Das Forschungsamt (FA) des Reichsluftfahrtministeriums war ein Nachrichtendienst im Dritten Reich, der nur dem Namen nach dem Reichsluftfahrtministerium unterstand.

Es wurde am 10. April 1933 von Hermann Göring gegründet und verfolgte das Ziel der verdeckten Informationsbeschaffung durch technische Aufklärung, Telefonüberwachung, Kontrolle des Funk-, Rundfunk- und Nachrichtenverkehrs, Überwachung des Telegramm-, Fernschreib- und Briefverkehrs sowie Dechiffrierung verschlüsselter Meldungen. Die Dienstaufsicht oblag dem Preußischen Staatsministerium unter Staatssekretär Paul Körner.Alfred Kube: Pour le mérite und Hakenkreuz. S. 63; books.google.com Finanziert wurde es anfangs aus Mitteln des Preußischen Staatsministeriums.

Entstehung Das Amt entstand im Zusammenhang der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat. Mit der „Machtergreifung“ kam es am 28. Februar 1933 zur Aufhebung des Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnisses. Die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat: Die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 der Verfassung des Deutschen Reichs werden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt.Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933. In: Reichsgesetzblatt, Teil I Nr. 17 vom 28. Februar 1933, S. 83 ff.; alex.onb.ac.at Der Artikel 117 behandelte u. a. das Briefgeheimnis. Er lautete:

Durch § 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 (RGBl. I. S. 83) in Verbindung mit Artikel 48 Abs. 2 Satz 2 wurde der Artikel 117 „bis auf weiteres“ außer Kraft gesetzt.

Aufgaben Die Aufgaben gehen zum Teil aus den Vernehmungen während des Nürnberger Prozesses zur Blomberg-Fritsch-Krise hervor:

Eine entsprechende Bezeichnung für das Forschungsamt der Luftwaffe suggerierend, fragte Otto Stahmer, der Verteidiger von Göring im Nürnberger Prozess: Hing damit im Zusammenhang das Forschungsamt der Luftwaffe?

Gliederung Gegliedert war das Amt in die Abteilungen: Abt. I: Verwaltung Abt. II: Personal Abt. III: Erfassungsansatz Abt. IV: Entzifferung, Leitung: Georg Schröder Als kryptanalytische Hilfsmittel wurden Tabelliermaschinen eingesetzt. Diese standen im Gebäude der ehemaligen Zentrale der im Juli 1931 in Konkurs gegangenen Danatbank in der Behrenstraße zwischen Wilhelmstraße und Friedrichstraße. Abt. V: Auswertung, Leitung: Walther Seifert Abt. VI: Technisches Amt Abt. XII: wissenschaftliche Auswertung

Überwachungen Abhörprotokolle wurden auf braunem Papier geschrieben und deswegen „Braune Blätter“ oder umgangssprachlich auch „Braune Vögel“ genannt.

Besetzung Norwegens Die Entscheidung zur Besetzung Norwegens vom 2. April 1940 basiert auf einer vom Forschungsamt dechiffrierten Nachricht eines finnischen Diplomaten, die von Paris nach Helsinki gefunkt wurde. Die Nachricht der finnischen Botschaft behauptete, dass Winston Churchill der scheidenden französischen Regierung bei einem Treffen mitgeteilt hätte, dass britische Expeditionstruppen auf dem Weg nach Norwegen seien.

Abwehroffizier beim Papst Während des Zweiten Weltkrieges leitete die Gruppe „Luft“ der Abwehr-Abteilung 1, der Abwehrstelle (AST) des Wehrkreises VII in München der spätere CSU-Vorsitzende Josef Müller. Einer seiner Mitarbeiter war Wilhelm Schmidhuber. Schmidhuber hatte im Mai 1940 dem Papst-Vertrauten Robert Leiber jenen Zettel hineingereicht, auf dem das Datum des Beginns der deutschen Westoffensive (10. Mai 1940) stand. Der belgische Gesandte bei Pius XII. Adriano Nieuwenhuys telegrafierte das an seine Regierung, weshalb Göring wusste, dass ein deutscher Verräter am 29. April 1940 aus Berlin kam. Am 8. März 1940 warnte Leopold II. Maurice Gamelin, dass die Wehrmacht den Hauptschlag durch die Ardennen führen und so die alliierten Truppen einschließen würde.John H. Waller. In: The Unseen War in Europe. S. 124; books.google.com

Telefonüberwachung und Funküberwachung Die Überwachung wurde durch das Postministerium geschaltet. In Berlin konnten 500 Telefonanschlüsse abgehört werden. Regionale A-Stellen (Telefon): Köln, Nürnberg, Hamburg, 1935 München. Die B-Stellen (Funk) waren im Eigentum der Reichspost. Eutin beendete im Juli 1945 die Funküberwachung, Prien am Chiemsee wurde weiter betrieben.

Gebäude Der erste Sitz des Forschungsamtes befand sich im April 1933 für seine anfangs zehn Mitarbeiter im Dachgeschoss eines Gebäudes Behrenstraße 68–70 in Berlin. Hauptnutzer des Gebäudes war das Reichsluftfahrtministeriums, das später in das heutige Detlev-Rohwedder-Haus zog, welches seit 1999 vom Bundesministerium der Finanzen genutzt wird. Wenige Monate später zog das Forschungsamt aus Platzgründen in ein Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Behrenstraße 5. 1935 erfolgte der Umzug nach Berlin-Charlottenburg in die Schillerstraße 116–124.Armin Fuhrer: Görings NSA. Das „Forschungsamt“ im Dritten Reich. Lau Verlag, Reinbek 2019, S. 41, 45. .

Personalentwicklung April 1933: 10 Mitarbeiter Ende 1933: 133 Mitarbeiter 1938: 3500 MitarbeiterInterrogation of Paul Körner by Eric Kaufmann, Nürnberg, No. 439D, 15 Sep. 1947, „U.S.Army, Nürnberg Trials“. Nach Robert H. Whealey: Hitler And Spain. S. 126; books.google.com 1944: 6000 Mitarbeiter

Leiter Hans Schimpf 1933–1935 Prinz Christoph Ernst August von Hessen-Kassel 1935–1943 Gottfried Schapper 1943–1945

Literatur Günther W. Gellermann: … und lauschten für Hitler. Geheime Reichssache: Die Abhörzentralen des Dritten Reiches. Bonn 1991, ISBN 3-7637-5899-2. David Irving: Das Reich hört mit – Görings „Forschungsamt“: Der geheimste Nachrichtendienst des Dritten Reiches. 1989, ISBN 3-88741-135-8; epdf.tips (PDF; 1 MB). David Kahn: The Forschungsamt – Nazi Germany’s most secret Communications Intelligence Agency. Cryptologia, 2:1, S. 12–19, 1978 (englisch, Auszug aus David Kahn: Hitler’s Spies: German Military Intelligence in World War II, 1978); doi:10.1080/0161-117891852758

Einzelnachweise

Kategorie:Deutscher Nachrichtendienst im Zweiten Weltkrieg Kategorie:Signalaufklärung im Zweiten Weltkrieg Kategorie:Behördengründung 1933 Kategorie:Aufgelöst 1945