Die Belagerung Kolbergs 1807 fand während des Vierten Koalitionskrieges statt. Die erfolgreiche Verteidigung der preußischen Festung Kolberg in Pommern von März bis Juli 1807 gegen französische Truppen hatte wegen ihrer Begleitumstände und den Namen einiger Beteiligter eine politisch-moralische Signalwirkung, die ihre militärstrategische Bedeutung weit übertraf. Sie wurde angesichts der Niederlage Preußens in diesem Krieg schon für Zeitgenossen zu einem Mythos, der bis ins 20. Jahrhundert fortwirkte.

Festung Kolberg Die Festung Kolberg an der Ostsee war bei ihrer Übergabe an Brandenburg 1653 der einzige Überseehafen im Kerngebiet des brandenburg-preußischen Staates. Auch nach den Annexionen Stettins 1720 und Danzigs 1793 mit ihren wesentlich leistungsfähigeren Häfen blieb Kolberg befestigt, um Feinden bei einer Invasion Pommerns nicht als Nachschubhafen dienen zu können.

Die Hauptbefestigung bestand aus einem inneren Wall mit sechs Bastionen und einem Außenwall um die östlich der Persante gelegene Stadt, ergänzt durch mehrere Schanzen entlang eines Nebenarms der Persante im Westen. Die Mündung des Flusses mit dem Ostseehafen beherrschte das Fort Münde. Die 1,5 km lange Verbindung dorthin sicherten eine Redoute und eine weitere Schanze. Das Gelände links des Flusses war nur gegenüber dem Fort Münde befestigt. Andere Außenwerke hatte die Festung nicht.

Kolberg war von einem Feld- und Wiesengelände umgeben, das durch ein in der Stadt angelegtes Stau- und Schleusensystem im Belagerungsfall bis an den Außenwall geflutet werden konnte. Damit operierten die Verteidiger auf der inneren Linie, während Angriffspunkte erst tief im Hinterland durch Errichtung von Dämmen verbunden werden konnten. Der weithin wässrige Boden erschwerte den Belagerern das Anlegen von Laufgräben und Kommunikationswegen sowie von Trinkwasserbrunnen, trockenen Unterkünften und Batterien.

Wegen der geringen Wassertiefe der Ostsee vor Kolberg und gefährlicher Sandbänke konnten sich große Schiffe nur risikoreich der Küste auf wirkungsvolle Schussweite nähern. Dagegen war die Artillerie des Forts Münde der Bestückung kleinerer Fahrzeuge, die den Hafen anlaufen konnten, überlegen. Eine Schwäche der Festung war der Mangel an Kasematten zur bombensicheren Unterbringung von Mannschaften und Vorräten aller Art. Bei einer Blockade von See her konnte Kolberg ausgehungert werden.

Seit dem Jahre 1803 stand die Festung Kolberg mit ihrer Garnison von zwei feldzugsuntauglichen Dritten Bataillonen unter dem Kommando des Obersten Lucadou. Wegen vieler Beurlaubungen befanden sich im Oktober 1806 nur rund 600 bis 700 Soldaten vor Ort. Die Artillerie hatte 64 brauchbare Kanonen, die von 97 Veteranen bedient werden sollten. Dies war nur ein Bruchteil der nötigen Verteidigungskräfte. Reiterei und Pioniere gehörten nicht zur Festungsbesatzung.

Vorgeschichte von Oktober 1806 bis Anfang März 1807 Nach den Niederlagen von Preußens Armee bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 erfolgte ein rascher militärisch-politischer Zusammenbruch des Staates. Napoleon marschierte mit der Grande Armée direkt nach Berlin, während sich die Reste der preußischen Armee auflösten und ihre noch intakten Verbände und die großen Festungen innerhalb weniger Wochen kapitulierten. Nach Napoleons Einzug in Berlin am 27. Oktober leisteten ihm preußische Minister den Treueeid. Auch die große Festung Stettin kapitulierte am 29. Oktober kampflos, und die pommersche Regierung unterstellte sich französischem Kommando. Napoleons Armee drang weit südlich von Kolberg in Richtung Ostpreußen vor, wohin sich der preußische König Friedrich Wilhelm III. mit den Resten seiner Truppen zurückgezogen hatte, um russische Unterstützung abzuwarten.

Die Nachricht von der Niederlage erreichte Kolberg am 23. Oktober. Sofort ordnete Lucadou an, die Festung in Verteidigungszustand zu versetzen, und rief die Beurlaubten der Garnison zurück. Als am 8. November ein französischer Oberst vor Kolberg erschien und die Festung zur Übergabe aufforderte, wies Lucadou ihn ab. Anweisungen der pommerschen Regierung in Stettin zur Unterstützung der französischen Kriegführung beantwortete er mit Erläuterungen ihrer Strafbarkeit. Lucadous Vorgehen und seine Anordnung, dass sich jede Familie für sechs Monate mit Lebensmitteln zu versorgen habe, löste unter den 4400 Einwohnern der Stadt eine Flucht- und Panikwelle aus, geschürt durch Gerüchte, die von zahlreichen Flüchtlingen ausgingen. Als am 12. November Graf Götzen im Auftrag des Königs die Festung inspizierte, versicherte der Magistrat, die Bürger würden „Treue bis in den Tod“ üben, und der Kommandant versprach, er werde die Festung „bis auf den letzten Mann“ verteidigen. Für die französische Strategie war der Besitz Kolbergs zunächst ohne Bedeutung.

Seit Ende Oktober 1806 war Kolberg Anlaufziel tausender versprengter oder ranzionierter preußischer Soldaten. Den größten Teil des Zuzugs, verstärkt durch neu eingezogene Rekruten, sandte Lucadou zur Armee nach Ostpreußen. In der Festung behielt er die Depottruppen zweier Kürassierregimenter aus Pommern und der Altmark, von denen letzteres im Dezember nach Danzig ging. Neben seinen inzwischen unvollständig aufgefüllten Bataillonen stellte er neue Infanterie- und Artillerieverbände auf.

Mit Hilfe aus Stettin geflohener Beamter wurden, autorisiert vom König, von Kolberg aus Steuern eingezogen und große Vorräte in die Festung geschafft. Im Winter 1806/07 erstreckte sich das Stationierungsgebiet der Kolberger Truppen von der Dievenow im Westen über Greifenberg i. Pom. entlang der Rega bis vor Schivelbein im Süden und hatte bei Belgard und Köslin im Osten Verbindung zu den Vortruppen von Danzig. Streifzüge führten zur Gefangennahme der feindlichen Besatzung von Swinemünde und erreichten Neustettin, Arnswalde, Stargard, Stolp und das rechte Oderufer.

Unabhängig von der Festungsbesatzung begann von Kolberg aus der Husaren-Leutnant Eugen von Hirschfeld mit einem Freikorps den Kleinen Krieg im mittleren Pommern. Gegen Ende 1806 aufgestellt aus ranzionierten Kavalleristen, meistens Blücher-Husaren, wuchs die Stärke des Freikorps Hirschfeld auf 200 Mann.Zahl bei Curt Jany: Geschichte der Preußischen Armee vom 15. Jahrhundert bis 1914. Band III: 1763–1807. Biblio, Osnabrück 1967, ISBN 3-7648-0414-9, S. 623. Um die Jahreswende 1806/07 führte Hirschfeld es in die Neumark und weiter nach Schlesien. Seine Aktionen veranlassten das französische Oberkommando zu größeren Truppenverschiebungen zu Ungunsten des Hauptkriegsschauplatzes in Ostpreußen.Zum Freikorps Hirschfeld und den Ereignissen in der Neumerk und Schlesien siehe Eduard von Höpfner: Der Krieg von 1806 und 1807. Zweiter Theil. Der Feldzug von 1807. Vierter Band, Simon Schropp, Berlin 1855, S. 218–223.

Anfang März umfassten die Truppen der gut verproviantierten und reparierten Festung rund 3700 Mann Infanterie und Jäger, etwa 200 Reiter und über 600 Artilleristen mit 106 Geschützen. Für Wach- und Ordnungsdienste standen etwa 600 bewaffnete Bürger in fünf Kompanien bereit. Dazu kam das auswärts operierende Freikorps Schill mit (im Februar) über 960 Infanteristen und Jägern, 450 Reitern und 50 Artilleristen mit 11 leichten Geschützen.

Das Freikorps Schill mini|Leutnant von Schill

Der Dragonerleutnant Ferdinand von Schill hatte als Schwerverletzter Kolberg Anfang November erreicht und wurde bald von Lucadou ermächtigt, eine kleine Reitertruppe aufzustellen. Er hatte charismatische Eigenschaften, Bravour und taktischen Instinkt, womit er seine mangelnde strategische Begabung überspielen konnte. Schills Friedensstandorte waren Gartz und Naugard und er kannte das westliche Hinterpommern gut. Zunächst beschaffte seine Truppe Waffen, Vorräte, Kriegsbedarf, Pferde und Steuereinnahmen für Kolberg und betrieb Aufklärung. Direkte Zusammenstöße mit feindlichen Truppen, die in gleicher Absicht für die Festung Stettin das Land durchstreiften, sollte Schill vermeiden, um keinen Angriff auf Kolberg zu provozieren. Er aber machte sich mit der Eroberung von Gülzow am 7. Dezember 1806 auf einen Schlag einen Namen in Pommern. Der König verlieh ihm sofort den Orden Pour le Mérite. Lucadou gestattete Schill die Formierung einer selbständigen Eskadron. Schnell wuchs sie an und wurde zum Kern eines selbständig operierenden Korps aus allen Waffengattungen. Das Korps bestand ausschließlich aus ranzionierten oder versprengten Soldaten der preußischen Armee. Es war im Winter 1806/07 die einzige größere im freien Feld operierende preußische Truppe westlich der Weichsel und bekam Unterstützung aus ganz Pommern.

Lucadou beobachtete, wie das leichte Leben im Schillschen Korps die Disziplin seiner Festungstruppen untergrub und er verlegte es nach Greifenberg. Als sich Meldungen von Exzessen Schillscher Soldaten gegenüber der Zivilbevölkerung häuften und Schills Kassenführung undurchschaubar wurde, rief er es im Dezember nach Kolberg zurück. Die Angehörigen des Schillschen Korps hatten keine Uniform und bekamen erst im März 1807 gute Gewehre. Ihre Besoldung und Verpflegung war immer schlecht und unregelmäßig. Sowohl die Mannschaften wie Offiziere neigten zur Undiszipliniertheit. Außerdem traten in Pommern inzwischen angebliche Schillsche Truppen auf, die Räubereien und Entführungen zwecks Lösegelderpressung begingen. Die Franzosen sahen die Schillschen Soldaten grundsätzlich als Banditen an und nahmen sie nicht gefangen, sondern machten sie nieder.

Ab Januar 1807 operierte das Korps wieder von Greifenberg i. Pom. aus. Wegen des unklaren Unterstellungsverhältnisses Schills entstanden Konflikte mit Lucadou, die dessen Autorität schwächten und die Popularität Schills steigerten. Nach Beginn der Kämpfe mit dem anrückenden Feind schob Lucadou während einer Abwesenheit Schills Anfang März 1807 drei Viertel der Schillschen Kavallerie nach Köslin ab und stationierte die Schillsche Infanterie links der Persante. Ende März kehrte die Reitertruppe gewaltsam in das inzwischen eingeschlossene Kolberg zurück, um fünf Wochen später nach Schwedisch-Vorpommern zum neu aufgestellten Korps Blücher verschifft zu werden. Schill folgte am 12. Mai 1807 und kehrte nicht wieder nach Kolberg zurück. Seine Infanterie blieb vor Kolberg.

Die Belagerung der Festung von Anfang März bis zum Eintreffen Gneisenaus mini|Plan der Festung Kolberg im Jahre 1807 (blass untergelegt die Stellungen der Russen bei den Belagerungen von 1758, 1760 und 1761) Im Winter 1806/07 hatte sich die politisch-militärische Lage verändert. Preußen hatte nicht aufgegeben. Sein kleines Restheer und eine inzwischen anmarschierte russische Armee hatten sich in der Schlacht bei Preußisch Eylau im Februar 1807 in Ostpreußen gegen Napoleon behauptet. Die Weichsel-Festungen Danzig und Graudenz waren noch in preußischer Hand. Großbritannien und Schweden hatten mit Preußen im Januar auch formal Frieden geschlossen. Die Bildung einer gemeinsamen Invasionsarmee in Schwedisch-Vorpommern zeichnete sich ab. Kolberg gewann als einziger preußischer Stützpunkt im neu entstehenden pommerschen Kriegsschauplatz an Bedeutung.

Im Januar 1807 befahl Napoleon die Einnahme Danzigs und eine neue Nachschublinie dorthin von Stettin über Gollnow, Körlin und Stolp wurde notwendig. Teile der im Februar nach Danzig ziehenden Truppen sollten Kolberg unterwegs einschließen. Nach der Schlacht bei Preußisch Eylau mussten sie jedoch in Richtung Graudenz/Marienwerder umgelenkt werden. Zur Einschließung Kolbergs ließ Napoleon Mitte Februar eine Streitmacht unter dem Kommando General Teuliès östlich der Oder mit der Spitze in Stargard aufmarschieren.