mini|Reste der Stadtmauer mini|Reste der nordöstlichen Stadtmauern, dahinter die Abtei von St Albans
Verulamium war die drittgrößte Stadt im römischen Britannien. Sie lag südwestlich der heutigen Stadt St Albans in Hertfordshire. Große Teile der Stadt wurden bislang von Archäologen untersucht. Andere Teile liegen unerforscht unter landwirtschaftlich genutzter Fläche, unter einem Park oder wurden überbaut.Boundary of settlement walls, Pleiades Zentrum des Fundplatzes, welcher heute ein Scheduled Monument (geschützte archäologische Stätte) ist, and related schedules. ist das Verulamium Museum und das Verulamium Hypocaust.
Die keltische Stadt Die Siedlung wurde in vorrömischer Zeit wahrscheinlich von Tasciovanus, dem Anführer der Catuvellaunen, der hier auch Münzen herstellen ließ, als Hauptstadt des Stammes als Verlamion gegründet und ist damit eine der ersten Siedlungen im Britannien, welche namentlich genannt wird. Die genaue Lokalisierung der keltischen Stadt ist nicht ganz sicher. Im römischen Stadtgebiet und in der Umgebung fanden sich zahlreiche keltische Gräben und zahlreiche Bestattungen, doch scheint das Gebiet der späteren römischen Stadt nicht identisch mit dem Zentrum der keltischen Stadt gewesen zu sein, da sich dort nur spärliche Reste vorrömischer Bebauung fanden. Die keltische Stadt war anscheinend wesentlich größer und umfasste nicht nur die spätere römische Stadt, sondern auch große Flächen westlich davon, wo Siedlungsreste, Keramik, aber auch umfangreiche Grabensysteme entdeckt wurden. Zahlreiche Grabensysteme kamen auch nördlich der Stadt zu Tage.John Wacher: The Towns of Roman Britain. Paperback-Ausgabe der 2. Auflage, Routledge, London/New York 1997, ISBN 0-7134-7319-3, S. 214–217.
Westlich der Stadt bei Harry Lane wurde ein keltischer Friedhof ausgegraben, der etwa von 25 v. Chr. bis 25 n. Chr. belegt war. Es fanden sich vor allem Urnen-, aber auch Körperbestattungen. Es konnten diverse Gräben festgestellt werden, die mindestens acht Grabbezirke einzäunten. Bei den Urnenbestattungen lagen in der Regel Grabbeigaben, während sich bei den Körperbestattungen keine fanden.Rosalind Niblett: Verulamium. The Roman City of St Albans. Tempus, Stroud 2001, ISBN 0-7524-1915-3, S. 43–46. Ein Grab fiel durch seine reiche Ausstattung auf, und gehört zu den reichsten jemals in England gefundenen keltischen Bestattungen. Es gibt Versuche die Bestattung mit einer historischen Figur zu verbinden. Die genaue chronologische Anordnung des Grabes ist unsicher, falls es um 45 bis 50 n. Chr. datiert, wie vorgeschlagen, mag es einem römischen Klientelkönig gehört haben.John Wacher: The Towns of Roman Britain. Paperback-Ausgabe der 2. Auflage, Routledge, London/New York 1997, ISBN 0-7134-7319-3, S. 217. Britannien wurde 43. n. Chr. von den Römern erobert.
Die römische Stadt mini|Verulamium, Stadtplan Die Stadt liegt in einem Flusstal an der Ver, die von Norden kommt und einige Kilometer südlich der Stadt in die Colne mündet. Der Fluss ist heute nicht mehr schiffbar, doch mag in der Antike zumindest für kleinere Schiffe befahrbar gewesen sein.Rosalind Niblett: Verulamium. The Roman City of St Albans. Tempus, Stroud 2001, ISBN 0-7524-1915-3, S. 29.
Die römische Siedlung lag auch an der Watling Street, die von der Küste über Londinium nach Norden führte. Die Straße wurde schon zu Beginn der römischen Herrschaft als wichtige Infrastrukturmaßnahme angelegt. Wheeler vermutet, dass die Bewohner der keltischen Stadt, die eher locker bebaut war, in kurzer Zeit nahe an die Straße zogen, da dort wirtschaftliche Vorteile zu erwarten waren.R. E. M. Wheeler, T. V. Wheeler: Verulamium, A Belgic and two Roman Cities. Society of Antiquaries, Oxford 1936, S. 24. Kurz nach der Eroberung Britanniens durch die Römer scheint in der keltischen Stadt ein kleines Militärlager errichtet worden zu sein, doch sind die Belege dafür sehr unsicher.Rosalind Niblett: Verulamium. The Roman City of St Albans. Tempus, Stroud 2001, ISBN 0-7524-1915-3, S. 56–57. In den folgenden Jahren wuchs die Siedlung zu einer bedeutenden Stadt heran und wurde schließlich, so berichtet Tacitus (Annalen 14, 33), 61 n. Chr. während des Boudicca-Aufstandes der keltischen Icener und Trinovanten geplündert und anschließend zerstört. Diese Zerstörung konnte anhand einer Ascheschicht auch archäologisch nachgewiesen werden. Von Tacitus erfährt man auch, dass die Stadt damals den Status eines Municipiums hatte. Da Tacitus sich mehrmals in seinen Angaben zu weit entfernten Orten irrte, muss damit gerechnet werden, dass er hier falsch lag. Weitere sichere Belege für den Stadtstatus fehlen.Sheppard Frere: Verulamium Excavations. Band II, Oxford 1983, ISBN 0-500-99034-4, S. 26–28. Das Leben scheint sich nach den Zerstörungen des Aufstandes recht schnell wieder normalisiert zu haben. Die Häuser wurden meist in Holz wieder aufgebaut. Vom 21. Oktober 62 n. Chr. datiert eine Urkunde aus Londinium, die von einer Warenlieferung von dort nach Verulamium berichtet.Roger S. O. Tomlin: Roman London's first voices: writing tablets from the Bloomberg excavations, 2010–2014 (= Mola Monographs. Band 72). MOLA, London 2016, ISBN 978-1-907586-40-8, 156–159
Im Jahr 155 wurde sie durch eine Feuersbrunst zerstört und anschließend in Stein wiederaufgebaut. Vor allem das Feuer um 155 scheint den Charakter der Stadt verändert zu haben. Ein Großteil der Bebauung bis zu diesem Zeitpunkt bestand aus kleineren Holzbauten, oftmals dicht an dicht nebeneinander gesetzt. Das Feuer ist vor allem im Stadtzentrum archäologisch belegt. Nach dem Feuer scheint der Wiederaufbau eher langsam vorangeschritten zu sein. Viele Flächen in der Stadt blieben lange Zeit unbebaut. Die Holzbauten wurden meist durch größere Stadtvillen ersetzt.Sheppard Frere: Verulamium Excavations. Band III, Oxford 1983, ISBN 0-947816-01-1, S. 26–28. Auch außerhalb der späteren Stadtmauern gab es nennenswerte Bebauung, worunter sich auch ein öffentliches Bad befand.
Im frühen 3. Jahrhundert bedeckte die nach einem Schachbrettmuster angelegte Stadt, welche damals über eine Mauer, einen tiefen Graben, ein Forum, eine Basilika, ein Theater, Thermen und mehrere Tempel verfügte, bereits rund 50 Hektar. Im 3. und 4. Jahrhundert wurden zudem auch große Stadtvillen errichtet, welche teilweise mit Peristyl, Mosaiken und Hypokausten ausgestattet waren und im Gegensatz zu den übrigen zuvor errichteten meist sehr kleinen Wohngebäuden aus Stein und nicht aus Holz bestanden.
Zwischen 450 und 500 endete schließlich die römische Besatzung und die Stadt verfiel.
Einwohnerzahlen können nur sehr grob geschätzt werden. Sheppard Frere vermutet etwa 15 000 Bewohner im ersten und 20 000 im zweiten Jahrhundert.Sheppard Frere: Verulamium Excavations. Band II, Oxford 1983, ISBN 0-500-99034-4, S. 12. Rosalind Niblett ist viel vorsichtiger und vermutet kaum mehr als 1000 Einwohner zur Zeit des Boudicca-Aufstandes und später nicht mehr als 5000 bis 10 000.Rosalind Niblett: Verulamium. The Roman City of St Albans. Tempus, Stroud 2001, ISBN 0-7524-1915-3, S. 108.
Im Umland standen verschiedene Villen, wie z. B. die Villa Rustica bei Gorhambury, in Gadebridge Park, bei Northchurch und bei Boxmoor, in denen wohlhabende Stadtbürger lebten und die die Stadt mit Nahrung versorgten.
Name Der Name der Stadt scheint keltischen Ursprungs zu sein. Die Etymologie des Namens ist jedoch unsicher. Auf keltischen Münzen erscheinen die Buchstaben. VER, VIR, VERL, VIRL und VERLAMIO.R. E. M. Wheeler, T. V. Wheeler: Verulamium, A Belgic and two Roman Cities. Society of Antiquaries, Oxford 1936, S. 6. Die Stadt wird ansonsten kaum bei antiken Autoren genannt. Die frühste Nennung stammt von Tacitus im Zusammenhang mit dem Boudicca-Aufstand. Bei Claudius Ptolemäus in seiner Geographike Hyphegesis erscheint sie als Urolanium und wird als einer von zwei Orten im Gebiet der Catuvellaunen genannt. Beim Geographen von Ravenna, der um 700 datiert, aber ältere Informationen nutzt, erscheint die Stadt als Virolanium.
Nachrömische Zeit
Im Mittelalter entstand schließlich nordöstlich der Ruinen wohl auf dem römischen Friedhof zunächst die dem dort enthaupteten heiligen Alban geweihte Abtei von St Albans, für deren Errichtung man die römischen Ruinen als Steinbruch nutzte, sodass heute nur noch Teile der Stadtmauer, ein Hypokaustum und das Theater sichtbar sind.
Innerhalb der Mauern von Verulam, wie Sir Francis Bacon seine Baronie nannte, baute der Essayist und Staatsmann ein kultiviertes kleines Haus, das von John Aubrey im 17. Jahrhundert in seinem Tagebuch detailliert beschrieben wurde. Von dem Haus gibt es heute keine Überreste. Aubrey hielt fest:
Entdeckung und Ausgrabungen mini|Plan des Theaters in der Ausgrabungspubliktion von R. Grove Lowe Das Wissen zur Lage der Stadt ging nie verloren. Die Gegend war immer bekannt als Fundort von römischen Münzen und antiken Architekturen. Die Stadtmauern waren zum großen Teil sichtbar. Erste systematische Ausgrabungen fanden 1847 von R. Grove Lowe statt, der das Theater untersuchte, nachdem es durch Zufall gefunden worden war. Weitere Untersuchungen gab es aber in der Folgezeit nur vereinzelt. Zwischen 1898 und 1911 gruben Charles Bickwell und William Page an verschiedenen Orten in der Stadt, die vor allem das Forum lokalisieren konnten. Ihre Untersuchungen waren nach heutigen Standards eher bescheiden. Großflächige Untersuchungen fanden von 1930 bis 1933 durch Mortimer und Tessa Wheeler statt. Große Teile des Stadtgeländes wurden von der Stadt St. Albans aufgekauft, um dort einen Park einzurichten. Dies gab die Gelegenheit zu ersten systematischen und vor allem wissenschaftlich höherwertigen Ausgrabungen. Mehrere Insulae, vor allem im Süden der Stadt, wurden untersucht und viele Stadthäuser, ein Tempel und Teile der Stadtmauer wurden freigelegt. Die Ergebnisse wurden in einer Monografie publiziert.R. E. M. Wheeler, T. V. Wheeler: Verulamium, A Belgic and two Roman Cities. Society of Antiquaries, Oxford 1936. Weitere Ausgrabungen fanden von 1955 bis 1962 durch Sheppard Frere statt, der in vielen Teilen der Stadt, aber vor allem auch im Zentrum grub. Diese Untersuchungen wurden in drei Bänden publiziert.Sheppard Frere: Verulamium Excavations. Band I, Oxford 1972; Sheppard Frere: Verulamium Excavations. Band II, Oxford 1983, ISBN 0-500-99034-4; Sheppard Frere: Verulamium Excavations. Band III, Oxford 1983, ISBN 0-947816-01-1. Kleinere Grabungen finden seit dem immer wieder statt, oftmals um bestimmte Fragen zu klären.
Bauten Forum Das Forum bildete das Zentrum der nach einem Schachbrettmuster angelegten Stadt und war mit 161 × 117 m das zweitgrößte im römischen Britannien. Laut einer unter dem Statthalter Gnaeus Iulius Agricola angebrachten Inschrift wurde es 79 n. Chr., also in flavischer Zeit, fertiggestellt. Sein genaues Aussehen ist aber trotz mehrerer Grabungen unklar. Sicher ist, dass das Forum mehrfach umgebaut wurde, wobei es allerdings schwierig ist die einzelnen Phasen zu trennen.
Die Nord-Ost Seite des Gebäudes bestand aus einer Reihe von vermutlich nach außen offenen Räumen, welche vermutlich als Läden genutzt wurden. Dahinter lag eine zweite Reihe von Räumen, welche sich wahrscheinlich zur Innenseite des Forums öffnete. Daran schloss sich die große Basilika an, neben der sich das eigentliche Forum, ein 62 × 94 m großer Platz, befand, dessen Zugänge sich auf der Südost- und der Nordwestseite befanden. Im Südwesten befanden sich drei weitere Gebäude, wobei das mittlere vielleicht die Curia war.Rosalind Niblett: Verulamium. The Roman City of St Albans. Tempus, Stroud 2001, ISBN 0-7524-1915-3, S. 73–77.
mini|Rekonstruierte Bauinschrift aus dem Forum