Brigitte Klump (* 23. Januar 1935 in Groß-Linichen, Pommern; † 10. Juli 2023Traueranzeige in der Süddeutschen Zeitung, 22. Juli 2023, abgerufen am 24. Juli 2023. in München) war eine deutsche Autorin. Als privater Beschwerdeführer bei den Vereinten Nationen setzte sie sich für die Zusammenführung von getrennten Familien ein. Sie war ein Opfer von Zersetzungsmaßnahmen der DDR-Staatssicherheit. mini|hochkant|Brigitte Klump (1984)
Leben Brigitte Klump wuchs als drittes von fünf Geschwistern in Groß-Linichen, einem kleinen Dorf in Hinterpommern, als Tochter eines Landwirts und Kaufmanns auf. Als 1945 das Dorf im Krieg eingekesselt wurde, flüchtete die Familie in einem Lazarettzug nach Glöwen, Kreis Westprignitz (Mark Brandenburg). Hier beteiligte sich ihr Vater, ein Großraumlandwirt, an der Bodenreform und gründete die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in Glöwen, deren Leitung er übernahm. 1953, nach dem Abitur in Havelberg, volontierte Brigitte Klump in der Berliner Zentralredaktion der Wochenzeitung Der Freie Bauer. Die Redaktion delegierte sie 1954 zum Studium an die Fakultät für JournalistikDer Volksmund spricht vom Roten Kloster. Ein Besuch in der Fakultät für Journalistik der Leipziger Karl-Marx-Universität. In: FAZ, 1. Oktober 1955 der Karl-Marx-Universität Leipzig. Diese Fakultät wurde vom Volksmund das „rote Kloster“Wolfgang Paul: Erziehung im Roten Kloster. In: Kölnische Rundschau, 30. August 1978 genannt.
Im Januar 1956 sollte Brigitte Klump eine Seminararbeit schreiben, „Die Vulgarisierung der Literatur durch Bertolt Brecht“. Als Wieland Herzfelde – einer ihrer Lehrer und Brechts erster Verleger – davon erfuhr, schickte er sie damit zu Brecht in sein Theater am Schiffbauerdamm. Brecht lud die Leipziger Studenten ein, sich selbst eine Meinung zu bilden, eine Aufführung des Berliner Ensembles zu sehen und anschließend mit ihm zu diskutieren. Der Kulturklub der Leipziger Universität organisierte einen Sonderzug für 700 Studenten. Walter Ulbricht verhinderte die Reise durch die Vortäuschung von Gleisarbeiten. Helene Weigel ließ sich die ausgefallene Vorstellung von der Parteileitung der SED bezahlen. Dieser Verstoß gegen die Studiendisziplin aktivierte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gegen Brigitte Klump, ein naives Mädchen, das im Strudel der Ereignisse zur politischen Persönlichkeit reifte. Sie wurde mit den Methoden der Bespitzelung, Denunziation, Erpressung und psychischen Konditionierung zur sozialistischen Journalistin erzogen.
Als die parteilose Studentin sich nicht den Bewährungsaufgaben des MfS unterwarf, Freunde und Kommilitonen zu bespitzeln, suchte sie Rat bei Helene Weigel, der Intendantin des Brecht-Theaters, und machte im Berliner Ensemble 1956/57 ein Regiepraktikum unter der Leitung von Benno Besson, dem Schweizer Meisterschüler von Bertolt Brecht.Jürgen P. Wallmann: Die Witwen des Bertolt Brecht, in: Rheinische Post, 30. September 1978. Der Dekan der Fakultät, Hermann Budzislawski, eröffnete Helene Weigel während eines Kamingesprächs, dass BewährungsaufgabenKarl Corino Unter dem Druck der Organe. in "Deutsche Zeitung", 20. August 1978 für das MfS unverzichtbar für die Erteilung des Diploms eines sozialistischen JournalistenErhard Schreiber Warum die DDR bei ihren Journalisten auf Vorzensur verzichten kann, in: Rheinischer Merkur, 1. September 1978. seien. Brigitte Klump floh am 13. November 1957 aus der DDRStefan Mikorey Auch Brigitte Klump floh vor dem Einheitsdenken, in: Münchner Merkur, 7. September 1978. und setzte ihr Studium an der Freien Universität in West-Berlin fort.
Brigitte Klump heiratete 1958 in erster Ehe Johannes Zirwas, den späteren Professor der Soziologie, 1960 in zweiter Ehe Wolf Heckmann, den späteren langjährigen Chefredakteur der Hamburger Morgenpost, ließ sich exmatrikulieren und wurde Mutter zweier Kinder.
Wirken Als 1978 ihr erstes Buch Das rote Kloster im Verlag Hoffmann und CampeVerlagsankündigung, 4 Jahre Elite-Schulung in der DDR. Ein mutiges Buch über unvorstellbare Verhältnisse. In: FAZ, Oktober 1978 erscheinen sollte, schaltete sich das Ministerium für Kultur der DDR ein und bot durch den Unterhändler Otto Gotsche, Mitglied des ZK der SED, dem Verleger Rüdiger Hildebrandt 1 Million DM in Lizenzen an, damit er diese Autobiografie nicht veröffentliche. Er lehnte ab, weil er nicht als ein Verleger in die Geschichte der Literatur eingehen wollte, der ein Buch unterdrückt habe. Dieses Buch, ein Dokument der Zeitgeschichte, gelangte in kürzester Zeit auf die vorderen Ränge der Bestsellerlisten des Nachrichtenmagazins Der Spiegel sowie der Bestenliste der Literatur und löste ein gewaltiges Medienecho aus.
Privater Beschwerdeführer bei den Vereinten Nationen 1979 wurde Brigitte Klump erneut in deutsch-deutsche Querelen hineingezogen, als ihr 19-jähriger Neffe Klaus Klump versuchte, über die Grenze zu fliehen, um bei seinem Onkel Wolf Heckmann in Hamburg Journalist zu werden."Klaus Klump" auf dem RundfunkWiki Die Flucht misslang, er kam ins Gefängnis. Die DDR lehnte über den Rechtsanwalt Wolfgang Vogel jeden Freikaufversuch ab. Klump suchte das Generalsekretariat der Vereinten Nationen in New York und das Auswärtige AmtBotschafter Dr. Helmut Türk vom 16. November 1978 auf und erfuhr von dem UNO-Verfahren 1503. Seit 1980 war Klump als privater Beschwerdeführer bei den Vereinten Nationen in Genf tätig. Mit ihren Sammelbeschwerden half sie, deutsch-deutsche Familien zusammenzuführen, wenn innerdeutsche Verhandlungen an den beharrlichen Absagen der örtlichen DDR-BehördenHeiner Emde: Das Gift der Natter – Wie die Stasi eine westdeutsche Frau bekämpfte, die DDR-Bürgern zu legaler Ausreise verhalf. In: Focus, 11. November 1996 scheiterten. Die Ausreise aus der DDR wurde Klaus Klump und seinen Eltern am 13. November 1980, drei Monate nach dem Überreichen der UN-Sammelbeschwerde, gewährt und bestätigte damit die Wirksamkeit der UNO Methode 1503, die Brigitte Klump zur Anwendung der Resolution 1503(XLVIII)ECOSOC entwickelt hatte. Jetzt zeigte sich, dass mit dem Nachdruck der Vereinten Nationen die Familienzusammenführungen ohne Freikauf möglich waren. 1981 beschreibt Brigitte Klump in ihrem zweiten Buch, Freiheit hat keinen Preis, einem Report über nationale und internationale Politik, die Durchsetzung der UNO-Methode 1503. Der Menschenhandel war seit 1973, mit dem Zutritt beider deutscher Staaten zu den Vereinten Nationen (UN), zum Imageproblem geworden. Durch die insgesamt verbuchten Einnahmen von 3,4 Milliarden DM für den Menschenhandel wurde die DDR regelrecht dazu verführt, systematisch Menschen auf Vorrat einzukerkern, um sie dann stückweise für 95.875 DM durch Rechtsanwalt Wolfgang Vogel an die Bundesrepublik Deutschland zu verkaufen. Verleger Rüdiger Hildebrandt, inzwischen Chef des Hauses Droemer Knaur, kaufte 1983 die Taschenbuchrechte von Freiheit hat keinen Preis auf und verhalf diesem Buch zu einem großen Medienerfolg, vor allem in ARD- und ZDF-Fernsehsendungen, die in der DDR gesehen wurden und so praktische Bürgerhilfe leisteten.
Hungerstreik zugunsten von DDR-Sportlern Im Fall der geflüchteten Sportler der DDR verweigerte das Politbüro des Zentralkomitees der SED hartnäckig bis zu sieben Jahren die Familienzusammenführung. Brigitte Klump mobilisierte 1984 einen Hungerstreik,Seit sieben Jahren warten die Sportler auf das Wiedersehen/Brigitte Klump setzt den Hungerstreik für Familienzusammenführungen fort. In: FAZ, 17. September 1984 den sie in Stafette an die SportlerKlaus Blume Psychoterror gegen Familien geflüchteter DDR-Sportler weitergab, der sich viele Gymnasiasten anschlossen. Der Medienrummel führte dazu, dass Egon Krenz, Politbüro-Mitglied, verantwortlich für den Sport der DDR, das Ausreiseverbot der getrennten FamilienJürgen Lösselt: Seit sieben Jahren lässt die DDR die Familien von sechs geflüchteten Trainern und Sportmedizinern nicht ausreisen. In: Stuttgarter Zeitung, 16. September 1984 aufheben ließ. Nach der Wiedervereinigung entschuldigte sich der mit dem Freikauf befasste DDR-Anwalt Wolfgang VogelHat Vogel Geld von der Stasi erhalten? Vorwurf der Berliner Arbeitsgruppe Regierungskriminalität. In: FAZ, 23. Juli 1993 am 13. November 1991 brieflich bei Brigitte Klump, dass sie unter den damaligen Verhältnissen nicht kooperieren durften. Und er beteuerte, dass er keinesfalls in den Fällen ihrer UNO-Beschwerde bei der Bundesregierung abgerechnet habe. Da die DDR eine Schmälerung ihres internationalen Ansehens fürchtete, gab sie von 1980 bis 1989 ohne jede weitere Repressalie die 4.000 BürgerSylke Temple: Eine Überzeugungstäterin – Die Schriftstellerin Brigitte Klump verhalf 4.000 Menschen zur Ausreise aus der DDR. Gegen östlichen und westlichen Widerstand. In Wochenpost, 30. März 1995 der DDR frei, die auf den Klump-Sammellisten als Opfer aufgelistet waren. Falls Übergriffe des MfS gegen UNO-Petenten versucht wurden, protestierte Brigitte Klump mit einem Telegramm beim Generalstaatsanwalt der DDR dagegen und erreichte so, dass in solchen Fällen innerhalb von 14 Tagen die Ausreise verfügt wurde. Da die Behörden aus Menschen bestehen, die von Vorgesetzten nicht gern zur Verantwortung gezogen werden wollen, überlegte sich Brigitte Klump, diese DDR-Behörden zu verschonen, wenn sie zur Kooperation bereit waren, und weitete ihre UNO-Methode zum Kooperationsmodell aus. Sowie sie eine Sammelliste im Sekretariat der UNO in Genf eingereicht hatte, unterrichtete sie mit einer Vorabinformation die betroffene Behörde der DDR und ersuchte um sofortige Abwicklung, da so das UNO-Verfahren vermieden werden könnte. Die Behörden bedankten sich im Regelfall für diese Vorabinformation mit der stillschweigenden Genehmigung der Übersiedlung innerhalb eines Jahres, so dass eine Anklageerhebung der UN vermieden werden konnte. Das Kooperationsmodell bot sich deshalb an, weil Muammar al-Gaddafi die Abstimmungen in der UN-Menschenrechtskommission mit seiner damaligen Organisation für Afrikanische Einheit (OUA) majorisierte (heute Afrikanische Union, AU) und mit den Stimmen seiner 53 Staaten seinen politischen Freund Erich Honecker regelmäßig zu begünstigen suchte.
Rezeption Maßnahmen der Staatssicherheit Nach der Wiedervereinigung Deutschlands zeigte sich in der „Gauck-Behörde“, dass mit der Tätigkeit der „Feindperson“ Brigitte Klump grenzüberschreitend die Zentrale Koordinierungsgruppe (ZKG) Abt. 5 des MfS befasst war und den Operativen Vorgang „Kloster“ angelegt hatte. Laut BStU-Unterlagen belegte das Ministerium für Staatssicherheit Brigitte Klump bis 1989 auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland mit „Zersetzungsmaßnahmen“. 19 Hauptabteilungen waren von den Stellvertretern des Ministers Erich MielkeAuskunftsbericht-VVS 0107-17047/86, 1986. zur Kompromittierung, Bespitzelung und Desinformation auf die Autorin und ihre Familie angesetzt. Gerhard Neiber, Markus Wolf, Werner Großmann und Rudi Mittig ließen die Autorin bis zum Ende der SED-Diktatur in der DDR rund um die Uhr mittels Postkontrollen, Telefonüberwachungen und Einbrüchen in ihre Wohnung überwachen.
Medienecho in der Bundesrepublik In der Bundesrepublik Deutschland berichteten alle großen Printmedien,Arnd Brummer: Geschichte über Brigitte Klump löste Hunderte von Briefen aus / Ein gewaltiges Echo. In: Stuttgarter Zeitung, 20. Juni 1982 HörfunkManfred Moschner: Das rote Kloster. In: Deutsche Welle, 22. September 1978 und Fernsehen über Das rote KlosterEine deutsche Erziehung. In: Luzerner Tagblatt, 21. Oktober 1978. und Brigitte Klumps UNO-Methode. Gerhard Zwerenz: Attentäter und Geheime Dienste. In: Frankfurter Rundschau, 21. Oktober 1978, Dieter Hildebrandt: Nachlaß aus dem Roten Kloster. In: Die Zeit, 20. Oktober 1978 Rolf Donner: Erstürmt die Höhen der Kultur. In: Der Spiegel, 7/1980 Methode 1503, im Alleingang will eine Bundesbürgerin durchboxen, daß die DDR wegen Menschenrechtsverletzungen von der UNO verurteilt wird. In: Der Spiegel, 36/1980 Geschieden durch Mauer und Stacheldraht. In: Stern, 4. Oktober 1984