mini|hochkant|Internationales Zeichen für eine Zugangsmöglichkeit für Menschen mit Behinderung (engl. International Symbol of Access) mini|Vor allem im spanischsprachigen Raum verwendete „Bandera de la Superación y la Discapacidad“ (deutsch: „Flagge der Überwindung und der Behinderung“)

Als Behinderung bezeichnet man eine dauerhafte und gravierende Beeinträchtigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe bzw. Teilnahme einer Person. Verursacht wird diese durch die Wechselwirkung ungünstiger sozialer oder anderer Umweltfaktoren (Barrieren) und solcher Eigenschaften der Betroffenen, welche die Überwindung der Barrieren erschweren oder unmöglich machen.Definition laut deutschem Sozialrecht. Die Definitionen in Nachbarstaaten sind ähnlich.

Behinderung wird demnach nicht als „Krankheit“ betrachtet: Behindernd wirken in der Umwelt des Menschen sowohl Alltagsgegenstände und Einrichtungen – oder das Fehlen solcher Einrichtungen – (physikalische Faktoren) als auch die Einstellung anderer Menschen (soziale Faktoren). Gegenständliche Barrieren erhalten ihre behindernde Eigenschaft oft durch mangelnde Verbreitung von universellem Design, das nicht nur Bedürfnisse zahlenmäßig großer oder einflussreicher Bevölkerungsgruppen berücksichtigt.Wolfgang Jantzen: auf: zedis.uni-hamburg.de (PDF, 87 kB)WHO, who.int, abgerufen am 11. Januar 2010.

Das Partizip behindert, von dem die Personenbezeichnung Behinderte abgeleitet ist, kann abhängig vom eigenen Blickwinkel oder Standpunkt benutzt werden: als Vorgangspassiv (jemand wird behindert) aus Sicht der Gesellschaft („Soziales Modell von Behinderung“), als Zustandspassiv (jemand ist behindert) aus medizinischer Sicht („Medizinisches Modell von Behinderung“).

Diese im deutschsprachigen Raum verbreitete Zweiteilung der Erklärungsansätze wird international überwiegend als unterkomplex bewertet. Zum einen gibt es Ansätze, beide Modelle in einer Theorie der Behinderung zu vereinigen. Zum anderen weist Sophie Mitra (Fordham University in New York) darauf hin, dass es mindestens neun verschiedene Varianten des sozialen Modells der Behinderung gebe.

Länderübergreifender Überblick Kategorien und Ursachen Der Wiener Universitätsprofessor Gottfried Biewer sieht in einem Lehrbuch fünf unterschiedliche Systematiken der Kategorisierung und Klassifizierung, die zu Differenzen beim begrifflichen Verständnis von Behinderung führen. So gäbe es medizinische Klassifikationen (ICD, DSM-5), pädagogische Behinderungsbegriffe, sonderpädagogische Kategorien, die Einteilung der OECD (disability, learning difficulties und disadvantages) und das bio-psychosoziale Modell (ICF) der WHO.Gottfried Biewer: Grundlagen der Heilpädagogik und Inklusiven Pädagogik. 2. Auflage. Klinkhardt (UTB), Bad Heilbrunn 2010, ISBN 978-3-8252-2985-6, S. 33–76. Aktuell am gebräuchlichsten seien sonderpädagogische Zuschreibungen, bei denen Förderbedarfe bestimmten Entwicklungsbereichen zugeordnet werden (Sehen, Hören, geistige Entwicklung etc.). Das im Bildungsbereich verwendete Modell der OECD unterscheide zwischen Behinderungen mit organischen Ursachen (Kategorie A), Lernstörungen (Kategorie B) und Benachteiligungen aufgrund sprachlicher, sozialer und kultureller Gegebenheiten (Kategorie C). Im Unterschied zu diesen Kategorisierungssystemen stelle die ICF der WHO in erster Linie eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung von Phänomenen dar.

Behinderung tritt meist im Zusammenspiel mehrerer ursächlicher Faktoren auf. Typische individuell-beeinträchtigende Merkmale eines Menschen („Schädigung“ oder „Beeinträchtigung“) sind fehlende oder veränderte Körperstrukturen sowie chronische körperliche und psychische Krankheiten. In Verbindung damit können Umweltfaktoren als physikalische Barrieren, zum Beispiel in Form von Bordsteinen, Engstellen, Treppen, nicht barrierefreie Internetseiten oder eine naturbelassene Umwelt zu einer Behinderung eines Menschen führen. Hinzu kommen gesellschaftliche Barrieren etwa in Ausbildung, Arbeitswelt, Freizeit und Kommunikation, wenn sie zum Ausschluss von Menschen mit abweichenden Merkmalen führen.

Grundsätzlich lassen sich Behinderungszusammenhänge grob in folgende Bereiche kategorisieren: körperliche Behinderung Sinnesbehinderung (Sehbehinderung, Blindheit, Gehörlosigkeit, Schwerhörigkeit, Taubblindheit) Sprachbehinderung psychische (seelische) Behinderung Lernbehinderung geistige Behinderung

Hinsichtlich der personenseitigen Ursachen lässt sich unterscheiden zwischen erworbenen: durch perinatale (während der Geburt) entstandene Schäden durch Krankheiten durch körperliche Schädigungen, zum Beispiel Gewalteinwirkung, Unfall, Kriegsverletzung durch Alterungsprozesse bzw. angeborenen Behinderungen: durch Vererbung bzw. chromosomal (z. B. Down-Syndrom) bedingt durch pränatale (vor der Geburt entstandene) Schädigungen.

Behinderungen können auch als Kombination aus mehreren Ursachen und Folgen auftreten (Mehrfachbehinderung, Schwerste Behinderung), oder weitere Behinderungen zur Folge haben, z. B. Sprachbehinderung als Folge einer Hörbehinderung.

Definitionsversuche

Die Konnotation ist je nach Sprache unterschiedlich. Disability ist im englischen Sprachraum üblich.

Im Jahr 2016 sagte Ban Ki-moon, der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen: „Disability is not inability“. Diese Aussage ist allerdings nicht unumstritten. So stellte z. B. Alex Gregory (University of Southampton) die These auf, dass „disability“ ein Spezialfall von „inability“ sei:

„A particular kind of inability is just what all disabilities have in common.“ (deutsch: „Alle Behinderungen haben eine besondere Art von Unfähigkeit gemeinsam.“)

Die Problematisierung der Begriffe „disability“ und „discapacidad“ spielt allerdings in den Auseinandersetzungen im englisch- wie im spanischsprachigen Raum keine zentrale Rolle. Dies wird vor allem an der Selbstbezeichnung der Bewegung „Disability Pride“ deutlich.

Historische Definitionen Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden Menschen mit schwerer Behinderung als „lebensunwertes Leben“ bzw. als „Ballastexistenzen“ entwertet. Bereits 1920 hatten der Psychiater Alfred Hoche und der Jurist Karl Binding diese Begriffe in ihrer gemeinsamen Broschüre Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens geprägt und gefordert, die Gesellschaft müsse von „geistig Toten“ befreit werden. auf der Website der Lebenshilfe Wien Derartige Gedankengänge wurden von den Nationalsozialisten nach deren Machtübernahme in die Praxis umgesetzt, indem sie Menschen mit Behinderung sterilisierten und töteten. Aktion T4 ist eine gebräuchliche Bezeichnung für die systematische Ermordung von mehr als 70.000 Menschen durch SS-Ärzte und -Pflegekräfte.

Noch 1958 orientierte sich das Innenministerium der Bundesrepublik Deutschland ausschließlich an der Defizittheorie der Behinderung, der zufolge Behinderung eine persönliche Eigenschaft einzelner Menschen sei: „Als behindert gilt ein Mensch, der entweder aufgrund angeborener Missbildung bzw. Beschädigung oder durch Verletzung oder Krankheit […] eine angemessene Tätigkeit nicht ausüben kann. Er ist mehr oder minder leistungsgestört (lebensuntüchtig).“Bundesministerium des Innern (BMI) Abt. Va1, Schreiben an Abt. Va2, 12. August 1958, Bundesarchiv (BArch) B 106 8414, zitiert nach: Elsbeth Bösl: Die Geschichte der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik aus Sicht der Disability History. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Ausgabe 21–22/2010. 7. Juni 2010, S. 6 (PDF; 3,2 MB)

Die Kategorie der „Lebensuntüchtigkeit“ stellt lediglich eine Abmilderung der nationalsozialistischen Kategorie des „lebensunwerten Lebens“, aber keine vollständige Abwendung von ihr dar.

Sozialrechtliche Definition in Deutschland Im bundesdeutschen Recht wird die Behinderung im Sozialgesetzbuch IX (dort: Abs. 1), so definiert:

Um als Mensch mit Behinderung anerkannt zu werden und einen entsprechenden Ausweis zu erhalten, ist ein Antrag beim zuständigen Versorgungsamt bzw. Amt für Soziale Angelegenheiten erforderlich ( SGB IX).

Nicht jede Form eines Kompetenzdefizits wird im deutschen Sozialrecht als „Behinderung“ bewertet. Als „Behinderung“ wird in Deutschland beispielsweise der Analphabetismus dann nicht anerkannt, wenn er nicht durch eine anerkannte andere Behinderung oder durch Krankheit verursacht ist. Das Landessozialgericht Berlin hat 2004 festgestellt:

Internationale Klassifizierung Nachdem die Diagnosenklassifikation der ICD-10 (engl. International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, dt. Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) zur Behandlung von Krankheiten als nicht umfassend genug erkannt wurde, sollte in einer mehrachsigen Klassifikation unterschieden werden können zwischen den strukturellen Schädigungen, den funktionalen Störungen und den damit verbundenen sozialen Beeinträchtigungen. In den 1970er Jahren entwickelte die WHO mit der International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps (engl., dt. etwa Internationale Klassifizierung von Schädigungen, Funktions- oder Fähigkeitsstörungen und sozialen Beeinträchtigungen, ICIDH) ein Einteilungsschema für Krankheiten und Behinderungen, das 1980 herausgegeben wurde. Seit 1993 wurde dieses Schema in der ICIDH-2 verändert und erweitert und 1997 als Beta-1-Draft für Feldversuche freigegeben; 2001 wurde der 2000 fertiggestellte Prefinal-Draft der ICIDH-2 weiter überarbeitet, der WHO vorgelegt und als International Classification of Functioning, Disability and Health (dt. Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, ICF) verabschiedet. Hierin sind nicht mehr die Defizite einer Person maßgeblich, sondern die für die betreffende Person relevanten Fähigkeiten und die Teilnahme am sozialen Geschehen.DIMDI: Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 10. Juli 2012

ICIDH ICF Impairment Schäden einer psychischen, physischen oder anatomischen Struktur ImpairmentsBeeinträchtigung einer Körperfunktion oder -struktur im Sinn einer wesentlichen Abweichung oder eines Verlustes DisabilityFähigkeitsstörung, die aufgrund der Schädigung entstanden ist ActivityMöglichkeiten der Aktivität eines Menschen, eine persönliche Verwirklichung zu erreichen Handicapsoziale Benachteiligung aufgrund der Schäden und/oder der Fähigkeitsstörung (Behinderung) ParticipationMaß der Teilhabe an öffentlichen, gesellschaftlichen, kulturellen Aufgaben, Angelegenheiten und Errungenschaften — Kontextfaktorenphysikalische, soziale und einstellungsbezogene Umwelt, in der ein Mensch das eigene Leben gestaltet (nach Barbara Fornefeld, 2002)

Beispielhaft für eine erweiterte Begriffsdefinition unter Einbeziehung der Umgebung ist die Formulierung Alfred Sanders: Behinderung liegt vor, wenn ein Mensch mit einer Schädigung oder Leistungsminderung ungenügend in sein vielschichtiges Mensch-Umfeld-System integriert ist.H. Eberwein, S. Knauer: Handbuch der Integrationspädagogik. Beltz 2002. Er führt Behinderung also nicht nur auf eine Schädigung oder Leistungsminderung eines einzelnen Menschen zurück, sondern auch auf die Unfähigkeit des Umfelds des betreffenden Menschen, diesen zu integrieren.

Schwierigkeiten der Definition mini|hochkant|Einige Anhänger der Initiative Autistic Pride (dt. etwa „Autismus-Stolz“) tragen eine solche Schleife, um ihrem Wunsch nach Akzeptanz durch ihre Mitmenschen symbolisch Ausdruck zu verleihen. Andere Betroffene empfinden das Symbol als Beleidigung.

Diese Definition stößt teilweise an kulturelle Grenzen. Als ein Beispiel wäre die Gehörlosigkeit zu nennen. Diese wird von hörenden Menschen meist als Behinderung gesehen und viele Gehörlose würden sich dieser Definition wahrscheinlich anschließen.