mini|Friedliche Revolution in Leipzig: Teilnehmer eines Schweigemarsches am 9. November 1989

Als Friedliche Revolution in Deutschland wird die Gesamtheit der politischen Ereignisse und Strukturveränderungen in Ostdeutschland in den Jahren 1989 und 1990 bezeichnet. Die Stadt Leipzig spielte dabei eine bedeutende Rolle. Die Friedliche Revolution war am Ende erfolgreich und führte zum Mauerfall, zur Öffnung der innerdeutschen Grenze, zur Demokratisierung des gesellschaftlichen Systems der DDR und schließlich zur Wiedervereinigung Deutschlands.Einen kurzen Abriss dieser Entwicklung gibt Heinrich August Winkler: 1989/90: Die unverhoffte Einheit. In: Carola Stern, Heinrich August Winkler (Hrsg.): Wendepunkte deutscher Geschichte 1848–1990. 3. Auflage. Fischer Tb. Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-596-15393-X, S. 193–226.

Friedensgebete Die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche fanden als dauerhafte EinrichtungChronik zu den Friedensgebeten und zu den politisch-alternativen Gruppen in Leipzig, archiv-buergerbewegung.de ab November 1982 montags statt. Sie wurden von Diakon Günter Johannsen und seiner Jungen Gemeinde (JG) Leipzig-Probstheida initiiert. Anfangs war die Beteiligung an den Friedensgebeten für die Initiatoren sehr ernüchternd, aber in der Folgezeit nahmen die Besucherzahlen, auch die der Stasi (MfS), stetig zu. Bis zu Johannsens Dienststellenwechsel nach Brandenburg (1984) und der Übernahme des Friedensgebetes durch die Pfarrer Christoph Wonneberger und Christian Führer wurden die montäglichen Veranstaltungen von Probstheidaer Jugendlichen unter Mithilfe anderer Jungen Gemeinden Leipzigs selbständig weitergeführt. Die Friedensgebete boten die Möglichkeit des Austauschs und des Gedenkens in einer intimeren Atmosphäre. Trotz Kritik des Kirchenvorstandes von St. Nikolai an zu viel provokatorisch-politisierenden Inhalten konnten die Friedensgebete unter der Schirmherrschaft von Superintendent Friedrich Magirius aufrechterhalten werden.Dona-Nobis-Pacem. 2. Auflage. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1996, S. 7/8. Ende 1988 begann die Besucherzahl aufgrund der verstärkten gesellschaftlichen Debatte weiter zu steigen, und die Friedensgebete bekamen erhebliche politische Relevanz. Die Versuche des Staates, reglementierend Einfluss auf Verlauf und Ausgestaltung der Friedensgebete zu nehmen, führten dazu, dass zunehmend Aktionen im Anschluss vor der Kirche stattfanden. Viele der Teilnehmer verweilten nach dem Gebet auf dem Nikolaikirchhof. Diese neue Öffentlichkeit bot eine Basis für angeregten Informationsaustausch und Reflexion.

Ablauf Am 11. Januar 1989 wurden von Mitgliedern subversiver Basisgruppen ca. 5.000 Flugblätter verteilt, die zur Teilnahme an einer Gedenkdemonstration „zur demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft“ am 15. Januar 1989, dem 70. Jahrestag der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, aufriefen und Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit forderten. Vier Oppositionelle wurden noch am selben Tag verhaftet. Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) entfernten einen großen Teil der Handzettel aus den Briefkästen. An der Demonstration nahmen ca. 500 Leipziger teil. Nach Auflösung der Kundgebung wurden 53 Personen verhaftet, mussten jedoch nach weiteren Protesten, Fürbitt-Andachten und außenpolitischem Druck durch die Außenminister der Bundesrepublik und der USA im Rahmen der vertraglichen Bestimmungen der Schlussakte von Helsinki („Korb III“) bis zum 19. Januar freigelassen werden.Vgl. IFM-Archiv Sachsen e. V.: Leipziger Menschenrechtsgruppen 1989, Blatt 1/ 1999: 15. Januar 1989 – Der Protest zieht in die Provinz. Leipzig, 2. u. korr. Auflage 1999.

Am 13. März, während der Leipziger Frühjahrsmesse unter Anwesenheit vieler westlicher Journalisten, demonstrierten ca. 300 Bürger, darunter viele Ausreiseantragsteller, vor der Nikolaikirche. Der Demonstrationszug im Anschluss an das Friedensgebet wurde durch Sicherheitskräfte und von der SED organisierte „Gesellschaftliche Kräfte“ aufgelöst, als er sich bereits vom Markt Richtung Thomaskirche bewegte. Daraufhin genehmigte die DDR-Führung im Rahmen der Aktion „Auslese“ bis zum 7. Mai etwa 2000 Ausreiseanträge, um den gesellschaftlichen Druck zu entspannen. Während der Kommunalwahlen am 7. Mai gelang es Oppositionellen, die Stimmauszählungen des Stadtbezirks Leipzig-Mitte zu kontrollieren. Die Wahlbeteiligung lag um ca. 7 %, die Zahl der abgegebenen Ja-Stimmen um ca. 5 % niedriger als offiziell verlautet. Damit konnte der DDR-Führung erstmals Wahlbetrug nachgewiesen werden. Kurz vor der Wahl wurden Flugblätter mit der Aufforderung zur Wahlverweigerung verteilt, fingiert unterzeichnet von einer nicht existenten Initiative zur demokratischen Erneuerung der Gesellschaft. Der Text lud ein, auf dem Marktplatz ein „alternatives Volksbegehren“ stattfinden zu lassen, wobei die Wahlscheine der Nichtwähler in einer Urne gesammelt werden sollten. Zusätzlich wurde zu einer Demonstration vor dem Völkerschlachtdenkmal eingeladen. Es kam zu über 100 Festnahmen mit anschließenden Verhören durch die Staatssicherheit.Hans Michael Kloth: Vom „Zettelfalten“ zum freien Wählen. Berlin 2000, S. 247; Christian Dietrich: Fallstudie Leipzig 1987–1989. Die politisch-alternativen Gruppen in Leipzig vor der Revolution. In: Materialien der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ (12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), Baden-Baden 1995, Band VII/1, S. 640f.; IFM-Archiv Sachsen e. V.: Leipziger Menschenrechtsgruppen 1989 (Blatt 3/ 1999): 7. Mai 1989 – Die Proteste häufen sich. Leipzig, 1999.

Am 4. Juni sollte anlässlich des Weltumwelttages die Veranstaltung „Eine Hoffnung lernt gehen – Pleißepilgerweg 1989“ entlang der verrohrten Pleiße stattfinden. Obwohl die zunächst genehmigte Aktion verboten wurde, nahmen an den Gottesdiensten etwa 1400 Personen teil. 74 Teilnehmer wurden verhaftet. Das für den 10. Juni geplante, aber nicht genehmigte Straßenmusikfestival endete gegen 12 Uhr Mittags in einer Verhaftungswelle durch die Volkspolizei. Die Festnahmen der Musiker, die samt ihren Instrumenten brutal auf LKW „verladen“ wurden, lösten heftige Proteste unter den anwesenden Passanten aus.

Zum Kirchentag vom 6. bis 9. Juli wurden politische Probleme von den Veranstaltern nicht thematisiert. In der Lukaskirche wurde von Basisgruppen jedoch ein „Statt-Kirchentag“ veranstaltet, an dem 2500 Menschen teilnahmen. Hieran nahmen Oppositionelle aus der gesamten DDR teil. Im Anschluss an den Abschlussgottesdienst auf der Rennbahn bildete sich eine Demonstration gegen Wahlbetrug und gegen den Staatsterror in China, den die DDR-Regierung begrüßt hatte. Auf dem Weg in die Innenstadt entrissen Mitarbeiter des MfS den Demonstranten Transparente und flüchteten in die Straßenbahn.

Während einer Demonstration zur Leipziger Herbstmesse am 4. September rissen MfS-Mitarbeiter vor laufenden Kameras westlicher Journalisten Transparente mit Aufschriften wie „Für ein offenes Land mit freien Menschen“, das Katrin Hattenhauer und Gesine Oltmanns trugen, herunter. Darauf reagierten die Demonstranten mit „Stasi raus“-Rufen. Erstmals war auch der Ruf „Wir bleiben hier“ zu hören, nachdem zuvor vor allem Ausreisewillige die Atmosphäre der Demonstrationen dominiert hatten. Von diesem Zeitpunkt an protestierten beide Lager gemeinsam für Veränderungen.

Am 11. September hatte die Volkspolizei den Nikolaikirchhof abgeriegelt, nachdem über 1000 Menschen am Friedensgebet teilgenommen hatten. 89 Personen wurden festgenommen – unter ihnen Katrin Hattenhauer – und Ordnungsstrafen von bis zu 5000 Mark verhängt. Auch am 18. September waren Polizeiketten um die nahezu überfüllte Kirche postiert, wieder kam es zu Festnahmen.Ein eindringlicher Aufruf zur Besonnenheit durch Pfarrer Christian Führer in seiner Begrüßung zum Friedensgebet am 18. September 1989 in der Kirche St. Nikolai ist abgedruckt in: Ekkehard Kuhn: Wir sind das Volk! ISBN 3-548-33245-5, S. 35f. Am 25. September predigte Christoph Wonneberger beim Friedensgebet in der Nikolaikirche und verkündigte: „Wer andere willkürlich der Freiheit beraubt, hat bald selbst keine Fluchtwege mehr.“Gerold Hildebrand: „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. Eine Leipzigerin über Befreiung und Freiheit. In: Gerbergasse 18. 13. Jg., Nr. 48 (1/2008), S. 29–31. 5000 Menschen nahmen an der sich anschließenden Montagsdemonstration teil und forderten unter anderem die Zulassung des Neuen Forums. Da der Weg zum Markt durch die Polizei abgesperrt war, verlagerte sich der Demonstrationszug in Richtung Karl-Marx-Platz und führte dann über den Ring bis zur „Runden Ecke“, dem Sitz der Bezirksverwaltung des MfS.Leipzig – Kampf um die Straße. Friedensgebete und Demonstrationen. In: Ehrhart Neubert: Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90. Piper Verlag, München/Zürich 2008, ISBN 978-3-492-05155-2, S. 100–110.

Ende September wurden von der SED initiierte Leserbriefe gegen die Friedensgebete unter dem Titel „Wir wollen weiter in Ruhe und Geborgenheit leben“ in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) veröffentlicht, taten dem Zulauf zu Gebeten und Demonstrationen aber keinen Abbruch. Am 2. Oktober demonstrierten bereits 20.000 Menschen. Während des Zuges um den Ring bis zur Thomaskirche wurde eine Polizeikette durchbrochen. Im Anschluss ging die Polizei mit Hunden, Helmen, Schlagstöcken und Schilden ausgerüstet gegen die Demonstranten vor, wobei es wiederum zu vielen Festnahmen kam.

Am 6. Oktober wurde der von der SED in Auftrag gegebene Leserbrief eines Leipziger Kommandeurs der Kampfgruppen veröffentlicht, in dem es unter anderem hieß:In Leipziger Volkszeitung. damals Organ der Bezirksleitung der SED, am 6. Oktober 1989, S. 2, hier zit. nach Neues Forum Leipzig: Jetzt oder nie. S. 63.

Diese massiven Einschüchterungsversuche seitens des Staates sowie die interne Aufforderung zu radikalen Maßnahmen verliehen der Lage eine immer schärfere Brisanz. Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, demonstrierten 4.000 Personen in Leipzig, 210 wurden verhaftet.

mini|Appell zur Gewaltlosigkeit dreier subversiver Gruppen am 9. Oktober 1989 Am Vormittag des Montag, dem 9. Oktober 1989, lud OB Bernd Seidel führende Mitarbeiter der Stadt zur Abgabe einer Erklärung in den Ratsplenarsaal des Neuen Rathauses ein. Dabei sagte er, dass man sich das, was sich seit einiger Zeit montags in Leipzig vollzieht, nicht bis in alle Ewigkeit bieten lassen könne. Man müsse einige Leute aus dem Verkehr ziehen, das könne der Staat sich nicht bieten lassen, schließlich gehe es um die Machtfrage. Bei dieser Versammlung wurde auch beschlossen, dass Genossen aus der Stadtverwaltung möglichst viele Plätze in der Nikolaikirche besetzen sollten, wo an diesem Nachmittag wieder ein Montagsgebet stattfinden sollte, damit möglichst wenige Menschen Platz fänden, die wegen der Gebete kommen. Die entsprechende Einweisung dazu fand anschließend durch Genosse Erwin Häger im Festsaal statt. Der an jenem Tag im Rathaus zuständige Tontechniker, selbst Teilnehmer an Friedensgebeten, schnitt sowohl die Erklärung des OB als auch die Einweisung heimlich mit und weihte Nikolaipfarrer Führer rechtzeitig in diesen Plan ein, so dass dieser die Emporen der Nikolaikirche erst öffnen ließ, nachdem die Genossen im Kirchenschiff Platz genommen hatten. Auch in vier weiteren Leipziger Kirchen waren an diesem Tag Friedensgebete geplant.