrunde auf dem zehnten Platz von insgesamt vierzehn Mannschaften, vgl. Vor der Rückrunde der Meisterschaft. In: Freiburger Nachrichten vom 17. Februar 1955, S. 4.