Nephronophthise (nephron- von altgriechisch νεφρός, Niere; phthisis von altgriechisch φθίσις, Schwund) ist die Bezeichnung für eine Gruppe seltener ernsthafter genetisch bedingter Erkrankungen der Nieren. Die Krankheit ist eine autosomal-rezessive Form einer tubulointerstitiellen Nephritis. Die Nephronophthise führt zu Zystennieren an der kortikomedullären Grenze der Nieren. Sie gilt als eine Aufbrauchkrankheit der Tubuli.Roche Lexikon Medizin. 5. Auflage, Verlag Urban & Fischer, München / Jena 1984, ISBN 3-437-15156-8, S. 1304.Lexikon Medizin, 4. Auflage, Verlag Naumann & Göbel, Köln ohne Jahr , ISBN 3-625-10768-6, S. 1183.
Bisher sind mindestens zwanzig unterschiedliche Gene (Typen) bekannt, bei denen Mutationen oder Deletionen zur Nephronophthise führen können. Am häufigsten ist dabei die familiäre juvenile Nephronophthise (NPHP1).Andrea Titieni, Jens König: Nephronophthise und assoziierte Ziliopathien, in: medgen, doi:10.1007/s11825-018-0213-3 Biol Chem, 2018.Friedhelm Hildebrandt, R. Waldherr, R. Kutt et al.: The Nephronophthisis Complex: Clinical and Genetic Aspects, in: Clinical Investigation, 70. Jahrgang, 1992, S. 802–808.Friedhelm Hildebrandt: Nephronophthisis, in: M. T. Barrat, E. D. Avner, W. E. Harmon (Hrsg.): Pediatric Nephrology, Lippincott Williams & Wilkins, Baltimore 1997, S. 453–458.
Die Nephronophthise (englisch wie ursprünglich im Griechischen: nephronophthisis) wird (in Unkenntnis der altgriechischen Sprache) als NPHP (oder selten auch mit NPH) abgekürzt. Mitunter wird die Nephronophthise mit der medullary cystic disease (MCD; medullary cystic kidney disease MCKD; renal medullary cystic disease RMCD) gleichgesetzt.Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 978-3-86126-126-1, S. 1258.
Geschichte Nierentuberkulose Hippokrates von Kos bezeichnete mit dem Ausdruck Nephrophthisis die Nierenschwindsucht.Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage. Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 658. . Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive. Später hat man dann die Nierentuberkulose als Nephronophthisis beschrieben.Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1268. Denn die Tuberkulose nannte man damals auch Phthisis, also Schwindsucht. Die Wörterbuchautoren Otto Dornblüth und Willibald Pschyrembel definierten von der 10. Auflage 1921 bis zur 256. Auflage 1990 des Klinischen Wörterbuches noch „Nephrophthisis [ϕϑίω schwinde]: Nierentuberkulose“Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch, 23.–26. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Leipzig 1936, S. 376. im Rahmen einer Urogenitaltuberkulose.
Eine einseitige Nierenschwindsucht wurde früher oft (von den Urologen oder Chirurgen) mittels einer Nephrektomie behandelt. Heute wird die Urogenitaltuberkulose dagegen von den Lungenfachärzten medikamentös behandelt.
Bedeutungswandel Erstmals 1969 erwähnte Willibald Pschyrembel in der 185.–250. Auflage seines Klinischen Wörterbuches neben dem Stichwort Nephrophthisis auch die NephronophthiseWillibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 185.–250. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1969, S. 829. als Erbkrankheit. Erstmals in der 257. Auflage 1994 erwähnt Pschyrembel die tuberkulöse Nephrophthise nicht mehr. In der aktuellen 268. Auflage 2020 fehlen beide Stichwörter. Im aktuellen Medizin-Duden sowie auch im Handlexikon der MedizinGünter Thiele: Handlexikon der Medizin. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr , Band 3 (L–R), S. 1702 f. finden sich dagegen noch beide Lemmata.Duden: Das Wörterbuch medizinischer Fachausdrücke, 7. Auflage, Bibliographisches Institut, Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich 2003, ISBN 978-3-411-04617-1, S. 525.
Erbkrankheit „Im Jahre 1945 beschrieben Smith und Graham eine Nierenaffektion, die sie als medulläre Zystenniere bezeichneten (Nephronophthise).“François Reubi: Zystennieren und Grenzgebiete der Urologie, in: François Reubi: Nierenkrankheiten. 3. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern / Stuttgart / Wien 1982, ISBN 3-456-81140-3, S. 482–500, hier S. 486.Carl H. Smith, John B. Graham: Congenital medullary cysts of the kidneys with severe refractory anaemia, in: American Journal of Diseases of Children, 69. Jahrgang, S. 369–378 (Juni 1945). doi:10.1001/archpedi.1945.02020180033006.
„Die familiäre juvenile Nephronophthise wurde 1948 erstmals von Bori beschriebenD. V. Bori: Sopra due casi di nefrite cronica familiare, in: Policlin. infant. No. 12 (1948). und von FanconiGuido Fanconi, Ernst Hanhart, Ambrosius von Albertini, Erwin Uehlinger, G. Dolivo, Andrea Prader: Die familiäre juvenile Nephronophthise. (Die idiopathische parenchymatöse Schrumpfniere)., in: Helveticae Paediatrica Acta, Band 6, Nummer 1 (1951), S. 1–9. und ClarkeN. S. Clarke: Familial renal insufficiency, in: Arch. Dis. Childhood, Band 26, S. 351 (1951). ausführlich publiziert. Es sind bis jetzt etwa 50 Fälle bekannt geworden (StalderG. Stalder: Familiäre juvenile Nephronophthise, in: Hans Opitz, Franz Schmid (Hrsg.): Handbuch der Kinderheilkunde, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1966, 7. Band, S. 1150.).“Hellmut Nieth: Hereditäre und endemische Nephropathien vorwiegend interstitieller Lokalisation. In: Herbert Schwiegk (Hrsg.): Nierenkrankheiten im Handbuch der inneren Medizin, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1968, 5. Auflage, 8. Band, 2. Teil, S. 921–941, Zitat S. 921.
„Die familiäre juvenile Nephronophthisis (1951) ist ein erbliches Leiden, das mit Polydipsie, Polyurie, leichter Proteinurie, Anämie einhergeht und zu Urämie und Exitus führt.“Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 185.–250. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1969, S. 829.
Am 17. März 1973 erschien im British Medical Journal ein Hinweis auf einen genetischen Zusammenhang zwischen Rothaarigkeit und der Renal medullary cystic disease beziehungsweise der Familial juvenile nephronophthisis.British Medical Journal vom 17. März 1973, 1(5854), S. 631–632. brmedj01547-0013b.pdf.
Prävalenz Die Nephronophthise ist eine seltene Erbkrankheit. Die Prävalenz aller sechs Krankheitstypen zusammen liegt bei etwa 1 : 100.000. Die Angaben in der Literatur streuen jedoch erheblich. Dies liegt zum einen daran, dass die Krankheit recht selten ist, und zum anderen daran, dass die Diagnose schwierig ist. Es gibt Schätzungen für die USA, dass 9 Erkrankte auf 8,3 Millionen Lebendgeburten kommen.D. E. Potter u. a.: Treatment of end-stage renal disease in children: A 15-year experiance. In: Kidney International. 18, 1980, S. 103–109. PMID Dagegen liegen die Schätzungen für Kanada bei Lebendgeburten bei 1:50.000.R. Waldherr u. a.: Der Nephronophthise-Komplex. In: Nieren- und Hochdruckkrankheiten 12, 1983, S. 397–406.
Männliche und weibliche Patienten sind von der Erkrankung gleich häufig betroffen.Thalia Vetsi: Deletions- und Bruchpunktanalyse mittels Southern-Blot-Verfahren bei Familien mit Nephronophthise Typ 1 (NPH1). (PDF; 1,0 MB) Dissertation, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau, 2003.
Trotz der relativ geringen Häufigkeit der Nephronophthise ist sie die häufigste genetisch bedingte Ursache für terminales Nierenversagen in den ersten drei Lebensdekaden.Massimo Attanasio u. a.: Loss of GLIS2 causes nephronophthisis in humans and mice by increased apoptosis and fibrosis. In: Nature Genetics 39, 2007, S. 1018–1024. PMID 17618285Dominik Müller, Max Christoph Liebau: Syndromale und ziliäre Erkrankungen, in: Jörg Dötsch, Lutz T. Weber (Hrsg.): Nierenerkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Springer-Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-662-48788-4, S. 156.
Pathophysiologie Es kommt zu irreversiblen Schädigungen von Glomerulum und Tubulus. Die Glomeruli zeigen eine Fibrose und eine Sklerose. Die Tubuli atrophierenMartin Konrad: Nephronophthise. In: Karl Schärer, Otto Mehls (Hrsg.): Pädiatrische Nephrologie. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg 2002, ISBN 978-3-642-62621-0, S. 104. nach chronischer Entzündung (tubulointerstitielle NephropathieEkkehard Ring, Richard Fotter: Renal Failure and Renal Transplantation, in: Richard Fotter (Hrsg.): Pediatric Uroradiology, 2. Auflage, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-33004-2, S. 401–413, hier S. 403.) bis hin zur ZirrhoseMichael Riccabona, Ekkehard Ring: Renal Agenesis, Dysplasia, Hypoplasia and Cystic Diseases of the Kidney, in: Richard Fotter (Hrsg.): Pediatric Uroradiology, 2. Auflage, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-33004-2, S. 187–236, hier S. 197. (Nierenzirrhose, Nephrozirrhose, Nephrocirrhosis arteriosclerotica, genuine angiosklerotische SchrumpfniereWalter Frey, Friedrich Suter: Handbuch der inneren Medizin, 4. Auflage, 8. Band, Nieren und ableitende Harnwege: Die hämatogenen Nierenerkrankungen, die ein- und beidseitig auftretenden Nierenkrankheiten, Erkrankungen der Blase, der Prostata, der Hoden und Nebenhoden, der Samenblasen. Funktionelle Sexualstörungen, Springer-Verlag, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1951, S. 33.).R. Salomon, S. Saunier, P. Niaudet: Nephronophthisis. In: Pädiatrische Nephrologie, 24. Jahrgang, Dezember 2009, S. 2333–2344.Valentina P. Capone, William Morello, Francesca Taroni, Giovanni Montini: Genetics of Congenital Anomalies of the Kidney and Urinary Tract: The Current State of Play. In: International Journal of Molecular Sciences, Band 18, April 2017, S. 796. doi:10.3390/ijms18040796.
Die Glomerulopathie verringert die GFR meistens ohne weitere Symptome. Die Tubulopathie verkleinert die tubuläre Rückresorptionsquote TRR mit dem Symptom einer Polyurie im Rahmen eines Salzverlust-SyndromsKarl Vossschulte, Hanns Gotthard Lasch, Fritz Heinrich (Hrsg.): Innere Medizin und Chirurgie, 2. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1981, ISBN 3-13-562602-4, S. 795. mit Dehydratation und Exsikkose wegen der gesteigerten Diurese. Denn in den Nierenkanälchen „kommt es zu einer Transformation der ursprünglich überwiegend resorptiven Zellen zu sezernierenden Epithelien.“Mark Dominik Alscher, Ulrich Kuhlmann: Angeborene Nierenerkrankungen, in: Ulrich Kuhlmann, Joachim Böhler, Friedrich C. Luft, Mark Dominik Alscher, Ulrich Kunzendorf (Hrsg.): Nephrologie. 6. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 2015, ISBN 978-3-13-700206-2, S. 653–680, Zitat S. 654.
Besonders in den distalen Tubulusabschnitten ist dadurch die Rückresorption von Wasser und anorganischen Basen verringert, wahrscheinlich weil die Tubuli „nach einem vorzeitigen Aufbrauch nach ihrem Zugrundegehen sekundär durch Bindegewebe ersetzt werden.“Gustav-Adolf von Harnack: Kinderheilkunde, 3. Auflage, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1974, ISBN 3-540-06453-2, S. 352. Zur Urämie kommt es trotz der Tubulusschädigung bei einer gegenteiligen kompensatorischen Steigerung der tubulären Rückresorption wegen einer unzureichenden Flüssigkeitsaufnahme mit Reduktion des Herzzeitvolumens.
„Die Nephronophthise ist somit ein klassisches Beispiel für ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Gene, deren Fehlfunktion in einen gemeinsamen renalen Phänotyp mündet, aber sehr unterschiedliche extrarenale Manifestationen zeigt. Zur besseren Charakterisierung der Erkrankung wurde auch für die Nephronophthise eine Registerstudie etabliert (www.nephreg.de)“;Dominik Müller, Max Christoph Liebau: Syndromale und ziliäre Erkrankungen, in: Jörg Dötsch, Lutz T. Weber (Hrsg.): Nierenerkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Springer-Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-662-48788-4, S. 151–167, Zitat S. 155. diese ist zentraler Bestandteil des NEOCYST-Patientenregisters www.neocyst.de und wird im Universitätsklinikum Münster vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie von der Firma Novartis finanziell gefördert und von der Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie (GPN) unterstützt.
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