Whity ist ein deutscher Spielfilm von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1971. In diesem Melodram in der Form eines Westerns verarbeitet Fassbinder einige seiner bevorzugten Themen wie dysfunktionale Familienverhältnisse und die Rolle des Einzelgängers in der Gesellschaft. Whity fand nach seiner Uraufführung bei der Berlinale 1971 weder einen Kinoverleih noch wurde er im Fernsehen ausgestrahlt. Der Film blieb daher für lange Zeit eines der weniger bekannten Werke Fassbinders.

Handlung Der Film spielt im Jahr 1878 in einem südwestlichen Bundesstaat der USA. Die Nicholsons sind eine Gutsbesitzerfamilie, ihr Oberhaupt ist der despotische Ben Nicholson. Im Haushalt leben seine zweite Ehefrau Katherine, die promisk und intrigant veranlagt ist, und seine Söhne aus erster Ehe, der homosexuelle Frank und der schwachsinnige Davy. Katherine will Davy „einschläfern“ lassen. Whity, der untertänige Diener der Familie, stammt aus der Beziehung Bens mit der schwarzen Köchin. Whity leidet unter den zerrütteten Verhältnissen seiner Herrschaften. Er wird gedemütigt und geschlagen. Whitys einzige Stütze ist die Barsängerin und Prostituierte Hanna, die ihn liebt und mit ihm in den Osten fliehen will. Whity lehnt ab, da er die Nicholsons nicht verlassen will und kann, weil er sie liebt.

Katherine hat ein Verhältnis mit Garcia, einem Mexikaner, der sich als Arzt ausgibt und bei Ben zum Schein eine unheilbare Krankheit diagnostiziert. Ben steckt jedoch selbst hinter dieser Verschwörung. Als er Garcia das vereinbarte Geld zahlen soll, erschießt Ben ihn. Hanna wird Zeuge dieser Szene, deckt jedoch überraschenderweise Ben gegenüber dem Sheriff, dem dieser erzählt, Garcia habe Katherine vergewaltigt. Ben bezahlt Hanna für ihre Lüge.

Whity wird zum Mittel der Intrigen im Hause Nicholson: Frank fordert ihn auf, seinen Vater zu töten und wagt eine sexuelle Annäherung an Whity. Katherine will Whity verführen, um ihn dazu zu verleiten, Frank – den Erben des angeblich todkranken Ben – zu ermorden. Frank ertappt die beiden und will Katherine verhöhnen, doch sie ohrfeigt ihn ausgiebig. Die beiden schwanken zwischen sexueller Anziehung und gegenseitiger Demütigung. Ben verliest gegenüber seiner Familie sein Testament; er will einerseits Katherine ausbooten, die noch immer glaubt, er sei todkrank, andererseits verfügt er, dass Davy und Whity nach seinem Tod Schutz und Auskommen genießen sollen.

Hanna fordert Whity auf, die Familie zu töten, um sich endlich zu befreien. Frank versucht nach einer weiteren Demütigung, Katherine mit einem Dolch zu erstechen, doch Ben rettet sie. Whity erscheint mit einem Revolver im Haus der Nicholsons. Ben offenbart ihm, er sei der einzige seiner Söhne, der ihm etwas bedeutet und fordert ihn auf, Frank, Davy und Katherine zu ermorden, um sein Erbe anzutreten. Whity erschießt jedoch zuerst Ben, bevor er auch Katherine und Frank tötet. Zuletzt erschießt er Davy, der ihm sein Einverständnis damit erklärt. Whity flieht mit Hanna in die Wüste, die Wasservorräte gehen zu Ende. Die beiden küssen einander und tanzen.

Entstehungsgeschichte Drehbuch und Vorproduktion Die Entstehung von Whity fiel in eine der produktivsten Schaffensperioden Fassbinders. Zwischen April 1969 und November 1970 entstanden unter seiner Regie elf Filme und einige Theaterproduktionen. Als Fassbinder unter dem Arbeitstitel Whity ging nach Osten die Idee entwickelte, einen Western zu drehen, erklärte sich Ulli Lommel bereit, den Film zu produzieren. Grundstock für das Filmbudget sollten die 300.000 DM sein, die als Dotierung des Bundesfilmpreises 1970 für Katzelmacher an Fassbinders Team geflossen waren.Töteberg 1990: S. 251

Lommel flog mit dem ausführenden Produzenten Peter Berling nach Spanien, um nach geeigneten Drehorten Ausschau zu halten. Die in Aussicht gestellte Möglichkeit, den Film mit einem spanischen Partner als internationale Koproduktion zu realisieren, zerschlug sich. Berling rief Sergio Leone an und bat ihn, dem Filmteam das Drehgelände in der Nähe von Almería, wo Leone seine Italowestern produzierte, kostenlos zur Verfügung zu stellen.Berling: S. 87 Als Leone zusagte, stellte Fassbinder sein Team zusammen und verteilte die Aufgaben unter den Antiteater-Mitgliedern. Kurt Raab sollte Ausstatter des Films sein, Harry Baer neben einer Rolle im Film die Regieassistenz übernehmen. Die Hauptrolle hatte Fassbinder für Günther Kaufmann geschrieben. Seine feste Schauspielertruppe ergänzte der Regisseur durch den Amerikaner Ron Randell. In letzter Minute wurde – erstmals für einen Fassbinder-Film – Michael Ballhaus als lichtsetzender Kameramann engagiert, ein Routinier, der seine Erfahrung beim Fernsehen gesammelt hatte.

Im April 1970 reiste das Filmteam nach Almería und bezog ein Hotel in der Nähe des Drehorts. Wie oft unter Fassbinders Führung war die Stimmung konflikt- und emotionsgeladen. Harry Baer erinnert sich: „Die Vorbereitungen vor Drehbeginn bestehen hauptsächlich aus Massen-Versammlungen an der Bar, aus besoffenem gegenseitigen Anbrüllen und aus grölenden Zimmerschlachten bis spät in die Nacht.“Baer/Pacher: S. 42

Produktion Spaich bezeichnet die Produktion von Whity als eine „traumatische Veranstaltung“.Spaich: S. 138 Die Bedingungen eines fremden Drehorts und die ungewohnte Zusammenarbeit mit ausländischen Kollegen machten Fassbinder zu schaffen. Hinzu kam das komplizierte Beziehungsgeflecht der Antiteater-Truppe, amouröse Verstrickungen im Team und die autoritäre Rolle Fassbinders im zutiefst antiautoritär geprägten Umfeld seiner festen Schauspieler und Mitarbeiter. Aus den daraus entstehenden chaotischen Situationen hielten sich lediglich Hanna Schygulla und der Teamneuling Ballhaus heraus.Baer/Pacher: S. 42ff

Fassbinder begann, exzessiv dem Cuba Libre zuzusprechen, um dem Druck der 16- bis 18-stündigen Drehtage standzuhalten. Die Schauspieler litten unter seinen Launen; so ließ er Harry Baers Haare für die Rolle wasserstoffblond einfärben und verordnete Hanna Schygulla ein möglichst „nuttiges“ Kostüm. Das Ehepaar Lommel/Schaake musste eine Szene, in der sie ihn heftig und andauernd ohrfeigt, so oft wiederholen, bis Lommel in Tränen ausbrach.Berling: S. 92 Am dritten Drehtag kam es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen Fassbinder und Berling: der Regisseur ängstigte sich vor der Inszenierung einer Massenszene und wollte Baer die Regie für diesen Tag überlassen, wogegen Berling intervenierte.Berling: S. 89

Ab diesem Zeitpunkt war das Verhältnis zwischen Berling und Fassbinder von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Sie kommunizierten nur noch über Baer. Baer und Berling gingen in organisatorischen Dingen eine Allianz mit Ballhaus einBerling: S. 88, der ebenfalls anfangs von Fassbinder geschnitten wurde, bis der Regisseur von der schnellen und professionellen Arbeit des Kameramanns nach Sichtung der ersten Muster überzeugt war.Tykwer/Binotto: S. 31

Unterdessen ging der Produktion das Geld aus. Die Kosten waren auf mehr als 600.000 DM angestiegen. Lommel schaffte es zwar, sich telefonisch 40.000 DM bei einem Münchner Gastronomen zu leihenBaer/Pacher: S. 53, doch die Finanzierungslücke war so groß, dass Lommel dazu überging, alle anstehenden Rechnungen nur noch mit Kreditkarte zu begleichen. Als das Filmmaterial ausging und auf Kredit keines zu bekommen war, besorgte Berlings Sekretärin vom Materialassistenten einer benachbart drehenden Westernproduktion, mit dem sie ein Verhältnis hatte, einige Rollen 35-mm-Filmmaterial, damit der Film fertiggestellt werden konnte. Nach 20 Drehtagen reiste das Filmteam in die Bundesrepublik zurück, die Darsteller blieben ohne Gage.Berling: S. 96

Rezeption Veröffentlichung und zeitgenössische Kritik Whity hatte seine Uraufführung am 2. Juli 1971 anlässlich der Berlinale 1971. Fassbinder hatte dem Film ein Insert „Für Peter Berling“ als Widmung vorangestellt, was Berling wieder mit Fassbinder versöhnte.Berling: S.158 Weder das Premierenpublikum noch die Filmkritik zeigte sich besonders beeindruckt von Whity. Lediglich Karsten Peters verfasste unter dem Titel „Fassbinder in Fassbinders Falle“ eine Einzelrezension des Films in der Münchner Abendzeitung und setzte sich darin sehr kritisch mit dem Werk auseinander. Alle anderen Erwähnungen des Films in der tagesaktuellen Presse waren Gemeinschaftsbesprechungen des Festivals, etwa Wilfried Wiegands „Von De Sica bis Fassbinder“ und Peter W. Jansens „Kinozauber und Gesundbeterei“ in der FAZ und Alf Brustellins „Show der Extreme“ in der SZ.Berling: S.159 Tenor der Rezensionen war die Kritik, dem Film fehle der Anspruch, etwas über die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik auszusagen. Ebenso wurde die melodramatische Grundstimmung kritisiert. Brustellin führt aus, der Film wirke auch deshalb „seltsam“, weil dem deutschen Zuschauer die kulturelle Referenz dazu fehle, weil „nahezu alle ‚Urfilme‘ zu diesem Film niemals zu Festival-Ehren gelangten.“zitiert in: Jansen/Schütte: S.107

In der Folge der Uraufführung fand der Film keinen Verleih, da keine Firma die Kosten für das Kopierwerk übernehmen wollte. Auch das Fernsehen, ansonsten beliebte Abspielstätte von Fassbinders für das Kino abgelehnten Filmen, zeigte kein Interesse an Whity. So verschwand der Film nach der Premiere im Archiv. Eine erste Fernsehausstrahlung erfolgte 1989 auf Pro7, 1992 war der Film erstmals für eine Kinoverwertung verfügbar. 2006 gelang es der Fassbinder Foundation, die Rechtelage für eine Vermarktung endgültig zu klären; Whity wurde auf DVD veröffentlicht.

Auszeichnungen Für ihre Darstellung in Whity erhielt Hanna Schygulla 1971 den Bundesfilmpreis als Beste Darstellerin, Kurt Raab wurde für die Beste Ausstattung geehrt., Deutsche-Filmakademie.de

Nachwirkungen Obwohl Fassbinder gleich im Anschluss an die Dreharbeiten von Whity weitere Filme mit der Antiteater-Gruppe drehte (Die Niklashauser Fart im Mai 1970, Der amerikanische Soldat im August 1970), gilt Whity als Zäsur in der Zusammenarbeit mit der Truppe; ein Ende zeichnete sich ab. Die Erfahrungen der Dreharbeiten zu Whity setzte Fassbinder im September 1970 in einen neuen filmischen Kontext. Der Film Warnung vor einer heiligen Nutte handelt von der Produktion des fiktiven Films Patria o muerte und rekapituliert die Konflikte des Whity-Drehs. Jeder Schauspieler schlüpfte dabei in die Rolle einer realen Person der Dreharbeiten zu Whity, wobei lediglich Raab und Schygulla „sich selbst“ spielten.Bae: S.204f. Thema des Films war die Untersuchung einer Gruppendynamik, insbesondere der Mechanismen, die autoritäre Führungsstrukturen entstehen lassen, und die Auswirkungen der Strukturen auf den Einzelnen in der Gruppe.Töteberg 1990: S.253

Einordnung und Bewertung Spaich verweist auf die Qualitäten des Werks als Abwandlung eines Genrefilms und urteilt, Whity stehe „an Originalität […] den populären Werken Corbuccis und Leones in nichts nach.“ Der Film sei „der einzig ernstzunehmende Versuch, mit den Möglichkeiten des Westerns etwas Eigenes zu schaffen“.Spaich: S.146 Whity sei „einer der interessantesten frühen Filme Fassbinders“. Auch Töteberg sieht bei Whity erstmals Fassbinders Willen, „großes“ Kino zu machen, und nennt den Film „eine veritable Hollywood-Geschichte, eine wahre Kino-Oper“Töteberg 1990: S.250