mini|hochkant|Das Wappen der Stadt St. Gallen: Der Bär mit dem goldenen Halsband mini|St. Gallen, Altstadt, Ballonaufnahme von Eduard Spelterini (1852–1931) Die Geschichte der Stadt St. Gallen beginnt mit der Legende des heiligen Gallus im Jahr 612 nach Christus. Otmar gründete dann an dieser Stelle im Jahr 719 das später berühmte Kloster, was dem jungen Ort eine erste Blüte brachte, die bis etwa zum Jahr 1000 dauerte.

Mit der Reformation im 16. Jahrhundert begann der langjährige Zwist zwischen der Stadt, die den neuen Glauben angenommen hatte, und dem Fürstabt, der innerhalb derselben Mauern wohnte und dem das ganze Umland gehörte. Beigelegt wurde dieser Streit erst mit dem Zusammenbruch der alten Ordnung und der Gründung des neuen Kantons St. Gallen (zuerst kurz Kanton Säntis), dessen neuer Hauptort die Stadt wurde. Noch im 19. Jahrhundert waren die konfessionellen Gräben tief und eine Verschmelzung der Stadt St. Gallen mit ihren Vorortgemeinden wurde erst 1918 im Schatten des Ersten Weltkriegs und einer grossen Krise der Ostschweizer Textilindustrie möglich. Diese hatte seit dem 16. Jahrhundert die Wirtschaft der Stadt und ihrer Umgebung dominiert. Heute bildet St. Gallen das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Ostschweiz.

Ursprünge und erste Blüte Gallus an der Steinach mini|hochkant|Gedenktafel zu Ehren von Gallus an der Steinach mini|hochkant|Der heilige Gallus auf einer Wandmalerei Die Anfänge der Siedlung St. Gallen gehen auf den Mönch St. Gallus (* um 550; † 620 oder 640) zurück, der als Schüler des irischen Missionars Columban von Luxeuil in das Gebiet der heutigen Schweiz gekommen war, um die Alamannen zum Christentum zu bekehren. Gemäss der populären Geschichtsschreibung errichtete Gallus am Fluss Steinach im Jahr 612 eine Einsiedlerklause. Zu jener Zeit erstreckte sich der sogenannte Arboner Forst vom Appenzellerland bis zum Bodensee. Der Legende nach soll Gallus auf dem Weg in Richtung Alpstein am Ausgang der Mülenenschlucht in einen Dornbusch gefallen sein. Er deutete dieses als Zeichen Gottes, an diesem Ort zu bleiben. Eine weitere Legende berichtet, Gallus sei in jener Nacht von einem Bären überrascht worden. Auf Geheiss des Mönchs warf dieser einige Scheite Holz ins Feuer. Gallus gab dem Bären ein Brot und befahl ihm danach, nie mehr wiederzukehren. Der Bär wurde fortan nicht mehr gesehen. Auf diese Legende geht es zurück, dass der Bär das Wappentier der Stadt St. Gallen geworden ist.

Das Wort «Eremit» schliesst andere Menschen in seiner Umgebung nicht aus, denn bereits 615 muss eine Mönchsschar bei ihm gelebt haben, mit denen er die Totenmesse für Columban feiern konnte. Walahfrid Strabo nennt in seiner Vita bereits 12 Gefolgsleute, was aber auch eine Wunschvorstellung sein kann, wegen der Bedeutung der Zahl zwölf im Christentum. Neben den Männern werden spätestens beim Tod des Gallus bei Walahfrid auch Frauen und Kinder sowie Diener erwähnt. Schär hält es auch für unwahrscheinlich, dass die Mönche – so man sie denn schon so nennen darf – all die Arbeiten, insbesondere das Bestellen der Äcker und das Umsorgen der vielen Hilfesuchenden neben ihrer strengen Gebetszeiten selbst verrichtet haben können.Schär, Seite 185

Zu dieser Zeit waren das heutige Fürstenland und Appenzell noch weitestgehend unbesiedelt und von einem ausgedehnten Wald bedeckt. Die Grösse der Siedlung war lange unbekannt, die 1964–66 von Hans Rudolf Sennhauser durchgeführten archäologischen Grabungen sind bis heute nicht ausgewertet (eine Veröffentlichung ist für 2024 versprochen). Ausgrabungen aus den Jahren 2008–2011 in verschiedenen Gassen der heutigen Altstadt fanden aber mittels der C14-Methode Hinweise auf die Rodung und Nutzung des Gebiets bis zum Irabach (heutiger Marktplatz) bereits zu Gallus’ Lebzeiten. Wann genau die Siedlung welche Ausdehnung erreichte, ist jedoch nicht mehr mit Sicherheit zu bestimmen. Der Boden war wahrscheinlich noch öffentliches Land und gehörte dem König, später gewann Gallus durch Schenkung des Grafen Talto und des Priesters Willibert ein weiteres Stück gerodetes Land hinzu.

Gallus und seine Jünger zogen in der Gegend umher und gewannen viele Menschen für den christlichen Glauben. Er stand der Bevölkerung mit weisem Rat bei und heilte angeblich viele Kranke, darunter auch die Tochter des Herzogs von Schwaben. Dadurch drang die Kunde von den frommen Einsiedlern der Steinach weit ins Land hinaus. Gallus starb am 16. Oktober 640(?) in Arbon. Er wurde in seiner Klause an der Steinach beigesetzt.

Gründung des Klosters Nach Gallus’ Tod wurde vielfach angenommen, dass seine Zelle zerfiel. Die heute bekannten Ausgrabungen geben das aber nicht her.Schär, ganzer Artikel, insbesondere Seite 203 Wallfahrer vom Bodensee besuchten regelmässig sein Grab. Im Jahr 719 gründete der alemannische Priester Otmar (689–759) zu Ehren von Gallus am Wallfahrtsort eine Abtei und gab ihr den Namen «Sankt Gallen» (→ Fürstabtei St. Gallen). Zunächst erlegte er seiner Bruderschaft vermutlich eine persönlich gestaltete Mischregel auf. Im Jahr 747 führte Otmar auf Drängen des fränkischen Königs am Kloster die Regeln des Benedikt von Nursia ein. Der Frankenkönig Chilperich II. verlieh Otmar die Abtwürde. Bis zum Untergang der Abtei im Jahr 1805 war St. Gallen ein Benediktinerkloster. Es wurde im Frühmittelalter zu einer Zufluchtstätte für irische Gelehrte und Künstler, die ihre Heimat wegen der Einfälle der Wikinger und der Dänen verlassen hatten. St. Gallen liegt ausserdem am Jakobsweg von Rorschach nach Einsiedeln.

Die St. Galler Mönche erhielten gegen den Willen des Bischofs von Konstanz vom Papst das Recht, ihren Abt selbst zu wählen. Der Bischof liess deshalb Otmar gefangen nehmen. Er wurde aufgrund der Aussage eines falschen Zeugen zum Tode durch Verhungern in der Königspfalz in Bodman verurteilt. Später wurde das Urteil in lebenslange Haft auf der Insel Werd umgewandelt. Ein halbes Jahr später starb Otmar (16. November 759). Er wurde auf der Werd begraben. Die Insignien Otmars sind der Bischofsstab und das Weinfässchen: Zehn Jahre nach Otmars Tod entschlossen sich elf Mönche von St. Gallen, den Leichnam ihres verehrten Abtes heimlich nach St. Gallen zu bringen. Sie fanden die sterblichen Überreste der Legende nach unversehrt. Während der Überfahrt über den Bodensee soll ein heftiger Sturm ausgebrochen sein. Die Männer waren durch die anstrengende Ruderei sehr hungrig und durstig geworden. Ausser einem kleinen Fass Wein war jedoch nichts mehr zu essen oder zu trinken übrig. Als sie begannen, dieses auszuschenken, sei es nie leer geworden. Auch habe der Sturm dem Ruderboot nichts anhaben können, und die Fackeln, die sie angezündet hatten, hätten unbehelligt weiter gebrannt. So hätten die Mönche betend und Gott lobend den Hafen von Steinach erreicht. Otmar wurde darauf in St. Gallen zu seiner letzten Ruhe gebettet. Über den Grabstätten von Gallus und Otmar befindet sich heute die Stiftskirche St. Gallen, die Galluskrypta unter dem Chor und die Otmarskrypta unter der Empore. Zusammen sind sie die Schutzpatrone von Stadt und Bistum St. Gallen.

Noch war die Abtei aber vom Bistum Konstanz, dem sie unterstellt war, abhängig. So wurde durch Karl den Grossen bestätigt, dass das Kloster dem Bistum zu Tribut verpflichtet war. Einige der Nachfolger Otmars auf dem Abtstuhl waren auch gleichzeitig Bischöfe von Konstanz, unter ihnen Johannes, Wolfleoz und Salomo.

Die Kaiser auf dem Thron des Heiligen Römischen Reiches waren dem Kloster in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts äusserst wohlgesinnt. So gewährte Ludwig der Fromme dem Kloster 818 die Immunität von der gräflichen Gerichtsbarkeit, Ludwig der Deutsche bestätigte dem Kloster die freie Abtwahl und seit 854 ist das Kloster dem Bistum nicht mehr zu Tribut verpflichtet. Noch heute zählt das Bistum St. Gallen zu den ganz wenigen Bistümern weltweit, die ihren Bischof selbst wählen dürfen.

Erste Blüte mini|hochkant|Der Klosterplan von Gozbert Im Jahr 820 entstand im Kloster Reichenau der noch heute in der Stiftsbibliothek aufbewahrte St. Galler Klosterplan. Abt Gozbert (816–836) liess ihn erstellen, weil er eine deutliche Vergrösserung des Klosters plante. Der Plan zeigt eindrücklich in vielen Details, was alles zu einem frühmittelalterlichen Kloster gehörte. Historiker sind sich heute einig, dass das Kloster nie genau nach diesem Plan gebaut wurde; aber er zeigt die Idealvorstellung eines Klosters im Frühmittelalter. Statt des einen Kirchenbaus, wie ihn Gozbert geplant hatte, entstanden zwei, einer über dem Grab des Gallus (geweiht 837), der andere über dem des Otmar (geweiht 867). Im Scriptorium des Klosters fertigten die Mönche viele Schriften und Urkunden an. Es galt als erstrebenswert, möglichst viele solcher Dokumente zu besitzen. Im Stiftsarchiv St. Gallen sind allein aus dem 9. Jahrhundert noch fast 600 Urkunden bis heute erhalten.

In St. Gallen entstand mit dem Kloster ein Handels- und Wirtschaftszentrum des frühen Mittelalters. Zum Kloster gehörten natürlich die prunkvoll eingerichtete Kirche, die Arbeits- und Schlafräume der Mönche und die Schreibstube. Um sie herum entstanden Gasthäuser für Pilger und Reisende, ein Krankenhaus und eine der ältesten Klosterschulen nördlich der Alpen (→ Katholische Kantonssekundarschule St. Gallen). Diese war, wie zu jener Zeit üblich, in einen «inneren» und einen «äusseren» Teil getrennt. Im Inneren wurden die zukünftigen Mönche ausgebildet, der äussere stand auch dem Volk offen, allerdings nur den Söhnen von wohlhabenden Familien. Papst Gregor IV. war bei einem Besuch im Kloster so beeindruckt, dass er den Kindern einen Festtag nur für sie bewilligte. Daraus ist später das St. Galler Kinderfest geworden. Um diese Einrichtungen herum entstanden Handwerksbetriebe: Müller, Bäcker, Schmiede, Schreiner, Stallungen. St. Gallen war zur Ortschaft geworden. Das Kloster konnte seinen Reichtum, besonders auch an Ländereien, durch Schenkungen und Legate beständig ausbauen.

Ungarneinfall mini|Martyrium der Wiborada Im Frühjahr des Jahres 926 berichteten Reisende, die Ungarn würden auf ihren Feldzügen bereits bis zum Bodensee vorstossen. Die zum Teil zerstrittenen Reiche in Mitteldeutschland hatten den plündernden und brandschatzenden Banden nichts entgegenzusetzen, zumal sie sich nicht auf eine gemeinsame Strategie einigen konnten. Abt Engilbert beschloss, die Schüler sowie Alte und Kranke in der dem Kloster gehörenden Wasserburg bei Lindau in Sicherheit zu bringen. Viele der Schriften wurden im befreundeten Kloster Reichenau versteckt. Die Mönche brachten sich und die wertvollen Kultgegenstände in einer Fluchtburg, der Waldburg im Sitterwald, in Sicherheit. Die Einsiedlerin Wiborada blieb auf ihren ausdrücklichen Wunsch als einzige in der zugemauerten Kirche St. Mangen in der verlassenen Stadt zurück.James Blake Wiener: Als die Magyaren St. Gallen überfielen Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 1. November 2022

Als die Ungarn die Stadt überfielen, fanden sie nichts von Wert. Sie beschädigten Gebäude und Altäre und brannten die Holzhäuser des Dorfes nieder. Die Angreifer fanden auch Wiborada, allerdings keinen Eingang zu ihrer zugemauerten Klause. Feuer konnte ihr und der Kirche nichts anhaben, also deckten die Ungarn das Dach ab und töteten sie. Einen Angriff auf die Fluchtburg der Mönche wagten die Ungarn aufgrund ihrer schwer zugänglichen Lage nicht. Sie wurden von den Mönchen beim Rückzug sogar angegriffen. Nach dem Abzug der Ungarn kehrten die Mönche mit den Einwohnern zurück und bauten die beschädigten und niedergebrannten Häuser wieder auf.

Klosterbrand