mini|hochkant=1|Mirza Abu’l-Fadl-i-Gulpaygani mini|hochkant=1|Mirza Abu’l-Faḍl porträtiert von Alice Pike Barney im Smithsonian American Art MuseumMirza Abul Fazl, auf der Website des Smithsonian American Art Museums. Abgerufen am 10. Oktober 2021. Mirza Muhammad () oder Mirza Abu’l-Faḍl-i-Gulpaygani (* Juni oder Juli 1844Quellen geben als Geburtsdatum Dschumādā th-thāniya (Jamádí al-Ukhrá) 1260 islamischer Zeitrechnung an. Das entspricht dem Zeitraum zwischen 18. Juni 1844 und 16. Juli 1844. Umrechnung gemäß diesen Tools des Asien-Orient-Instituts der Universität Zürich. bei Golpayegan, Iran; † 21. Januar 1914 in Kairo, Ägypten) war ein iranischer Theologe und Religionshistoriker. Er schloss sich der Bahai-Religion an und trug wesentlich dazu bei, dass diese sich in Ägypten, Turkmenistan und den Vereinigten Staaten verbreitete.

Leben Abu’l-Faḍl wurde in einem Dorf bei Gulpayegan, ca. 200 km nördlich von Isfahan geboren. Mit Vornamen hieß er Muhammad, und wählte, wie damals im Orient üblich, für sich als Ausdruck seines Wunsches nach Wissenserwerb den Beinamen Abu’l-Faḍl aus, was so viel wie „Vater der Gelehrsamkeit“Hans Wehr gibt als Übersetzung für faḍl „Bildung“ an. Moojan Momen übersetzt es mit virtue, was „Rechtschaffenheit“ oder „Tugend“ bedeutet; Babak Farrokhzad: Den Wahrheitsanspruch aller Religionen begründen – Universalität apologetischer Argumentation im Kitábu'l-Fará'id des Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání. (= Schriftenreihe der Gesellschaft für Bahá'í-Studien, Band 9). Bahá’í-Verlag, Hofheim 2006, ISBN 3-87037-444-6, S. 31. bedeutet. Er entstammte einer vermögenden Familie,Ruhollah Mihrabkhani: Zindigání-i-Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání. Bahá'í-Verlag, Langenhain 1988, ISBN 3-87037-940-5, S. 21 gibt den Verkehrswert eines Dorfes nahe Gulpayegan, das sein Vater besaß, mit ca. 10 Mio. Rial an. Ende der 1970er entsprach 1 Tuman ca 0,15 USD, so dass der Verkehrswert bei 142 Tsd USD lag. Unter Berücksichtigung der amtlichen Inflationsrate (CPI) wären das heute ca. 600Tsd $. Umrechnung des Verkehrswertes über den Goldpreis, was den Kaufkraftverlust von Währungen besser abbildet (s. dazu eingehend Jastram: The Golden Constant und Ray Dalio: Managing Debt Crises), führt zu einem deutlich höheren Wert. Ende der 1970er entsprachen 142 Tsd. USD etwa 900 Unzen Feingold. Das ergibt ca. 1,8 Mio. USD im Jahr 2020. Diese Abschätzung ist konservativ, denn eigentlich bestimmen die Reinerlöse aus der Produktion des Dorfes dessen Verkaufswert als produzierende Einheit, und dieser liegt bei jedem Unternehmen deutlich über dem Verkaufswert der Grundstücke. Ebenso ist das große Anwesen, in dem die Familie wohnte, hier nicht berücksichtigt. sein Vater war ein bekannter schiitischer Geistlicher und genoss sehr hohes Ansehen in der Bevölkerung Isfahans und Teilen Irans bis hin nach Ägypten.Ruhollah Mihrabkhani: Zindigání-i-Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání. Bahá'í-Verlag, Langenhain 1988, ISBN 3-87037-940-5, S. 20. Der Titel des Vaters mit Sharí‘at Madár, was im klassischen Persischen so viel bedeutet wie „Dreh- und Angelpunkt der göttlichen Gesetze und Normen“ (s. burhán-i-qáṭi‘, vajehyab.com). Dass er als Schiit von sunnitischen Gelehrten in Ägypten als „Gelehrter des Volkes“ bezeichnet wurde, ist ein besonders belastbarer Beleg für sein Ansehen, denn die Schia und die schiitischen Gelehrten sind unter den Sunniten als heterodox angesehen.

Ausbildung Abu’l-Faḍl genoss eine umfassende Ausbildung nach dem traditionellen Curriculum der islamischen Theologie, besonders in islamischer Philosophie, islamischer Mystik und islamischer Jurisprudenz, zunächst in seinem Heimatort, später in Isfahan, einem bedeutenden Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit seit der Epoche der Safawiden. In dieser Zeit beschäftigte er sich auch mit dem damals neu entstehenden farsí sara, einer Ausprägung des Neupersischen,Pársí-ye moṭlaq (auch fársíy-i sare) heißt etwa „reines“, „pures“, „makelloses Persisch“. Es bezeichnet das geschriebene und gesprochene südliche Neupersisch, das in dem Großraum zwischen den heutigen iranischen Regionen im Süden Fars und im Osten Sistan benutzt wurde. Pársí-ye moṭlaq hatte zahlreiche mittelpersische Merkmale und lexikalische Elemente in sich aufbewahrt und enthielt kaum Lehngut aus dem Arabischen; Mehrdad Saeedi: Wiederentdeckung von sprachlicher Gemeinsamkeit – Iranische Sichtweisen auf „tadschikisches Persisch“, S. 62. das man von arabischen Fremdwörtern bereinigen wollte und das im Kreise der Iraner, die das schiitische Erbe durch eine rein persische Kultur ablösen wollten, beliebt war.Mehrdad Kia: Persian nationalism and the campaign for language purification. In: Middle Eastern Studies, Band 34,2 (1998), 9–36, hier Seite 9. Ebenso studierte er fremde Religionen, deren Bücher er las und mit deren Anhängern er sich persönlich austauschte. Seine Studien in Neupersisch und nichtislamischen Religionen betrieb er heimlich, um nicht den Argwohn konservativer Kleriker in Isfahan zu erwecken. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit traditioneller islamischer Astronomie und Medizin. Nach Beendigung der Ausbildung ging er in den arabischen und nichtarabischen Irak, das Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit schlechthin, und studierte bei bekannten Geistlichen wie dem schiitischen Ajatollah Mohammad Hasan Schirazi und dem sunnitischen Mufti Mahmud al-Alusi.Ruhollah Mihrabkhani: Zindigání-i-Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání. Bahá'í-Verlag, Langenhain 1988, ISBN 3-87037-940-5, S. 32ff.

Jahre in Teheran Im Jahre 1873 ging er nach Teheran und lehrte an einer Madrasa, deren Schirmherrin die Königin-Mutter war. Aufgrund seines herausragenden Wissens wurde er kurze Zeit später, noch vor seinem 30. Geburtstag, zu deren leitenden Dozenten ernannt.„Master Teacher“; Banani: Introduction. In: Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání: Miracles and Metaphors. Kalimát-Press, Los Angeles 1981, ISBN 0-933770-22-7, S. X. Ruhollah Mihrabkhani: Zindigání-i-Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání. Bahá'í-Verlag, Langenhain 1988, ISBN 3-87037-940-5, S. 39ff, der von der Leitung (ríyásat) spricht. Neben der Lehrtätigkeit führte er seine Studien in Neupersisch weiter fort und erreichte auf diesem Gebiet ein sehr hohes Niveau.Zahlreiche Beispiele seiner Briefe in Neupersisch finden sich in Touraj Amini (Hrsg.): Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání dar Á'iniyih Asnád. Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání im Spielgel der Dokumente aus dem staatlichen iranischen Archiv. Nahal Foundation, Madrid 2015, ISBN 978-84-606-7504-4, Teil III, S. 336–366 und verteilt bei Ruhollah Mihrabkhani: Zindigání-i-Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání. Bahá'í-Verlag, Langenhain 1988, ISBN 3-87037-940-5. Zusätzlich suchte er die Nähe europäischer Dozenten am neu entstehenden Polytechnikum Dar al-Fonun, tauschte sich mit ihnen über die Fortschritte in Europa und die dort üblichen modernen Methoden wissenschaftlichen Arbeitens aus – u. a. mit Jules Richard, dem persönlichen Übersetzer des Shah, der auch an Ausgrabungen in Schahr-e Rey mitwirkte und modernste Techniken der Photographie in Iran einführte.Julius Richard, auf der Website des British Museums. Abgerufen am 7. September 2021. Siehe auch Shireen Mahdavi: RISHĀR KHAN. In: Encyclopædia Iranica, online edition, 2016. Abgerufen am 7. September 2021. Ebenso suchte er das Gespräch mit buddhistischen Gelehrten, die damals in Teheran weilten.Ruhollah Mihrabkhani: Zindigání-i-Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání. Bahá'í-Verlag, Langenhain 1988, ISBN 3-87037-940-5, S. 40.

Übertritt zum Bahaitum und Haft In Teheran machte er die Bekanntschaft von Bahai, die hartnäckig das Gespräch mit ihm suchten. Zunächst nahm er sie nicht ernst und spottete über sie. Als im Jahre 1876 ein einfacher Hufschmied, der Analphabet war, die traditionelle schiitische Lehre aber sehr gut kannte, ihn mit den eklatanten Widersprüchen in den schiitischen Überlieferungen konfrontierte,Adib Taherzadeh: Die Offenbarung Bahá'u’lláhs, Band 3: ‘Akká, die ersten Jahre 1868–77. Bahá'í-Verlag, Langenhain 1992, ISBN 3-87037-295-8, S. 123 ff. beschreibt diese Begegnung sehr ausführlich. Ebenso Banani in seiner Einleitung zu Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání: Miracles and Metaphors. Kalimát-Press, Los Angeles 1981, ISBN 0-933770-22-7. Siehe auch Michael Curtotti: Mirza Abu’l Fadl – the Man Who Would Not Believe. In: beyondforeignness.org vom 26. August 2017. Abgerufen am 7. September 2021. war er zunächst verstört und erkannte, dass unkritisches, wörtliches Verständnis der Heiligen Schriften mit aufgeklärtem Glauben und gesundem Menschenverstand nicht konform gehen. Ebenso fiel ihm auf, dass nicht nur er, sondern auch andere schiitische Gelehrte die einfachen Rätsel der religiös ungebildeten Bahai nicht qualifiziert beantworten konnten. So widmete er sich fortan dem Studium der Religionen und Heiligen Schriften mit dem Ziel, zu einem aus gläubiger Sicht gültigen Verständnis zu kommen, das mit den verschiedenen Heiligen Schriften übereinstimmt und für den menschlichen Verstand annehmbar ist.Banani: Introduction. In: Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání: Miracles and Metaphors. Kalimát-Press, Los Angeles 1981, ISBN 0-933770-22-7, S. X-XI. Diese Darstellung seiner Vita, verfasst von einem Professor für persische Literatur an der Universität Berkeley, enthält wichtige Hinweise über die Geisteshaltung und Herangehensweise von Abu'l-Faḍl an Wissenschaftliche Fragestellungen, besonders wenn Fakten sowie Daten zu dem bisher Geglaubten nicht zusammenpassen. Nach eigener Darstellung, widmete er sich besonders der systematischen Validierung der Beweise, die die Bahai für diesen neuen Glauben vorbrachten – anhand ihrer eigener Schriften, aber auch mit Anhängern und Gelehrten anderer Religionen. Er kam zu dem Schluss, dass es sich hier um eine authentische neue Religion handelt und fand zum neuen Glauben.Brief von Mírzá Abu'l-Faḍl, zitiert in Ruhollah Mihrabkhani: Zindigání-i-Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání. Bahá'í-Verlag, Langenhain 1988, ISBN 3-87037-940-5, S. 47. Mirza Abu'l-Fadl: Alexandrinisches Traktat (Rasáyliyih Iskandarániyyih). In: ders.: Miracles and Metaphors. Kalimát-Press, Los Angeles, US 1981, ISBN 0-933770-22-7 (ad-Durar al-Bahíyya aus dem Englischen übersetzt von Juan Ricardo Cole), S. 81ff. Allerdings erklärte er seinen Glauben nicht öffentlich, sondern bestand auf einem Zeichen. Dies ging für ihn in Erfüllung, als Bahá’u’lláh den Untergang des osmanischen Sultans acht Monate im Voraus vorhersagte. Am 20. September 1876 konvertierte Abu’l-Faḍl zur Bahai-Religion, als sich die Prophezeiungen aus Baha’u’llahs Lawh-i-Ra’is („Tafel an den Herrscher“) und Lawh-i-Fu’ad („Tafel von Fu’ad“) über den Untergang von Abdülaziz, dem Sultan des Osmanischen Reiches, und dessen Wesir Mehmed Emin Ali Pascha erfüllten.Darstellung von Mírzá Abu'l-Faḍl zitiert in Ruhollah Mihrabkhani: Zindigání-i-Mírzá Abu'l-Faḍl-i-Gulpáygání. Bahá'í-Verlag, Langenhain 1988, ISBN 3-87037-940-5, S. 47. Für eine ausführliche Darstellung siehe Adib Taherzadeh: Die Offenbarung Bahá'u’lláhs, Band 3: ‘Akká, die ersten Jahre 1868–77. Bahá'í-Verlag, Langenhain 1992, ISBN 3-87037-295-8, S. 123ff. Als Abu’l-Faḍl anfing, aktiv den neuen Glauben zu lehren, und bekannt wurde, dass er zu diesem übergetreten war, verlor er seine Stellung an der Madrasa. Seine Geschwister und Verwandten nutzten diese Gelegenheit, um ihn zu enterben.