miniatur|Yusef Lateef (2007) Jazzflöte bezeichnet die Rolle der Flöte und ihrer wichtigsten Instrumentalisten im Jazz. Obgleich die Flötenfamilie sehr groß ist, beschränkt sich der Einsatz im Jazz im Wesentlichen auf die Querflöte. Vor allem die Grundform der europäischen Konzert- oder Böhm-Flöte (in der Sopranlage) hat sich in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt, daneben werden aber vereinzelt auch die Piccoloflöte und die Instrumente in Alt-, Tenor- und vor allem Basslage eingesetzt.
Ursprünge der Verwendung der Flöte im Jazz miniatur|Flötenspielerin auf der Beerdigung von Danny Barker in New Orleans (1994, vermutlich Anita Marge Bowers) Jazzmusik wird im Vergleich zu klassischer Kammermusik relativ laut aufgeführt. Das liegt einerseits am fast immer begleitenden Schlagzeug, das eine gewisse Grundlautstärke mit sich bringt, andererseits aber auch daran, dass Jazzmusik anfangs kaum im kammermusikalischen Kontext, sondern in Dance Halls und ähnlichen Aufführungsorten dargeboten wurde, wo einfach laut musiziert werden musste, um den gesamten Saal zu erreichen. Da die europäische Konzertflöte ein Instrument mit dynamisch stark limitierten Möglichkeiten ist und einen weniger obertonreichen Klangcharakter hat als beispielsweise das Saxophon, konnte sie erst im Zuge der sich verbessernden Verstärkertechnik im Jazz effektiv eingesetzt werden. Aus diesem Grund wurden im frühen Jazz Flöten selten benutzt.
Zu einem der Begründer der Jazzflöte wird der in Kuba geborene Alberto Socarrás gezählt, als er in den 1920er Jahren auf dem Höhepunkt der Harlem Renaissance mit dem amerikanischen Pianisten Clarence Williams Aufnahmen für das Okeh-Label machte. Ein Flöten- und Piccoloflöten-Spezialist namens Flutes Morton spielte regelmäßig im Sunset Cafe in Chicago Mitte der 1920er Jahre.vgl. Digby Fairweather, S. 104. Der erste Flötist, von dem Aufnahmen existieren, war der Kubaner Alberto Socarras („Shooting the Pistol“ mit dem Clarence Williams Orchestra, 1927vgl. Hubert Böhm, Aspekte zur Entwicklung des Flötenspiels im Jazz und Lizzie Miles’ „You're Such a Cruel Papa to Me“ 1928), von dem interessante Phrasierungen aus dem Charango übernommen wurden. Die Tradition der Flöte im Jazz wird verankert durch Wayman Carver (1905–1967),vgl. Berendt, 1973, S. 228 der die Querflöte in einer Aufnahme von Loveless Love mit Dave Nelson (1931) und dann in Benny Carters Oktett für die Einspielung Devil’s Holiday im Oktober 1933 verwendete. Chick Webb verwendete gelegentlich das Flötenspiel Carvers in seinem Orchester (1934–1940) als Klangfarbe. Auch Harry Klee setzte bereits in der Swing-Ära ab 1944 gelegentlich die Flöte ein, so bei Ray Linn (1944) und Boyd Raeburn (1946).Buddy Collette, Steven Louis Isoard Jazz Generations: A Life in American Music and Society London, New York 2000, S. 77 1946 verwendete auch sein Nachfolger Ethmer Roden im Orchester von Boyd Raeburn das Instrument. Esy Morales setzt 1947 mit seinem eklektizistischen Solo in seiner Jungle Fantasy bereits zahlreiche Techniken ein, die später wiederentdeckt wurden.Cary Ginnell The Evolution of Mann: Herbie Mann and the Flute in Jazz Milwaukee 2014, S. 9ff. Insgesamt erscheinen aber die damaligen Versuche, die Konzertflöte im Jazz einzusetzen, aus heutiger Perspektive seltsam; sie haben auch keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
Traditionslinien der Jazzflöte Frank Wess (1922–2013) war wohl einer der ersten nennenswerten Flötisten, der schon in den 1940er Jahren, beeinflusst vom Tenorsaxophonisten Lester Young, erste Versuche unternahm, die Flöte als Solo-Instrument zu verwenden, allmusic wie in der Basie-Band der 1950er Jahre und in ersten Aufnahmen unter eigenem Namen für Savoy Records mit Milt Jackson, Hank Jones und Kenny Clarke (Opus de Jazz), die Berendt als seine interessantesten Flöten-Soli wertet.Berendt Das Jazzbuch 1973, S. 228 Dabei bezieht er sich immer deutlich auf den Blues.
Etwa 1947 erhielt Charlie Parker eine Querflöte geschenkt und beschäftigte sich auch mit dieser. Es sind aber keine Aufnahmen von ihm auf dem Instrument bekannt.Collette/Isoard, Jazz Generations, S. 105 1949 spielte Jerome Richardson (1920–2000) als erster Musiker im Modern Jazz ein Solo auf der Flöte ein („Kingfish“, 1949). Mit seinem „unmittelbaren, vitalen Bop-Feeling“zit. nach Berendt/Huesmann, 1994, S. 343. trug er dazu bei, das Instrument durchzusetzen. Seine Stellung als Instrumentalist erlaubte auch den Einsatz der Klangfarbe in den Orchestern von Oliver Nelson, Gil Evans/Miles Davis, Quincy Jones, Charles Mingus und später im Thad Jones/Mel Lewis Orchestra.
Anfang der 1950er Jahre waren nicht nur mit verbesserten Mikrophonen, Verstärkern und Lautsprechern die Möglichkeiten vorhanden, um den Flötenklang besser hervortreten zu lassen. Gleichzeitig traten weitere Musiker in Erscheinung, die dazu beitrugen, die Jazzflöte, die vorher eher ein Kuriosum war, zu etablieren. An der Westküste ist hier zunächst Buddy Collette zu nennen, der auch als Studiomusiker arbeitete und sich dem Instrument bereits seit 1946 zugewendet hatte, weil er den Sound der Konzertflöte mochte. Duke Ellington bat ihn mehrfach, als Flötist mit seinem Orchester aufzutreten, was aber aus Termingründen scheiterte.Collette/Isoard, Jazz Generations, S. 106 Collette machte später im Ensemble von Chico Hamilton und mit der Bigband von Buddy Rich Aufnahmen. Er war der Erste, der die ganze Familie der Konzertflöte im Jazzkontext präsentierte. Auf dem Album Collette’s Swinging Shepherds (1959) stellte er zudem mit Bud Shank (1926–2009), Harry Klee und Paul Horn (1930–2014) ein Quartett von Flötisten zusammen.
Bud Shank gilt heute vielen als wichtigster Flötist des West Coast Jazz; er ging aus dem Stan-Kenton-Orchester hervor und hatte dort bereits 1950 in dem Titel „In Veradero“ ein – allerdings damals kaum beachtetes – Solo gespielt.Vgl. Berendt, 1973, S. 228. Shank war der einzige Saxophonist der Band, der überhaupt eine Flöte besaß, die er damals allerdings nach eigenen Angaben nicht gut beherrschte, vgl. Neben der Konzertflöte verwendete Yusef Lateef (* 1921) auch weitere Flöten, etwa die im Jazz ungewöhnliche Nay, die Korkflöte, die slowakische Hirtenflöte Fujara sowie viele Bambusflöten und verarbeitete schon früh arabische und orientalische Einflüsse. Sam Most und Sahib Shihab waren die ersten Jazzmusiker, die das Instrument „growling“ gespielt haben. Beim Growling entsteht durch gleichzeitiges Summen oder Singen desselben oder eines z. B. eine Terz höheren Tones Mehrstimmigkeit. Dadurch gewinnt die Jazzflöte an Intensität, was einer der Gründe ist, dass sie mit den Saxophonen mithalten konnte.Berendt Das Jazzbuch 1973, S. 230 Auch der Saxophonist James Moody (1925–2010) nahm diese neue Technik in seinem Flötenspiel auf und änderte sie noch ab, indem er während des Spiels einzelne Silben sprach. mini|Herbie Mann (1975) Im Dezember 1956 bekam die Flöte zum ersten Mal eine eigene Abteilung im Reader’s Poll der amerikanischen Jazzzeitschrift Down Beat. Vorher wurde die Flöte im Kapitel „Miscellaneous Instruments“ (sonstige Instrumente) mit allen anderen Holzblasinstrumenten, ausgenommen die Saxophonfamilie und die Klarinette, geführt.
Seit ungefähr dieser Zeit gibt es auch Musiker, die sich auf die Flöte konzentrierten. Hier ist zunächst Herbie Mann (1930–2003) zu nennen, der 14-mal hintereinander von 1957 bis 1970 die Leserpolls des Magazins Down Beat anführte; auf den nächsten Plätzen folgten ihm zunächst Musiker wie James Moody und Yusef Lateef.Leonard Feather wies darauf hin, dass die Pioniere des Instruments dabei vergessen wurde: „Wenn es Gerechtigkeit gibt, werden die Geschichtsbücher Sam Most als ersten kreativen Jazz-Flötisten nennen.“ Vgl. Frankfurter Neue Presse, 15. Juni 2013 Mann, der mit reichem Vibrato blies und dabei die Überblastechnik vermied, spielte auch Duette mit Buddy Collette (Flute Fraternity) ein und mit dem belgischen Flötisten und Saxophonisten Bobby Jaspar (Flute Souffle). In den 1960er Jahren nahm er häufig im Latin Jazz, aber auch im Easy-Listening-Kontext auf, bevor er 1969 mit seinem Album Memphis Underground (mit den Gitarristen Larry Coryell und Sonny Sharrock) den Anschluss an die zeitgenössische Rockjazz-Bewegung herstellte. Insbesondere Paul Horn, der – wie nach ihm noch Eric Dolphy (1928–1964) und Charles Lloyd (* 1938) – im Quintett von Chico Hamilton bekannt wurde, konzentrierte sich ähnlich wie Herbie Mann auf die Querflöte. Horn setzte die Konzertflöte erstmals ohne Begleitung durch andere Instrumentalisten bei seinen Aufsehen erregenden und als Album dokumentierten Konzerten im indischen Taj Mahal (1968) und in der Cheops-Pyramide (1976) ein.
Auch Saxophonisten des modalen Jazz und Avantgarde Jazz nutzen die Konzertflöte: Eric Dolphy, Prince Lasha, Sam Rivers und James Spaulding (der aber sein erstes Flötensolo auf einem Album des Soulsängers Jerry Butler spielte ). Die Möglichkeiten des Instrumentes für den Free Jazz zeigte insbesondere der früh verstorbene Eric Dolphy (1928–1964) auf, der orientiert an den für Interpretationen Neuer Musik (insbesondere von Severino Gazzelloni) entwickelten Instrumentaltechniken tonale Beiträge leistete.Ob Dolphy tatsächlich Unterricht bei Gazzelloni nahm, ist nicht nachweisbar. Vgl. Dolphy setzte außerdem, wie unter anderem auch an seinen Trillern zu erkennen ist, Sequenzen aus dem Vogelgesang in seinem Flötenspiel um. Ein Stück weit sind ihm auf dem Instrument Prince Lasha und sein Schüler Lloyd McNeill gefolgt. Dolphys Flöte wurde an John Coltrane vererbt, der sie auf seinem Album Expression verwendete.
Roland Kirk (1936–1977) probierte sehr exotische Instrumente aus der Flötenfamilie, bis hin zur Nasenflöte, aus. Insbesondere aber stellte er auf der Konzertflöte die Überblastechnik ins Zentrum seines Spiels; Kirk sang nicht nur – wie seine Vorgänger – in sein Instrument hinein, sondern sprach auch hinein und schrie, zunächst auf dem Titel „You Did It, You Did It“ (auf We Free Kings, 1961). Teilweise verwendete er auch schon Klappengeräusche und spielte gleichzeitig die durch die Nase geblasene Nasenflöte. Berendt schrieb dazu: „Es schien manchmal, als ob die verschiedenen Sounds, die da simultan entstanden, in verschiedenen Richtungen explodierten.“zit. nach Berendt/Huesmann, 1994, 346. Musikalisches Beispiel: „Fly Town Nose Blues“ auf Bright Moments, 1973 Insbesondere die Überblastechnik popularisierte Kirk, indem er auch aktuelle afroamerikanische Hits in sein Repertoire aufnahm (z. B. „Ain’t No Sunshine“ oder „My Girl“ auf dem Album Blacknuss, 1971), und hatte einen großen Einfluss auf zahlreiche Flötisten auch im Rockbereich, z. B. Ian Anderson (Jethro Tull) oder Thijs van Leer (Focus), die das Instrument aufgrund der aus dem Jazzbereich stammenden Tongebung popularisierten. Kein anderes Blasinstrument wurde in der frühen Rockmusik so häufig verwendet wie die Querflöte.Joachim E. Berendt Das Jazzbuch 1973, S. 227 Ein weiterer wichtiger Flötist dieser Zeit war Robin Kenyatta; 1970 spielte er für das ECM-Label das Album The Girl from Martinique ein, mit Wolfgang Dauner, Arild Andersen und Fred Braceful. Ab den 1970er Jahren leistete der Saxophonist Lew Tabackin in der Toshiko Akiyoshi - Lew Tabackin Big Band wichtige Beiträge auf dem Instrument, setzte die Flöte aber zuvor schon im Combo-Kontext ein.
Hubert Laws (* 1939), der seit 1968 als Flötist in klassischen Symphonieorchestern wirkte, spielte ab 1971 mit McCoy Tyner und Chick Corea, aber auch im Jazzrock-Bereich mit Weather Report und eigenen Gruppen (mit George Benson) mehrere Alben ein, die ihm hohe Aufmerksamkeit sicherten und dazu führten, dass er Herbie Mann im Down Beat-Poll ablöste.