Der Begriff Symbiose (griech. syn/sym, zusammen; bios, Leben) stammt ursprünglich aus der Biologie. Dort bezeichnet er das Zusammenleben artverschiedener Organismen, das für beide Partner vorteilhaft ist. Doch weit über die naturwissenschaftliche Basis hat sich die Vorstellung von Symbiose – besonders zwischen Mutter und Kind – in Psychologie, Familientherapie und Pädagogik zeitweise etabliert. Heute wird diskutiert, dass sie oft mit Idealvorstellungen und normativen Implikationen verbunden sei, die nicht durch eindeutige empirische Evidenz belegt werden können. Da unterschiedliche Deutungen und Anwendungen des Begriffs „Symbiose“ existieren, fehlt ein klarer Konsens darüber, was genau gemeint und gefordert wird. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie wird „Symbiose“ auch als Ideologie, Scheindiagnose oder Pseudo-Diagnose bezeichnet.

Im Übertrag auf menschliche Beziehungen haftet dem Begriff oft negative Konnotation an. „Symbiotische“ Beziehungen gelten oder galten je nach theoretischem Hintergrund zeitweise als minderwertige, entwicklungshemmende oder geradezu schädigende Lebensform, in der erwachsene Unabhängigkeit und Reife zugunsten der Befriedigung kindlicher Bedürfnisse verfehlt werden. Hingegen ist die Erfüllung der Bedürfnisse von Säuglingen nach Ko-Regulation und Bindung ein Erfordernis für die Entwicklung des Kindes (siehe auch Bindungstheorie).

Der folgende Artikel zeichnet nach, wie sich die Vorstellung von Symbiose ab den 1940er-Jahren entwickelt hat.

Begriffsgeschichte Erich Fromm (1940er-Jahre) Erich Fromm führte den Begriff für die Psychoanalyse ein,Zur Begriffsgeschichte in der Psychoanalyse vgl. Martin Dornes (1993): Der kompetente Säugling, S. 58 um ein schädigendes menschliches Beziehungsmuster zu beschreiben. Er definiert die psychologische Symbiose als „Vereinigung eines individuellen Selbst mit einem anderen Selbst (oder mit irgendeiner anderen Macht außerhalb des eigenen Selbst) und zwar auf solche Weise, daß jeder dabei die Integrität seines Selbst verliert und beide in eine völlige Abhängigkeit voneinander geraten.“ (The Escape from Freedom, 1941).Deutsch: Die Furcht vor der Freiheit, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Hg. Rainer Funk, Band I, S. 310; vgl. Lexikoneintrag auf Erich Fromm Online Solche Beziehungsmuster werden vor dem allgemeinen soziologischen und sozialpsychologischen Hintergrund des autoritären Charakters als Verfallsform menschlicher Entwicklungsmöglichkeit diskutiert, bei der Isolations- und Ohnmachtserfahrungen des Selbst durch sadistische Herrschafts- und masochistische Unterwerfungstendenzen kompensiert werden sollen. Die Symbiose sei die gemeinsame Absicht der scheinbar gegensätzlichen Haltungen und könne so von der rein destruktiven Haltung, die auf die Vernichtung des Anderen abzielt, abgegrenzt werden.Stichwort „Symbiose“ in: Die Furcht vor der Freiheit. Erich Fromm Gesamtausgabe, Hg. Rainer Funk, Band I, online einsehbar auf Google Books

Die „symbiotische Vereinigung“ (Die Kunst des Liebens, 1956) ist eine regressive Form von Einheit, die ihr Vorbild in der Beziehung der schwangeren Mutter zu ihrem Fötus hat. Diese ursprüngliche Beziehung sucht die symbiotische Form der Liebe wiederherzustellen, indem sich der passiv-masochistische Partner von einem aktiv-sadistischen Anderen einverleiben lässt, der ihn „lenkt, leitet und beschützt.“ Es entsteht eine wechselseitige Abhängigkeit, die zu polarisierten Beziehungsrollen führt. Beide Seiten erstreben eine „Vereinigung ohne Integrität“: „Der Unterschied liegt nur darin, daß der Sadist den anderen kommandiert, ausnutzt, verletzt und demütigt, während der Masochist sich kommandieren, ausnutzen, verletzen und demütigen läßt.“Erich Fromm (2000): Die Kunst des Liebens, orig. 1956, S. 29 ff.

In „Die Seele des Menschen“ (EA 1964) unterscheidet er die „inzestuöse Symbiose“ von gutartigen Formen der Mutterbindung, deren Wesen von Freud im Dienst seiner Libidotheorie verkannt worden sei. Diese Bindung sei „präödipal“ und nicht Ausdruck einer sexuellen Fixierung, wie es die psychoanalytische Lehre behauptet. Die Sexualisierung dieser Bindung, die als klassischer Ausdruck des Ödipus-Komplexes erscheine, diene tatsächlich der Abwehr einer tieferen Regression auf die ursprüngliche Bindungssehnsucht und der vernichtenden Angst vor Bindungsverlust. In extremer Form sei die inzestuöse Symbiose, neben der Nekrophilie und dem Narzissmus typischer Bestandteil des lebensfeindlichen „Verfallssyndroms“, für das er in der Persönlichkeit Adolf Hitlers das prägnante Beispiel findet.Erich Fromm: Die Seele des Menschen. Dtv, 4. Auflage 1992, hier Kap. 5: Inzestuöse Bindungen, S. 104–127. Amerik. Erstausgabe: The Heart of Men – Its Genius for Good and Evil, New York (Harper & Row), 1964. Fromm folgt hier der Kritik C.G. Jungs an der Libidotheorie Freuds. Er beruft sich an dieser Stelle nicht auf die Einsichten John Bowlbys und der Bindungstheorie.

Rene Spitz und Margaret Mahler (1940er-Jahre) Im Jahr 1945 beschrieb der österreichisch-amerikanische Psychoanalytiker und Säuglingsforscher René A. Spitz die Mutter-Kind-Beziehung als „Symbiose“. Das symbiotische Verhältnis in der frühen Kindheit löse die vorgeburtliche, „parasitäre“ Beziehung während der Schwangerschaft ab.René A. Spitz, W. Godfrey Cobliner: Vom Säugling zum Kleinkind. Naturgeschichte der Mutter-Kind-Beziehungen im ersten Lebensjahr. Auflage: unveränd. N.-A., Klett-Cotta / J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger; Stuttgart 2005, ISBN 360891823X (englische Erstausgabe: The First Year of Life, 1965). Originalstudie veröffentlicht unter Hospitalism: An Inquiry into the Genesis of Psychiatric Conditions in Early Childhood, in The Psychoanalytic Study of the Child, Bd. 1 (1945), und Hospitalism: A Follow-Up Report, in The Psychoanalytic Study of the Child, Bd. 2 (1946)

Die Psychoanalytikerin und Entwicklungspsychologin Margaret Mahler führte den Begriff der „symbiotischen Psychose“ 1952 ein, um ein pathologisches Verhaltensmuster bei Vorschulkindern (2,5- bis 5-Jährige) zu beschreiben. Diese reagieren mit Panik auf die Wahrnehmung des Abgetrenntseins von der Mutter und suchten wahnhaft die Mutter-Kind-Einheit wiederherzustellen.

Mahler etablierte anschließend ein breitrezipiertes Entwicklungsmodell der frühen Kindheit, das eine „symbiotische Phase“ als Bestandteil der normalen Entwicklung annahm (Die psychische Geburt des Menschen. Symbiose und Individuation, 1975). Sie definierte den Beginn der symbiotischen Phase etwa im zweiten Lebensmonat, innerhalb der oralen Phase. In dieser Zeit ist das Kind körperlich und seelisch von der Mutter abhängig. Es kann noch nicht zwischen Innen und Außen unterscheiden, zwischen sich und Gegenständen, zwischen sich und der Mutter. Es erlebt die Mutter noch als Teil seiner Person, sich als untrennbare, symbiotische Einheit mit ihr. Die Mutter muss sich in die Bedürfnisse des Kindes einfühlen, um für deren Befriedigung sorgen zu können, da sie dem Kind selbst noch nicht bewusst sind. Steht die Mutter dem Kind in der symbiotischen Phase angemessen zur Verfügung, kann es das grundlegende Sicherheitsgefühl und Urvertrauen entwickeln. Diese Beziehung zwischen Mutter und Kind bildet die Grundlage für spätere Beziehungen. Die symbiotische Phase löst sich bei gelungener Entwicklung im 5. bis 6. Monat. Das Kind tritt in die anschließende Phase der Loslösung und Individuation/Selbstwerdung ein, um zu einem eigenen, von der Mutter abgetrennten Individuum zu werden.

Mahler orientierte sich dabei an der Libidotheorie Freuds und der damit verknüpften Vorstellung eines primären Narzissmus. Die symbiotische Phase löse den absoluten Ausgangspunkt eines „objektlosen“, „autistischen“ und „monadischen“ Narzissmus ab, indem nunmehr die frühe Mutter-Kind-Dyade libidinös besetzt werde.Vgl. hierzu und dem Folgenden: Mahler, Pine, Bergman (1999), 3. Kap.: Die Vorläufer des Loslösungs- und Individuationsprozesses, S. 59 ff. Die Symbiose sei der Uranfang erster Objektbesetzung („präobjektales Stadium“ nach Rene Spitz), die ein um die Person der pflegenden Mutter erweitertes „inneres Milieu“ darstelle. Dieses frühe soziale Selbst funktioniere nach außen als Reizschutz nach Vorbild des „purifizierten Lust-Ich“ Freuds, das durch Projektion des Unlustvollen und Introjektion des Guten gekennzeichnet ist: „Das wesentliche Merkmal der Symbiose ist die halluzinatorisch-illusorisch-somatopsychisch-omnipotente Fusion mit der Mutter und insbesondere die illusorische Vorstellung einer gemeinsamen Grenze der beiden in Wirklichkeit getrennten Individuen.“Mahler, Pine, Bergman (1999), S. 63 f. Die Symbiose, betont Mahler, sei eine kontrafaktische, narzisstische Phantasie der Zweieinheit und Verschmolzenheit („Fusion“) mit der Mutter, deren phylogenetische Verankerung sie zugleich zum Kernbestand des Menschlichen und „Urgrund“ aller „späteren menschlichen Beziehungen“ mache. Es handele sich um eine Wiederanknüpfung und nachgeburtliche Fortsetzung des intrauterinen Zustands, deren Charakter in erster Linie von der angeborenen Anpassungsbereitschaft des Säuglings und der interaktiven Kompetenz der Mutter abhänge. Diese frühen Erfahrungen bilden, so Mahler, die individuelle Grundlage für die nachfolgende, durch körperliche Reifungsprozesse bedingte „psychische Geburt“, den „Ausschlüpfungsprozess“ im Loslösungs- und Individuationsprozess. Der theoretische Status der Behauptung einer solchen Phantasie bzw. „Zustands“ sei allerdings prekär, sofern das vorsprachliche Erleben des Säuglings nur rekonstruiert werden könne.Mahler, Pine, Bergman (1999), S. 26 ff.

Systemische Familientherapie (1970er- und 1980er-Jahre) In der frühen systemischen Familientherapie wurden Dynamiken, die psychoanalytisch oft als "symbiotisch" beschrieben wurden, vor allem mit den Konzepten Enmeshment (Verstrickung) und diffusen Grenzen gefasst. Salvador Minuchin prägte 1974 den Begriff Enmeshment, um "überengagierte" Familienbeziehungen zu beschreiben, in denen Grenzen zwischen Subsystemen verschwämmen und individuelle Differenzierung erschwert würde. In vielen Sekundärtexten wird Enmeshment synonym oder inhaltlich nah zu „Symbiose“ gesetzt, auch wenn Minuchin diese Terminologie selbst nicht nutzte. Auch tauchte bei Salvador Minuchin die Idee auf, dass Mütter manchmal Kinder an sich bänden, statt eine Triangulierung (Mutter–Vater–Kind) zuzulassen.

Murray Bowen sprach davon, dass fehlende Differenzierung zu „coalitions“ führe – also Allianzen, in denen ein Elternteil das Kind gegen den anderen einspanne. In einer ähnlichen Auffassung beschrieb Helm Stierlin „Delegationen“: Eltern, die Kindern unbewusst Aufgaben übertragen (z. B. Loyalität gegenüber der Mutter, Abgrenzung vom Vater). Seine These war, dass sich verschiedenste, aus der Psychiatrie bekannte Störungen als Folge oder Ausdruck "entgleister" Delegationsprozesse verstehen ließen, etwa Überforderungen durch elterliche Aufträge, Überforderung durch Auftrags- und Überforderung durch Loyalitätskonflikte. Hinter dem Begriff der Delegation steckt eine der Symbiose ähnelnde Vorstellung, dass das delegierte Kind zwar fortgeschickt werden, aber dem Sender (meist einem Elternteil) verpflichtet bleibe. Es könne in Eltern-Konflikten dazu kommen, dass ein Kind unbewusst beauftragt werde, den anderen Elternteil herabzusetzen oder zu vernichten.

Historischer Kontext