400px|mini|Überblick über das franziskanische Gelände mit antiker Synagoge und moderner Petruskirche
Kafarnaum (auch Kapernaum, , arabisch Talḥūm) ist eine Archäologische Fundstätte im Nordbezirk von Israel. Sie befindet sich am nordwestlichen Ufer des Sees Genezaret, etwa 5 km südwestlich der Einmündung des Jordan in den See und 16 km nordwestlich von Tiberias. Kafarnaum war als Schauplatz von Erzählungen des Neuen Testaments in der Spätantike ein christliches Pilgerziel und wurde dies wieder im 20. Jahrhundert.
Das Areal der archäologischen Stätte ist etwa 5 ha groß; der westliche Teil ist Eigentum der franziskanischen Kustodie des Heiligen Landes, der Ostteil gehört dem Griechisch-orthodoxen Patriarchat von Jerusalem. Die antike Siedlung wurde im 19. Jahrhundert mit der Ruinenstätte Talḥūm identifiziert. Der heutige Besucher des franziskanischen Geländes findet neben Resten antiker Wohnbebauung eine repräsentative spätantike Synagoge und ein „Haus des Petrus“ vor, letzteres überbaut durch eine moderne römisch-katholische Kirche.
Name Die altgriechische Schreibweise des Ortsnamens wird sowohl von frühen Handschriften des Neuen Testaments als auch von Flavius Josephus geboten.Flavius Josephus: Jüdischer Krieg 3, 519: ; Vita 403: . In den jüngeren Handschriften des Neuen Testaments lautet der Ortsname dagegen .Walter Bauer: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. 6. völlig neu bearbeitete Auflage hrsg. von Kurt und Barbara Aland. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1988, Sp. 867. Deshalb hat die Lutherbibel, die den Textus receptus übersetzte, diese Form des Namens.Mehrere evangelische Kirchen sowohl in Deutschland als auch in Dänemark tragen in dieser Tradition den Namen Kapernaumkirche. Kafarnaum ist die moderne ökumenische Schreibweise entsprechend den Loccumer Richtlinien (Einheitsübersetzung, Zürcher Bibel).
Der Midrasch Kohelet Rabba, ein im 6./7., eventuell 8. Jahrhundert n. Chr. in Palästina entstandenes Werk,Günter Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch. 9., vollständig neu bearbeitete Auflage. C. H. Beck, München 2011, S. 352. überliefert den hebräischen Ortsnamen „Nachums Dorf“, der durch eine byzantinische Inschrift in der Synagoge von Chammat Gader bestätigt wird.Johannes Pahlitzsch: Kapernaum, 1999, S. 257. Daneben gab es im spätantiken und frühmittelalterlichen Judentum andere Bezeichnungen des Orts, von denen eine, (Kfar) Tanḥūm, in frühislamischer Zeit als arabischer Ortsname Talḥūm übernommen wurde. Forschungsreisende des 19. Jahrhunderts missverstanden diesen Ortsnamen als Tall Ḥūm und interpretierten diesen Namen irrigerweise als Abkürzung von Tall Naḥūm.Moshe Fischer: Capernaum. Grand Rapids 2017, S. 251.
Identifikation und Ausgrabungen Während seiner ersten Palästinareise im Jahr 1838 entdeckte Edward Robinson die Überreste einer antiken Synagoge in Talḥūm, brachte diesen Fund aber nicht mit Kafarnaum in Zusammenhang. Erst 1866 identifizierte Charles William Wilson Talḥūm mit dem antiken Kafarnaum.Charles Wilson: The Recovery of Jerusalem: A Narrative of Exploration and Discovery in the City and the Holy Land. London 1871, S. 342. Das unbebaute Gelände, auf dem sich die Synagogenruine befand, gewann daraufhin an Wert. Die Samakieh-Beduinen als Eigentümer verkauften nach mehrjährigen Verhandlungen schließlich einen Teil an die franziskanische Kustodie (19. September 1894), die eine Umfassungsmauer aufführen ließ und ein Hospiz am Rand des Areals errichtete, um Steinraub zu verhindern. Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel hatte sich mit seiner Rechtsauffassung nicht durchsetzen können, dass das Gelände des antiken Kafarnaum in griechisch-orthodoxem Besitz sei; auch jüdische Kaufinteressenten waren nicht erfolgreich.Custodia Terrae Sanctae: The acquisition of the site of Capernaum.
Im 19. Jahrhundert war das Gelände von Talḥūm mit dunklen Basalttrümmern antiker Wohnhäuser übersät, mitten darin fielen die Reste der Synagoge durch ihre blendend weiße Farbe auf. Die Expedition Wilsons grub den Synagogenbau teilweise aus, der daraufhin im Rahmen des Survey of Western Palestine beschrieben und kartographiert wurde, aber auch seit seiner Freilegung weiterer Zerstörung ausgesetzt war. Bereits vor ihrem Erwerb des Areals hatten die Franziskaner die archäologische Stätte deshalb mit Erde überdeckt und bepflanzt, so dass eine Gartenanlage entstanden war.Heinrich Kohl, Carl Watzinger: Antike Synagogen in Galilaea. Leipzig 1916, S. 4 f.
1905 wurde die Synagoge zum zweiten Mal ausgegraben. Heinrich Kohl und Carl Watzinger (Deutsche Orient-Gesellschaft) erforschten das antike Gebäude; die Kustodie beauftragte anschließend den Franziskaner Wendelin van Menden mit der Fortführung der archäologischen Arbeiten, die dieser bis 1914 auf das Areal westlich der Synagoge ausdehnte.Custodia Terrae Sanctae: Excavations at Capernaum. Kohl und Watzinger beschrieben ihren Zustand nach Freilegung so: „Erhalten sind die ersten Schichten der Umfassungsmauern eines rechteckigen Bauwerkes und in seinem Innern Unterteile einer Säulenstellung. Von Nord nach Süd ist der Bau orientiert, sodaß in der südlichen Schmalseite die Haupteingänge liegen, zugänglich von einer Terrasse, die wegen der Geländesteigung hier vorgelegt war. Längs der Westseite lief eine 3 m breite, mit Basalt gepflasterte Straße mit Schwellen von Einzelhäusern, auf der Ostseite schließt sich ein mit Platten sorgfältig ausgelegter Hof an mit einem Säulenumgang und einer Umfassungsmauer, die an der Nord- und Südseite je drei Eingänge hatte.“Heinrich Kohl, Carl Watzinger: Antike Synagogen in Galilaea. Leipzig 1916, S. 5 f. Keine Säule war mehr an ihrem Platz. Meist waren sie verschleppt worden, wenige lagen in ursprünglicher Sturzlage nach Südwesten. In situ oder nur leicht verschoben waren die hohen quadratischen Basen (Stühle), auf denen die Säulen ohne Verdübelung gestanden hatten: fünf auf dem Ost-, vier auf dem West- und zwei auf dem Nordstylobat.Heinrich Kohl, Carl Watzinger: Antike Synagogen in Galilaea. Leipzig 1916, S. 22. Unter dem Architekturschmuck befand sich ein Wandfries mit Darstellung eines Wagens, der bereits im 19. Jahrhundert vom Palestine Exploration Fund publiziert worden war, seit der Zuschüttung der Ruine aber verschollen war und erst 1912 durch van Menden wieder aufgefunden wurde.Heinrich Kohl, Carl Watzinger: Antike Synagogen in Galilaea. Leipzig 1916, S. 35. Watzinger interpretierte diesen Wagen nicht als Kultgegenstand, sondern als römischen Prunkwagen (carruca). Auch der jüdische Patriarch hatte das Recht, wie ein hoher Staatsbeamter einen solchen Wagen zu verwenden. Daher sah Watzinger in diesem Wagen einen Verweis auf das Patriarchenamt, vgl. ebd., S. 193–195. Nach dem Ersten Weltkrieg führte der franziskanische Archäologe Gaudenzio Orfali die Ausgrabungen weiter, die schließlich mit einer Teilrekonstruktion der antiken Synagoge und einer Publikation (1922) zu einem vorläufigen Abschluss kamen. Orfali hielt die Synagoge für den Schauplatz des Wirkens Jesu. Außerdem grub er Reste einer oktogonalen Kirche direkt südlich der Synagoge aus.
Virgilio Corbo und Stanislao Loffreda führten Ausgrabungen von 1968 bis 1984 auf dem franziskanischen Areal durch. Vassilios Tzaferis grub im Auftrag der Israelischen Altertümerverwaltung von 1978 bis 1982 auf dem Areal der Griechisch-Orthodoxen Kirche.
Siedlungsgeschichte mini|Römischer Meilenstein nahe Kafarnaum
In späthellenistischer bzw. hasmonäischer Zeit nahm die Siedlungsdichte in Galiläa zu. Kafarnaum gehört zu einer Gruppe archäologisch untersuchter Orte, deren früheste Architektur aus dieser Phase stammt.Kenneth Atkinson: A History of the Hasmonean State: Josephus and Beyond. Bloomsbury T&T CLark, London u. a. 2016, S. 89. Kafarnaum lag an einer Nebenstraße der Via Maris, die nördlich von Gennesar (Tell el-Oreme) abzweigte, um dann ufernah an Kafarnaum vorbei in Richtung auf Bethsaida und von dort nach Damaskus im Nordosten ihren Weg zu nehmen.Valentin Schwöbel: Die Verkehrswege und Ansiedlungen Galiläas in ihrer Abhängigkeit von den natürlichen Bedingungen. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1903, S. 67 f.
Vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr. war Kafarnaum eine größere Siedlung („Großdorf“Jürgen Zangenberg: Kapernaum – Zu Besuch in Jesu «eigener Stadt». In: Ders. (Hrsg.): Leben am See Gennesaret. Philipp von Zabern, Mainz 2003, S. 99–103, hier S. 99.); die etwa 600 bis 1000 Einwohner, mehrheitlich jüdisch, lebten von Landwirtschaft und Fischerei. Nach dem Tod des Herodes 4. v. Chr. gehörte Kafarnaum zum Territorium des Herodes Antipas und wurde in dieser Zeit zum Grenzort, da sich weiter östlich das Herrschaftsgebiet des Herodes Philippos anschloss. (Das ist die im Neuen Testament vorausgesetzte Situation, das hier eine Zollstation erwähnt, möglicherweise mit einem kleinen Militärposten verbunden.)
Das älteste öffentliche Gebäude Kafarnaums war eine Synagoge aus Basalt, die in den ersten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts n. Chr. gebaut wurde und auch zu kommunalen Zwecken, als eine Art Gemeindehaus, diente.Anders Runesson: Architecture, Archaeology, and Identity Formation: Jews and Christians in Capernaum from the First to the Sixth Century. Tübingen 2007, S. 245 f. Sie wurde später durch einen Neubau an gleicher Stelle ersetzt, dessen Datierung in der Forschung diskutiert wird. Ein Wohnhaus neben der Synagoge, möglicherweise ein judenchristlicher Treffpunkt, wurde im 4. Jahrhundert mit einer Mauer umgeben; die Ausgräber bezeichneten diesen spätantiken Bau als domus-ecclesia („Hauskirche“). Wie die Ausgrabungen im Ostteil Kafarnaums zeigen (unter anderem ein Badehaus des 2./3. Jahrhunderts), nahm die nichtjüdische Bevölkerung Kafarnaums seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. zu.Anders Runesson: Architecture, Archaeology, and Identity Formation: Jews and Christians in Capernaum from the First to the Sixth Century. Tübingen 2007, S. 247. Im späten 5. Jahrhundert wurde die domus-ecclesia zerstört, um eine oktogonale Kirche an dieser Stelle zu errichten, einen Zentralbau, wie er für christliche Pilgerstätten typisch ist.
Der gesamte Ort war aus lokalem dunklem Basalt gebaut, bis auf die Synagoge und die achteckige Kirche, die aus weißem Kalkstein errichtet worden waren; dieses Baumaterial stammt aus Steinbrüchen in den Arbel-Klippen nördlich Tiberias. In fast allen ergrabenen Wohnhäusern fand Loffreda byzantinische Scherben mit Kreuzzeichen, woraus er schloss, dass die Synagoge im 5./6. Jahrhundert von christlichen Wohnvierteln regelrecht „eingekreist“ gewesen sei.Günter Stemberger: Juden und Christen im Heiligen Land. München 1987, S. 122. Im 5. Jahrhundert bestand die ungewöhnliche Situation, dass die benachbarten Gebäude Synagoge und Kirche gleichzeitig von den jeweiligen Religionsgemeinschaften genutzt wurden; was das für das alltägliche Zusammenleben von Juden und Christen in Kafarnaum bedeutete, kann durch literarische Quellen nicht erhellt werden.Moshe Fischer: Capernaum. Grand Rapids 2017, S. 252. Die Synagoge war das größere und repräsentativere Bauwerk. Michael Avi-Yonah kritisierte: „Dieser Stand der Dinge ist in unserem ökumenischen Zeitalter denkbar, aber es ist fast unmöglich, sich vorzustellen, dass die byzantinischen Behörden im 4. Jahrhundert so etwas genehmigt hätten.“Michael Avi-Yonah: Some Comments on the Capernaum Excavations. hier zit. nach Jodi Magness: The Question of the Synagogue: The Problem of Typology, Leiden 2000, S. 34. Möglicherweise bestand aber in Galiläa im 4./5. Jahrhundert eine lokale jüdische Selbstverwaltung, die dank guter Wirtschaftslage (auch aufgrund des christlichen Pilgertourismus) mehrere Synagogenbauten ermöglichte, die nicht von byzantinischen Behörden reglementiert wurden.Joan E. Taylor: Christians and the Holy Places: The Myth of Jewish-Christian Origins. Oxford University Press, New York 1993, S. 292.