Das Seegefecht vor dem Nordkap war das Ergebnis der als Unternehmen Ostfront bekannten Operation der deutschen Kriegsmarine vom 25. bis zum 26. Dezember 1943 im Seekrieg des Zweiten Weltkriegs. Ziel der Unternehmung war das Abfangen des britischen Nordmeergeleitzuges JW 55B, der auf dem Weg nach Murmansk in der Sowjetunion war. Die Aktion endete mit der Versenkung des deutschen Schlachtschiffs Scharnhorst am 26. Dezember 1943 im Nordmeer vor der Küste von Norwegen.

Vorgeschichte Die Weichen für die Entscheidung, im Dezember 1943 einen alliierten Geleitzug im Nordmeer anzugreifen, waren bereits ein Jahr zuvor gestellt worden. Nachdem die Operation „Regenbogen“, ein Angriff der Kreuzer Lützow und Admiral Hipper mit sechs Zerstörern auf den Geleitzug JW 51B, in der Schlacht in der Barentssee am 31. Dezember 1942 gescheitert war, setzte Hitler am 6. Januar 1943 bei einem Treffen mit dem Oberbefehlshaber der Marine, Erich Raeder, zu einer Generalabrechnung mit der Marine an und erklärte, die Großkampfschiffe zu Gunsten der U-Boot-Waffe außer Dienst stellen zu wollen. Raeder trat daraufhin als Oberbefehlshaber der Marine zurück und schlug als seinen Nachfolger Karl Dönitz vor.Michael Salewski: Von Raeder zu Dönitz. In: Militärgeschichtliche Zeitschrift. 14, Nr. 2 (1973), S. 101–146, hier S. 112–123. Als designierter Nachfolger übermittelte Dönitz am 26. Januar 1943 Hitlers Befehl, alle Neu- und Umbauten an großen Schiffen sofort einzustellen.Michael Salewski: Von Raeder zu Dönitz. In: Militärgeschichtliche Zeitschrift. 14, Nr. 2 (1973), S. 128.

Ebenso wie für Raeder stellte aber auch für Dönitz die projektierte Außerdienststellung der schweren Schiffe eine Selbstaufgabe der Marine dar. Der Historiker Michael Salewski meint, das sei in den Augen der Marine ein schlimmeres Ende gewesen als die Revolution von 1918 und die Selbstversenkung der Kaiserlichen Hochseeflotte in Scapa Flow.Michael Salewski: Das Ende der deutschen Schlachtschiffe im Zweiten Weltkrieg. In: Militärgeschichtliche Zeitschrift. 12, Nr. 2 (1972), S. 53–74, hier S. 65. Dönitz ließ sich von der Seekriegsleitung und dem Flottenchef, Admiral Otto Schniewind, überzeugen, dass eine Kampfgruppe im Nordmeer, bestehend aus den noch verfügbaren Schlachtschiffen Tirpitz und Scharnhorst, den Gegner nicht nur von einer Landungsoperation abschrecken würde, sondern auch die alliierten Nordmeergeleitzüge bekämpfen könnte. In einem Lagevortrag am 26. Februar 1943 gelang es Dönitz nicht nur, Hitler davon zu überzeugen, den Außerdienststellungsbefehl auszusetzen. Er prognostizierte auch, dass die schweren Einheiten durch die Bekämpfung der alliierten Hilfslieferungen an die Sowjetunion das Heer an der Ostfront entlasten könne. Michael Salewski spricht von einer „Art Wette“ zwischen Dönitz und Hitler, bei der die großen Schiffe das Riesenspielzeug gewesen seien, und der Einsatz das Prestige der Marine.Zit. nach Werner Rahn: Die deutsche Seekriegsführung 1939 bis 1945. In: Rolf-Dieter Müller (Hrsg.). Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die militärische Niederwerfung der Wehrmacht (= Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg 10, 1). Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008, S. 3–273, hier S. 7 f. Werner Rahn konstatiert, dass sich Dönitz damit auf einen Einsatz der Schiffe festgelegt habe. Jede weitere Unternehmung der Überwassereinheiten habe die Existenzberechtigung der schweren Einheiten nachweisen müssen. Unter dem psychologischen Druck von Hitlers abfälligen Äußerungen über angeblich mangelnden Einsatzwillen habe die Seekriegsleitung bereits im März 1943 den Kampfauftrag über den Auftrag der Abwehr gestellt.

Allerdings hatten die Alliierten die Geleitzüge nach Murmansk einstweilen ausgesetzt, was Dönitz und die Seekriegsleitung nur weiter unter Druck setzte.Werner Rahn: Die deutsche Seekriegsführung 1939 bis 1945. In: Rolf-Dieter Müller (Hrsg.). Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die militärische Niederwerfung der Wehrmacht (= Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg 10, 1). Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008, S. 3–273, hier S. 8. Erst als die Tirpitz im Herbst 1943 durch einen Angriff mit Kleinst-U-Booten einstweilen außer Gefecht gesetzt worden war, wurden die Konvois am Nordkap wieder aufgenommen. So erreichten im November 1943 zwei Konvois Murmansk. Dönitz versprach Hitler am 20. Dezember, dass die Scharnhorst den nächsten gemeldeten Geleitzug angreifen werde. Als am 22. Dezember der Geleitzug JW 55B gesichtet wurde, erhielt Konteradmiral Erich Bey als Kommandant der Kampfgruppe den Angriffsbefehl.Craig L. Symonds: World War II at Sea. A Global History. Oxford University Press, New York 2018, ISBN 978-0-19-024367-8, S. 464.

mini|Schlachtschiff Scharnhorst (1939) Ein Einsatz im Nordmeer zu dieser Jahreszeit widersprach jeder operativen Vernunft. Die Richtlinien der Seekriegsleitung hatten ein Auslaufen lediglich im Sommer vorgesehen, bis eine neue Weisung Dönitz‘ vom 20. November den Einsatz der Scharnhorst auch im Polarwinter ermöglichte.Michael Salewski: Das Ende der deutschen Schlachtschiffe im Zweiten Weltkrieg. In: Militärgeschichtliche Zeitschrift. 12, Nr. 2 (1972), S. 53–74, hier S. 68. Anfang Dezember glaubte die Seekriegsleitung – in Verkennung der Schwäche der eigenen Ortungstechnik – ein Einsatz der Scharnhorst sei auch während der dunklen Monate zweckmäßig. Konteradmiral Bey sah dies kritischer, da er Schwächen in der Luftaufklärung sah. Die an der Planung beteiligten Führungsstäbe wussten, dass die im Nordmeer vorherrschenden schlechten Sichtverhältnisse den Einsatz der Artillerie mit ihren optischen Feuerleitgeräten nur auf wenige Stunden am Tag beschränken würden.Werner Rahn: Die deutsche Seekriegsführung 1939 bis 1945. In: Rolf-Dieter Müller (Hrsg.). Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die militärische Niederwerfung der Wehrmacht (= Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg 10, 1). Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008, S. 3–273, hier S. 214.

Auftakt Am 12. Dezember 1943 lief Konvoi JW 55A von Loch Ewe in Richtung Murmansk aus. Der Geleitschutz bestand aus zehn Zerstörern und drei Korvetten. Als weitere Deckungsgruppe hielt sich Force 1 mit den Kreuzern Belfast, Sheffield und Norfolk unter Vizeadmiral Robert Burnett in der Nähe des Konvois auf. Eine weitere Sicherungsgruppe, Force 2 unter dem Oberbefehlshaber der Home Fleet Admiral Bruce Fraser, bestehend aus dem Schlachtschiff Duke of York, dem Kreuzer Jamaica und den Zerstörern Saumarez, Savage, Scorpion und Stord, war bereits am 16. Dezember im Kola-Fjord eingetroffen. U 638, U 387 und U 354 meldeten in der Nacht vom 16. zum 17. Dezember Begegnungen mit Geleitfahrzeugen, ohne an den vermuteten Geleitzug heranzukommen. Am 20. Dezember verließ Konvoi JW.55B Loch Ewe in Richtung des Kola-Fjords. Seine Geleitgruppe unter Kapitän James McCoy bestand aus zehn Zerstörern, zwei Korvetten und einem Minenräumer. Etwa zur gleichen Zeit kehrte Force 2 zu seinem Ankerplatz auf Island zurück. Sobald der Verband Treibstoff und Vorräte aufgenommen hatte, sollte er wieder in See stechen, um Konvoi JW55B weiträumige Deckung zu geben.Rohwer: Chronology of the war at sea, 1939-1945, Naval Institute Press, Annapolis, 2005 S. 292f.

Am 18. Dezember erkannte die Seekriegsleitung aus der Funkaufklärung und der Meldung eines U-Bootes, dass der Geleitzug im Nordmeer unterwegs war. Drei U-Boote, die auf dem Weg in den Atlantik waren, wurden dem Admiral Nordmeer unterstellt, doch erreichte der Konvoi unbehelligt Murmansk. Am 22. Dezember meldete die deutsche Luftaufklärung einen Geleitzug mit mindestens 40 Einheiten bei den Färöer-Inseln. Es handelte sich um den Geleitzug JW 55B mit 19 Handelsschiffen und zehn Zerstörern, der am 20. Dezember aus Loch Ewe aufgelaufen war. Admiral Otto Klüber zog alle verfügbaren U-Boote, acht an der Zahl, quer zur Konvoiroute zwischen Bären-Insel und Nordnorwegen zusammen, da die Eislage ein Ausweichen des Konvois weiter nach Norden unmöglich machte. Die Kampfgruppe mit der Scharnhorst und den fünf Zerstörern der 4. Z-Flottille wurden in Bereitschaft versetzt. Klüber und das Marinegruppenkommando Nord zweifelten aber, dass U-Boote oder Kampfgruppe in dem dunkelsten Monat des Jahres gute Aussichten auf einen erfolgreichen Angriff hätten. Die Gruppe Nord vermutete außerdem in der Nähe des Geleitzuges eine schwere Deckungsgruppe, die noch nicht aufgeklärt worden sei. Die Luftaufklärung sichtete den Geleitzug am 22. und 23. Dezember nordostwärts der Faröer-Inseln. Aus der Geschwindigkeit wurde ein Passieren der Bären-Insel-Enge am 26. Dezember errechnet. Eine lückenlose Aufklärung war jedoch nicht möglich. Die Gruppe Nord meldete am Abend des 23. Dezember, dass der Einsatz der Kampfgruppe mit den Überwasserstreitkräften geplant sei, sobald die Lage einen solchen Einsatz sinnvoll erscheinen lasse. Konteradmiral Bey meldete am 24. Dezember, dass im Operationsgebiet keine brauchbaren Verhältnisse für ein Artilleriegefecht herrschten. In einem Ferngespräch mit der Seekriegsleitung brachte Schniewind die Bedenken zwar vor, beantragte aber letztlich die Freigabe für die Kampfgruppe. Die Seekriegsleitung informierte daraufhin Dönitz.Werner Rahn: Die deutsche Seekriegsführung 1939 bis 1945. In: Rolf-Dieter Müller (Hrsg.). Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die militärische Niederwerfung der Wehrmacht (= Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg 10, 1). Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008, S. 214–216.

Am 23. Dezember erhielt Admiral Fraser von Ultra die Nachricht, dass die Deutschen wussten, dass sich JW.55B auf See befand. Er erfuhr auch, dass sich die Scharnhorst in Bereitschaft befand. Als Fraser mit seinem Flaggschiff Duke of York von seinem Ankerplatz in Akureyri auslief, erhielt er eine weitere Nachricht von Ultra, dass die Kampfgruppe im Begriff war, auszulaufen. Um die Mittagszeit des 23. Dezember befand sich der Konvoi auf der Breite der Insel Jan Mayen, etwa 640 km östlich von Altenfjord und Force 2 in gleicher Entfernung südöstlich. Da Admiral Fraser mit einem Angriff rechnen musste, brach er um 13:25 Uhr die Funkstille und befahl dem Konvoi, für drei Stunden kehrtzumachen, um den Abstand zu seinen Geleitschiffen zu verringern. McCoy konnte wegen der schweren See dem Befehl nicht nachkommen, so dass er lediglich die Geschwindigkeit des Konvois reduzieren ließ.