mini|Alliierte Rheinlandbesetzung nach dem Ersten Weltkrieg mini|Verwaltung bzw. Besatzung der westdeutschen Gebiete während des sog. „Einbruchs“ Ende 1923 Die alliierte Rheinlandbesetzung war eine Folge des Ersten Weltkriegs, in dem das Deutsche Reich gegen die alliierten und assoziierten Mächte eine militärische Niederlage erlitten hatte. Im Waffenstillstand von Compiègne vom 11. November 1918 musste die provisorische Reichsregierung einwilligen, alle deutschen Truppen von der Westfront hinter den Rhein zurückzuziehen. Stattdessen besetzten Truppen der Siegermächte Frankreich, Belgien, Großbritannien und USA die linksrheinischen Gebiete sowie drei rechtsrheinische „Brückenköpfe“ mit je 30 Kilometer Radius um Köln, Koblenz und Mainz. Anfang 1919 folgte ein weiterer Brückenkopf mit 10 Kilometer Radius um Kehl. Ferner wurden die linksrheinischen Gebiete sowie alle rechtsrheinischen Gebiete mit 50 km Abstand zum Rhein zu einer entmilitarisierten Zone für jegliche deutsche Streitkräfte. Der Versailler Vertrag von 1919 wiederholte diese Bestimmungen, befristete die Anwesenheit der fremden Truppen aber auf 15 Jahre bis 1935. Die Verwaltung der alliierten Besatzungszonen unterstand ab 1920 der Interalliierten Rheinlandkommission mit Sitz in Koblenz. Die Besetzung sollte Frankreich Sicherheit vor einem erneuten deutschen Angriff verschaffen. Sie war auch ein Druckmittel dafür, dass Deutschland seinen Reparationsverpflichtungen nachkam. Nachdem diese mit dem Young-Plan scheinbar erreicht worden war, wurde die Rheinlandbesetzung zum 30. Juni 1930 vorzeitig beendet.Peter Krüger: Die Außenpolitik der Republik von Weimar. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, S. 494 ff. und 484–496.
Hintergrund Bei den einseitigen Friedensverhandlungen, die im Januar 1919 in Versailles ohne deutsche Vertreter begannen, strebte der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau für sein Land eine Rheingrenze an:Auch zum Folgenden siehe Raymond Poidevin, Jacques Bariéty: Frankreich und Deutschland. Die Geschichte ihrer Beziehungen 1815–1975. C.H. Beck, München 1982, S. 301–397; Henning Köhler: Novemberrevolution und Frankreich. Die französische Deutschlandpolitik 1918–1919. Droste, Düsseldorf 1980, S. 189–269. Alle linksrheinischen Gebiete sollten aus dem Staatsverband des Deutschen Reiches herausgelöst werden und einen oder mehrere souveräne Staaten bilden, die sich an Frankreich als ihren Verbündeten anzuschließen hatten. Nur so könne man Sicherheit vor Deutschland gewinnen, das in nur 100 Jahren viermal in das Territorium seines westlichen Nachbarn einmarschiert sei: in den Befreiungskriegen 1814, während Napoleons Herrschaft der Hundert Tage 1815, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und zu Beginn des Weltkriegs 1914.So zum Beispiel Jacques Bainville: Journal 1927–1935. Paris 1949, S. 185.
Die Idee, ein solches Sicherheitsglacis zu schaffen, stammte von Generalstabschef Ferdinand Foch. Clemenceau konnte diese Idee bei seinen Verbündeten nicht durchsetzen. US-Präsident Woodrow Wilson trat für das von ihm selbst propagierte Selbstbestimmungsrecht der Völker ein, das man auch den Deutschen nicht verwehren dürfe; der britische Premierminister David Lloyd George schätzte die Gefahr, die von einem künftigen Deutschland ausgehen würde, deutlich geringer ein und warnte davor, es allzu sehr zu schwächen: zum einen benötige man ein starkes Deutsches Reich gegen die neue Bedrohung des bolschewistischen Russland, zum anderen sei ein territorial deutlich verkleinertes Deutschland wohl nicht in der Lage, die Reparationen zu bezahlen, die die Siegermächte ihm auferlegen wollten. Als Kompromiss einigten sich die „Großen Drei“ schließlich auf eine befristete Besetzung der linksrheinischen Gebiete einschließlich dreier Brückenköpfe um Köln, Koblenz und Mainz, die fünfzehn Jahre nach Inkrafttreten des Vertrags (10. Januar 1920) enden sollte. Im Gegenzug willigten Amerikaner und Briten ein, einen Garantievertrag abzuschließen: Sollte das Deutsche Reich jemals wieder Frankreich angreifen, so würden die beiden angelsächsischen Mächte auf seiner Seite in den Krieg eintreten. Unter dieser Bedingung willigte Clemenceau ein, die Besetzung zu befristen: Nach fünf Jahren sollte die britische Besatzungszone um Köln geräumt werden und die amerikanische Besatzungszone um Koblenz nach zehn Jahren, nach fünfzehn Jahren schließlich die französische Zone um Mainz. Als Voraussetzung für die Räumungen wurde festgelegt, dass das Deutsche Reich den Friedensvertrag erfülle und seinen Zahlungsverpflichtungen pünktlich nachkomme. Dadurch veränderte sich die Funktion der Besetzung: Von einem Instrument zur Schwächung Deutschlands war sie zu einem Faustpfand für die zu erbringenden deutschen Reparationsverpflichtungen geworden.Teil XIV des Vertrags von Versailles vom 28. Juni 1919, gesehen am 21. Januar 2024.
Zeit der Besetzung Die Besatzungszeit begann faktisch Anfang Dezember 1918 mit dem schrittweisen Vormarsch der Truppen nach Osten. Sie erreichten beispielsweise am 2. Dezember Jülich und am 16. Dezember den Rhein bei Baerl.Tageszeitung Der Grafschafter, 2. und 17. Dezember 1918, auf https://zeitpunkt.nrw/ Beteiligt waren französische, britische, belgische und anfänglich auch US-amerikanische Truppen. Zwischen den Brückenköpfen Koblenz und Mainz lag ein schmaler Streifen unbesetzten Gebietes (der „Freistaat Flaschenhals“), ebenso zwischen Koblenz und Köln. Weil die USA den Versailler Vertrag nicht ratifiziert hatten, wurde ihre Besatzungszone bereits am 24. Januar 1923 von den französischen Besatzungstruppen übernommen.Dieter Lück: Rheinlandbesetzung. In: Nordrhein-Westfalen. Landesgeschichte im Lexikon. 1. Auflage. Patmos, Düsseldorf 1993, S. 341–343. 1922 hatte US-General Henry Tureman Allen Marschall Foch das Zugeständnis zum Erhalt der Festung Ehrenbreitstein abgerungen. Infolge des Versailler Vertrages sollte sie eigentlich mitsamt den übrigen Werken der Festung Koblenz geschleift werden. Wegen ausufernder Schmuggelaktivitäten war schon der angrenzende „Freistaat Flaschenhals“ von Februar 1923 bis November 1924 französisch besetzt worden.
mini|Verwüstungen im Aachener Rathaus nach der Erstürmung durch die Separatisten am 21. Oktober 1923 Da das Deutsche Reich keine Reparationszahlungen in befriedigender Höhe leistete, besetzten französische und belgische Truppen im Zuge der sogenannten Ruhrbesetzung ab dem 11. Januar 1923 zusätzlich noch das Ruhrgebiet, am 12. Februar die Häfen Wesel und Emmerich sowie ab dem 25. Februar rechtsrheinische Gebiete zwischen und um die Brückenköpfe von Köln, Koblenz und Mainz (Einbruchsgebiet). Während dieser Zeit unterstützte die französische Besatzungsmacht separatistische Bestrebungen zur Errichtung einer eigenständigen Rheinischen Republik innerhalb des Deutschen Reichs. Dies stieß nicht nur bei den alliierten Verbündeten auf erheblichen Widerstand. Im Herbst 1923, dem Höhepunkt der Deutschen Inflation, versuchten diese Separatisten die Etablierung einer Rheinischen Republik in Aachen und einer Pfälzischen Republik im Süden des besetzten Gebietes.Die Separatistenbewegung 1923 auf Deutsches Historisches Museum LeMO, abgerufen am 23. August 2010. Die Pfalz gehörte zu dieser Zeit zu Bayern. Die Besetzung des Einbruchsgebietes wurde nach der Londoner Konferenz vom August 1924 schrittweise aufgehoben, in den rechtsrheinischen Räumen bereits zum 17. November 1924 und im Ruhrgebiet zum 16. August 1925.
mini|Der Pass erlaubte es dem Inhaber, in das besetzte Gebiet einzureisen. Der Chemiekonzern Hoechst in Frankfurt-Höchst (Frankfurt-Nied lag schon außerhalb der Besatzungsgrenze) stand von 1918 bis 1930 unter französischer Zwangsverwaltung und musste Teile seiner Produktion als Sachleistungen auf Reparationskonto abführen.Ernst Bäumler: Die Rotfabriker – Familiengeschichte eines Weltkonzerns. Piper, München 1988, S. 250 ff. Die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF) in Ludwigshafen am Rhein war gleichfalls von 1918 bis 1930 französisch verwaltet, doch konnten noch rechtzeitig wichtige Verfahren in die unbesetzte Provinz Sachsen zum Tochterunternehmen Ammoniakwerk Merseburg (Leunawerke) ausgelagert werden.Werner Abelshauser: Die BASF – eine Unternehmensgeschichte. C.H. Beck, München 2002, S. 195 ff. Die Mitarbeiter bemühten sich in dieser Zeit, Betriebsunterlagen dem Zugriff der Franzosen zu entziehen.
Wirtschaftliche Probleme im Zusammenhang mit den französischen Besatzungstruppen im Raum Wiesbaden führten zu einer Übergabe dieser Zone an die britische Rheinarmee am 30. Dezember 1925.
„Schwarze Schmach“
mini|Medaille Die schwarze Schande (1920) von Karl Goetz Einige der Besatzungstruppen stammten aus den Besitzungen und Kolonien Frankreichs in Afrika, wie die Turkos und die Tirailleurs sénégalais. Von deutscher Seite war bereits während des Ersten Weltkrieges der Einsatz schwarzafrikanischer Soldaten in Europa durch Frankreich als Affront und „Verrat an der weißen Rasse“ angeprangert worden. Der zeitgenössische Rassismus nahm „Schwarzafrikaner“ kaum als Menschen wahr. Unter dem Schlagwort der „Schwarzen Schmach“ein anderes Schimpfwort war „Schwarze Schande“. rief deshalb deren Präsenz in den Besatzungstruppen in der deutschen Öffentlichkeit eine besondere Empörung hervor. Es wurden zahlreiche Plakate, Karikaturen, Reden, Kolportage-Romane und Parlamentseingaben produziert, die ausmalten, wie schwarzafrikanische Soldaten, denen ein gesteigerter Sexualtrieb unterstellt wurde, deutsche Frauen vergewaltigten.Auch zum Folgenden siehe Iris Wigger: „Die schwarze Schmach“. Afrikaner in der Propaganda der 1920er Jahre. In: Gerhard Paul: Das Jahrhundert der Bilder, Bd. 1: 1900–1949. Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2009, S. 268–275. Diese Kampagne, die in der Drastik der Darstellung der imaginierten sexuellen Gewalt mitunter pornographische Züge trug, lief vom Beginn der Besatzung 1919 bis zu ihrem Ende 1930, der Höhepunkt lag in den Jahren 1920/21: Die Satirezeitschrift Kladderadatsch veröffentlichte am 30. Mai 1920 zur Wahl des ersten Reichstags auf ihrer Titelseite eine Zeichnung, die einen braunschwarzen Gorilla mit französischer Uniformmütze zeigte, der eine weiße, statuenartige Frau fortschleppt.Kladderadatsch: Uni Heidelberg Archiv. 1920, S. 317. Die Bildunterschrift lautete: „Der schwarze Terror in deutschen Landen“. Ein weiteres Beispiel ist eine Medaillenprägung von Karl Goetz, die unter dem Titel „Die schwarze Schande“ auf der einen Seite den karikierten Kopf eines afrikanischen Soldaten, auf der anderen Seite eine an einen baumgroßen, helmgekrönten Phallus gefesselte nackte Loreley zeigt, deren Harfensaiten zerrissen sind.Billie Milman: Borderlines: genders and identities in war and peace, 1870–1930. Routledge, 1998, S. 229 f. Adolf Hitler beschrieb 1925 im zweiten Band seiner Programmschrift Mein Kampf die französische Stationierung von „Negern“ im Rheinland als eine gezielte Strategie von „Juden“, um durch die .Adolf Hitler: Mein Kampf. 851.–855. Auflage. Verlag Franz Eher Nachfolger, München 1943, S. 357. Christian Koller: „Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt“. Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik 1914–1930. Steiner, Stuttgart 2001, S. 248. Bekannt ist auch Erwin Reuschs Wahlplakat für die DNVP zur Reichstagswahl 1928, das einen wulstlippigen Afrikaner in französischer Uniform zeigte, der drohend über eine Rheinlandschaft starrt. Die Parole „Locarno? Wählt deutschnational!“ sollte Wähler gegen die Verständigungspolitik von Außenminister Gustav Stresemann mobilisieren.Das Plakat auf der Webseite Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern (DGDB), abgerufen am 11. September 2013.