Daniel Boyarin (* 1946 in Asbury Park, New Jersey; ) ist ein US-amerikanischer Religionsphilosoph. Seit 1990 lehrt er Talmud im Fachbereich Nahost-Studien der Universität von Kalifornien in Berkeley.

Leben und beruflicher Werdegang Boyarin ist amerikanischer und israelischer Staatsbürger. In: nes.berkeley.edu, abgerufen am 23. September 2015. Er definiert sich selbst als „orthodoxen“ Juden, und zwar in dem Sinne, dass er sich sowohl dem zwingenden Charakter jüdischer Praxis für Juden verpflichtet weiß als auch eine radikale Veränderung innerhalb der sich „orthodox“ nennenden jüdischen Gruppe für notwendig erachtet.

Nach seinem Studium am Goddard College und an der Columbia-Universität verfasste Daniel Boyarin seine Dissertation am reformorientierten Jewish Theological Seminary of America. Danach war er Professor an der Ben-Gurion-Universität im Negev, an der Hebräischen Universität Jerusalem und an der Bar-Ilan-Universität, in Yale und Harvard, an der Yeshiva University und an der Berkeley-Universität. Er ist Mitglied des Enoch Seminars und arbeitet an der Henoch-Zeitschrift. 2005 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Als Preisträger des Humboldt-Forschungspreises lehrte er 2016/2017 als Gastprofessor am Seminar für Katholische Theologie der Freien Universität Berlin.

Wirken Überblick Boyarins Veröffentlichungen lassen eine umfassende Beschäftigung mit der biblischen und talmudischen, parabiblischen (außerkanonischen) und damit zusammenhängenden antiken Literatur erkennen. Sie reichen von der textkritischen Edition (Traktat Nasir) über die Behandlung der Auslegungsmethodik (Midrasch sowie close reading), Fragen der Religionswissenschaft (Messias und Menschensohn), Religionsgeschichte (Diaspora sowie Märtyrertum) und Religionssoziologie (Judäo-Christentum und parting of the ways [Trennung der Wege von Judentum und Christentum]) bis hin zu exegetischen Arbeiten (zu Talmud, Tanach, Daniel, Henoch, Evangelien, Paulus u. v. a.) und philosophischen Schriften (zu Sokrates) sowie zur Genderthematik (Gender Studies und Queer-Theorie). Zahlreiche Übersetzungen ermöglichten die internationale, teils zustimmende, teils in Frage stellende Rezeption Boyarins.

Intertextualität und Kontextualismus Beispielhaft für das frühe Schaffen Boyarins stehen folgende Themen aus der Schrift Intertextuality and the reading of Midrash [etwa: Intertextualität und die Lesart des Midrasch. 1990]:Daniel Boyarin: Intertextuality and the reading of Midrash (= Indiana studies in biblical literature. [oh. Nr.]). Indiana University Press, Bloomington/Indianapolis 1994, ISBN 0-253-20909-9. (Die Zitate im Folgenden nach dieser Ausgabe. Die Originalausgabe bei Indiana University Press, Bloomington 1990, ISBN 0-253-31251-5.)

Boyarins Ansatz Boyarin befasst sich hier insbesondere mit folgenden Methoden: Intertextualität: Interaktion innerhalb des Midrasch. Ein Teil der Texte antwortet auf andere Texte innerhalb des Midrasch. Es findet eine Interaktion mit Teilen innerhalb des gleichen Textes statt. Kontextualität: Wann und wo fand die Kon-Versation bzw. der Dialog mit Texten außerhalb des Midrasch, seien sie biblischer oder anderer Art, statt. Extratextualität: Extratextuelle Realität bzw. Geschichte nimmt Einfluss auf den Midrasch. So das Märtyrertum des Rabbi Akiba. Die aggadischen Geschichten antworten auf die neutestamentliche Geschichte des Christentums.

Boyarin vertritt die These, dass die Intertextualität eine Methode sei, den Midrasch zu verstehen. Diese Methode habe verschiedene Richtungen; er hält drei davon für wichtig zum Verstehen des Midrasch: Die erste Methode sei, dass der Text immer aus einem Mosaik des bewussten und unbewussten Zitierens früherer Dialoge besteht. Die zweite sei, dass Texte ihrer Art nach einen Dialog führen, ein Beispiel für Kontextualismus darstellen und dass die Bibel ein Beispiel solch eines Textes ist. Die dritte Methode sei, dass es kulturelle Codes gibt.„The sovereign notion informing the present reading of midrash is intertextuality. This concept has several different accepted senses, three of which are important in my account of midrash. The first is that the text is always made up of a mosaic of conscious and unconscious citation of earlier discourse. The second is that texts may be dialogical in nature – contesting their own assertions as an essential part of the structure of their discourse and that the bible is a preeminent example of such a text. The third is that there are cultural codes.“ Boyarin: Intertextuality and the reading of Midrash. S. 12.

Boyarin stellt sich die Rabbiner als Leser vor und meint, dass diese das Beste tun würden, um der Bibel für sich selbst und für ihre damalige Zeit einen Sinn abzugewinnen. So sei der Text der Torah voller Lücken, in die der Leser rutschen würde. Der Leser würde dann den Text deuten und die Lücken mit den Codes der Kultur schließen. Der Midrasch sei nach Boyarin eine Schilderung der Wirklichkeit, wie sie die Rabbiner durch ihre ideologisch gefärbten Brillen empfanden. Es sei auch zu berücksichtigen, wie die Rabbiner die Torah in ihrer Zeit lasen und welche Wirkung das Lesen eines heiligen und maßgebenden Textes in der rabbinischen Kultur bedeutete.„I will imagine the rabbis as readers doing the best they could to make sense of the Bible for themselves and their times […] The text of the Torah is gapped […] and into the gaps the reader slips, interpreting and completing the text in accordance with the codes of his or her culture […] Midrash is a portrayal of the reality which the rabbis perceived in the Bible through their ideologically colored eyeglasses […] we try to understand how the rabbis read the torah in their time […] and trying to understand how a committed reading of the holy and authoritative text works in the rabbinic culture.“ Boyarin: Intertextuality and the reading of Midrash. S. 14 und 15.

Die Verbindung all dieser Einblicke in die Rolle von Intertextualität führt zu folgendem Resultat: Die biblische Erzählung (Narrativ) ist lückenhaft und voller Dialoge. Die Rolle des Midrasch ist es, die Lücken auszufüllen. Das Material, um die Lücken auszufüllen, werde wie folgt bereitgestellt: Einerseits werde das Material innerhalb des Textes bereitgestellt. Im Kanon selbst und dem Wechselspiel verschiedener Teile des Kanons zueinander mit ihren interpretierenden Wechselbeziehungen zueinander sei das Material zu finden. Andererseits sei das Material auch in der ideologischen intertextuellen Code der rabbinischen Kultur zu finden.„The biblical narrative is gapped and dialogical. The role of the midrash is to fill in the gaps […] The materials which provide impetus for the specifics of the gapfilling are found in the intertext in two ways: first in the intertext provided by the canon itself, the intertextual and interpretive interrelations which exist and which can be made to exist between different parts of the canon. Second, within the ideological intertextual code of the rabbinic culture.“ Boyarin: Intertextuality and the reading of Midrash. S. 17.

Das Programm für ein neues Buch gleich den Darkhe ha-Aggada von I. Heinemann (s. u.) könnte darin bestehen, das Verständnis des Midrasch als eine Art Deutung zu erforschen und zu rechtfertigen, die die kreative und interpretierende Praxis fortsetzt, die im biblischen Kanon selbst gefunden wird, die sog. intertextuelle Methode, die innerhalb eines Textes liegende Dialektik. Boyarin meint, dass die intertextuelle Lesepraxis des Midrasch eine Entwicklung der intertextuelle, interpretierenden Strategie des Tanach selbst ist.„[…] midrash as a kind of interpretation that continues compositional and interpretive practices found in the biblical canon itself […] I suggest that the intertextual reading practice of the midrash is a development of the intertextual interpretive strategies which the Bible itself manifests.“ Boyarin: Intertextuality and the reading of Midrash. S. 15.

Aufgrund seiner Polysemie bzw. seiner Mehrdeutigkeit liefert Intertextualität eine Metapher, innerhalb derer das Deuten weitergeht.„Intertextuality, because of the polysemy of its usages, provides a powerful metaphor within which to pursue this particular reading.“ Boyarin: Intertextuality and the reading of Midrash. S. 20 und 21. Nach Boyarin wird das Deuten durch die kreative Interaktion (Intertextualität) zwischen Text und Leser und anderen Texten hergestellt. Diese Deutung erhebt nicht den Anspruch, eine einfache Paraphrase des gedeuteten Textes – Midrasch – zu sein. Es ist diese Eigenschaft, die viele Gelehrten dazu bringt, den Midrasch als eine andere Art der gewöhnlichen Deutung der Bibel zu definieren. Wichtig ist nach Boyarin, wann und wo die im Midrasch vorhandene Konversation, die sogenannte Kontextualität, stattfindet.„Meaning is produced in the creative interaction (intertextuality) between text being read, reader, and other texts, and does not pretend to be a simple paraphrase of the interpreted text […] When and where does the conversation presented in the midrash take place? (Intertextuality).“ Boyarin: Intertextuality and the reading of Midrash. S. 118.

Außerdem ist die fragmentierte und unsystematische Oberfläche des biblischen Textes eine Verschlüsselung (Kodierung) seiner eigenen Intertextualität (Interaktion verschiedener Teile im gleichen Text zueinander). Und genau das ist es, was der Midrasch darstellt. Der Dialog und die Dialektik der Rabbiner des Midrasch werden als Gradmesser des Dialogs und der Dialektik des biblischen Textes verstanden.„Moreover, the very fractured and unsystematic surface of the biblical text is an encoding of its own intertextuality and it is precisely this which the midrash interprets. The dialog and dialectic of the midrashic rabbis will be understood as readings of the dialogue and dialectic of the biblical text.“ Boyarin: Intertextuality and the reading of Midrash. S. 14 und 15. Boyarin bezeichnet die aggadischen Midraschim als die bedeutendste Art von Historiographie. Dies sei aber nicht deswegen der Fall, weil die Midraschim ein zutreffender subjektiver Umgang mit der Vergangenheit seien.„In other words we will return to the idea that the aggada is the most significant kind of historiography, however, not because it represents a true subjective communion with the past as it was represented by the culture in which the aggada was produced.“ Boyarin: Intertextuality and the reading of Midrash. S. 14 und 15. (Daher wird an dieser Stelle Hayden V. WhitesHayden V. White: Tropics of Discourse: essays in cultural criticism. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1978, ISBN 0-8018-2127-4, S. 60. Arbeit über die Theorie von Historiographie bedeutend, denn er ist der Theoretiker, der offenbar die Rolle des Intertextes [Wechselspiel verschiedener Teile innerhalb eines Textes zueinander] in der Historiographie zur Sprache bringt.„It is here that Hayden White’s work on the theory of historiography becomes so significant, for he is the theoretician who has most clearly articulated the role of the intertext in historiography.“ Boyarin: Intertextuality and the reading of Midrash. S. 16 und 17.) Sie – die aggadischen Midraschim – dienen dazu, den biblischen Text aus der zufälligen und ungedeuteten Zeitgeschichte herauszunehmen und hineinzubringen in die interpretierende, mit Werten beladene Struktur einer zutreffenden Geschichtsschreibung.„They also serve to take the biblical text out of the accidental and uninterpreted chronicle into the interpretive, value-laden structures of a true historiography; however the eternal unchanging verities of romanticism are replaced here by culture-bound, historically conditioned, specific ideological patterns of significance.“ Boyarin: Intertextuality and the reading of Midrash. S. 17.