mini|Das Schädelgesicht, Symbol von Makemake, auf einem Fels bei Orongo. mini|Vogelmann-Petroglyphen an der Kultstätte Orongo; im Hintergrund die Insel Motu Nui. Makemake (auch Make-Make geschrieben) ist der Schöpfer- und Fruchtbarkeitsgott der Osterinsel und eng verbunden mit dem Kult um den Vogelmann (Tangata manu). Makemake ist eine späte Erscheinung in der Religion der Rapanui und ist, als Hinwendung zum Monotheismus gesehen, im ozeanischen Raum einzigartig. Er kommt in keiner anderen polynesischen Religion vor.
Das polynesische Pantheon Das polynesische Pantheon ist vielgestaltig und umfasst Götter, Halbgötter, vergöttlichte Menschen und Geister. Es stützt sich im Wesentlichen auf vier Hauptgottheiten, die so oder ähnlich auf fast allen Inseln des Polynesischen Dreiecks zu finden sind:
Tu, den Kriegsgott, Rongo, den Gott der Landwirtschaft und der kultivierten Nahrungsmittel, Tane, den Gott des Waldes und der landlebenden Geschöpfe und Tangaroa, den Gott des Meeres, in Zentralpolynesien auch als Schöpfergott verehrt.
Die Namen der Götter lauten von Insel zu Insel verschieden und die ihnen zugewiesenen Eigenschaften und Zuständigkeiten weichen geringfügig ab. Über die Götterwelt der Osterinsel wissen wir sehr wenig. Es bleibt Spekulation, ob die vier Gottheiten des polynesischen Pantheons auch auf der Osterinsel verehrt wurden, die Meinungen gehen hier auseinander.Georgia Lee: The Rock Art of Easter Island – Symbols of Power, Prayers to the Gods. UCLA Institute of Archaeology, Los Angeles 1992, ISBN 978-0-917-95674-4 Darstellungen von Göttern und Götterstatuen sind bisher nicht gefunden worden.
Der Makemake-Mythos Von den Gottheiten der Osterinsel lässt sich heute nur noch eine hinreichend genau bestimmen: der Schöpfergott Makemake. Er manifestierte sich nicht in den bekannten Kolossalstatuen (Moai) – sie sind Ausdruck eines Ahnenkultes und stellen verehrte Vorfahren dar –, sondern in zahlreichen, über die ganze Insel verteilten Felszeichnungen. Daneben sind auch einige Makemake-Darstellungen als steinerne Kleinplastiken erhalten, zum Beispiel im Museum für Völkerkunde Wien oder im Kon-Tiki-Museum in Oslo. Von Makemake und dem Vogelmannkult, der mit seiner Verehrung eng verknüpft war, wissen wir aus mündlichen Überlieferungen, die Europäer systematisch erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sammelten und aufzeichneten. Diese Zeitangabe ist insofern von Bedeutung, als nach den Erzählungen von Zeitzeugen, die Katherine Routledge 1917/18 befragte, die letzte Zeremonie des Vogelmannkultes 1866 oder 1867 stattgefunden haben soll.Katherine Routledge: The Mystery of Easter Island. Sifteon, Praed & Co., London 1919 1864, zwei Jahre zuvor, gelangten die ersten Missionare zur Osterinsel. Das zeigt die Problematik auf, die uns heute in den überlieferten Legenden über Makemake begegnet: Sie stammen nicht nur aus zweiter Hand und wurden aufgezeichnet, als der Kult bereits weitgehend erloschen war, sondern sind zudem vom kulturellen und religiösen Hintergrund der christlichen Missionstätigkeit beeinflusst.
Die tradierten Mythen der Osterinsel berichten über die die Geburt von Makemake folgendes: Einst ruhte ein menschlicher Schädel auf dem Ahu von Tongariki, der von einer Priesterin bewacht wurde. Eines Tages erhob sich eine riesige Welle und spülte den Schädel in den Ozean. Verzweifelt tauchte die Priesterin tief ins Meer und konnte den Schädel gerade noch ergreifen, wurde aber zu einer kleinen Insel hinausgetrieben, auf der sie sich in Sicherheit brachte. Dort erschien ihr der Gott HauaDer Gott Haua wird ausschließlich als Partner, Verbündeter oder Begleiter von Makmake erwähnt, seine Person und seine Eigenschaften bleiben ansonsten unspezifisch. und offenbarte, dass der Schädel, den sie gerettet hatte, kein Geringerer sei als der große Gott Makemake. Die Priesterin müsse auf Rapa Nui zurückkehren, um die Menschen zu lehren, Makemake anstelle der Ahnen zu verehren.
Die Rapanui sahen in Makemake den Schöpfer der Menschheit.Thomas Barthel: Die Hauptgottheit der Osterinsulaner. In: Jahrbuch des Museums für Völkerkunde zu Leipzig Nr. 15, Leipzig 1957, Seite 60–82 Aus ihrer Sicht war die Schöpfung ein Akt der sexuellen Zeugung, eng verbunden mit dem Fruchtbarkeitskult, und Makemake war der Ursprung. Das beweist eine in mehreren, abweichenden Varianten überlieferte Legende. Die folgende Version hat Pater Sebastian Englert aufgeschrieben:
Makemake war alleine auf der Welt und fühlte sich einsam. Als sich eines Tages sein Gesicht in einem mit Wasser gefüllten Flaschenkürbis spiegelte, beschloss er, nach seinem Ebenbild den Menschen zu erschaffen. Er kopulierte mit einem Stein, jedoch ohne Resultat. Dann kopulierte er mit Wasser und es entstand nur ein kleiner Fisch. Makemake kopulierte nun mit roter Erde und schuf den Mann, und er sah, dass das Ergebnis wohlgeraten war.Sebastian Englert: Island at the Center of the World – New Light on Easter Island. Scribners, New York 1970
In dieser Erzählung wird deutlich, dass der tradierte Schöpfungsmythos mit christlichem Gedankengut durchsetzt ist, wonach Gottvater Adam aus Lehm erschuf. Den Legenden um Makemake, wie wir sie heute kennen, sollte man daher mit Vorsicht begegnen, denn sie haben nicht nur traditionelle, sondern auch neuzeitlich-christliche Wurzeln.
Der Vogelmannkult Mit der Verehrung Makemakes ist der Vogelmannkult assoziiert, das erklärt die folgende Legende, von der es mehrere, leicht voneinander abweichenden Varianten gibt:
Haua und Makemake beschlossen, sämtliche Seevögel von der Insel zu vertreiben, da die Menschen deren Eier raubten und verzehrten. Die beiden Götter wiesen den Vögeln die kleine Felseninsel Motu Nui zu, auf der sie ungestört brüten konnten, da dort keine Menschen lebten. Zum Gedenken an dieses Ereignis etablierten die Rapanui ein periodisch wiederkehrenden Fest mit der Wahl des Vogelmannes (Tangata Manu).Robert D. Craig: Handbook of Polynesian Mythology. ABC-CLIO, Santa Barbara (CA) 2004, ISBN 978-1-57607-894-5
Das Vogelmannfest war ein jährlich im Juli oder August an der Kultstätte Orongo stattfindendes Ereignis zu Ehren von Makemake, das das gesamte Inselleben bestimmte.
Bei Mataveri (heute Teil von Hanga Roa) hat es einst, wie man der mündlichen Überlieferung entnehmen kann, einen bedeutenden Versammlungs- und Kultplatz gegeben, von dem wegen der modernen Bebauung heute keine Spuren mehr auffindbar sind. An dieser geweihten Stelle versammelten sich jährlich die Inselstämme um das Vogelmann-Fest zu zelebrieren. Die Stammesoberen stellten einen Hopu (auch: Hopu manu) vor, einen starken und gewandten Krieger, der den Clan in dem folgenden Wettstreit zu vertreten hatte. In einer Prozession zog man zur Kultstätte Orongo, im Südwesten der Insel, auf dem Kraterrand des Rano Kao. Von dort kletterten die Hopu die dreihundert Meter steil zum Meer abfallende Klippe hinab, sprangen in die tosende Brandung und schwammen zum 1,3 km entfernten Motu Nui. Die um die Osterinsel patrouillierenden Haie bildeten eine zusätzliche Gefahr. Auf diesem kahlen Inselchen warteten die Männer die jährliche Brut der Rußseeschwalben (Onychoprion fuscatus, Syn.: Sterna fuscata) ab, oft über mehrere Tage. Das erste Ei der Rußseeschwalbe, das ein Hopu entdeckte, entnahm er dem Nest, band es sich mit einem Band aus Tapa-Rindenbaststoff um die Stirn, schwamm zur Hauptinsel zurück und kletterte wieder die steilen Klippen hinauf. Wer als erster ein unbeschädigtes Ei zurückbrachte, war für das folgende Jahr der Vogelmann (Tangata Manu).
→ siehe auch: Orongo (Osterinsel)#Kultische Bedeutung.
Dieser Titel war verbunden mit einer herausgehobenen und höchst prestigeträchtigen Stellung innerhalb der Gesellschaft. Aber das Fest war nicht nur religiöser Ritus, sondern hatte auch – vielleicht sogar vorrangig – den Zweck, den Status zwischen konkurrierenden Stämmen ohne Kriegshandlung festzulegen. Der siegreiche Clan hatte zudem handfeste materielle Vorteile, mit der Befugnis, Tribut an Nahrungsmitteln, Hühnern und Eiern von den anderen Clans zu requirieren.
Der Vogelmannkult erlosch, als es keine Priester und Schriftgelehrten mehr gab. Sie waren 1862/63 den peruanischen und chilenischen Blackbirdern zum Opfer gefallen und mehr noch den nachfolgenden Pocken- und Typhus-Epidemien, die die wenigen Rückkehrer einschleppten. Katherine Routledge schrieb, dass der Kult nach seinem Ende 1866 oder 1867 in entstellter und reduzierter Form noch einige weitere Jahre bestanden habe, bis das Christentum sich endgültig durchsetzte.
Der Kult des Vogelmannes ging einher mit einem signifikanten Wandel in der Form der Herrschaftsausübung auf der Osterinsel. Die prähistorische politische Gesellschaftsstruktur erkannte die Autorität der Häuptlinge (Ariki) unangefochten an, weil sie sich sowohl auf ihre Abstammung von den Gründervorfahren als auch (indirekt) auf ihre Herkunft von den Göttern selbst stützte.Alfred Métraux: Ethnology of Easter Island. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 160, Honolulu (HI) 1940 Der Vogelmannkult repräsentierte die Abkehr von diesem Prinzip. Der Sieger des Wettbewerbes erhielt seine herausgehobene Stellung nicht aufgrund seiner genealogischen Herkunft, sondern weil der Gott Makemake eben jenen Mann für das betreffende Jahr als seine physische Manifestation erwählt hatte.Taylor Robinson, Christopher M. Stevenson: The Cult of the Birdman: religious change at ‘Orongo, Rapa Nui. In: Journal of Pacific Archaeology, Bd. 8, Nr. 2, 2017 Dem Kult unterlag ein Leistungsprinzip, das von Makemake bestimmt war. Durch eine solche Zeremonie fanden die Matatoa, eine Kriegerkaste, einen Weg, sich untereinander zu messen und zudem – wenn auch nur für ein Jahr – über ein Maß an übernatürlichem Mana (spirituelle Energie und Macht) zu verfügen, das dem des Häuptlings ebenbürtig war.
Anhand der von Katherine Routledge aufgezeichneten Genealogie der Vogelmänner ließ sich die Zeremonie bis mindestens in das Jahr 1780 zurückdatieren, die Kulthandlung hatte also mehr als ein Jahrhundert Bestand, dokumentiert ist sie aber nur für den Zeitraum nach dem europäischen Erstkontakt. Der britische Journalist und Historiker Mike Pitts stellt daher die Frage, ob der Makemake-Kult durch das Zusammentreffen mit den Europäern, zum Beispiel den Spaniern im November 1770, inspiriert worden sein könnte, denn die Vorstellung eines einzigen Gottes ist der polytheistischen Kultur Polynesiens völlig fremd.Mike Pitts: Island at the Edge of the World. Mariner Books, New York 2025, ISBN 978-0-06-334467-9 Für diese These spricht, dass in einigen Steinhäusern von Orongo Zeichnungen von europäischen Schiffen (mit Rahsegel) gefunden wurden, in einem Fall sogar überlagert von einer Vogelmannzeichnung.Katherine Routledge: Survey of the Village and Carved Rocks of Orongo, Easter Island by the Mana Expedition. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, Bd. 50, 1920, S. 425–450 Allerdings zeigte die Auswertung archäologischer Funde mittels der Hydrationsdatierung von Obsidian (Obsidian hydration dating – OHD), dass die Kultstätte Orongo vom 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts genutzt wurde, also bereits deutlich vor dem europäischen Erstkontakt im Jahr 1722.Christopher Stevenson, Thegn Ladefoged et al.: Prehistoric settlement on Rapa Nui, Chile: An evaluation of obsidian hydration dating using infrared photoacoustic spectroscopy. In: Journal of Archaeological Science, Jg. 40, Nr. 7, 2013, S. 3021–3030
Eigenschaften Makemakes