Planspiel bezeichnet eine Methode zur Simulation komplexer realer soziotechnischer Systeme. Neben dem Begriff Planspiel existieren zahlreiche weitere Begriffe, die sowohl in der deutschen als auch in der englischen Sprache teilweise Synonym verwendet werden. z. B. Managementplanspiel, Lernspiel, Simulationsspiel, Simulationsübung (action plan game, management game, educational game, simulation game, planning game, simulation exercise). Dementsprechend gibt es ebenso zahlreiche Definitionen, die aufgrund ihres unterschiedlichen Hintergrunds teils synonyme, teils widersprüchliche Perspektiven und Standpunkte haben. Dennoch scheint Einvernehmen darüber zu herrschen, dass Planspiele in erster Linie pädagogische Ziele verfolgen. Von daher werden Planspiele häufig zu Lehr- und Lernzwecken eingesetzt. Beispiele sind das Unternehmensplanspiel in der Managementausbildung oder das Führungsplanspiel zum Training von Führungskompetenzen. Vergleichbar mit Simulationen sollen auch Planspiele möglichst realitätsnah wirken. Ein wichtiger Unterschied besteht jedoch darin, dass die dargestellte Umgebung vorwiegend auf Annahmen basiert. Diese sind hypothetisch und die künstliche Welt bietet überwiegend Konflikt- und Problemsituationen, welche die Teilnehmenden brauchen, um sich je nach konkreter Zielsetzung zu bewähren. Der Planspielursprung liegt in der Simulation militärischer Auseinandersetzungen (militärisches Planspiel).
Geschichte Es ist nicht sicher, welches Spiel den ersten Impuls auslöste. Verschiedene Quellen erwähnen das indische Kriegsspiel Chaturango, das griechische Petteia oder das römische Ludus LatruculorumMarcus Terentius Varro Lucullus in Corpus Inscriptionum Latinarum, zehntes Buch als Vorläufer des persischen Schach, andere erwähnen das chinesische Brettspiel Wei-Hai (oder auch Wei-Chi genannt, heute als GO bekannt) als historischen Anfang. Allgemeiner Konsens besteht jedoch hinsichtlich des militärischen Ursprungs von Planspielen. Auf Spielbrettern wurden Handlungen zweier Konfliktparteien inszeniert, um unterschiedliche Dispositionen für Entscheidungen nachzuahmen. Da der Kerngedanke von Planspielen einer rundenbasierten Entscheidungsfindung und Reflexion unterliegt, kann ein Schachspiel durchaus damit in Zusammenhang gebracht werden. Bei diesem kommt es laut Meyers Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1897 nicht auf Zufall und Glück, sondern auf Umsicht und Scharfsinn, die schließlich zum Sieg führen. Dabei kämpfen zwei gleich starke Heere, repräsentiert (simuliert) durch weiße und schwarze Figuren (Soldaten, Offiziere und König).
Der Spielablauf der ersten dokumentierten militärischen Planspiele wurde nur durch das zugrunde liegende Modell bestimmt, was dazu führte, dass sie als starre Kriegsplanspiele bezeichnet werden. Im Jahr 1644 entwickelte Christoph Weikhmann, Patrizier und Großunternehmer in Ulm, eines der ersten starren Kriegsplanspiele namens „Königs-Spiel“, bei denen zwei Gegner mit 30 Teilen und 14 Bewegungsregeln gegeneinander spielten. Weikhmanns ausdrückliches Ziel war es, in kurzer und einfacher Form politische und militärische Axiomata darzustellen, bei denen mehrere Charaktere involviert sind. Der Schwerpunkt lag weniger auf Konflikten und Feindseligkeiten, sondern mehr auf den Chancen für die Spielenden sich in verschiedenen Rollen wie Marschall, Stadtrat oder Kurier auszuprobieren (siehe Rollenspiel). Deshalb stellt Weikhmanns Arbeit das erste politisch orientierte Planspiel dar.
Ein komplexerer Entwurf eines Planspiels zur Ausbildung junger preußischer Offiziere wurde 1798 von Georg Vintarius entwickelt. In seinem Lehrbuch der Kriegswissenschaft hat er in einem Planspiel das Spielbrett mit einer in 3.600 Felder unterteilten topografischen Karte ersetzt, welches strategisches und taktisches Verhalten für junge Offiziere anhand von Simulationsübungen schulen sollte. Die enorme Komplexität und das 60 Seiten umfassende Regelwerk führten jedoch zum Scheitern der Lehrintentionen. Dies ist eines der ersten dokumentierten Werke, in dem der Zusammenhang zwischen Komplexität und Lehr-/Lernerfolg im Planspiel seine Bedeutung deutlich machte.
Aufgrund fehlender topografischer Darstellungsmöglichkeiten in zuvor entwickelten Planspielen nutzte Kriegs- und Domänenrat Leopold Georg Freiherr von Reiswitz (Reiswitz sen.) 1811 einen Sandkasten zur Darstellung des gewünschten Geländes. Ein Jahr später, 1812, entwickelte Reiswitz sen. den ersten analogen Planspielemulator: eine Kommode, die das geformte Gelände in festem Zustand enthielt.
Leutnant Georg Heinrich Rudolf von Reiswitz (Reiswitz jun.) entwickelte das Planspiel seines Vaters weiter und definierte unter anderem maßstabsgetreue Truppenbewegungen je nach Truppengattung. Basierend auf ballistischen Experimenten berechnete und definierte er auch die Auswirkungen der Waffen, die Teil des Planpiels sind. Hier erweiterte er auch den Einsatz von Würfeln, um Abweichungen von den berechneten Referenzwerten zu berücksichtigen. Insgesamt lässt sich festhalten, dass das Modell des Planspiels von Reiswitz jun. gleichermaßen auf Empirie und Zufall basiert und damit als das erste stochastisch orientierte Planspiel zu bezeichnen ist.
Weitere Fortschritte erzielte der preußische Generalmajor Julius von Verdy du Vernois im Jahr 1876. Er übernahm für das Planspiel das Sandkastenmodell von Reisswitz sen., ernannte jedoch einen unparteiischen Schiedsrichter für die Bewertung der Spielrunden, einen sogenannten Leitenden bzw. Vertrauten. Dadurch erlangte das Planspiel eine höhere Flexibilität und Lebendigkeit, was zu einer höheren Motivation der Lernenden führte. Verdy du Vernois entwickelte eines der ersten freien Kriegsplanspiele, welches der Spielleitung ermöglichte, Einfluss auf den Spielablauf zu nehmen. Darüber hinaus berücksichtigte das Planspiel sowohl die unabhängige Bewertung des Spielerfolgs als auch die Motivation der Teilnehmenden. Die theoretischen Überlegungen von Julius von Verdy du Vernois und seinem Planspiel beeinflussen diese Lehr-Lernmethode bis heute. In diesem Zusammenhang lässt sich kaum eine Veröffentlichung finden, in der er nicht zitiert wird.
Weitere entscheidende Durchbrüche in der Entwicklung des Planspiels gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier sind Deutschland und die USA zu nennen, die versuchten, sich militärische Vorteile zu verschaffen in zukünftigen bzw. drohenden bewaffneten Konflikten mit Hilfe der Erprobung alternativer Strategien und der strategischen und taktischen Ausbildung ihrer militärischen Entscheidungsträger. Darüber hinaus wurden mögliche Szenarien simuliert, um künftige Entwicklungen auf politischer Ebene zu antizipieren.
Im Jahr 1929 prognostizierte Erich von Manstein (zu dem Zeitpunkt Stabsoffizier, zuletzt Generalfeldmarschall), dass zunehmende politische Konflikte zu einem polnischen Angriff auf Ostpreußen oder Oberschlesien führen würden. Von Manstein schlug vor, die rein militärische Ausrichtung des Planspiels um politische Aspekte zu erweitern, damit politische und militärische Führer voneinander lernen könnten. Daher übernahmen hochrangige Mitglieder des Auswärtigen Amtes die Rollen des Präsidenten des Völkerbundes sowie der polnischen und deutschen Außenminister. Dieser Ansatz ist bemerkenswert, da er den bisher rein militärischen Planspielen eine politische Perspektive hinzufügte und damit Weikhmanns fast 300 Jahre altes Konzept fortführte.
Waren es vor dem Zweiten Weltkrieg meist einzelne mögliche Szenarien, die mit Hilfe von Planspielen geplant wurden, so wurden vor allem in Deutschland ganze Feldzüge mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg akribisch geplant und simuliert. 1939 begann die deutsche Wehrmacht mit Hilfe von Kriegsspielen mit der operativen Planung der Operation „Barbarossa“, die später im Krieg gegen die Sowjetunion 1941 umgesetzt wurde. Die deutsche Wehrmacht bereitete theoretisch eine Invasion Englands mit Planspielen vor. Die daraus resultierende Operation „Seelöwe“ wurde jedoch aus verschiedenen Gründen nie realisiert.
Nicht nur in Deutschland wurden Planspiele zur routinemäßigen Vorbereitung größerer Militäreinsätze eingesetzt. Ein weiteres Beispiel ist der japanische Angriff auf Pearl Harbor Ende 1941. Hier war das 1940 gegründete „Total War Research Institute“ mit hochrangigen Spezialisten besetzt, die zur Erforschung von Vorteilen die Rolle militärischer und politischer Beteiligter übernahmen und auch mögliche Nachteile bestimmter Taktiken für diese Operation im Voraus untersuchten. Nach 1940 wurden auch in den USA zahlreiche Planspiele für die verschiedenen Teilstreitkräfte entwickelt.einen detaillierten Überblick über die Entwicklung siehe Anhang ab S. 155 in
Die Beliebtheit von Planspielen zum gefahrlosen Austesten von Strategien und Taktiken setzte sich bis ins 20. Jahrhundert fort, insbesondere beim deutschen und japanischen Militär. So hat beispielsweise das japanische Kriegsforschungsinstitut den möglichen Kriegsverlauf für die Jahre 1941 bis 1943 durchgespielt und dabei zahlreiche wirtschaftliche, finanzielle, psychologische und ausbildungstechnische Einflüsse mit berücksichtigt.
Aufgrund ihrer Erfolge im militärischen Kontext fanden die Planspiele auch Einzug in wirtschaftlich orientierte Bereiche. Die Managementsimulation „The Money Game“ (Ein Kartenspiel für vier oder mehr Spieler, frühestes Urheberrecht für den Prototyp 1912, patentiert 1928) von Ralph Norman Angell in Großbritannien entwickelt, und das „Organisation of Production Game“, 1932 von M. Bierstein entwickelt, können aufgeführt werden als die ersten wirtschaftlich orientierten Planspiele. Die Spieltheorie erzielte weitere Fortschritte. John von Neumann & Oskar Morgenstern legten dafür den entscheidenden Grundstein.
Einen weiteren Meilenstein setzte 1955 die RAND Corporation, die ein Planspiel entwickelte, das sowohl wirtschaftliche als auch logistische Aspekte berücksichtigte. Dieses im Auftrag der US Air Force entwickelte Planspiel beinhaltete nicht nur militärische Aspekte, sondern auch die Wirtschaftlichkeit von Lagereinrichtungen und Versorgungsleistungen. Im Jahr 1956 rekrutierte die American Management Association (AMA) Mitarbeitende der RAND Corporation und involvierte das Naval War College, das sich seit 1887 mit „War Gaming“ beschäftigt, sowie IBM-Experten zur Entwicklung des Planspiels „Top Management Decision Simulation“ für die Ausbildung von Führungskräften. Es handelte sich um das erste Planspiel mit ausschließlich ökonomischer Ausrichtung, das alle operativen Bereiche einbezog. Das erfolgreiche Unternehmensplanspiel „Business Management Game“ wurde im selben Jahr von Gerhard Andlinger und Jay Greene für die Beratungsgesellschaft McKinsey entwickelt. Es kann als Pionierarbeit auf seinem Gebiet angesehen werden, da es im Gegensatz zum Planspiel der AMA auf einem Brett gespielt wurde.
Die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung und der Einsatz von Computern ergaben immer umfangreichere Anwendungsgebiete für das Planspiel. Nun war es möglich, die Daten schneller als bisher einzugeben und zu verarbeiten, was die Prozesse deutlich beschleunigte und die Menge an Fehlentscheidungen oder Berechnungsfehlern reduzierte.
Infolgedessen wurden in den fünfziger und sechziger Jahren zahlreiche Planspiele entwickelt, um das Management in Unternehmen zu trainieren. Neben dem japanischen Top-Management-Simulationsmodell 625-B wurden insbesondere in den USA mehrere Planspiele entwickelt, z. B.:
das Managementspiel der Lockheed Missiles and Space Division, 1953 das Carnegie Tech Management Game, 1957 das UCLA Executive Decision Game, 1957 eine Simulation operativer Produktionsaufgaben durch das General Electric Simulation Laboratory, 1958
Gemäß Hausrath (1972) erfolgte in den USA der Durchbruch für Planspiele mit Beginn der 60er Jahre:
Remington Rand Univac-Studie: Führungskräfte von 95 Unternehmen bestätigen den Einsatz von Planspielen. Mehr als 2.000 Management-Auszubildende von Boeing Airplane haben an Planspielen teilgenommen.